Hinter acht Monden

In der hübschen ostslowakischen Stadt Košice liegt ein Roma-Ghetto, wie es in solcher Reinform kein zweites in Europa gibt. Die Geschichte einer Verdrängung

Reportage: Joseph Gepp/Košice

Die erste Szene zeigt einen Polizeihund. Er kläfft in eine Ecke, wo sich verängstigte Kinder zusammendrängen. Die zweite Szene, dieselben Kinder. Sie ohrfeigen sich auf Befehl, mit aller Kraft, immer wieder. Die dritte Einstellung zeigt die Kinder im Stiegenhaus der Polizeistation. Auf Geheiß der Beamten ziehen sie sich nackt aus, dann zoomt die Kamera auf ihre Geschlechtsteile.

Es ist nicht Abu Ghraib oder Guantanamo, wo diese Aufnahmen entstanden, kein weit entferntes Krisengebiet. Es ist die ruhige Ostslowakei, früher einmal österreichische Monarchie, heute Europäische Union.

Der Film zeigt Polizisten, die Anfang März sechs Roma-Kinder misshandelten. Eine Handykamera lief mit, wie das bei sadistischen Exzessen oft der Fall ist. Als das Band vor einem Monat an die Tageszeitung Sme gelangte, sprachen Beobachter kurz von einem internationalen Skandal. Die Polizisten wurden suspendiert. Aber schon kurz darauf verschwand die Ostslowakei wieder von der europäischen Landkarte. Und mit ihr verschwand Košice, die unbekannte Stadt mit 300.000 Einwohnern, 97 Kilometer von der Ukraine entfernt und von Wien so weit wie Innsbruck.

Dabei zeigt sich ausgerechnet hier, wie sehr Brüssels Erzählung vom erweiterten Europa auf dem Weg zu Wohlstand und Freiheit von der Realität abweicht. Hier zeigt sich, wie schwer die Geschichte auf jahrzehntelang kommunistischen Ländern lastet. Und wie sehr man diese Geschichte aus Hilflosigkeit verdrängt.

Die Geschichte dieses anderen Europas, man könnte sie mit der sogenannten Schaukirchenglocke auf dem Hauptplatz von Košice beginnen. Sie entstand vor dem Fall des Kommunismus, als Kirchenglockenproduktion noch als Schädigung am Volkseigentum galt. Also goss man sie illegal, während der Nachtschicht, zwischen den Schienensträngen und Maschinenteilen des riesigen Kombinats der ostslowakischen Eisenwerke.

Die Glocke war nur der erste Schritt einer fundamentalen Veränderung. Denn seit der Wende 1989 wird alles hervorgekehrt, was bürgerlich und althergebracht wirkt. Auf nachgebauten Mistkübeln altösterreichischen Stils prangt das Stadtwappen von Košice, Kopfsteinpflaster formt geometrische Muster auf dem Boulevard, und durch Torbögen leuchten frischlackierte Stiegengeländer im Stil von vor 150 Jahren.

Košice strotzt vor nachgebauter Historie, wie als Kompensation. Denn viel zu lang musste man Kirchenglocken heimlich gießen. Viel zu lang galt nur das, was Prag und Moskau in Fünfjahresplänen verfügten.

Kosice-musikbrunnen

lunik
Zwei Welten: Altstadt von Košice und Elendsviertel Luník IX
Fotos: Joseph Gepp, privat

Seit der Kapitalismus die Rückbesinnung aufs noch Ältere erlaubte, zählt das sozialistische Erbe nichts mehr. Bürgerlich-bescheiden und mitteleuropäisch beschaulich will man heute sein. Und was bei dieser Identitätsfindung störte, das schob man ab, ans Ende der Stadt, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, nach Luník IX.

Unvermittelt taucht Luník auf, am Ende einer Gasse, die von der Perešská, der breiten südlichen Ausfallstraße, abzweigt. Zwischen großen Grünflächen stehen eine Schule, eine Kirche, eine Handvoll Plattenbauten, vernachlässigt bis zum Zerfall, wie Brandruinen. Fenster fehlen ebenso wie Türen, vor den Eingängen brennen Lagerfeuer. Von der Straße blickt man in schwarze Stiegenhäuser, weil in der Wand mannshohe Löcher klaffen. Überall liegt Müll in Schichten übereinander, auf Büschen und Bäumen wehen hängengebliebene Plastiksäcke wie tibetanische Gebetsfahnen. Und überall sitzen Menschen, auf Stufen zu Gebäuden, auf Betonschwellen, auf Balkonen und Bänken, ums Feuer und in Gruppen auf der Straße.

„Das Viertel ist weit genug weg, um es nicht ständig vor Augen zu haben“, sagt der Filmemacher Róbert Rambácek, der eine Dokumentation über Luník IX dreht. „Und doch zu nah, um es ganz zu vergessen.“

Luník IX, allein dieser Name verhöhnt alles, was Košice heute gerne wäre: Luník ist russisch, „kleiner Mond“, eine Reminiszenz an die sowjetischen Mondmissionen, zur Ehre des großen Bruders. Die Zahl bezieht sich auf acht weitere Luníks, die man zu CSSR-Zeiten wie einen Belagerungsring aus Plattenbauten um die Altstadt legte. Die verfiel währenddessen. Sie war für kommunistische Planer nicht interessant, zu bürgerlich und zu privat.

Luník IX war das schönste der namensgleichen Viertel. Hinter ihm endet die Stadt, Wald zieht sich über erste Karpatenhänge. Vorne trennen einige hundert Meter Wiese Luník IX vom gleichnamigen Nachbarn. Es ist ein Respektabstand, denn hier lebten in den 70ern Parteikader, Polizisten und Beamte – in größeren Wohnungen als in Plattenbauten üblich.

Zehn Jahre später blühte die Altstadt wieder, der historisierende Stil ihrer renovierten Straßenzüge kündete vom neuen Selbstbild. Ein Systemwechsel bahnte sich an. Wer konnte, zog ab Mitte der 80er ins Zentrum. Oder zumindest in jene Plattenbauten, die in seiner Nähe lagen.

Damals kamen erstmals Roma nach Luník IX. Vorher hatten sie im heruntergekommenen Zentrum gewohnt, ohne Fernwärme und ohne Geschäfte. Wenn nun das alte Košice auferstehen sollte, dachte die Stadtregierung, mussten die Roma weg. Per Dekret deportierte man sie ins einst gutsituierte Luník IX, wo die ethnischen Slowaken immer weniger wurden.

„Die Umsiedlung hat schlicht sein müssen“, erzählte Rudolf Schuster vor zwei Jahren dem Autor. Als kommunistischer Bürgermeister von Košice verantwortete er die Deportation, später wurde Schuster Staatspräsident der demokratischen Slowakei: „In der Altstadt ließen die Roma alles verfallen. Gott sei Dank habe ich die Sache rechtzeitig im Kommunismus erledigt. Im Vergleich zur Demokratie ging das noch ziemlich problemlos.“

Die Umsiedlung machte Luník IX einzigartig in Europa. Nicht weil die Bewohner von Košice außergewöhnlich rassistisch wären oder weil hier mehr Roma leben würden als anderswo in der Slowakei. Sondern weil nirgends auf dem Kontinent eine Ghettobildung in derartiger Systematik stattfand. Konfliktauslagerung in Reinform. Weil sich nirgends Zentrum und Armenviertel so fundamental voneinander unterscheiden wie Košice von Luník IX.

„Alle hat man sie hergebracht“, sagt der Filmemacher Róbert Rambácek. „Oder besser: Alle hat man sie reingepresst. Die ganze unterste Schicht.“

98 Prozent der Bewohner von Luník IX sind heute Roma, zwei Prozent sind „Weiße“, ethnische Slowaken. Rund 7000 Menschen verteilen sich auf 600 Wohnungen, das sind im Schnitt zwölf Personen pro Wohnung. In Wahrheit seien es oft 40, sagt Rambácek. Pizzaservices oder Taxis fahren den Stadtteil nicht an. Die Buslinie 11, die Luník IX mit der Stadt verbindet, wird vom Rest der Bevölkerung gemieden. Die Arbeitslosigkeit in Luník IX liegt bei fast 100 Prozent – 17 Bewohner haben einen Job, sie arbeiten bei der lokalen Romabürgerwehr oder bei einem Sozialprojekt, das Leihkräfte vermittelt. Wer im Rest von Košice seine Gemeindebaumiete nicht bezahlen kann, kommt nach einigen Schonfristen hierher, ins verrufene Luník IX.

Wer die Siedlung besuchen möchte, melde sich besser vorher beim Bezirkschef oder bei der Bürgerwehr an, rät Jana Ogurcáková, Redakteurin beim Regionalblatt Korzár. „Sonst kommen die Kinder scharenweise hergelaufen und reißen Rückspiegel und Antenne vom Auto.“

Die Kinder kommen trotz Voranmeldung, scharen sich um den Wagen, bestaunen die Gäste wie exotische Tiere. Die begleitende Bürgerwehr verschafft einem Respekt. Das sei keine Demokratie hier, sagt ein rauchender alter Mann auf einer Bank, das sei kein Leben. Aber schlimmer als früher sei es auch nicht. Er habe neun Kinder und zirka 50 Enkel, erzählt der Alte, er sei ungarischer Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen und Kriegsgefangener in Weißrussland, er habe die Ära des Kommunismus in der Altstadt von Košice verlebt und die Ära der Demokratie in Luník. Aber geändert habe sich nichts. Einige danebenstehende Jugendliche nicken.

Dabei entstand in zwanzig Jahren ein ganzes neues Land. Plötzlich galten Eigenverantwortung und Unternehmertum als maßgebliche Werte. Plötzlich wurde arbeitslos, wer das zu spät erkannte oder verinnerlichte. Job und Wohnung für jeden, ob fleißig oder faul, ob Roma oder Weißer, so lautete die Devise des alten Regimes. Eine bedingungslose Aufnahme in die Gesellschaft ohne individuelle Gegenleistungen, außer politischer Anpassung. Klassenlos. So war das System, das plötzlich zu existieren aufgehört hatte. Und das traf die Roma am meisten.

Košice wurde nach der Wende eine hübsche Stadt mit stolzer bürgerlicher Vergangenheit. Im Grunde geschah hier dasselbe wie im Rest der Slowakei und Osteuropas. Nur ballte man nirgends die Ausgestoßenen so radikal in einem kleinen Stadtviertel zusammen wie in Košice.

Er verstehe die Roma nicht, sagt Filmemacher Rambácek, während er durch Luník spaziert. Obwohl er schon an die 70-mal hier gedreht habe. Heizen etwa wäre in den alten Apparatschikblocks möglich. „Stattdessen reißen die Roma die Heizkörper aus den Verankerungen und verkaufen sie für einen Bettel als Altmetall. Und dann setzen sie sich ums Feuer.“ Die Talentierten würden schnellstmöglich wegziehen. In ländlichen Romaquartieren gebe es noch Kasten und soziale Hierarchien – aber was der Kommunismus ohnehin landesweit erschütterte, habe in Košice die Umsiedlung nach Luník IX vollends ausgelöscht. „Hier gibt es nur noch Chaos.“ Sozialarbeiter erklären vielfachen Müttern grundlegendste Dinge, etwa das Wickeln kleiner Kinder. Helfer passen auf, dass Jugendliche nicht zu viel Aceton schnüffeln. Aktivisten lehren dem Viertel derzeit den Umgang mit dem Euro, der seit Jänner in der Slowakei gilt.

Dass nun ein Video zeigt, wie Polizisten Kinder aus Luník IX demütigen, änderte nichts am Doppelleben in Košice. „Wir berichten kaum über Luník IX“, sagt Jana Ogurcáková von Korzár. „Was soll man auch schreiben. Es ist ja immer dasselbe.“ Die überwiegende Mehrheit der Bewohner sei noch nie in Luník gewesen. „Was sollen sie auch dort. Es ist gefährlich.“

Vergangenen Winter entsorgte eine Frau aus Luník ihren alten Fernseher per Wurf aus dem Fenster. Er traf ein Mädchen am Hinterkopf. Nur eine Notoperation konnte ihr Leben retten.

Luník IX ist das Zerrbild von Košice. Die schmutzige verdrängte Rückseite, die das frischlackierte Zentrum erst möglich machte, weil die Missliebigen dorthin abgeschoben werden konnten. Das Viertel, das man nun ignoriert, weil man sonst nichts damit anzufangen weiß. Und doch existiert es. Zwei Kilometer von der stolzen neuen Identität künden Rauchfahnen von seinem vollgedrängten Leben, seinen herausgerissenen Türstöcken, seinen viel zu vielen Menschen.

„Bei Luník IX kann sich Košice nicht selbst helfen. Es ist ein Problem der Slowakei und Europas.“ Das nimmt Bürgermeistersprecher Jaroslav Vrábel vorweg, bevor er seine Ausführungen beginnt. Auch was er später sagt, zeugt von Hilflosigkeit: Acht städtische Sozialarbeiter seien derzeit in Luník tätig. Nostandshilfen zahle man gestaffelt aus, sonst werde das ganze Geld auf einmal verjuxt. Messbare Erfolge der Politik gebe es allerdings nicht, „sie zeigen sich erst nach langer Zeit“.

War es ein Fehler, die Roma gesammelt aus der Altstadt abzuschieben? „Im Nachhinein gesehen schon“, sagt Vrábel. Aber was hätte man tun sollen? Wie hätte Košice aussehen können, wie es heute aussieht? Vrábel weiß keine Antwort. „Es gibt Konzepte der Integration“, sagt er. „Aber da muss ich die Sozialabteilung fragen.“

Tatsächlich scheitern solche Konzepte meist. Ein Drittel der rund 350.000 slowakischen Roma lebt ohnehin integriert unter den „Weißen“. Beim Rest sind die Behörden hilflos. Die Vorurteile vieler Slowaken und das Desinteresse vieler Roma ersticken den Willen Einzelner im Keim.

Sogar Luník IX wurde ursprünglich als Integrationsprojekt tituliert. Mitte der 80er bestand noch die Hälfte der Bevölkerung aus „Weißen“. Mit den Roma sollten sie eine neue Form des Zusammenlebens finden. „Aber dass das nicht funktionieren wird“, sagt Exbürgermeister Schuster, „war mir ohnehin von Anfang an klar.“

Wer Košice über die Perešská verlässt, kommt in eine Region mit vielen Minderheiten. Ungarn leben hier, die mit den Ukrainern verwandten Russinen, sogar versprengte Karpatendeutsche, die bei der Vertreibung 1945 übersehen wurden. Hinter der Stadt verschwindet der Rauchgeruch, den der Wind aus dem Ghetto auf die Straße geblasen hat. Die Hänge blühen und vor alten Bauernhöfen in Dörfern werken Bauarbeiter.

Erschienen im Falter 19/09

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa, Roma, Soziales

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