Kurier: Ein sportliches Leitmedium mit Interessen?

Leser meinen, sie habe die Nase vorn. „ZiB“-Sprecher Armin Wolf sagt, sie ermittle intensiver als die Behörden. Ihre Exklusiv-Storys – etwa über Lisa Hütthaler – erregen Aufsehen.

Viel Lob für den Sport im Kurier: In investigativen Bereichen gilt er als Instanz, die kritisch auf Machtkonstellationen blickt, als Leitmedium sauberen Sportjournalismus in Österreich.

Wer im Archiv stöbert, stellt jedoch fest, dass der Kurier innerhalb eines Jahres seine Meinung um 180 Grad gedreht hat. Und zwar in einer Causa, die zwei mächtige und verfeindete Institutionen betrifft: das Österreichische Olympische Comité ÖOC und den Skiverband ÖSV, persönlich vertreten von zwei Männern, ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth.

Der Streit tobt seit 2006, als man bei Österreichs Langläufern und Biathleten in Turin Dopingzubehör findet. Das ÖOC sperrt in der Folge 13 ÖSV-Trainer und -Sportler, ein Ausschluss aus aus der olympischen Familie durch das IOC steht im Raum, eine Million Dollar Strafe folgen. Die Folge: Schröcksnadel schäumt. Und setzt einen Detektiv auf den – mittlerweile zurückgetretenen – Generalsekretär Jungwirth an. Dieser liefert Material über ein angebliches Luxusanwesen Jungwirths und ein „Leben auf großem Fuß“.

Der Kurier erfährt davon – und thematisiert Anfang 2008 die zweifelhaften Methoden des ÖSV. Von der „echten Belastung Schröcksnadel“ ist die Rede, vom „Vorbild DDR“, einer „grauen Welt, die mit Sport nichts zu tun hat“. Jungwirth darf sich ausführlich über derlei Praktiken empören.

So weit, so klar und richtig. Am 18. Jänner 2009 jedoch, ein Jahr später, bringt der Kurier neuerlich einen Artikel zur Causa – unter völlig anderen Vorzeichen: Heinz Jungwirth ist nunmehr „Reizfigur“ mit „feudalem Lebensstil“. Große Bilder zeigen sein „Herrschaftshaus samt Fuhrpark“.

Die Informationen stammen offenbar aus besagtem Detektivbericht. Genau darüber hat sich der Kurier im Jahr zuvor empört. 2009 ist allerdings von einem Detektiv keine Rede mehr. Stattdessen dient sein Material – ohne Quelle – zur Kritik an Jungwirth.

Was sind die Gründe für den plötzlichen Schwenk? Damit konfroniert, sagt Kurier-Sportchef Rainer Fleckl: „Die Faktenlage zu Jungwirth hat sich dramatisch geändert.“ Aufklärungswürdige Zahlungsflüsse und Aussagen hätten sie erweitert. Und jetzt stehe der einstige Saubermann Jungwirth eben in neuem Licht da.

Das ist teilweise richtig – tatsächlich berichtete der Kurier über Geldflüsse im Zusammenhang mit Salzburgs Olympiabewerbung 2014 und Jungwirth. Aber im Zentrum der Berichte stehen nicht die Zahlungen – sondern das Detektivpapier, das man 2008 kritisierte und 2009 unter dem Tisch verschwinden ließ. „Das geschäftliche und private Umfeld Jungwirths“, sagt dazu Fleckl, „recherchierten wir erst, nachdem aufgrund der uns vorliegenden Urkunden seine Glaubwürdigkeit und Rolle als Saubermann massiv erschüttert waren.“

Falter 23/09

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