Unerwünschte Kunden

Bankkonten, Handyverträge, Autovermietungen. Wie Ausländer am Dienstleistungsmarkt diskriminiert werden

Bericht: Joseph Gepp

Stephansdom, Riesenrad und die Ringstraße. Und dazwischen Westösterreich, mit Schladming, Salzburg und Tirols Bergen.

Das alles hat sich Dimitar Petrow*, 37, samt Familie für seinen Urlaub in Österreich vorgenommen. Der Bulgare bucht einen Flug, ordert über ein Wiener Reisebüro einen Mietwagen. Als Petrow allerdings die Donaustädter Filiale der Autovermietungsfirma Buchbinder betritt, um den reservierten Wagen abzuholen, erfährt er: An Osteuropäer vergibt das Unternehmen keine Mietautos. EU und Dienstleistungsfreiheit hin oder her. Eine Ausnahme könne nur gemacht werden, wenn Petrow ein Pfand von 4000 Euro hinterlegt. Aber wie ein U-Häftling Kaution zahlen, das will der Reisende dann doch nicht. Zuletzt mietet ein befreundetes österreichisches Paar und nimmt das Auto unter seinem Namen in Empfang.

Das Reisebüro, bei dem Petrow gebucht hatte, wusste nichts von den Usancen bei Buchbinder. „Du kriegst also kein Auto, wenn du Osteuropäer bist“, sagt die Chefin des Büros. „Ich frage mich, in welchem Land und Jahrtausend wir eigentlich leben.“

Auf Nachfrage bestätigt Buchbinder das Procedere. Je nach Fahrzeug müssten nichtösterreichische Staatsbürger 3000 bis 4000 Euro Kaution hinterlegen. Sicherheitshalber. „Von Österreichern verlangen wir dafür einen Meldezettel.“ Andere Autovermietungen würden das auch so handhaben, „das sind die Bestimmungen“.

Beim Konkurrenzkonzern Avis widerspricht man: „Nein, Nichtöster-reicher müssen bei uns sicher nicht 3000 Euro hinterlegen“, erklärt hier die Kundendienstdame. „Ich glaube auch nicht, dass das Usus im Geschäft ist.“ Wegen möglicher Ersatzforderungen würde sich Avis nur ausbedingen, im Schadensfall auf die Kreditkarte seines Kunden zuzugreifen.

Was ungefähr so wirkt, als würde man Schwarzen wegen ihrer Hautfarbe den Eintritt in die Disco verwehren, entpuppt sich bei genauerem Blick als gar nicht so unüblich. Ratenzahlungen, Handyrechnungen am Monatsende, Bankkonten mit Überziehungsrahmen – sobald jene Kleinstkredite ins Spiel kommen, die wir alle Tag für Tag in Anspruch nehmen; sobald Vertrauen in die Kunden erforderlich ist, werden Firmen bei Ausländern vorsichtig. Dieses pauschale Misstrauen schadet dann allen und nicht nur den Problemkunden. Aber das nimmt man dabei in Kauf.

Je nach Produkt und Branche schließt man die ausländischen Staatsbürger überhaupt vom Geschäft aus, unterscheidet zwischen EU- und Nicht-EU oder verlangt spezielle Sicherheiten. Denn säumige Ausländer verursachen mehr Verwaltungsaufwand als säumige Inländer. Trotz EU und Dienstleistungsfreiheit.

Das spürt etwa Ana Milicevic*. Die 24-jährige Kroatin lebt seit mehr als zehn Jahren in Wien, studiert Pharmazie, spricht akzentfreies Deutsch. Ihr Alltag gestaltet sich dennoch nicht so einfach wie jener von österreichischen Staatsbürgern. Denn wenn Milicevic bei Handyanbietern und Banken ihre Nationalität bekanntgibt, werden Kundenbetreuer hellhörig.

Als die junge Frau ein Studentenkonto bei der Bank Austria einrichten wollte, verwehrte man ihr Überziehungsrahmen und Bankomatkarte. „Die Begründung war, dass ich Schulden machen und mich dann in mein Heimatland absetzen könnte.“ Jetzt muss die Studentin zur Geldbehebung zu offenen Filialen oder Bank-Austria-Foyers pilgern. „In Österreich ist das, abgesehen von der Sucherei, kein großes Problem. Blöd wird es erst, wenn man einmal im Ausland ist und keine Kreditkarte bei sich hat.“

„Generell inkludiert jedes Studentenkonto Bankomatkarte und Dispo-Funktion von bis zu 3000 Euro“, heißt es dazu aus der Bank-Austria-Pressestelle. „Wie hoch der Rahmen tatsächlich ist, entscheidet aber der einzelne Kundenbetreuer.“ Und der ließ bei Milicevic offenbar Vorsicht walten.

Ein Jahr später bemühte sich die Kroatin um einen Handyvertrag mit Telering. „Sie lehnten ab, weil ich weder EU- noch EWR-Bürgerin bin.“ Dazu sagt die Telering-Sprecherin: „Sofern ein Aufenthaltstitel und ein österreichisches Bankkonto vorhanden ist, bekommen Nicht-EU-Bürger normalerweise Verträge bei uns. Im Einzelfall entscheiden das aber die Mitarbeiter der Bonitätsabteilung.“

Als Milicevic bei Telering vorsprach, verfügte sie über Konto und Aufenthaltstitel. Schuldenfrei war sie außerdem, also konnten auch die Bonitätsprüfer keine Einwände gehabt haben. Trotzdem bekam sie keinen Vertrag. Am Ende entschied sie sich für den teureren Tarif des damaligen Anbieters One. Dort spielte die Nationalität keine Rolle. „Als ich mich später bei Telering beschwerte, sagte der Telefonist:, Wir können uns halt unsere Kunden aussuchen.'“

Die Kunden aussuchen. Es sind zwei Prinzipien, die hier einander gegenüberstehen. Einerseits gebietet die EU – zumindest, was ihre Mitgliedsstaaten betrifft – Dienstleistungsfreiheit. Von Wirtschaft und Politik unterstützt, propagiert sie die Grenzenlosigkeit des Marktes und gleiche Bedingungen für alle Kunden.

Andererseits gilt aber in Rechtsstaaten das Prinzip der Vertragsfreiheit. Das heißt, ein Betrieb darf selbst abschätzen, was mehr gilt: der Gewinn nach einem Geschäft oder der mögliche Verlust nach Komplikationen mit Problemkunden. Er darf sich seine Kunden tatsächlich aussuchen.

Rechtsanspruch auf die Leistung bestehe nur bei Monopolunternehmen wie den ÖBB, erklärt Ulrike Wolf vom Verein für Konsumenteninformation. „Alle anderen dürfen ein Geschäft verweigern. Es handelt sich ja nicht um klassische Diskriminierung wegen Hautfarbe oder Religion. Der Ausschluss lässt sich durchaus mit unternehmerischen Zwecken rechtfertigen. Zum Beispiel mit möglichen Schwierigkeiten bei Einklagbarkeit.“

Nach sechs Tagen verlässt Dimitar Petrow Wien und fliegt zurück nach Sofia. Es bleibt das unangenehme Gefühl, in Österreich nicht richtig willkommen gewesen zu sein.

* Namen von der Redaktion geändert

Erschienen im Falter 20/09

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Konsum, Migranten

Eine Antwort zu “Unerwünschte Kunden

  1. Sina (Gast)

    Ich finds ungeheuerlich…..

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