Monatsarchiv: Oktober 2009

Das besetzte Audimax: „So eine große Sache gab’s ewig nicht mehr“

Das Letzte, was die Biologiestudentin sagt, bevor sie den Saal verlässt, ist, dass sie eine eineinhalbstündigen Anreise hinter sich habe und jetzt „bitte schön“ auch ihre Vorlesung hören wolle. Doch 400 Leute buhen sie nur aus. Die Studentin steckt ihren Block weg und geht aus dem Auditorium Maximum der Uni Wien, das sich zusehends mit Demonstranten füllt.

Die größte Uni-Besetzung der jüngeren heimischen Geschichte beginnt vergangenen Donnerstagvormittag im Wiener Votivpark. An den Unis brodelt es (siehe links), ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn spricht wieder von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Die Polizei kommt, postiert sich entlang des Platzes, „dies ist keine angemeldete Demonstration“, ruft ein Beamter ins Megafon, man möge den Platz sofort räumen. Die Studenten ziehen in die Uni, trommeln an Hörsaaltüren, dann ziehen sie ins Audimax, dessen Türen wegen der beginnenden Biologievorlesung gerade offen stehen. In drei Stunden sind aus 300 Demonstranten über 1000 geworden. Hier bleiben sie nun, im großen Saal, den ganzen Tag, die ganze Nacht, den ganzen folgenden Tag.

Sie schleppen DJ-Pulte in den Saal, Bands treten auf, Reden über Frauenrechte und die Ökonomisierung aller Lebenslagen werden geschwungen. „Hahn gehört gerupft“, skandieren die Studenten, und:“Nur Chuck Norris schafft sein Studium in Mindeststudienzeit.“ Man nimmt jubelnd Solidaritätsadressen in Empfang („ein Gruß vom Schülerkomitee der Sozialistischen Jugend Vorarlberg“). Rauchschwaden hängen unter der Decke. Von der Straße werden Mistkübel in den Saal gezerrt, um dem Abfall Herr zu werden.

Per Handzeichen melden sich Freiwillige für Arbeitsgruppen, „Presse“, „Facebook/Twitter“, „Müllkolonne“. Am Gang vor dem Saal stehen die Flip-Chart-Tafeln aus Seminarzimmern: „Was verstehen wir unter Demokratisierung? (lesen, diskutieren)“.

Die Diktion der Gruppen schwankt zwischen Marxismus und Managementseminar, zwischen „Organisationskomitee“ und „Vernetzungsstrategie“, je nach Ideologie. „Wir brauchen eine straffe Struktur“, sagt etwa Robert, Politikwissenschaftler und selbsterklärter Maoist. „Nur so können wir unser Ziel erreichen: einen kompletten Generalstreik des österreichischen Bildungssystems.“

Michael, 24, Lehramt, klingt pragmatischer: Zumindest wolle er so lange bleiben, bis sich Uni-Rektor Georg Winckler oder Minister Hahn im Audimax eingefunden hätten. „Das Wesentliche ist ja: So eine große Sache gab?s ewig nicht mehr. Alle berichten über uns. Alle schauen uns zu.“

Reportage: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 44/09

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Europas östlichster Ort IV: Das tote Dorf

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

Der Tag beginnt mit einer fast geschichtsphilosophischen Betrachtung des Igor Tanež’, 44 Jahre alt, Bewohner von Workuta: „In Russland gibt es keine Straßen. Nur Lichtungen“, sagt er, während sein Lada Niva, ein robuster Jeep, von einem Schlagloch ins nächste kracht. „Deswegen haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind steckengeblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück: Igor Tanez, sein Niva, ein wenig Tundra-Schrott im Hintergrund

Die in diesem Weblog dargestellte Reise führte über Moskau in die heruntergekommene nordrussische Industriestadt Workuta. Jetzt erreicht sie ihr letztes Ziel: Khalmer-Ju, 70 Kilometer von der europäisch-russischen Eismeerküste entfernt. Der östlichste Ort Festlandeuropas.

Die Hinfahrt führt in Igors Niva durch die spätherbstliche Tundra, es schneit ein wenig, der Schlamm steht manchmal hüfthoch. Außerhalb Workutas stehen verfallene Kleinstädte, die einst um Kohlengruben errichtet wurden. Dazwischen aus Stahlrohren geschweißte Kreuze, Hunderte von ihnen. Das sind die Gräber jener Gulag-Häftlinge, an deren Namen man sich heute noch erinnern kann.

 

Früher fuhr zweimal täglich ein Zug von Workuta nach Khalmer-Ju. Die dortigen Bewohner waren hoch privilegierte Grubenarbeiter. Sie schürften nach Qualitätskohle, die zu wertvoll zum bloßen Verheizen war, also verarbeitete man sie in der Metallurgie. Die Grubenarbeiter von Khalmer-Ju verdienten fast einzigartig gut, was die Löhne der damaligen Sowjetunion betrifft. Zum Vergleich: Eine Lehrerin erhielt monatlich knapp 60 Rubel, ein normaler Grubenarbeiter 800 – ein Arbeiter aus Khalmer-Ju 2000 Rubel.

Es gab ein großes Bierhaus in Khalmer-Ju, ein Café namens „Weiße Nächte“, Restaurants, eine Bäckerei, alles für zirka 5000 Bewohner in der tiefsten Tundra. „Wenn die Leute aus Workuta nach Kahlmer-Ju fuhren“, erzählt Sergej Merslerkow, ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, der heute in Workuta lebt, „dann sagten sie: ‚Mein Gott, ist das schön hier. Wie in einem anderen Land.’“

Igor überquert jetzt im Schritttempo eine baufällige Holzbrücke. Der schlammige Weg nach Khalmer-Ju war einmal die Tasse des Zugs, der längst nicht mehr fährt. Weit von ihr entfernt, am Horizont, stehen zwei große Zelte. Dort leben die halbnomadischen Nenzen, die Ureinwohner  der Region. Die Russen und die Nenzen betreiben Handel, die Nenzen kaufen Benzin, die Russen Rentierfleisch.

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Die Zelte der Nenzen, der nordrussischen Ureinwohner, in der spätherbstlichen Tundra

Dann, nach zweieinhalbstündiger Fahrt, taucht am Ende der alten Trasse Khalmer-Ju auf.

Der Ort wurde im Jahr 1995 verlassen. Sechs Jahre vorher hatte die Kohlengrube von Kahlmer-Ju geschlossen, die einst für soviel Wohlstand im Ort gesorgt hatte. Am Ende lebten noch ungefähr 200 Menschen in Khalmer-Ju. Doch das neue demokratische Russland wollte die aufwändige Infrastruktur nicht aufrechterhalten. Daher kamen die Soldaten. Am 30. September 1995 fahre der letzte Zug nach Workuta, sagten sie zu den Bewohnern. „Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.“

Tags darauf war Khalmer-Ju menschenleer.

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Der Kinderspielplatz, im Hintergrund die ehemalige Ortsmitte

Wir fahren über die ehemalige „Ulica Lenina“, über der heute dicke Schicht Tundra-Schlamm liegt. Khalmer-Ju besteht aus stalinistischen Gebäuden aus den 40er-Jahren, daneben Plattenbauten aus der Ära Nikita Chruschtschows und Leonid Breschnews. Altmodisches Email-Geschirr und verbeultes Kinderspielzeug liegt im Schnee zwischen den Häusern. Im alten Kulturpalast, in dessen Foyer Igor zum Teekochen ein Lagerfeuer entzündet, liegt einen Blechschild mit der Aufschrift „CCCP“ am marmornen Boden. Draußen lehnt ein zweites an einem Betonpfeiler, das stolz den Forschritt der aus der Erde geholten Kohlenvolumina preist. An einem Plattenbau haben ehemaligen Bewohner von Khalmer-Ju ein Graffito hinterlassen: „Khalmer-Ju. Wir werden dich nicht vergessen. Ganz Russland gedenkt deiner.“

Am Ende des Ortes steht ein Wasserturm mit löchrigem Dach. An ihm fährt gerade ein Nenze vorbei, ein älterer Mann mit asiatischen Gesichtszügen, in einem hölzernen Schlitten, gezogen von fünf Rentieren, an deren Ohren und Mäulern bunte Bänder baumeln.

Igor holt mittlerweile sein Gewehr aus dem Niva-Kofferraum und schießt zwei Enten.

Nach dem Verlassen des Orts wären Plünderer gekommen, erzählt er. Sie wären  in die vernagelten Häuser eingedrungen, hätten viele von ihnen anschließend niedergebrannt. Heute aber gebe es hier nichts mehr zu holen. Jetzt sei der einzige Zweck von Kahlmer-Ju, dass es der russischen Luftwaffe als Übungsplatz diene. Manchmal würden Flugzeuge kommen, deren Piloten an den alten Mauern ihre Treffsicherheit abtesten.

Vor zwei Jahren fand zum Beispiel eine solche Übung statt. Damals schaffte es Khalmer-Ju kurz ins Licht der gesamtrussischen Öffentlichkeit. In einer groß angelegten Aktion, einer Art Schaustück, wurde der Kulturpalast bombardiert. Die erste Bombe verfehlte ihn, die zweite riss ein 20 Meter hohes Loch in seine Seitenwand.

Das sei damals eine große Sache gewesen, sagt Igor. Ein Zeichen dafür, dass es aufwärts gehe mit Russland. Dass das Land jetzt wieder wehrhaft sei, stabil, dazu fähig, dem Rest der Welt gleichberechtigt in die Augen zu blicken. Die Leute hätten triumphiert beim Anblick der Fernsehbilder des im Staub versinkenden Kulturpalasts.

Der Mann, der das Gebäude in Trümmer gelegt hat, ist auch außerhalb Russlands kein Unbekannter. Er gilt als Person, die Russland die neue Stärke gegeben hat. Als Person, die mit solch martialischen Gesten diese Stärke ausdrückt. Als Person, die nach westlicher Lesart Russland zurück in Richtung Diktatur führt.

Der Schütze war der damalige Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Wladimirowitsch Putin.

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Europas östlichster Ort III: Die Perle des Nordens

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

Workuta ist die klischeehafteste Oststadt, die man sich denken kann. Man muss sie eigentlich gar nicht beschreiben: bröckelnde Plattenbauten, schlammgefüllte Schlaglöcher, Fernsehantennenwälder, lecke Rohre, die brückenförmig Straßen überqueren. Man sollte sich das alles bis nur zur maximalen Östlichkeit gesteigert vor Augen führen.

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“Friede der Welt”, schreit diese Hauswand

Auf den Fassaden rosten die alten Slogans der Sowjetunion, „CCCP“, „Frieden der Welt“, „Kohle für das Mutterland“, „Workuta, Perle des Nordens“.

 

Workuta ist aber aus mehreren Gründen nicht nur einfach eine von vielen russischen Provinzstädten, die eben östlich anmuten:

Zum einen war sie zentraler Punkt des Archipels Gulag. Rund eine Million Zwangsarbeiter mussten hier Bahngleise verlegen oder in Kohlebergwerken arbeiten, ein Viertel davon starb an der Unterernährung und der Kälte bis zu minus 57 Grad.

Zum anderen sieht die hochnördliche Tundra-Vegetation hier eigentlich kein sesshaftes Leben vor: Es gedeihen weder Bäume noch Genießbares. Bis in die 30er-Jahre lebten in dieser Region nur Nenzen, nomadische Ureinwohner, die mit ihren Rentieren herumzogen und Fische fingen.

Dann aber wollte Sowjetunion die neuentdeckten Kohlevorkommen ausbeuten und zog rasend schnell eine Stadt hoch. In den 60er-Jahren hatte Workuta mehr als eine Viertelmillion Einwohner – samt Theater, Fußballstadion, Park mit Seepromenade und Bergbau-Hochschule. Alles Notwendige wurde über die neue Bahnlinie aus dem Süden herangekarrt. Im Theater traten vor den Wachoffzieren die besten Schauspieler des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters auf, nachdem man sie zuvor hierher verschleppt hatte. Sie hatten das Theatergebäude selbst errichtet.

Heute hat Workuta 80.000 bis 100.000 Einwohner, zwei Drittel weniger als früher. Denn kaum war die Sowjetunion gefallen, begann auch Workuta zu sterben.

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Stalins Pompeji: Auf der Stele prangten mal Hammer und Sichel. Im Gebäude dahinter erforschten Geologen den Permafrost-Boden

Workuta zeigt – vielleicht wie kein zweiter Ort auf der Welt – den Wahnsinn eines Systems, das bei der Verwirklichung seines Plansolls weder auf menschliche Ressourcen noch auf natürliche Bedingungen Rücksicht nahm. Es beweist, dass eine Stadt nicht funktionieren kann, die mit Zwang errichtet wurde und einzig und allein einem Zweck dient: (in diesem Fall) dem Kohlenabbau.

Daher verfällt Workuta samt Umland. Rund um die Stadt zieht sich eine 60 Kilometer lange Ring-Straße, an der einstmals Kohlebergwerke und dazugehörige Städte lagen. 20 Gruben waren es zu Sowjet-Zeiten, heute sind es noch vier. Die Orte heißen „Sowjet-Stadt“, „Nördliche Stadt“, „Konsomolzen-Stadt“ oder „Oktober“. In einigen von ihnen leben noch ein paar hundert Menschen. Ein Gutteil ist aber längst verlassen. Heute stehen ihre Ruinen in der baumlosen Tundra. Es sind große 60er-Plattenbauten, dazwischen ältere Gebäude aus der Ära Stalins, mit zerfallenden Balustraden, Säulenkolonnaden und einst mächtigen Eingangsportalen.

Workuta selbst hat eine Altstadt aus den 50er-Jahren. Sie liegt auf der anderen Seite eines gleichnamigen arktischen Flusses, man erreicht sie über eine haarsträubende Fußgängerbrücke, der viele Querlatten fehlen, sodass man halb kletternd über den breiten Fluss muss. Die Altstadt am anderen Ufer ist seit den Neunzigern verlassen. Sie sieht wie eine verlassene Dschungelstadt aus einem Roman von Rudyard Kipling aus, nur liegt sie in der Arktis. Auf dem Hauptplatz steht eine überwucherte Stele, die einmal Hammer und Sichel trug, dahinter die Säulen des ehemaligen Rathauses. Nicht weitab findet man Erdstollen, in denen die ersten Gulag-Gefangenen in Workuta zu vegetieren gezwungen waren. Heute spielen in der verlassenen Altstadt Kinder, manch Erwachsener geht zum Fluss angeln oder brät sich einen Lammspieß über dem Lagerfeuer.

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Brücke über die “Workuta”. Die Einheimischen nennen dieses Holz-Stahl-Wunderwerk leicht zynisch “Brooklynski most” (“Brooklyn Bridge”)

Der östlichste Ort Festlandeuropas, Khalmer-Ju, ist eine weitere verlassene Stadt. Sie liegt allerdings nicht an der Ring-Straße, sondern weiter entfernt, etwa 70 Kilometer. Früher fuhr noch die Bahn nach Khalmer-Ju. Heute erreicht man seine Ruinen nur noch mit dem Jeep.

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Macondo: Über die fatale Konsequenz politischer Unkenntnis

Kommentar

Ausländer in Österreich, das sind a) abzuschiebende Kriminelle (sagen Rechte) oder b) zarte und zerbrechliche Wesen, die aus exotischen Gefilden kommen und unsere aufopfernde Hilfe brauchen (sagen Linke).

Ausländer in Österreich, das sind alles außer selbstbestimmte Subjekte. Alles außer mündige Menschen, die Staat und Gesellschaft nützen (oder schaden) können. Kein Wunder, dass in einem solchen Staat Integrationspolitik nicht funktionieren kann. Könnte man meinen.

Und doch funktioniert sie. Zumindest streckenweise. Sie funktioniert dort, wo Ausländerpolitik noch mehr ist als nur Sicherheitspolitik. Zum Beispiel im Osten Wiens, in Macondo.

3000 Flüchtlinge aus 22 Ländern leben hier, in einer k.u.k. Kaserne und einem Flüchtlingsheim. Macondo wäre wegweisend, würde nur jemand darauf achten: Es erfordert kaum sozialarbeiterische Betreuung; es dient der FPÖ nicht als Kampagnenmunition; es provoziert keine Polizeieinsätze und Anrainerbeschwerden. Selbst die Kronen Zeitung nennt es einen „friedlichen, konfliktfreien, vorbildlichen Multikultiort“. Macondo zeigt den Weg zu einer Flüchtlingsbetreuung, die den Grat zwischen Anpassungszwang und Parallelgesellschaft meistert – und dadurch funktioniert.

Nun aber hat das ÖVP-Innenministerium eine Entscheidung gefällt, die von einer haarsträubenden Unkenntnis der Wirklichkeit in diesem Land zeugt: Das Flüchtlingsheim in Macondo wird geschlossen. Was mit dem Haus passieren soll, behält sich Maria Fekter vor; Gerüchte lauten in Richtung Schubhaftzentrum.

Ein friedliches und – durch die Vielfalt – auch fragiles Sozialgefüge wird zerrissen. Eine solche Entscheidung zeigt, wie man Probleme schafft. Wie man Funktionierendes zerstört und Konflikte und Xenophobie gedeihen lässt. Jetzt warnt auch die Krone vor „extremem Zündstoff“.

Die Maßnahme steht in einer verhängnisvollen Tradition, die einst Ernst Strasser in schwarz-blauen Tagen lostrat und die sich seitdem, unabhängig von allen Koalitionen, fortsetzt. Sie tendiert zu einer Verdrängung sozialarbeiterischer und liberaler Standpunkte und Elemente aus der staatlichen Integrationsarbeit (siehe rechts). Was auf ein altes, ausgeglicheneres System zurückgeht, wird offenbar getilgt. Selbst wenn es, wie Macondo, Vorbildwirkung haben könnte.

Die Folge dieser Politik zeigt sich laufend. Sie führt zu Polarisierung. Zum Schwinden des gesunden Blicks zwischen a) und b). Zu einem echten Problem in Österreich, was Ausländer betrifft.

Erschienen im Falter 41/09

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Eingeordnet unter Migranten

STADTRAND – Wenn Sie diese Zeilen lesen, lernen Sie lesen!

Jeden Morgen steht der pakistanische Augustin-Verkäufer an der U1-Station Nestroyplatz, diesem Spiegel der Welt; und jeden Morgen tapsen die alten Frauen mit ihren Gehstöcken an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten. Bis heute. Da bleibt eine Frau beim Pakistaner stehen, so unerwartet, dass sich Passanten sogar umdrehen. „Ist das die neue Augustin-Ausgabe?“, fragt sie. Er: „Ja.“ Sie nochmals: „Ist das die neue Ausgabe?“ Er: „Ja.“ Sie zum dritten Mal: „Ist das die neue Ausgabe?“ Er: „Ja.“ Jetzt kommt die alte Frau zum Punkt: „Ja, das ist die neue Augustin-Ausgabe“, spricht sie langsam und deutlich. „Wenn Sie diesen ganzen Satz wiederholen, dann lernen Sie fließendes Deutsch.“ Der Pakistaner antwortet: „Ja, das ist die neue Augustin-Ausgabe.“ Da zückt die Frau ihre Brieftasche und kauft die Zeitung. Sie wollte vielleicht an diesem Tag etwas Gutes tun. Menschen helfen, Integration leben, möglicherweise stand im alten Augustin etwas darüber zu lesen. Die alte Frau machte es auf ihre eigene Art. Jetzt tapst sie davon. Der Pakistaner dreht sich zur Seite und lächelt.

Erschienen im Falter 41/09

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Europas östlichster Ort II: MOCKBA-BOPKYTA

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

 

Der östlichste Ort Festlandeuropas liegt in der Nähe der Stadt Workuta in äußersten Norden Russlands. Von Moskau aus fährt ein Zug aus Sowjet-Tagen nach Workuta – zweimal täglich, die Fahrt dauert je 40 Stunden.

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“Moskau-Workuta” fährt 40 Stunden lang durch die russische Pampa…

Wenn der Zug vom Jaroslawler Bahnhof losrollt, dann fühlt man sich schon weit von Moskau entfernt. Im Waggon beginnt die Provinz. Die Leute packen Würste, Streichkäse der Marke „Freundschaft“, Schwarzeebeutel und chinesische Fertiggerichte auf die schmalen Tischchen der Viererabteile. Der Zug am Bahnsteig nebenan, der sich im selben Augenblick in Bewegung setzt, fährt nach Ulan-Bator, in die Hauptstadt der Mongolei. Im Workuta-Zug holt ein Teenagermädchen derweil ein lebendes Kaninchen aus ihrer Tasche, damit ihr die nächsten 40 Stunden nicht langweilig wird.

 

Der Zug durchquert die Peripherie Moskaus, Schlafstädte und Gewerbegebiete, nochmals Schlafstädte und Gewerbegebiete, schließlich Birkenwälder. Die Stadt endet ganz klassisch, mit Lichtern im Dunkeln, die immer weniger werden und schließlich verschwinden. Stundenlang bleibt aber noch ihr weiteres Einzugsgebiet bestehen. Große und alte Städte wie Jaroslawl ziehen vorbei, mit frisch renovierten Bahnhofsgebäuden, die dem einstigen Anspruch der sowjetischen Führung – den Bau von „Kathedralen fürs Volks“ – voll und ganz gerecht werden.

In russischen Zügen geht es familiär zu. Unser Abteil-Mitreisender, ein knapp 30-jähriger Russe, zieht sofort sein T-Shirt aus und fläzt sich breit auf die Lederpritsche. Manche Frauen im Waggon sitzen in Bikini-Oberteilen da, denn die Kohlenheizung des Zugs funktioniert mehr als ausgezeichnet. Auf Privatsphäre und körperliche Distanz wird – um es sanft auszudrücken – etwas weniger Wert gelegt als im Westen.

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Stilleben auf Abteiltisch – samt realsozialistisch verschnörkseltem Teeglas

Das heiße Wasser für den Tee und die diversen Fertiggerichte kommt aus einem Samowar auf dem Gang. Er wird wie die Heizung mit Kohle betrieben. Wer bei der Waggonbegleiterin einen Tee bestellt, bekommt ihn in einer beeindruckend realsozialistischen Silbertasse – einem verschnörkselten Ding, in das Stiche verschiedener Moskauer Bahnhöfe und das Flügellogo der russischen Bahngesellschaft eingraviert sind.

Als Moskau 12 Stunden hinter uns liegt, ist Russland ganz und gar dörflich geworden. Die Menschen laufen jetzt zusammen, wenn Mockba-Bopkyta in einen Ort einfährt. Für viele Dörfer an der Strecke stellt der Zug die wichtigste Einkommensquelle dar. Dementsprechend drängen sich alte Frauen am Bahnsteig, die Kübel voll Ribiseln und Petersilstauden verkaufen. Panierter Fisch und Piroggen (das sind Kartoffeltäschchen) werden angeboten. Auf Lada-Motorhauben stapeln sich glasweise eingelegte Gurken und Pilze.

Die Zuggäste verzehren in ihren Abteilen ganze Brathühner, der Waggon beginnt danach intensiv nach allerlei Essbarem zu riechen. Man schläft neben einem panierten Fischkopf ein und wacht in Keksbröseln auf.

Inzwischen sind wir knapp 30 Stunden unterwegs. Die Landschaft wird sehr karg, irgendwo hier liegt der Polarkreis. Statt herbstgelbem Birkenwald wachsen jetzt nur noch Flechten und hohes Gras. „Unter jeder Schwelle ein Toter“, sagen die Leute über diesen Abschnitt der Strecke. Denn die Gleise wurden von Gulag-Zwangsarbeitern errichtet. Hunderttausende von ihnen starben an den schrecklichen Bedingungen.

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Eine Babuschki am Dorfbahnsteig verkauft Gemüse

Wo der Zug jetzt noch hält, stehen Lenin-Statuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen. Die Elektrolok wird durch eine Diesellok ersetzt, denn dieser Abschnitt ist noch nicht elektrifiziert. Vom Gangfenster aus, den Blick nach Osten gewendet, sieht man am Horizont die ersten Hügel des Uralgebirges. Dann fährt der Zug in Workuta ein.

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Eingeordnet unter Europa, Reisen