Monatsarchiv: August 2009

Ein Quantum Spannung

Stadtmensch Roman Mittermayr geht nach Amerika. Vorher aber schickt er noch 16 junge Leute in ein wildes Geheimdienstrollenspiel, für das Wien als Kulisse dient

Reportage: Joseph Gepp

Es ist der letzte Sommer, den Roman Mittermayr als Student der Wirtschaftsuniversität in Wien verbringt. Danach wird er in den USA bei Microsoft in der Produktplanung arbeiten, „mit amerikanischem Gehaltsschema, fantastisch“. Wäre es nun nicht Zeit gewesen für eine längere Reise, bevor es ernst wird? Oder für einen Monat auf der Donauinsel? Mittermayr versteht die Frage nicht.

„Ich wollte dieses Ding einfach aufziehen. Und Wien eignet sich gut dafür. Aber noch lieber wäre mir, wenn das erst der Anfang ist. Wenn nächstes Jahr Riesenstädte folgen, New York oder Tokio. Riesige Menschenmengen, das wär’n Ereignisse!“

Roman Mittermayr, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarzes Brillengestell, wenig Gel in den Haaren, ein freundlicher, umtriebiger, schnell sprechender 25-Jähriger. Vor seiner Übersiedlung in die USA wollte er noch ein Projekt verwirklichen. Die Idee kam ihm im Mai, bei einem Bier. Sie wurde größer und größer. Heute, am Tag des Finales, steht Mittermayr mit 30 ehrenamtlichen jungen Kollegen in einem Innenstadtbüro. Die Stimmung ist hektisch. Von der Wand leuchtet ein projizierter Stadtplan mit roten Markierungen. Das sind, per Handy geortet, die 16 Agenten, die durch Wien hetzen.

„Wenn du eine verrückte Idee hast“, sagt er, „gibt es nur zwei Arten von Reaktionen: Die einen halten sie für völligen Schwachsinn. Die anderen sind restlos begeistert.“

„Vienna Project“ nennt sich Roman Mittermayrs Idee zu einem Rollenspiel. Als Hintergrund dient eine Geschichte, die wahren weltpolitischen Begebenheiten entliehen ist: Zwei Geheimagenten stehlen in Teheran brisante Dokumente über das iranische Atomprogramm. Sie werden aufgespürt und festgenommen. Einem dritten Agenten gelingt es jedoch, mit den kopierten Akten zu fliehen. Er will nach Wien, ins Hauptquartier der Internationalen Atomenergiebehörde. Unterwegs aber, in Bratislava, verschwindet der Agent spurlos. Ziel des Spiels ist, ihn wieder aufzutreiben. Zuerst im Internet, dann im echten Leben.

Mittermayr suchte Menschen, die ihm bei der Realisierung des Projekts helfen konnten. Er fand einen Pädagogen, der den Spielablauf konzipierte. Einen Programmierer, der den Internetauftritt plante. Einige professionelle Schauspieler. Er selbst kümmerte sich um Sponsoren. Am Ende hatten sie Hotelzimmer, schwarze Limousinen und multifunktionale Mobiltelefone aufgetrieben. Nun konnten diejenigen Aspiranten, die sich bei der Lösung diverser Interneträtsel besonders hervorgetan hatten, ihren Schritt in die Realität tun.

„Wir haben zum Beispiel kommentarlos Zahlenreihen auf Twitter gepostet“, erklärt Mittermayr eines der Onlinerätsel. „Das waren in Wahrheit Geo-Koordinaten. Sie führten zu einem Postkasten in der Naglergasse, unter dem ein Kuvert klebte. Darin lag ein Ticket für die Endrunde.“

Diese Endrunde zog sich über den ganzen vergangenen Samstag. Vorbeifahrende Motorradfahrer drücken den Spielern Zettel mit Informationen in die Hände. Die Agenten treffen V-Männer in Parks. Sie lösen Zahlenrätsel in Cafés, die ihnen den Weg zum nächsten Treffpunkt weisen. Sie treten in Ländergruppen gegeneinander an, Russland, Iran, USA und Österreich. Am Ende wird die Siegergruppe in einem efeubewachsenen Innenhof im Stadtzentrum den verschollenen Agenten aufspüren.

„Es gibt zwei Arten von Rollenspielen“, sagt Roman Mittermayr, „jene im Internet. Und jene in Burgruinen, bei denen man sich als Elfen und Ritter verkleidet. Aber wir wollten etwas Realeres machen.“ Er nennt ein paar Filme, die ihn inspiriert hätten, „James Bond“, „The Bourne Identity“, vor allem „The Game“ mit Michael Douglas. „Die Spieler müssen psychisch voll eingenommen sein. Am Ende des Tages müssen sie sich fragen: Ist dieses Motorrad, das gerade vorbeifährt, noch Teil des Spiels? Oder gehört es schon zum echten Leben?“

Eine Stunde später. Im Edelitaliener Vapiano in der Herrengasse treffen einander Russland und Iran. Es sind fünf Frauen und drei Männer, niemand älter als 30. Ein Spielleiter, der sich als Diplomat ausgibt, gibt einige schnelle Instruktionen und verschwindet wieder. Russland und der Iran sollen nun Informationen austauschen. Welche, ist ihnen aber nicht klar; außerdem soll der jeweils anderen Gruppe nicht unbedacht ein Vorteil verschafft werden. Also taxiert man einander misstrauisch. „Wenn wir nur wüssten, was wir von euch wissen wollen sollen“, beginnt eine verzweifelte Russin zu den Iranern, „dann wüssten wir auch, wie wir die Frage formulieren sollen, die wir euch stellen müssen.“ Die Iraner aber geben sich ohnehin bedeckt, wollen „den Auftrag nicht gefährden“. Kurz danach piepst Russlands Handy und die Gruppe läuft los, die Herrengasse hinunter.

Roman Mittermayr steht währenddessen im Büro, reibt sich die Hände und schaut auf die Punkte der Straßenkarte, die sich plangemäß weiterbewegen. In wenigen Minuten steht die Entführung der Russen an. Unter dem Vorwand einer Dokumentenübergabe wird man sie in ein Auto locken. Die Tür wird zufliegen, der Wagen „wie im Film wegrasen“. Im Inneren werden zwei Schauspieler dann die desorientierten Agenten mit Plastikgewehren bedrohen, ihnen Personenfotos unter die Nase halten und sie anherrschen, wer die Gezeigten seien. Und schließlich wird man die Spieler irgendwo wieder hinauslassen. „Dieser Abschnitt“, sagt Roman Mittermayr, „wird mit Abstand der härteste Teil des Spiels.“

Die Russen aber lassen sich von der Entführung nicht abhalten. Stunden später werden sie als erste jenen Hinterhof finden, in dem der verschollene Agent steht. Ganz so, wie das im Plot vorgesehen war.


The Vienna Project: The Vanished Agent

Erschienen im Falter 35/09

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kurioses, Stadtleben, Wien

Der Wagenplatz: von politischer Feigheit und schlechter Presse

Kommentar Wiener Stadtpolitik

Eine Karawane zieht durchs Wiener Sommerloch. Sie war schon in Simmering, am Donauufer, nahe der Arena, auf den Aspanggründen. Und Presse, Standard, Wiener Zeitung, ORF und andere Medien verfolgen aufmerksam jeden ihrer Schritte.

Bis vor wenigen Wochen wusste kaum jemand, dass es in Wien eine Gruppe Alternativer gibt, die statt im Gemeindebau lieber im Wohnwagen leben. Jetzt wissen es alle. Mangels wichtigerer Ereignisse spielt sich das Umhertreiben des Wiener Wagenplatzes unter dem Vergrößerungsglas der Öffentlichkeit ab. Und das Rathaus hat, was es sonst so eifrig zu verhindern sucht: schlechte Presse.

Es begann in Simmering. Von dort musste der Wagenplatz aus widmungsrechtlichen Gründen weichen. Es folgten langwierige Verhandlungen mit der Gemeinde, die schließlich in der Donaustadt einen alternativen Standort anbot. Dann aber startete die Bezirks-FPÖ eine Kampagne. Die SPÖ-Regierung zog sich zurück – schließlich ist Vorwahlzeit. Sie tat das, indem sie den bereits ausverhandelten Pachtpreis um das 40fache erhöhte. Die Wagenbewohner zogen verärgert von dannen. So berichteten es Betroffene und beteiligte Rathausbeamte dem Falter (siehe Ausgabe 26/09).

Was darauf folgte, war das Sommerloch, in dem kleine Konflikte oft groß werden. Die Karawane hat ihren Platz verloren und trampelt jetzt durch Stadt und Medien. Erst im Lauf des Septembers wird es wieder ruhiger um sie werden.

Die SPÖ war im Umgang mit dem Wagenplatz weder restriktiv noch kulant. Sie fuhr einen Zickzackkurs, hat in der Mitte aus Angst um Wählerstimmen kehrtgemacht. So etwas rächt sich. Vor allem im Sommer.

Erschienen im Falter 35/05

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Sonstiges

STADTRAND – Nebulose Wiener Großveranstaltungen

Ungefähr jedes halbe Jahr finden in Wien Großveranstaltungen statt, deren Zweck niemand wirklich versteht. Dann karrt ein prominenter Hedgefonds prominente Menschen in die Stadt, lässt sie im Hotel Imperial absteigen, sorgt für jede Menge mediale Aufmerksamkeit. Und doch bleiben die Veranstaltungen merkwürdig schemenhaft, weil sie so plötzlich daherkommen und so wenig in den sonstigen gesellschaftlichen Kosmos dieser Stadt passen. Erinnern Sie sich etwa noch an den „Women’s World Award“ im März, zu dem sogar die jordanische Königin kam? Oder an jene bizarre Veranstaltung in Zwentendorf vor einigen Wochen, die irgendwie Michael Jackson gewidmet war und irgendwie auch nicht? Jedenfalls sah die regennasse Prominenz vor der regennassen Stahlbetonmauer des Kraftwerks ziemlich abstrus aus. Jetzt soll außerdem – um diese Reihe fortzusetzen – ein Gedenkkonzert für Michael Jackson in Schönbrunn stattfinden. Das Line-up kennt im Gegensatz zu den Ticketpreisen noch niemand. Wien, Stadt der merkwürdig nebulosen Großveranstaltungen.

Erschienen im Falter 35/09

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtrand, Wien

STADTRAND – Verlorene Touristen, jenseits des Kanals

Neulich im Luxussupermarkt Hofer im Luxusbezirk Leopoldstadt: Arbeitskraft ist teuer, also schmeißt eine einzige leidgeprüfte Kassiererin mit artistischer Gewandtheit die Waren über das Lesegerät, während das Aggressionspotenzial der langen Schlange vor ihr merkbar steigt. „Måchts weida då“, schreit ein betrunkener Luxusbezirksbewohner, gefolgt von einem Schimpfwort, das man in einer anständigen Zeitung nicht lesen sollte. Und mittendrin: eine französische Familie. Gott weiß, was sie in diesen verlorenen Winkel der Stadt verschlagen hat. In gepflegtem Plauderton fragen sie sich, was hier los sei, sie wenden irritiert die Köpfe zum Schreier, um ihn sofort darauf elegant zu übergehen und geduldig weiterzuwarten. Das heißt – sie könnten natürlich wie er auf den Supermarkt und das Leben im Allgemeinen schimpfen. Aber hier verstände sie eh keiner. Und überhaupt klänge das auf Französisch viel angenehmer, schöner und gepflegter. Man sollte nach Frankreich auswandern. Oder gleich nach China. Irgendwohin nur, wo man die Leute nicht versteht.

Erschienen im Falter 34/09

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Eingeordnet unter Konsum, Stadtleben, Stadtrand

Wohltuend, aber ein Alibi: die Schrottprämie für Fahrräder

Kommentar Wiener Verkehrspolitik

In vorwahlkampfbedingt hitzigen Zeiten fällt manch Brösel auch für sonst eher unbeachtete Interessengruppen ab. Zum Beispiel Radfahrer. Die haben von der Gemeinde Wien eine Schrottprämie erhalten: 70 Euro je Abgabe eines alten und Kauf eines neuen Fahrrads. Innerhalb von 24 Stunden hatten 500 Käufer zugeschlagen, die Prämie war damit ausgeschöpft.

Auf symbolischer Ebene war das ein wohltuender Akt. Denn Milliarden wurden europaweit in sinnlose Autoschrottprämien gepulvert – angeblich der Umwelt wegen, tatsächlich zur Stütze einer fahrlässig innovationsresistenten Branche. So wurde eine Industrie für ihre ökonomische Dummheit belohnt. Wenn angesichts dessen eine lokale Aktion zukunftsträchtigeren Verkehr fördert, ist das zumindest ein gutgemeintes Zeichen.

Diese Symbolik war’s aber auch schon. Denn mutig ist die Wiener Verkehrspolitik trotzdem nicht. Die insgesamt 35.000 Euro Radfahrprämie entsprächen einigen Kilometern Radweg mehr, hin zu einem Streckennetz, das diesen Namen verdient und nicht Stückwerk bleibt. Oder ein paar zusätzliche Stellplätzen und Serviceeinrichtungen. Sie wäre der kleine Beginn eines Maßnahmenbündels, das in einer sich ändernden Verkehrswelt bald unumgänglich sein wird.

Statt dieses Bündel offensiv anzugehen, setzt die Stadt auf Alibis, auf Halbherzigkeiten, auf Schlagzeilen wie die Radprämie. Würde sie verkehrspolitisch tatsächlich neue Wege beschreiten, warum denkt sie nicht über eine Citymaut nach? Warum sperrt sie nicht die – ohnehin völlig ungeeignete – Innenstadt für Autos zugunsten eines Freiraums für Fußgänger, Öffis und Radfahrer? Das wäre innovativ.

Erschienen im Falter 34/09

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Verkehr

Rettet die Säle!

Vor genau acht Jahren brannten die Sofiensäle ab. Seitdem wartet die Ruine auf ihren Wiederaufbau. Und wartet

Bericht: Joseph Gepp

Ein Jugendstil-Schriftzug ist vom alten Glanz geblieben. „Sofiensaal“ steht über dem Tor in verspielt-geschwungener Fin-de-Siècle-Manier, und dahinter wachsen Büsche auf Gemäuern und Ziegelstücke bröckeln von baufälligen Wänden.

Die Sofiensäle, dritter Bezirk, Marxerstraße. Einst spielte Johann Strauß bei rauschenden Ballnächten auf, unter den Logen standen goldene Statuen. 1926 wurde hier die österreichische NSDAP (neu) gegründet und hielt bis zu ihrem Verbot 1933 mehrere Massenveranstaltungen ab. In den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts fanden noch Festwochenaufführungen und Clubbings statt. Dann, am 16. August 2001, einem heißen Sommertag vor genau acht Jahren, fing das Dach nach Flämmarbeiten Feuer. Die ehrwürdigen Säle brannten vollständig aus. Die Brandursache wurde nie geklärt. Seitdem stehen sie da, eine Fassade, einige Mauern, kein Dach. Und warten auf ihren Wiederaufbau.

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Von außen (Foto von Heribert Corn)

Den verschieben die Gemeinde Wien und die rathausnahe Eigentümerfirma Arwag seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit. „Ich freue mich, dass die Arbeiten heuer endlich starten und die Sofiensäle neu gestaltet und genutzt werden“, sagte SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker Anfang 2006. Und ein Werbeheft rathausnaher Betriebe, die Perspektiven vom Jänner 2007, datierte den Baubeginn auf den Herbst desselben Jahres und die Fertigstellung auf Mitte 2010. Nichts davon trat ein. „Mittlerweile“, sagt Viktor Zdrachal von der Bürgerinitiative Rettet die Sofiensäle, „befürchten wir, dass der Baubeginn so lange hinausgeschoben wird, bis das Mauerwerk endgültig zerbröselt ist.“

Dabei hatte es zwischenzeitlich so gut ausgesehen. Im Jänner 2006 kaufte der Bauträger Arwag, der zu knapp 30 Prozent der Gemeinde Wien gehört, die Ruine. Das schien die einzige Lösung zu sein. Denn der Vorbesitzer, der niederösterreichische Bauunternehmer Julius Eberhardt, hatte aus seinen Absichten keinen Hehl gemacht: Die Sofiensäle sollten abgerissen werden und einem Hotelkomplex weichen. Nach dem Brand wurden alle nicht-denkmalgeschützten Teile des Areals vorsorglich geschleift, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Den denkmalgeschützten Rest der Ruine – den Großen Saal von 1845 – könne man ohnehin nicht mehr retten, betonten Eberhardt und seine Anwälte immer wieder. Doch als auch sein Abriss näher rückte, legten sich Aktivisten und Medien quer. Die Gemeinde, unter Zugzwang gekommen, kaufte den Grund und versprach den umgehenden Wiederaufbau. „Damals“, sagt Aktivist Viktor Zdrachal, „dachten wir, wir hätten unser Ziel erreicht: Die Säle werden wiederaufgebaut.“

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Von innen (Foto von Heribert Corn)

Und jetzt? Investoren zu überzeugen sei schwierig, sagt Arwag-Chef Franz Hauberl, vor allem in Krisenzeiten. Einen endgültigen Termin für den Beginn der Bauarbeiten will er nicht nennen, zu oft seien ihm schon vorschnell Versprechungen in den Mund gelegt worden. „Aber eins kann ich sagen: Ein baubewilligter Projektplan liegt auf dem Tisch. Und mit den Arbeiten werden wir baldigst beginnen.“

Ein Komplex von Büros und Wohnungen soll sich über das Grundstück erstrecken, der Große Saal soll als eine Art historischer Innenhof mit Glasdach dienen. Den Saal zu renovieren, wird allerdings teuer. Denn der alte Zierrat – die Logen, die Säulen, die Stuckaturen an den Decken – ist weitgehend zerstört. „Von diesen Dingen können wir wohl nur zehn bis 20 Prozent erhalten“, sagt Gerald Hollnbuchner, der für den Saal zuständige Restaurator. „Den ganzen Rest müssen wir neu herstellen.“

Immerhin ist Hollnbuchner eine Spur konkreter als Hauberl, sein Auftraggeber: „In frühestens zwei Jahren können wir die Restaurierungsarbeiten wirklich angehen.“

Erschienen im Falter 33/09

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung

Der nördlichste Ort Europas, die Zweite

Erschienen im Reiseblog Tripwolf August 2009

Der höchste Norden steckt voller Geschichten und faszinierender Dinge, aber man sie suchen. Sie kommen nicht auf dem Präsentierteller, auf prachtvollen Boulevards oder in berühmten Galerien. Wenn man sie dann findet, ist es umso schöner.

gamvik-norway1Um Gamvik: Diese Landschaft ist sogar den sonst omnipräsenten Moskitos zu unwirtlich

Zum Beispiel die schon erwähnte Region Slettnes, rund um den Leuchtturm. Auf den ersten Blick eine riesige leere Tundralandschaft, mit Felsen, durchnässtem Moosteppich, blitzend weißen Stränden. Auf den zweiten Blick findet man hier den Spuren vielfältigster menschlicher Tätigkeiten.

Ich spreche nicht von Archäologie, sondern von ganz präsenten Dingen. Slettnes ragt ins offene Meer hinaus, die Landschaft ist flach und eben. Vieles von, was die See ausspuckt, landet in Slettnes und fügt sich irgendwann sanft in die raue Landschaft ein.

Soweit nördlich wachsen keine Bäume mehr. Aber in Slettnes liegen Baumstämme, völlig entrindet und geschliffen. Sie kommen aus Sibirien und Kanada, treiben oft jahrzehntelang ans Meer.

Diverses Fischindustrie-Equipment landet hier, verlorengegangen von großen Trawlerschiffen. Plastikkisten für Meeresfrüchte zum Beispiel, fußballgroße rostige Eisenkugeln zum Beschweren von Netzen. Dazu große Fischskelette, die die Möwen fallen lassen. Ich finde einen Kübel mit dem Logo einer britischen Fischverarbeitungsfirma.

Eine Mini-Bucht in Slettnes heißt “Daumannsvika“, die Bucht der toten Männer, weil die See hier früher tradtionell die Leichen von ertrunkenen Seeleuten anschwemmte.

Zwei Kilometer entfernt ebenfalls ein gruseliges Erbe: Hier bauten die Nazideutschen, die Norwegen im Zweiten Weltkrieg besetzt hielten, eine Art Sperrwall gegen die Sowjetunion. Die Anlage liegt immer noch da. Weil ohnehin soviel leerer Raum hier zur Verfügung steht, fand es niemand der Mühe wert, die Laufgräben zuzuschütten, die Bunker zu sprengen, die Drehgestelle für die Geschütze zu demontieren.

gamvik-nazi-stuff-norwayDeutsches Kulturerbe? Geschütze aus dem Zweiten Weltkrieg schauen über das Dorf

Als die Nazis später angesichts der sich näherenden Russen flohen, verfügten sie eine Politik der verbrannten Erde. Verantwortlich dafür war übrigens ein österreichischer Wehrmachtsgeneral, Lothar Rendulic. Kein Haus in der Finnmark – so heißt diese nördlichste Region Norwegens – blieb stehen.

Die Sowjets fanden eine Wüste vor, als sie weiter vordrangen. Und als die deportierten Einheimischen nach dem Krieg zurückkehrten, mussten sie lange Zeit in Rentierfellzelten oder unter umgedrehten Fischerbooten vegetieren.

gamvik-norwayLa pura vida? Das einzige Geschäft in Gamvik, ein kleiner Supermarkt

So ist bizarrerweise keine Kirche oder kein Rathaus das älteste Gebäude von Gamvik. Es sind jene Bunker, die auf dem Hügel hinter dem Dorf liegen und über die Bucht in Richtung Osten schauen.

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Eingeordnet unter Europa, Reisen