STADTRAND – Eine Stadt wählt (und liest Zeitung)

Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die österreichische Demokratie lebt und vibriert, wie sie sich tagtäglich spritzig weiterentwickelt. Zum Beispiel bei der EU-Wahl letzten Sonntag, in einer Volksschule im zweiten Bezirk: Seelenruhig, hingebungsvoll und unübersehbar vor aller Wahlwelt studiert ein Wahlhelfer die „Europafalle“-Kolumne von Hans-Peter Martin in der Krone (praktischerweise ist der auch in der Wahlkabine vertreten). Immerhin, denkt man, der Helfer hätte auch gleich das dazugehörige Buch mithaben können, vielleicht mit Unterstreichungen und kleinen Lesezeichen übersät, um seine Präferenz jedermann zweifelsfrei darzulegen. Einem Kollegen nebenan obliegt es, ihm zugerufene Nummern mit der Evidenzliste abzugleichen. Unglücklicherweise ist der geschätzt 80-Jährige fast taub, und so schreien seine Kollegen die Nummern ohrenbetäubend laut durchs Zimmer. Er versteht sie trotzdem nicht und lächelt dann regelmäßig entschuldigend, als handle es sich hier um kleine Missgeschicke und nicht um altersbedingte Taubheit. Ach, Europa!

Erschienen im Falter 24/09

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Eingeordnet unter Behörden, Europa, Stadtrand

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