Melange mit Handschlag

Wo wird in Wien Lobbying betrieben? Wo fallen bei Kaffee und Kuchen wichtige Entscheidungen? Ein interessengeleiteter Stadtspaziergang

Bericht: Joseph Gepp

Auf halbem Weg zwischen Berlin und Belgrad liegt ein Städtchen namens Wien. Globale Entwicklungen, hieß es früher, würden dieses Städtchen langsamer erreichen als manches andere – und wenn sie kommen, dann sei das auch nur halb so schlimm.

Vielleicht ist der „Lobby Planet“ deshalb in Berlin erschienen. Dort ist Lobbying ausgeprägter als in Wien. Es beschreibt die informelle Einflussnahme auf öffentliche Entscheidungsfindung durch Firmen, NGOs und andere Interessengruppen. Der Ausdruck kommt von „Lobby“, der Vorhalle des britischen Parlaments.

Lobbying kann man auf zwei Arten definieren: Im strengen Sinn gibt es Verbände, die für Branchen und Konzerne arbeiten. Sie beschäftigen registrierte Lobbyisten. In Berlin tummeln sich davon etwa 3000, in Washington, D.C., 60.000, für Wien existiert keine derartige Registrierung.

Breiter und allgemeiner gefasst bedeutet Lobbying, dass wichtige Menschen wichtige Menschen treffen, um wichtige Dinge zu besprechen. Und das möglichst bei einem Kaffee und im gemütlichen Rahmen.

Der neue Berliner „Lobby Planet“ ist ein „Reiseführer durch den Lobbydschungel“, angelehnt an den Guide „Lonely Planet“, herausgegeben von der deutschen Initiative Lobby Control. Wer in Berlin Lobbying erleben will, der gehe etwa in den China-Klub des Hotels Adlon, schreiben die kritischen Aktivisten, die auch Touren durch die Stadt anbieten. Dort etwa trifft man die Entscheidungsträger im diskreten Gespräch, für 1500 Euro Klubbeitrag jährlich, exklusive Speisen und Getränke.

In Wien hingegen, dem Städtchen zwischen Berlin und Belgrad, sei Lobbying kaum ausgeprägt, hieß es früher. Vergleichbare Klubs gibt es kaum. Aber auch hier fallen wichtige Entscheidungen. So dürfte Wiens Funktion als wirtschaftliche Drehscheibe für Osteuropa gerade jetzt für einigen Gesprächsstoff sorgen.

Wo aber plauscht hier der Politiker mit dem Firmenvertreter? Wo erklärt der Banker dem Industriellen die Lage am Finanzmarkt? Wo findet Lobbying statt? Wo werden Entscheidungen gefällt, Versprechungen gemacht, Leitlinien festgelegt?

„Es ist nicht so, wie man sich das vorstellt. Es ist nicht der Golfplatz oder die Sauna“, sagt eine PR-Fachfrau. Und nicht das Edelbordell Babylon, ergänzt ein Kollege. „Das meiste findet immer noch in Sitzungszimmern statt“, sagt ein Politiker. Und ein Wirtschaftstreibender meint, dass man sich gerne bei diversen Events treffen würde, etwa in der VIP-Zone des Stadions.

Der Falter fragte Wirtschaftstreibende, Banker, Journalisten, Politiker und PR-Fachleute nach je drei Orten, an denen sich Entscheidungsträger treffen. Da Lobbying hierzulande keinen guten Ruf genießt – Beispiel: Alfons Mensdorff-Pouilly, der für Rüstungsfirmen lobbyierte und darauf in U-Haft saß -, wurde weitgehend verzichtet zu sagen, wer welchen Tipp gegeben hat. Ein „Lobby Planet“ für Wien.

Lobby Control (Hg.): Lobby Planet Berlin. Der Reiseführer durch den Lobbydschungel. 168 S., € 7,50 plus Versandkosten. Zu beziehen unter: http://www.lobbycontrol.de

Auskunftspersonen

Hannes Androsch, Wirtschaftstreibender
Christoph Edelmann, Accedo-Chef
Brigitte Ederer, Siemens-Österreich-Chefin
Michael Fleischhacker, Presse-Chefredakteur
Alexandra Föderl-Schmid, Standard-Chefredakteurin
Thomas Hofer, Politikberater
Joe Kalina, Unique-Relations-Chef
Christian Konrad, Raiffeisen-Chef
Christoph Leitl, WKÖ-Präsident
Andreas Mailath-Pokorny, Wiener Kulturstadtrat
Reinhold Mitterlehner, Wirtschaftsminister
Peter Menasse, Communication-Matters-Chef
Claus Pandi, Krone-Österreich-Chef
Wolfgang Rosam, Rosam Communications
Siegmar Schlager, Falter-Geschäftsführer
Beatrix Skias, Hochegger/Com-Chefin

Orte

Kronen Zeitung 19., Muthgasse 2 Spitzentipp vieler Befragter – nur am Ort selbst gibt man sich bescheiden: Hans Dichands Worte
von der Krone als „Vorhof der Macht“ sind legendär. Ganz so
vorhofseitig scheint die Wahrheit aber nicht zu liegen:
Kürzlich machte SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied ihre
Aufwartung, um für Unterstützung im Lehrerstreit zu werben –
erfolgreich, wie Krone-Berichte zeigten. Und auch Bundeskanzler
Faymann wandelte schon über die schmucklosen Linoleumböden der
Muthgasse

krone
Foto von Heribert Corn

Café Landtmann 1., Dr.-Karl-Lueger-Ring 4 Spitzenreiter fast
aller Befragten. „In Deutschland wäre es undenkbar, an einem
Ort geballt viele Entscheidungsträger und Medienleute zu
treffen“, sagt eine Journalistin. Ein PR-Fachmann ergänzt: „Wer
wissen will, was am nächsten Tag an Politikinterviews in den
Tageszeitungen steht, braucht nur ins Landtmann zu gehen.“ Eine
Trendwende könnte sich aber abzeichnen: „Man muss ja schon fast
Angst haben, wer neben einem sitzt“, sagt eine andere
PR-Expertin. „Versierte weichen daher in Hotellobbys aus“

Die Lobby 1., Löwelstraße 20 Gleich neben dem Landtmann liegt das Veranstaltungslokal der Agentur Accedo, in dem man – laut
Homepage – „höchst diskret über die wirklich wichtigen Themen
reden kann“. Ein „Ort der absoluten Verschwiegenheit“, der
besonders von Geschäftsleuten geschätzt wird

Konditorei Sluka 1., Rathausplatz 8 Ein Hot Spot für
Gemeindebeamte und alle, die mit der Gemeinde Wien befasst sind

Ministerrat im Kanzleramt 1., Ballhausplatz 14 Jeden Dienstag warten Journalisten auf das Ergebnis der Ministersitzung. Das Foyer dient für Informationen aus der Spitzenpolitik. Und nach
der Pressekonferenz lassen sich Politiker zum Gespräch abfangen

Restaurant Kanzleramt 1., Schauflergasse 6 Hier, unweit der
großen Amtsgebäude, treffen sich vor allem Politinsider und
Politiker

Parlament 1., Dr.-Karl-Renner-Ring 1-3 Vor einigen Jahren
wollte ein Branchenverband einen eigenen Lobbyingraum im
Parlament etablieren, samt Lobbyisten-ID für den Eintritt ins
Hohe Haus. Andreas Khol, damals Nationalratspräsident, lehnte
ab: Mit normalem Besucherpass und regulärem Termin gehe es doch
ebenso gut

Restaurant Novelli 1., Bräunerstraße 11 Hier finden sich vor
allem Regierungsmitglieder und Geschäftsleute ein

Bar im Hotel Bristol 1., Kärntner Ring 1 Ende der 90er traf
sich hier monatlich der Lombard-Club, die Generaldirektoren
österreichischer Banken, zum Plaudern über Einlagenzinssätze,
Kreditzinsen, Gebühren, Geldtransfers und Exportfinanzierungen
– die übereifrige EU nannte das gleich Kartellbildung. Bis
heute beliebt, auch bei Krone-Chef Dichand

Zum Schwarzen Kameel 1., Bognergasse 5 Die diskreten Nischen des Haubenlokals bilden einen beliebten Treffpunkt für
Politiker und Geschäftsleute

Fabios 1., Tuchlauben 6
Der Klassiker mit großem Wintergarten
und exorbitanten Preisen. „Sehen und gesehen werden. Nichts für
intime Treffs“, sagt ein PR-Profi

Café Korb 1., Brandstätte
Hier treffe sich, sagt eine
Journalistin, „vorzugsweise die Klientel aus dem künstlerischen
und linken Bereich“

Raiffeisen-Haus 2., Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1
„Im
Büro von Raiffeisen-Chef Christian Konrad laufen die Fäden von
Politik, Wirtschaft und Medien zusammen“, sagt ein Journalist.
Und auch der Generalanwalt höchstselbst antwortet freimütig auf
die Falter-Frage nach Orten, wo sich Meinungs- und
Entscheidungsträger treffen: „Das Raiffeisen-Haus Wien“

Prater-Hauptallee 2., Prater Beim Joggen kommen die Leute
zusammen, sagt ein Politiker. Und dafür sei die Hauptallee
ideal

hauptallee
Die Hauptallee, Foto von Heribert Corn

Café Engländer 1., Postgasse 2 Das Café Engländer ist bei
Kulturschaffenden, Werbeleuten und Medien, insbesondere dem
ORF, ein beliebter Treffpunkt

Do&Co Haas-Haus 1., Stephansplatz 12 Laut einem PR-Profi ist das hochgelegene Restaurant „der bevorzugte Platz einiger
Topeinflussgrößen“, vor allem aus dem Bankensektor

Café im Hotel Imperial 1., Kärntner Ring 16
Ins Imperial-Café
weichen laut PR-Fachfrau jene aus, denen das Café Landtmann zu
voll und indiskret ist. „Hier findet man fast alle großen
Wirtschaftstreibenden“

Zigarrenclub 3., Neulinggasse 37
Das Veranstaltungslokal der
Agentur Pleon Publico wurde von PR-Profi Wolfgang Rosam
gegründet

Erschienen im Falter 19/09

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