STADTRAND – Verlorene Touristen, jenseits des Kanals

Neulich im Luxussupermarkt Hofer im Luxusbezirk Leopoldstadt: Arbeitskraft ist teuer, also schmeißt eine einzige leidgeprüfte Kassiererin mit artistischer Gewandtheit die Waren über das Lesegerät, während das Aggressionspotenzial der langen Schlange vor ihr merkbar steigt. „Måchts weida då“, schreit ein betrunkener Luxusbezirksbewohner, gefolgt von einem Schimpfwort, das man in einer anständigen Zeitung nicht lesen sollte. Und mittendrin: eine französische Familie. Gott weiß, was sie in diesen verlorenen Winkel der Stadt verschlagen hat. In gepflegtem Plauderton fragen sie sich, was hier los sei, sie wenden irritiert die Köpfe zum Schreier, um ihn sofort darauf elegant zu übergehen und geduldig weiterzuwarten. Das heißt – sie könnten natürlich wie er auf den Supermarkt und das Leben im Allgemeinen schimpfen. Aber hier verstände sie eh keiner. Und überhaupt klänge das auf Französisch viel angenehmer, schöner und gepflegter. Man sollte nach Frankreich auswandern. Oder gleich nach China. Irgendwohin nur, wo man die Leute nicht versteht.

Erschienen im Falter 34/09

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Eingeordnet unter Konsum, Stadtleben, Stadtrand

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