Eine Stadt, zwei Häuser

Seit 90 Jahren baut Wien Gemeindebauten. Zu Besuch im ersten und im letzten der Stadt

Reportage: Joseph Gepp

Das Grätzel, in dem die Vision begann, schaut heute aus, wie sich die Visionäre das damals ausmalten. Am Gürtel zwischen Matzleinsdorfer Platz und Wienfluss hat sich das Rote Wien der 20er-Jahre in Reinform verwirklicht. Burgähnliche Gemeindebauten stehen hier, karge Erker, hagere Arbeiterstatuen, Aufschriften wie „Bibliothek“ oder „Waschküche“ in alten roten Lettern. Der neue Mensch im neuen Wohnraum, den schimmlig-feuchten Zinshaushöllen der schlechten alten Tage entronnen.

Der neue Mensch ist alt geworden, er sitzt beim „Walter“, dem Grätzelwirten, und stellt sich den Herausforderungen neuer Zeiten. Friedrich Suphan, 87, ältester Bewohner des ältesten Gemeindebaus der Stadt, dem Metzleinstaler Hof. Baubeginn war 1916, als Franz Joseph starb, an der Fassade lassen ornamentierte Zierleisten noch die Monarchie klingen. Fertigstellung 1925, eine neue Ära hatte begonnen.

Der Hof wurde ein Klassiker des frühen Gemeindebaus, strotzend vor architektonisch manifestierter Ideologie und trotzdem wohnlich und komfortabel wie kein anderes Arbeiterquartier dieser Zeit.

1945 sammelte Suphan Ziegel aus den Brandruinen der Umgebung, zerrte sie in Säcken die Treppen hinauf, besserte damit die Bombenschäden seiner Wohnung aus. Davor habe die Wohnung einem Kommunisten gehört, sagt er, er floh vor den Nazis nach Russland und kehrte nie wieder. „Sie war teuer eingerichtet, als ich kam. Aber ich habe alles ausgeräumt. Ich wollte mein Glück nicht auf der Not anderer aufbauen.“ Früher hätten vornehmlich Beamte hier gewohnt, sagt er, eine gute Nachbarschaft war das, nicht wie heute. „Heute leben Ausländer hier, die Lärm machen und den Müll vor den Müllraum schmeißen, wenn sie gerade keinen Schlüssel dabeihaben“. Nicht alle, aber viele, fügt er hinzu, die „Jugoslawen“ seien vorbildlich, aber die Türken, die Türken, immer die Türken.

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Metzleinstalerhof und Rößlergasse
Fotos von Katharina Gossow

Wie eine Burg wirkt der Bau, drinnen im Hof ist es ruhig und sauber. In einer Ecke des Areals gibt es einen Greißler, betrieben von einer Zuwandererfamilie, hinter der Theke liegen Gazi-Käse, Grammeln, Krakauer, slowenische Fleischpastete. Es ist ein Geschäft alten Stils, wo die Verkäuferin weiß, was ihre Stammkunden brauchen, und sehschwachen Pensionisten auf Vertrauen das Kleingeld aus der Börse klaubt. Die von Herrn Suphan verorteten Konflikte, denkt man, müssen ziemlich unterschwellig stattfinden.

Der Metzleinstaler Hof war der Beginn eines riesigen Gesellschaftsexperiments. Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum etwas im 20. Jahrhundert. Geboren aus der desaströsen Wohnsituation der Monarchie, vorangetrieben durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs, wurde der Wohnbau Lieblingsprojekt der starken Wiener Sozialdemokratie, ihr Stolz und Selbstverständnis. Wohnen als „weltweit einzigartige Erfolgsgeschichte“, wie die SPÖ-Wien in einer aktuellen Aussendung wieder einmal bekanntgibt. Wiener Wohnen ist heute die größte Hausverwaltung Europas.

2000 Gemeindebauten stehen in der Stadt, eine halbe Million Menschen wohnt darin. Formell endete ihre Ära allerdings vor fünf Jahren. Denn seitdem setzt die Stadt nur noch auf Genossenschaftsmodelle und Kooperation mit privaten Wohnbaugesellschaften. Sozialer Wohnbau geht auf diese Art zwar weiter, klassische Gemeindebauten jedoch sind Geschichte. Und sie endet in Liesing, unweit des Wohnparks Alterlaa, im letzten Gemeindebau der Stadt.

Die Rößlergasse 15 hat keinen Burghof, keine Lettern. 2004 wurde sie fertiggestellt, ein L-Trakt umschließt zwei würfelförmige Häuser, dottergelb und mausgrau. Die Bauweise ist offen, man blickt auf Vorstadthäuser. Hinter breiten Fensterscheiben picken die Basteleien von Kindern und auf breiten Balkonen stehen Mountainbikes.

Arnold Perrotta ist überrascht, dass er im letzten Gemeindebau der Stadt lebt. „Die Anbindung ist perfekt, die Lage ruhig“, sagt er. Seit Anbeginn wohnt der Familienvater hier, er komme aus Rudolfsheim-Fünfhaus, aber „kein Vergleich“. Sogar die Miete ist besser, „monatlich 435 Euro sind wirklich kulant“.

Natürlich gebe es Nachteile, etwa ein Krisenzentrum für verhaltensauffällige Jugendliche im Bau, „die Jungen randalieren oft im Hof, es ist ja nicht umsonst ein Krisenzentrum“. Die Gemeinde habe „ein bisschen geschwindelt, sie hat uns erzählt, hier würde eine Behindertenwerkstatt reinkommen“. Und einen Hausmeister wünscht sich Perrotta auch, „der würde auf sowas schon achten“.

Es ist keine Abgeschlossenheit, keine politische Ideologie, die sich in der Rößlergasse manifestiert. Die Zeiten sind vorbei. Jetzt will die Politik klimaschonende Isolierung, wollen die Menschen Pendlerqualitäten zwischen Autoparkplatz und U-Bahn. Das ist die Vision von heute.

Erschienen im Falter 18/09

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtgeschichte, Stadtplanung

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