Der nördlichste Ort Europas, die Zweite

Erschienen im Reiseblog Tripwolf August 2009

Der höchste Norden steckt voller Geschichten und faszinierender Dinge, aber man sie suchen. Sie kommen nicht auf dem Präsentierteller, auf prachtvollen Boulevards oder in berühmten Galerien. Wenn man sie dann findet, ist es umso schöner.

gamvik-norway1Um Gamvik: Diese Landschaft ist sogar den sonst omnipräsenten Moskitos zu unwirtlich

Zum Beispiel die schon erwähnte Region Slettnes, rund um den Leuchtturm. Auf den ersten Blick eine riesige leere Tundralandschaft, mit Felsen, durchnässtem Moosteppich, blitzend weißen Stränden. Auf den zweiten Blick findet man hier den Spuren vielfältigster menschlicher Tätigkeiten.

Ich spreche nicht von Archäologie, sondern von ganz präsenten Dingen. Slettnes ragt ins offene Meer hinaus, die Landschaft ist flach und eben. Vieles von, was die See ausspuckt, landet in Slettnes und fügt sich irgendwann sanft in die raue Landschaft ein.

Soweit nördlich wachsen keine Bäume mehr. Aber in Slettnes liegen Baumstämme, völlig entrindet und geschliffen. Sie kommen aus Sibirien und Kanada, treiben oft jahrzehntelang ans Meer.

Diverses Fischindustrie-Equipment landet hier, verlorengegangen von großen Trawlerschiffen. Plastikkisten für Meeresfrüchte zum Beispiel, fußballgroße rostige Eisenkugeln zum Beschweren von Netzen. Dazu große Fischskelette, die die Möwen fallen lassen. Ich finde einen Kübel mit dem Logo einer britischen Fischverarbeitungsfirma.

Eine Mini-Bucht in Slettnes heißt “Daumannsvika“, die Bucht der toten Männer, weil die See hier früher tradtionell die Leichen von ertrunkenen Seeleuten anschwemmte.

Zwei Kilometer entfernt ebenfalls ein gruseliges Erbe: Hier bauten die Nazideutschen, die Norwegen im Zweiten Weltkrieg besetzt hielten, eine Art Sperrwall gegen die Sowjetunion. Die Anlage liegt immer noch da. Weil ohnehin soviel leerer Raum hier zur Verfügung steht, fand es niemand der Mühe wert, die Laufgräben zuzuschütten, die Bunker zu sprengen, die Drehgestelle für die Geschütze zu demontieren.

gamvik-nazi-stuff-norwayDeutsches Kulturerbe? Geschütze aus dem Zweiten Weltkrieg schauen über das Dorf

Als die Nazis später angesichts der sich näherenden Russen flohen, verfügten sie eine Politik der verbrannten Erde. Verantwortlich dafür war übrigens ein österreichischer Wehrmachtsgeneral, Lothar Rendulic. Kein Haus in der Finnmark – so heißt diese nördlichste Region Norwegens – blieb stehen.

Die Sowjets fanden eine Wüste vor, als sie weiter vordrangen. Und als die deportierten Einheimischen nach dem Krieg zurückkehrten, mussten sie lange Zeit in Rentierfellzelten oder unter umgedrehten Fischerbooten vegetieren.

gamvik-norwayLa pura vida? Das einzige Geschäft in Gamvik, ein kleiner Supermarkt

So ist bizarrerweise keine Kirche oder kein Rathaus das älteste Gebäude von Gamvik. Es sind jene Bunker, die auf dem Hügel hinter dem Dorf liegen und über die Bucht in Richtung Osten schauen.

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