Der nördlichste Ort Europas I: Ankunft in Gamvik

 

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, August 2009

 

Heute in Gamvik angekommen, dem nördlichsten Ort des europäischen Festlandes (denn das Nordkap samt dazugehöriger Gemeinde liegt auf der Insel Magerøya).

norway-midnight-sunEin See im finnischen Lappengebiet.

Allein die Fahrt hierher war aufschlussreich. Sieben Stunden von der finnischen Stadt Ivalo mit dem Mietwagen. Ivalo ist der infrastrukturelle Knotenpunkt im nordfinnischen Lappen-Gebiet und die nördlichste Stadt im Land, die die nationale Fluglinie anfliegt. Vom Flughaften abgesehen gibt’s hier drei Tankstellen, zwei Hotels, zwei Restaurants, drei Kreisverkehre und 3000 Einwohner. Ich hätte nicht gedacht, dass Stille so laut sein kann.

rentier-auf-der-fahrbahnRentier, vom Auto aus betrachtet…

Rund um Ivalo liegt Wald, hunderte Kilometer in jede Richtung. Weiter nördlich werden die Baumstämme dann dünner, die Bäume schließlich zu Büschen, zu Flechten, zu Moos. Alle drei Autostunden ein Ort mit zehn oder 15 Häusern. Am Ende, irgendwo südlich von Gamvik, besteht die Landschaft nur noch aus hügeliger Geröllwüste, mit Moos überwachsen und spiegelklaren kleinen Seen dazwischen. Im Schatten der Felsen liegt braungewordener Schnee (im August), und auf den Felsen klettern Rentiere.

Dann Gamvik. 130 Einwohner. Ein Ort in einer kleinen Bucht der Barentsee, einem Teil des nördlichen Eismeeres. Eine weiße Holzkirche, ein stillgelegtes Rathaus, eine stillgelegte Fischfabrik. Eine Tankstelle mit zwei Zapfsäulen, die gleichzeitig als Geschäft und Kaffeehaus dient. Menschen scheinen hier so sehr Ausnahmeerscheinungen zu sein, dass jeder jeden freundlich grüßt.

Es hat zwölf Grad, kalter Wind weht, die Sonne steht selbst zu Mitternacht noch am Himmel (gerade färben sich die Wolken rosa, weil sie die Sonne von unten anstrahlt). Unter den Fenstern der Häuser stehen Rentiere und schauen Moos mampfend in Wohnzimmer.

Leben und Aktivität scheint man in Gamvik mit der Lupe suchen zu müssen, aber wenn man fündig wird, hat es durchaus was für sich. Zum Beispiel zwei junge Köche – einer aus Buenos Aires, einer aus Paris – die etwas außerhalb des Ortes bei einem rot-weißen Leuchttum (angeblich dem nördlichsten weltweit) ein kleines Restaurant betreiben. Sie wollen ein wenig Haute Cuisine in den hohen Norden bringen. Aber sie jammern, dass die Leute hier nie Fisch im Restaurant bestellen, denn den essen sie ohnehin tagtäglich zuhause – dabei soll der Fisch nirgends auf der Welt so gut wie hier, sagt der Argentinier. Jetzt würden sie halt Fleisch zubereiten. Der Franzose reicht mir zwei Kostproben, lokalen Kümmelschnaps und ein gekochtes halbes Ei, gefüllt mit Lammherzen und Sauce Tartare. Wie gesagt, das Leben in Gamvik hat durchaus was für sich, wenn man es einmal findet.

 

 

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