Monatsarchiv: April 2009

Eine Stadt, zwei Häuser

Seit 90 Jahren baut Wien Gemeindebauten. Zu Besuch im ersten und im letzten der Stadt

Reportage: Joseph Gepp

Das Grätzel, in dem die Vision begann, schaut heute aus, wie sich die Visionäre das damals ausmalten. Am Gürtel zwischen Matzleinsdorfer Platz und Wienfluss hat sich das Rote Wien der 20er-Jahre in Reinform verwirklicht. Burgähnliche Gemeindebauten stehen hier, karge Erker, hagere Arbeiterstatuen, Aufschriften wie „Bibliothek“ oder „Waschküche“ in alten roten Lettern. Der neue Mensch im neuen Wohnraum, den schimmlig-feuchten Zinshaushöllen der schlechten alten Tage entronnen.

Der neue Mensch ist alt geworden, er sitzt beim „Walter“, dem Grätzelwirten, und stellt sich den Herausforderungen neuer Zeiten. Friedrich Suphan, 87, ältester Bewohner des ältesten Gemeindebaus der Stadt, dem Metzleinstaler Hof. Baubeginn war 1916, als Franz Joseph starb, an der Fassade lassen ornamentierte Zierleisten noch die Monarchie klingen. Fertigstellung 1925, eine neue Ära hatte begonnen.

Der Hof wurde ein Klassiker des frühen Gemeindebaus, strotzend vor architektonisch manifestierter Ideologie und trotzdem wohnlich und komfortabel wie kein anderes Arbeiterquartier dieser Zeit.

1945 sammelte Suphan Ziegel aus den Brandruinen der Umgebung, zerrte sie in Säcken die Treppen hinauf, besserte damit die Bombenschäden seiner Wohnung aus. Davor habe die Wohnung einem Kommunisten gehört, sagt er, er floh vor den Nazis nach Russland und kehrte nie wieder. „Sie war teuer eingerichtet, als ich kam. Aber ich habe alles ausgeräumt. Ich wollte mein Glück nicht auf der Not anderer aufbauen.“ Früher hätten vornehmlich Beamte hier gewohnt, sagt er, eine gute Nachbarschaft war das, nicht wie heute. „Heute leben Ausländer hier, die Lärm machen und den Müll vor den Müllraum schmeißen, wenn sie gerade keinen Schlüssel dabeihaben“. Nicht alle, aber viele, fügt er hinzu, die „Jugoslawen“ seien vorbildlich, aber die Türken, die Türken, immer die Türken.

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Metzleinstalerhof und Rößlergasse
Fotos von Katharina Gossow

Wie eine Burg wirkt der Bau, drinnen im Hof ist es ruhig und sauber. In einer Ecke des Areals gibt es einen Greißler, betrieben von einer Zuwandererfamilie, hinter der Theke liegen Gazi-Käse, Grammeln, Krakauer, slowenische Fleischpastete. Es ist ein Geschäft alten Stils, wo die Verkäuferin weiß, was ihre Stammkunden brauchen, und sehschwachen Pensionisten auf Vertrauen das Kleingeld aus der Börse klaubt. Die von Herrn Suphan verorteten Konflikte, denkt man, müssen ziemlich unterschwellig stattfinden.

Der Metzleinstaler Hof war der Beginn eines riesigen Gesellschaftsexperiments. Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum etwas im 20. Jahrhundert. Geboren aus der desaströsen Wohnsituation der Monarchie, vorangetrieben durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs, wurde der Wohnbau Lieblingsprojekt der starken Wiener Sozialdemokratie, ihr Stolz und Selbstverständnis. Wohnen als „weltweit einzigartige Erfolgsgeschichte“, wie die SPÖ-Wien in einer aktuellen Aussendung wieder einmal bekanntgibt. Wiener Wohnen ist heute die größte Hausverwaltung Europas.

2000 Gemeindebauten stehen in der Stadt, eine halbe Million Menschen wohnt darin. Formell endete ihre Ära allerdings vor fünf Jahren. Denn seitdem setzt die Stadt nur noch auf Genossenschaftsmodelle und Kooperation mit privaten Wohnbaugesellschaften. Sozialer Wohnbau geht auf diese Art zwar weiter, klassische Gemeindebauten jedoch sind Geschichte. Und sie endet in Liesing, unweit des Wohnparks Alterlaa, im letzten Gemeindebau der Stadt.

Die Rößlergasse 15 hat keinen Burghof, keine Lettern. 2004 wurde sie fertiggestellt, ein L-Trakt umschließt zwei würfelförmige Häuser, dottergelb und mausgrau. Die Bauweise ist offen, man blickt auf Vorstadthäuser. Hinter breiten Fensterscheiben picken die Basteleien von Kindern und auf breiten Balkonen stehen Mountainbikes.

Arnold Perrotta ist überrascht, dass er im letzten Gemeindebau der Stadt lebt. „Die Anbindung ist perfekt, die Lage ruhig“, sagt er. Seit Anbeginn wohnt der Familienvater hier, er komme aus Rudolfsheim-Fünfhaus, aber „kein Vergleich“. Sogar die Miete ist besser, „monatlich 435 Euro sind wirklich kulant“.

Natürlich gebe es Nachteile, etwa ein Krisenzentrum für verhaltensauffällige Jugendliche im Bau, „die Jungen randalieren oft im Hof, es ist ja nicht umsonst ein Krisenzentrum“. Die Gemeinde habe „ein bisschen geschwindelt, sie hat uns erzählt, hier würde eine Behindertenwerkstatt reinkommen“. Und einen Hausmeister wünscht sich Perrotta auch, „der würde auf sowas schon achten“.

Es ist keine Abgeschlossenheit, keine politische Ideologie, die sich in der Rößlergasse manifestiert. Die Zeiten sind vorbei. Jetzt will die Politik klimaschonende Isolierung, wollen die Menschen Pendlerqualitäten zwischen Autoparkplatz und U-Bahn. Das ist die Vision von heute.

Erschienen im Falter 18/09

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtgeschichte, Stadtplanung

STADTRAND – Der Neoliberale spielt am Klo Fußball

Geschenke helfen nichts, sagt der (Neo-)Liberale, man muss die Menschen mit Anreizen und kleinen Belohnungen zu Ordnung und Eigenverantwortung erziehen. In den Niederungen der Praxis zeigt sich das zum Beispiel am Klo. In Autobahnraststätten, billigen Großrestaurants und anderen Massenabfertigungsinstituten schraubt man neuerdings – gefinkelt! – kleine Fußballtore samt an Fäden baumelnden Bällen in Pissoirbecken. Das bedient den Spieltrieb und hält das Klo sauber. Denn der Ehrgeizige drückt den Ball eine Pisslänge lang ins Tornetz und hinterlässt dementsprechend auch keine Spuren, wo sie nicht hingehören. Der Klogänger hat den Erfolg, der Tankstellenwart die Sauberkeit. Und der Vergleich zeigt: Gemeinhin ist das Fußballpissoir tatsächlich sauberer als sein ordinäres Pendant, das ohne Anreiz sozial verträgliches Sanitärverhalten einfordert. Das ist traurig. Ein tiefüberzeugter Zyniker muss es sich ausgedacht haben. Er ist jetzt sicher reich geworden. Und fordert niedrigere Steuern. Für Millionen pissgelber kleiner Fußballtore.

Erschienen im Falter 17/09

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtrand

Vollzeit am Berg

Die Kleingartensiedlung Hackenberg in Döbling soll umgewidmet werden. Bei vielen Bewohnern stößt das auf erbitterten Widerstand

Bericht: Joseph Gepp

Gartenzwerge, sorgsam gestutzte Hecken und die sanft geschwungenen Weinberge der Wienerwaldhügel im Hintergrund. So sieht der derzeit größte Umwidmungskonflikt in Österreich aus.

Sievering, Krottenbachstraße. Der Hackenberg umfasst 66 Hektar, das entspricht zwei Dritteln der Josefstadt. 474 Menschen pflegen hier ihre Schrebergartenhäuschen. Zumindest bisher.

Denn nun soll ein ganz normales Wohngebiet aus dem Hackenberg werden. Statt „Kleingarten“ soll die Widmung auf „ganzjährig wohnen“ lauten. Das befürworten schwarze Bezirks- wie rote Stadtregierung. Und auch rund die Hälfte der Bewohner stimmt zu. Für sie bedeutet die Umwidmung eine enorme Wertsteigerung.

Umso vehementer bekämpfen sie Anrainer und die zweite Hälfte der Hackenberger. Denn „ganzjährig wohnen“ ginge mit einem Verbau der Schrebergartenparzellen und veränderter Infrastruktur einher: Parkmöglichkeiten, breite Straßen, Schulklassen und Kindergartenplätze – bei einer Kleingartensiedlung muss das nicht sein, bei regulärem Wohngebiet schon.

Der Streit schwelt seit Jahren. Nun haben ÖVP-Bezirkschef Adolf Tiller und die Stadtplaner der MA 21 beschlossen, den Plan durchzuziehen. Kommende Woche soll die Umwidmung im Gemeinderat beschlossen werden. Die Bewohner stimmten vorher ab: Eine dünne Mehrheit von 245 zu 201 Stimmen befürwortete die Widmung.

Kritiker toben und sprechen von einem „getürkten Ergebnis“. Nur ein Teil der Grundbesitzer habe überhaupt einen Fragebogen bekommen, behaupten sie. Die öffentliche Einsehfrist des Plans sei zudem „zur Unzeit der herannahenden Weihnachtsfeiertage“ aufgelegen. Von Korruption ist die Rede, von Spekulantentum, von städtischen Politikern, die auf diese Art den Wert eigener Liegenschaften am Hackenberg in die Höhe treiben wollen.

Dass die Folgen für den Naturraum Döblings zum Problem werden könnte, scheint auch die Gemeinde zu wissen. Zumindest deuten einige – vom Rathaus in Auftrag gegebene – Gutachten darauf hin, die dem Falter vorliegen. So warnt ein Raumplanungsbericht von 2005, dass „aufgrund des steigenden Grundstückswerts mit einer (…) Verdichtung der Parzellenstrukturen“ zu rechnen sei. Das maximale Verdichtungspotenzial am Berg sei 16-mal so hoch wie jetzige Bauflächen und Parzellendichte. Das heißt: Man fürchtet, dass auf Kosten der Grünflächen Wohnhäuser errichtet werden könnten.

Ähnlich argumentiert der Fachbeirat für Stadtgestaltung: Die Umwidmung sei „im Hinblick auf Topografie, Erschließung, Stellplatzangebot und Angebot der Infrastruktur als problematisch anzusehen“. Eine andere Expertise von 2006 hebt in Fettschrift das „hohe Potenzial als Erholungsraum“ und die „Eigenart dieser Kulturlandschaft“ hervor. Und selbst die MA 21 für Stadtentwicklung schreibt in ihrem Antragsentwurf für die Umwidmung von der „Bedeutung des Hackenbergs für Naturraum“, deretwegen man die „Widmung eingehend prüfen“ müsse.

Zeitungen wie Krone oder Kurier berichten schon lange über den Streit, Gutachter warnen vor Umweltgefahren – warum also bestehen Bezirk und Gemeinde, sonst sorgsam auf gute Stimmung bedacht, auf die Umwidmung? „Die Mehrheit ist dafür“, sagt ÖVP-Bezirkschef Adolf Tiller. „Und Gegner muss man in einer Demokratie halt aushalten.“ Auf die Umwelt werde geachtet, verspricht er, die Zahl der Parkplätze sei beschränkt und von kleinen Parzellen dürften nur 20 Prozent verbaut werden.

Der Opposition dagegen nutzt die schlechte Stimmung. „Eine Kleingartensiedlung wird per Federstrich in eine Wohnhausanlage verwandelt“, sagt Ute Meyer von der Döblinger FPÖ. „Bei aller Wertsteigerung – dieses Naherholungsgebiet sollte erhalten bleiben.“ Und auch die grüne Planungssprecherin Sabine Gretner beklagt die „Zerstörung eines schützenswerten Gebiets“. In Wien gebe es viele Kleingartensiedlungen. „Der Hackenberg wird zum bedenklichen Präzedenzfall.“

Erschienen im Falter 17/09

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Behörden, Das Rote Wien, Stadtplanung, Wien

Mogulpackung – Der nette Herr Graf und die Jungschreiber

Chilli.cc, nunmehr von der Presse gesponsertes Online-Jugendmagazin, hat Ärger mit dem Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf. Der wollte wegen einer rufschädigenden Satire klagen. Und weil das für die jungen Chillianer existenzgefährdend gewesen wäre, stimmten sie zähneknirschend einem Ausgleich zu: 500 Euro Strafe und unentgeltliche FPÖ-Werbeeinschaltungen. Jetzt triumphiert Graf in seinem Weblog wie ein Bursche, der eine Rauferei gewonnen hat. „Das wird meine Freunde vom Ring Freiheitlicher Studenten freuen. Werbung, wo Studenten sich aufhalten. Chilli.cc macht’s für eine Fraktion mit kleinem Budget möglich.“ Entspricht das eigentlich dem Burschenschafts-Ehrenkodex?

Erschienen im Falter 16/09

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Eingeordnet unter Medien

Shiva, Abba, Ebola: Fragen über Fragen

Können Sie folgende Fragen beantworten, ohne nachzuschlagen? Wenn ja, dann sollten Sie möglichst rasch an einem Pubquiz teilnehmen – und Geld oder Gutscheine gewinnen. Diese Frageliste stammt von einem kürzlich durchgeführten Pubquiz im Molly Darcy’s nahe dem Burgtheater.

1) Anhand Bilder, die den Gästen gezeigt werden, müssen folgende Göttinnen und Götter identifiziert werden: Venus, Thor, Isis, Buddha, Apollo, Shiva, Odin, Nike, Tara

2) Wofür steht „CSI“ in der gleichnamigen berühmten Fernsehserie?

3) Welcher Baum ziert die Fahne des Libanon?

4) Welcher Gegenstand befindet sich im Logo von Amnesty International hinter dem Stacheldraht?

5) Welches Lebensmittel findet man im Namen eines Welthits aus dem Jahr 2002, im Namen eines Tanzes und im Namen einer Band?

6) Ist die folgende Aussage richtig oder falsch: Viagra ist koscher in Israel?

7) Wie wurde die Band Abba in der Sowjetunion für ihre verkauften Platten entlohnt?

8) Unter welchem Namen kennt man Gerhard Friedle?

9) Von welcher erschlagenen Frau, die auch im Versace-Logo aufscheint, stammt Pegasus, das fliegende Pferd?

10) Was sind laut der Zeitschrift „Fortune“ die beiden beliebtesten Spielsachen aller Zeiten?

11) Welches berühmte europäische Gebäude lautet in der arabischen Übersetzung „Das Rote“?

12) Welche italienische Stadt teilt ihren Namen mit einem weltberühmten Brettspiel?

13) Umberto Eco hat 2007 darüber geschrieben, die Sugababes 2005 darüber eine Single produziert. Was ist es?

14) Nenne fünf Länder die auf die Buchstaben „o“ enden!

15) Das gesuchte Wort steht für eine amerikanisch-kanadische Koproduktion, die 2007 den Oscar für das beste Drehbuch bekam. Es steht auch für die altrömische Schutzgöttin. Welches Wort suchen wir?

16) Welche Stadt wird gesucht? Der Namen der Stadt, die heuer den 100. Geburtstag feiert, bedeutet „Hügel des Frühlings“. Der Ben-Gurion-Flughafen liegt dort. In der Liste der teuersten Städte der Welt liegt sie auf Platz 14. Bar Refaeli und Dana International wurden hier geboren.

17) Welcher tödliche Virus, der dem Ebola-Virus ähnlich ist, wurde nach einer deutschen Stadt benannt? In welchem Jahr wurden die ersten Krankheitsfälle dieses Virus in Europa dokumentiert?

18) Welche italienische Stadt wurde kürzlich von einem schweren Erdbeben erschüttert?

19) Welche zwei Staaten sind seit kurzem Mitglieder der Nato?

20) Drei Beatles-Songs müssen vom Publikum durch Vorspielen identifiziert werden. Es sind „Hey Bulldog“, „Rocky Racoon“ und „Octopus’s Garden“. Was haben diese drei Lieder gemeinsam?


ANTWORTEN:

2) Crime Scene Investigation 3) Eine Zeder 4) Eine Kerze
5) Ketchup, Las Ketchup und „The Ketchup Song“ 6) Richtig 7) Man entlohnte sie wegen des Rubelembargos in Ölprodukten 8) DJ Ötzi 9) Von Medusa 10) Barbie und Hula-Hoop 11) Die Alhambra im spanischen Granada 12) Monopoli 13) Die Hässlichkeit 14) Etwa: Kongo, Mexiko, Trinidad und Tobago, Lesotho, Togo, San Marino
15) Juno 16) Tel Aviv 17) Marburg, 1967 18) L’Aquila 19) Albanien und Kroatien 20) Sie tragen Tiernamen im Titel

Zusammenstellung: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 15/09

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Eingeordnet unter Allgemein, Kurioses, Stadtleben

Hinter acht Monden

In der hübschen ostslowakischen Stadt Košice liegt ein Roma-Ghetto, wie es in solcher Reinform kein zweites in Europa gibt. Die Geschichte einer Verdrängung

Reportage: Joseph Gepp/Košice

Die erste Szene zeigt einen Polizeihund. Er kläfft in eine Ecke, wo sich verängstigte Kinder zusammendrängen. Die zweite Szene, dieselben Kinder. Sie ohrfeigen sich auf Befehl, mit aller Kraft, immer wieder. Die dritte Einstellung zeigt die Kinder im Stiegenhaus der Polizeistation. Auf Geheiß der Beamten ziehen sie sich nackt aus, dann zoomt die Kamera auf ihre Geschlechtsteile.

Es ist nicht Abu Ghraib oder Guantanamo, wo diese Aufnahmen entstanden, kein weit entferntes Krisengebiet. Es ist die ruhige Ostslowakei, früher einmal österreichische Monarchie, heute Europäische Union.

Der Film zeigt Polizisten, die Anfang März sechs Roma-Kinder misshandelten. Eine Handykamera lief mit, wie das bei sadistischen Exzessen oft der Fall ist. Als das Band vor einem Monat an die Tageszeitung Sme gelangte, sprachen Beobachter kurz von einem internationalen Skandal. Die Polizisten wurden suspendiert. Aber schon kurz darauf verschwand die Ostslowakei wieder von der europäischen Landkarte. Und mit ihr verschwand Košice, die unbekannte Stadt mit 300.000 Einwohnern, 97 Kilometer von der Ukraine entfernt und von Wien so weit wie Innsbruck.

Dabei zeigt sich ausgerechnet hier, wie sehr Brüssels Erzählung vom erweiterten Europa auf dem Weg zu Wohlstand und Freiheit von der Realität abweicht. Hier zeigt sich, wie schwer die Geschichte auf jahrzehntelang kommunistischen Ländern lastet. Und wie sehr man diese Geschichte aus Hilflosigkeit verdrängt.

Die Geschichte dieses anderen Europas, man könnte sie mit der sogenannten Schaukirchenglocke auf dem Hauptplatz von Košice beginnen. Sie entstand vor dem Fall des Kommunismus, als Kirchenglockenproduktion noch als Schädigung am Volkseigentum galt. Also goss man sie illegal, während der Nachtschicht, zwischen den Schienensträngen und Maschinenteilen des riesigen Kombinats der ostslowakischen Eisenwerke.

Die Glocke war nur der erste Schritt einer fundamentalen Veränderung. Denn seit der Wende 1989 wird alles hervorgekehrt, was bürgerlich und althergebracht wirkt. Auf nachgebauten Mistkübeln altösterreichischen Stils prangt das Stadtwappen von Košice, Kopfsteinpflaster formt geometrische Muster auf dem Boulevard, und durch Torbögen leuchten frischlackierte Stiegengeländer im Stil von vor 150 Jahren.

Košice strotzt vor nachgebauter Historie, wie als Kompensation. Denn viel zu lang musste man Kirchenglocken heimlich gießen. Viel zu lang galt nur das, was Prag und Moskau in Fünfjahresplänen verfügten.

Kosice-musikbrunnen

lunik
Zwei Welten: Altstadt von Košice und Elendsviertel Luník IX
Fotos: Joseph Gepp, privat

Seit der Kapitalismus die Rückbesinnung aufs noch Ältere erlaubte, zählt das sozialistische Erbe nichts mehr. Bürgerlich-bescheiden und mitteleuropäisch beschaulich will man heute sein. Und was bei dieser Identitätsfindung störte, das schob man ab, ans Ende der Stadt, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, nach Luník IX.

Unvermittelt taucht Luník auf, am Ende einer Gasse, die von der Perešská, der breiten südlichen Ausfallstraße, abzweigt. Zwischen großen Grünflächen stehen eine Schule, eine Kirche, eine Handvoll Plattenbauten, vernachlässigt bis zum Zerfall, wie Brandruinen. Fenster fehlen ebenso wie Türen, vor den Eingängen brennen Lagerfeuer. Von der Straße blickt man in schwarze Stiegenhäuser, weil in der Wand mannshohe Löcher klaffen. Überall liegt Müll in Schichten übereinander, auf Büschen und Bäumen wehen hängengebliebene Plastiksäcke wie tibetanische Gebetsfahnen. Und überall sitzen Menschen, auf Stufen zu Gebäuden, auf Betonschwellen, auf Balkonen und Bänken, ums Feuer und in Gruppen auf der Straße.

„Das Viertel ist weit genug weg, um es nicht ständig vor Augen zu haben“, sagt der Filmemacher Róbert Rambácek, der eine Dokumentation über Luník IX dreht. „Und doch zu nah, um es ganz zu vergessen.“

Luník IX, allein dieser Name verhöhnt alles, was Košice heute gerne wäre: Luník ist russisch, „kleiner Mond“, eine Reminiszenz an die sowjetischen Mondmissionen, zur Ehre des großen Bruders. Die Zahl bezieht sich auf acht weitere Luníks, die man zu CSSR-Zeiten wie einen Belagerungsring aus Plattenbauten um die Altstadt legte. Die verfiel währenddessen. Sie war für kommunistische Planer nicht interessant, zu bürgerlich und zu privat.

Luník IX war das schönste der namensgleichen Viertel. Hinter ihm endet die Stadt, Wald zieht sich über erste Karpatenhänge. Vorne trennen einige hundert Meter Wiese Luník IX vom gleichnamigen Nachbarn. Es ist ein Respektabstand, denn hier lebten in den 70ern Parteikader, Polizisten und Beamte – in größeren Wohnungen als in Plattenbauten üblich.

Zehn Jahre später blühte die Altstadt wieder, der historisierende Stil ihrer renovierten Straßenzüge kündete vom neuen Selbstbild. Ein Systemwechsel bahnte sich an. Wer konnte, zog ab Mitte der 80er ins Zentrum. Oder zumindest in jene Plattenbauten, die in seiner Nähe lagen.

Damals kamen erstmals Roma nach Luník IX. Vorher hatten sie im heruntergekommenen Zentrum gewohnt, ohne Fernwärme und ohne Geschäfte. Wenn nun das alte Košice auferstehen sollte, dachte die Stadtregierung, mussten die Roma weg. Per Dekret deportierte man sie ins einst gutsituierte Luník IX, wo die ethnischen Slowaken immer weniger wurden.

„Die Umsiedlung hat schlicht sein müssen“, erzählte Rudolf Schuster vor zwei Jahren dem Autor. Als kommunistischer Bürgermeister von Košice verantwortete er die Deportation, später wurde Schuster Staatspräsident der demokratischen Slowakei: „In der Altstadt ließen die Roma alles verfallen. Gott sei Dank habe ich die Sache rechtzeitig im Kommunismus erledigt. Im Vergleich zur Demokratie ging das noch ziemlich problemlos.“

Die Umsiedlung machte Luník IX einzigartig in Europa. Nicht weil die Bewohner von Košice außergewöhnlich rassistisch wären oder weil hier mehr Roma leben würden als anderswo in der Slowakei. Sondern weil nirgends auf dem Kontinent eine Ghettobildung in derartiger Systematik stattfand. Konfliktauslagerung in Reinform. Weil sich nirgends Zentrum und Armenviertel so fundamental voneinander unterscheiden wie Košice von Luník IX.

„Alle hat man sie hergebracht“, sagt der Filmemacher Róbert Rambácek. „Oder besser: Alle hat man sie reingepresst. Die ganze unterste Schicht.“

98 Prozent der Bewohner von Luník IX sind heute Roma, zwei Prozent sind „Weiße“, ethnische Slowaken. Rund 7000 Menschen verteilen sich auf 600 Wohnungen, das sind im Schnitt zwölf Personen pro Wohnung. In Wahrheit seien es oft 40, sagt Rambácek. Pizzaservices oder Taxis fahren den Stadtteil nicht an. Die Buslinie 11, die Luník IX mit der Stadt verbindet, wird vom Rest der Bevölkerung gemieden. Die Arbeitslosigkeit in Luník IX liegt bei fast 100 Prozent – 17 Bewohner haben einen Job, sie arbeiten bei der lokalen Romabürgerwehr oder bei einem Sozialprojekt, das Leihkräfte vermittelt. Wer im Rest von Košice seine Gemeindebaumiete nicht bezahlen kann, kommt nach einigen Schonfristen hierher, ins verrufene Luník IX.

Wer die Siedlung besuchen möchte, melde sich besser vorher beim Bezirkschef oder bei der Bürgerwehr an, rät Jana Ogurcáková, Redakteurin beim Regionalblatt Korzár. „Sonst kommen die Kinder scharenweise hergelaufen und reißen Rückspiegel und Antenne vom Auto.“

Die Kinder kommen trotz Voranmeldung, scharen sich um den Wagen, bestaunen die Gäste wie exotische Tiere. Die begleitende Bürgerwehr verschafft einem Respekt. Das sei keine Demokratie hier, sagt ein rauchender alter Mann auf einer Bank, das sei kein Leben. Aber schlimmer als früher sei es auch nicht. Er habe neun Kinder und zirka 50 Enkel, erzählt der Alte, er sei ungarischer Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen und Kriegsgefangener in Weißrussland, er habe die Ära des Kommunismus in der Altstadt von Košice verlebt und die Ära der Demokratie in Luník. Aber geändert habe sich nichts. Einige danebenstehende Jugendliche nicken.

Dabei entstand in zwanzig Jahren ein ganzes neues Land. Plötzlich galten Eigenverantwortung und Unternehmertum als maßgebliche Werte. Plötzlich wurde arbeitslos, wer das zu spät erkannte oder verinnerlichte. Job und Wohnung für jeden, ob fleißig oder faul, ob Roma oder Weißer, so lautete die Devise des alten Regimes. Eine bedingungslose Aufnahme in die Gesellschaft ohne individuelle Gegenleistungen, außer politischer Anpassung. Klassenlos. So war das System, das plötzlich zu existieren aufgehört hatte. Und das traf die Roma am meisten.

Košice wurde nach der Wende eine hübsche Stadt mit stolzer bürgerlicher Vergangenheit. Im Grunde geschah hier dasselbe wie im Rest der Slowakei und Osteuropas. Nur ballte man nirgends die Ausgestoßenen so radikal in einem kleinen Stadtviertel zusammen wie in Košice.

Er verstehe die Roma nicht, sagt Filmemacher Rambácek, während er durch Luník spaziert. Obwohl er schon an die 70-mal hier gedreht habe. Heizen etwa wäre in den alten Apparatschikblocks möglich. „Stattdessen reißen die Roma die Heizkörper aus den Verankerungen und verkaufen sie für einen Bettel als Altmetall. Und dann setzen sie sich ums Feuer.“ Die Talentierten würden schnellstmöglich wegziehen. In ländlichen Romaquartieren gebe es noch Kasten und soziale Hierarchien – aber was der Kommunismus ohnehin landesweit erschütterte, habe in Košice die Umsiedlung nach Luník IX vollends ausgelöscht. „Hier gibt es nur noch Chaos.“ Sozialarbeiter erklären vielfachen Müttern grundlegendste Dinge, etwa das Wickeln kleiner Kinder. Helfer passen auf, dass Jugendliche nicht zu viel Aceton schnüffeln. Aktivisten lehren dem Viertel derzeit den Umgang mit dem Euro, der seit Jänner in der Slowakei gilt.

Dass nun ein Video zeigt, wie Polizisten Kinder aus Luník IX demütigen, änderte nichts am Doppelleben in Košice. „Wir berichten kaum über Luník IX“, sagt Jana Ogurcáková von Korzár. „Was soll man auch schreiben. Es ist ja immer dasselbe.“ Die überwiegende Mehrheit der Bewohner sei noch nie in Luník gewesen. „Was sollen sie auch dort. Es ist gefährlich.“

Vergangenen Winter entsorgte eine Frau aus Luník ihren alten Fernseher per Wurf aus dem Fenster. Er traf ein Mädchen am Hinterkopf. Nur eine Notoperation konnte ihr Leben retten.

Luník IX ist das Zerrbild von Košice. Die schmutzige verdrängte Rückseite, die das frischlackierte Zentrum erst möglich machte, weil die Missliebigen dorthin abgeschoben werden konnten. Das Viertel, das man nun ignoriert, weil man sonst nichts damit anzufangen weiß. Und doch existiert es. Zwei Kilometer von der stolzen neuen Identität künden Rauchfahnen von seinem vollgedrängten Leben, seinen herausgerissenen Türstöcken, seinen viel zu vielen Menschen.

„Bei Luník IX kann sich Košice nicht selbst helfen. Es ist ein Problem der Slowakei und Europas.“ Das nimmt Bürgermeistersprecher Jaroslav Vrábel vorweg, bevor er seine Ausführungen beginnt. Auch was er später sagt, zeugt von Hilflosigkeit: Acht städtische Sozialarbeiter seien derzeit in Luník tätig. Nostandshilfen zahle man gestaffelt aus, sonst werde das ganze Geld auf einmal verjuxt. Messbare Erfolge der Politik gebe es allerdings nicht, „sie zeigen sich erst nach langer Zeit“.

War es ein Fehler, die Roma gesammelt aus der Altstadt abzuschieben? „Im Nachhinein gesehen schon“, sagt Vrábel. Aber was hätte man tun sollen? Wie hätte Košice aussehen können, wie es heute aussieht? Vrábel weiß keine Antwort. „Es gibt Konzepte der Integration“, sagt er. „Aber da muss ich die Sozialabteilung fragen.“

Tatsächlich scheitern solche Konzepte meist. Ein Drittel der rund 350.000 slowakischen Roma lebt ohnehin integriert unter den „Weißen“. Beim Rest sind die Behörden hilflos. Die Vorurteile vieler Slowaken und das Desinteresse vieler Roma ersticken den Willen Einzelner im Keim.

Sogar Luník IX wurde ursprünglich als Integrationsprojekt tituliert. Mitte der 80er bestand noch die Hälfte der Bevölkerung aus „Weißen“. Mit den Roma sollten sie eine neue Form des Zusammenlebens finden. „Aber dass das nicht funktionieren wird“, sagt Exbürgermeister Schuster, „war mir ohnehin von Anfang an klar.“

Wer Košice über die Perešská verlässt, kommt in eine Region mit vielen Minderheiten. Ungarn leben hier, die mit den Ukrainern verwandten Russinen, sogar versprengte Karpatendeutsche, die bei der Vertreibung 1945 übersehen wurden. Hinter der Stadt verschwindet der Rauchgeruch, den der Wind aus dem Ghetto auf die Straße geblasen hat. Die Hänge blühen und vor alten Bauernhöfen in Dörfern werken Bauarbeiter.

Erschienen im Falter 19/09

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa, Roma, Soziales

Kurz besprochen

Ob ein Leben spannend ist oder nicht, hängt nicht von seinem Verlauf ab. Sondern von seiner Darstellung. Das weiß jeder, der Harald Martenstein liest. Allwöchentlich schreibt der Mainzer Journalist und Romancier eine Kolumne im Zeit-Magazin, sie gilt als eine der besten im deutschen Sprachraum. Jetzt fasst „Der Titel ist die halbe Miete“ die gelungensten dieser Stücke zusammen.

„Mehrere Versuche über die Welt von heute“, lautet der Untertitel, aber es sind keine Versuche: Es sind Bravourstücke. Was der Kolumnist Harald Martenstein anfasst, wird zu Gold, so pointiert, so witzig, so herrlich über- oder untertrieben ist es. Wenn er Gott und den Teufel ins Rennen um Google-Treffer schickt, wenn er ein System in der Abfolge der Liebesbeziehungen von Carla Bruni in deren präpräsidentialer Phase sucht oder wenn er über seinen groß gewordenen Sohn räsoniert, der vom Erasmus-Jahr in Australien zurückgekehrt ist und jetzt chillt.

Martenstein ordnet scheinbare Banalitäten in den Kontext der Lebens- und Gedankenwelt unserer Zeit ein, er deutet sie um, wortgewaltig und lakonisch. Und umreißt damit diese Welt der 1000 Informationen und Kommunikationen. Was fast niemandem in deutschsprachigen Medien so brillant gelingt wie ihm.

Harald Martenstein, Der Titel ist die halbe Miete. C. Bertelsmann, 176 S., € 16,50

Erschienen im Falter 19/09

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Eingeordnet unter Bücher, Medien

Böses Blut

Verhaftungen, Geständnisse, Tränen. Lange blieb das Thema Doping unbeachtet. Jetzt erschüttert es den Spitzensport. Die Chronologie eines Staatsversagens.

Reportage: Joseph Gepp, Christoph Heshmatpour,Gerd Millmann, Daniel Nutz, Johann Skocek

Da sitzt er nun und redet. Er hebt eine Augenbraue, skeptisch, fast schüchtern, er duckt sich weg vor blendenden Blitzlichtern. Das ist nicht mehr die Öffentlichkeit, die er kannte, damals, nach seinem Sieg. Er wurde verehrt und verdammt, er war ein Held und Betrüger, er hat gejubelt und geweint. Nur geredet hat er nie.

Bernhard Kohl, 27, ein junger Mann aus Wolkersdorf im Weinviertel, Rauchfangkehrerlehrling, Radprofi. Vergangenes Jahr fuhr er als Dritter der Tour de France den größten Erfolg der österreichischen Radsportgeschichte ein. Drei Monate später gestand er, von positiven Kontrollen in die Enge getrieben, seinen Dopingmissbrauch. Er weinte dabei. Titel und Ruhm waren so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen waren. Bernhard Kohl ist zur Chiffre geworden, zum Anlass und Symbol dafür, dass bei Doping in Österreich etwas in Bewegung geraten ist.

Vorvergangenen Dienstagabend gibt er erneut eine Pressekonferenz. Diesmal geht es um Hintermänner und dopende Sportlerkollegen. Namen zu nennen hat Kohl stets verweigert und dadurch das Interesse am Thema Doping erst recht angeheizt.

Jetzt blickt er immer fragend zu seinem Anwalt. Man wachse von Beginn an in diese Szene hinein, rechtfertigt er sich leise. Er habe sich am Kauf einer Blutzentrifuge beteiligt, erzählt er, mit anderen Sportlern. 20.000 Euro habe sein Anteil am Eigenblutdoping im Einfamilienhaus betragen. Und dann nennt er den Mann, der all das organisiert haben soll: Stefan Matschiner, 33, seinen ehemaligen Manager.

13 Stunden früher. Im oberösterreichischen Laakirchen sitzt Matschiner gerade am Frühstückstisch, als die Polizei eintritt. Zehn Mann, Sonderkommission Doping. Zwei bewachen ihn, der Rest durchsucht das Haus. Dann führen sie ihn ab.

Als Kohl im Café Landtmann spricht, sitzt Matschiner schon in Untersuchungshaft, teilt dort für eine Nacht die Zelle mit dem Bankier Julius Meinl. Die Triathletin Lisa Hütthaler hat den Sportmanager drei Tage zuvor in einem Kurier-Interview belastet, Kohl tut es jetzt auch, obwohl er bisher immer das Gegenteil behauptet hat. Sie beide wollen Kunden bei Matschiner gewesen sein. Mit Epo, Wachstumshormonen, Insulin und Testosteron sei dort gehandelt worden. Um tausende Euro, im improvisierten Heimlabor, mit Decknamen auf Blutbeuteln und Medikamentenschächtelchen.

Und es soll noch mehr Kunden gegeben haben, sagt Kohl. Der Sonderkommission habe er die Namen bereits genannt.

Tag für Tag ein Doping-Fall

Österreich, dieser Tage. Ein Dopinggeständnis ergibt eine Verhaftung, auf sie folgen wiederum Geständnisse. So kommen derzeit laufend Fakten ans Licht, die bislang nur als Gerüchte existierten. Es fallen Namen, die auszusprechen bislang eine Unterstellung gewesen wäre. Es offenbaren sich Zusammenhänge, die bislang vage Verdachtsmomente plötzlich erdrückend konkret machen.

Jetzt spricht das ganze Land vom „Netzwerk“, vom „Doperparadies“, von der „Mafia-Organisation“ im Hintergrund. Zwölf Leute soll der innerste Kern der Dopingclique umfassen, besagen Gerüchte, von denen man derzeit recht viele hört.

Wie Schneebretter, die eine Lawine auslösen, reißt nun eine Information die nächste mit sich.

Dopingtafel2
Zur Kontrolle

Den ersten Impuls gab der Druck des Auslands. Als eine Putzfrau bei den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City 2002 im österreichischen Quartier Blutbeutel und Spritzen fand; als der Langlauftrainer Walter Mayer nach einer Razzia bei den Spielen von Turin 2006 betrunken und mit Selbstmordabsicht in eine Kärntner Verkehrskontrolle raste; als das Gerücht aufkam, dass Experten für DDR-Staatsdoping seit dem Mauerfall ihre Kenntnisse in Österreich verbreiten – da schwante es den kanadischen Weltdopingkontrolloren, den Schweizer Olympiamanagern, den deutschen Journalisten: Etwas stimmt nicht im Staat Österreich. Sie belegten Sportler mit Berufssperren, sie zwangen den mächtigen Österreichischen Skiverband zur Geldbuße und Rechtfertigung, sie nahmen das mysteriöse Blutlabor Humanplasma in Wien-Alsergrund ins Visier. Und eine Debatte kam in Gang.

Danach, wie ein zweites Schneebrett, folgten österreichische Medien. Engagierte Schreiber vom Kurier, von den Oberösterreichischen Nachrichten, von der Tiroler Tageszeitung thematisierten die Vorwürfe. Sie arbeiteten hart gegen mächtige Sportverbände, die viel zu verlieren haben. Und gegen eigene Kollegen, die ihre Jubelmeldung zur patriotischen Bürgerpflicht erklärt haben. Die Debatte weitete sich aus, reicherte sich an, wurde konkret.

Zuletzt, als das Gebälk schon knarrte, kamen die Behörden ins Spiel. Gesetze wurden verschärft. Die neu gegründete Nationale Antidopingagentur Nada, die unabhängig von Sportverbänden agiert, ersetzte 2008 ihren zahnlosen Vorgänger, das Österreichische Anti-Doping-Comité. SPÖ-Sportminister Norbert Darabos gilt – im Gegensatz zu seinem ÖVP-Vorgänger Reinhold Lopatka – als Falke, was Doping betrifft. Er fordert Haftstrafen, nicht nur für den Handel, sondern auch für den Konsum von verbotenen Leistungssteigerungssubstanzen.

Die Konsequenzen dieses Wandels zeigen sich im Aufwand für Dopingjagd und im Diskurs darüber: Doping betreute früher bundesweit ein einziger Polizist, der zusätzlich noch das Feld Umweltkriminalität abdecken musste. Heute ermittelt eine zehnköpfige Sonderkommission.

Bei Sportfans und Behörden gilt es jetzt nicht mehr als geduldetes Kavaliersdelikt. Mit Heißhunger stürzen sich Journalisten und Interessierte auf das nächste Geständnis, die nächste Verhaftung, den nächsten geoffenbarten Zusammenhang. Für exklusive Interviews zücken Zeitungen mittlerweile das Scheckbuch.

So formten die Schneebretter eine Lawine, die derzeit das österreichische Sportlerdorf unter sich begräbt: Freitag vor zwei Wochen werden erstmals in Österreich zwei Personen wegen mutmaßlichen Dopinghandels festgenommen, ein ehemaliger Radprofi und ein Apotheker – beide sind inzwischen wieder frei. Zwei Tage später kommt Walter Mayer, Ex-ÖSV-Trainer und einst als „Vater des österreichischen Langlaufwunders“ gerühmt, in U-Haft. Weitere zwei Tage darauf bezichtigt die gesperrte Triathletin Lisa Hütthaler in einem aufsehenerregenden Kurier-Interview Stefan Matschiner und den Wiener Kinderarzt Andreas Z. des Dopinghandels. Vier Tage später, vorvergangenen Dienstag, wird Stefan Matschiner festgenommen. Gleichzeitig kommen drei Hobbysportler in Haft, die in Fitnessstudios mit Anabolika gedealt haben sollen. Und am Abend desselben Tages gibt Bernhard Kohl seine Pressekonferenz.

Dabei fällt ein weiterer Name. Denn Kohl bestätigt nicht nur Hütthalers Anschuldigungen gegen Matschiner. Er spricht auch ein Institut an, dessen mutmaßliche Machenschaften man aus Mangel an rechtlicher Handhabe mittlerweile wieder ad acta gelegt hatte: Humanplasma.

Blutspenden und Bluthandel

Humanplasma, ein Blutplasmaspendezentrum am Alsergrund, in einem grauen 70er-Jahre-Bau schräg gegenüber dem Franz-Josephs-Bahnhof. An diesem Tag schlüpfen vor allem Studenten und Lehrlinge durch die Tür im ersten Stock. Es riecht klinisch sauber, pro Plasmaspende winken 20 Euro.

An stillen Sonntagvormittagen, munkelte man lange, würden statt der Studenten und Lehrlinge andere Kunden kommen. Internationale Spitzenathleten würden Humanplasma zum Blutdoping nutzen, behauptete die deutsche Wochenschrift Die Zeit Anfang 2008 erstmals öffentlich. Kurz darauf wurde die Weltantidopingagentur Wada beim damaligen Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka vorstellig und forderte in Sachen Humanplasma zum Handeln auf.

Plasma, der flüssige und zellfreie Teil des Blutes, wird zu Medikamenten verarbeitet. Im Humanplasma-Tagesbetrieb zapft man Spendern rund zwei Liter Blut ab. Sie fließen durch eine Maschine, die das Plasma vom Blut trennt. Es bleibt dem Labor, während das restliche Blut mittels Schlauch zurück in die Adern der Ellbogenbeuge geht.

Nun aber erhoben sich immer mehr Stimmen, die das Geschehen abseits dieses Tagesbetriebs ansprachen: Hunderte Spitzenathleten seien in das Institut gegangen, behauptete ein finnischer Exlanglauftrainer. Die Wiener Blutbank soll eine europäische Adresse gewesen sein, ein Umschlagplatz für Busladungen voller Sportler. Und Österreichs Behörden begannen zu ermitteln.

Blutdoping ist schwer nachzuweisen und entsprechend beliebt bei Athleten. Per Infusion bekommt der Doper einen Extraliter Blut aus einem Plastikbeutel. Es kann – vorab gezapftes – eigenes oder fremdes sein, solange Rhesusfaktor und Blutgruppe stimmen. Blut transportiert Sauerstoff. Mehr Blut bedeutet mehr Sauerstoff und damit mehr Ausdauer. Der Effekt hält rund einen Monat – bei entsprechender Belastung für das Herz, das den Extraliter durch den Organismus pumpen muss. Blutdoping verfolgt denselben Zweck wie das Hormonpräparat Epo, Erythropoetin. Epo ist als Medikament gegen Anämie gedacht, den Mangel an roten Blutkörperchen. Es ergänzt jene Substanz in der Niere, die Blutkörperchen bildet. Im Vergleich zu Blutdoping ist Epo für Sportler problemlos zu handhaben – man setzt sich eine Spritze mit fünf Millilitern Flüssigkeit in die Bauchfalte. Allerdings ist Epo auch leichter nachweisbar als der Zuschuss von Extrablut.

Die Ermittlungen gegen Humanplasma blieben trotz aller Hinweise ergebnislos. Blutdoping war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Bestandteil des österreichischen Antidopinggesetzes. Vor zwei Wochen wurde das Verfahren gegen zwei Humanplasma-Ärzte deshalb endgültig eingestellt.

Dann kam Bernhard Kohl, der mit Epo und Extrablut gedopt hatte. Bei der Pressekonferenz vorvergangenen Freitag sagte sein Anwalt Manfred Ainedter: „Als Humanplasma nach den Vorfällen von Turin zusperren musste, hat Herr Matschiner die Agenden übernommen, die Geräte angeschafft und damit Blutdoping betrieben.“

Diese Aussage könnte eine weitere Lawine auslösen. Denn Kohl und sein Anwalt gestanden nicht nur den Kontakt mit Humanplasma, wo Matschiner seine Blutzentrifuge herbekommen haben soll. Sie zogen auch eine Linie von der Blutbank zu den Spielen von Turin, wo bei einer Razzia im Quartier der österreichischen Langläufer und Biathleten große Mengen an Dopingutensilien gefunden worden waren. Es scheint, als habe Matschiner – in Turin 2006 übrigens auf Besuch bei Langlauftrainer Walter Mayer – nach dem Skandal die verrufenen Aktivitäten von Humanplasma weitergeführt. Und es scheint, als hätten auch einige österreichische Skiathleten den umtriebigen Matschiner konsultiert.

Mittlerweile haben neue Ermittlungen gegen Humanplasma begonnen, wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung. Und glaubt man Polizeikreisen, dann arbeitet sich die Soko immer weiter dorthin vor, wo es wirklich wehtut: in Richtung Skisport.

Dogma Skifahren

Skisport und der ÖSV, ein österreichisches Dogma, ein Hort erfolgreicher Sportler und Funktionäre. Nicht einmal zwei große Dopingskandale in vier Jahren – Salt Lake City 2002, Turin 2006 – konnten dem mächtigen Skiverband wirklich schaden.

Erst vergangene Woche, unter dem Druck der Ereignisse, sprach sich ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel für die strafrechtliche Verfolgung von dopenden Sportlern aus. Er schließt sich damit anderen Sportverbänden an und befürwortet den Darabos-Plan. Schröcksnadel steht unter Druck. Denn der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello prüft derzeit gegen ihn und weitere ÖSV-Funktionäre eine Anzeige wegen organisierten Dopings in Turin. Vor allem, dass man Langlauftrainer Walter Mayer trotz Sperre nach Turin mitnahm, stößt Guariniello sauer auf.

Der ÖSV-Präsident verteidigt sich: Ja, der gesperrte Mayer sei zwar als Mitglied der ÖSV-Delegation in Turin gewesen. Aber das Österreichische Olympische Comité habe doch gewusst, dass eine Razzia kommen würde. Und den Landsmännern vom Skiverband unsolidarischerweise nichts davon erzählt.

Die Argumentation entspricht einem alten Denkschema in Sachen Doping: Nicht dopende Sportler und Hintermänner sind böse, sondern heimische Funktionäre. Schröcksnadel beklagt, dass ihn das hiesige Olympiakomitee ans Messer lieferte, indem es die Razzia nicht verriet. Solche Muster scheinen sich durchzuziehen: „Nur in zerstrittenen Verbänden gibt es positive Dopingtests“, erklärt der Michael Dimmel, Trainer und Lebensgefährte der Triathletin Lisa Hütthaler. „Beim ÖSV und beim Fußballbund sind sie absolute Ausnahmen.“

Die Muster verhinderten lange Zeit Aufklärung. Sie führten dazu, dass Österreich zu einem Zentrum und Umschlagplatz für Doping wurde. Dass ein „Dopingparadies“ entstand, wie die ehemalige Schwimmerin Vera Lischka im Vorjahr meinte.

Das offizielle Österreich maß Doping lange Zeit keine Bedeutung bei. Das beweist eine lange Reihe von Widersprüchen, Vertuschungen und Ungereimtheiten.

Die erste internationale Dopingkontrolle fand 1993 statt, bei der österreichischen Sprinterstaffel. Alle vier Läufer hatten, wie sich herausstellte, anabole Steroide konsumiert. Anabolika werden, im Gegensatz zu Blutdoping oder Epo, oft in Form von Tabletten eingenommen, sie dienen dem Muskelaufbau und weniger der Ausdauer.

Die vier Sprinter wurden vom Sportmediziner Hans Holdhaus betreut. Er darf seitdem keine Kontrollen mehr durchführen, wird aber trotzdem bis heute in Österreich als Dopingexperte herumgereicht.

Kontrollen nur bei Voranmeldung

Neun Jahre später entdeckte man in Salt Lake City Blutbeutel und Spritzen im Müll von Österreichs Langläufer. Die heimische Politik reagierte prompt: Per Verordnung verfügte FPÖ-Verteidigungsminister Herbert Scheibner, dass Dopingkontrollen im Langlauftrainingszentrum Hochfilzen, das in Militärgebiet liegt, nur noch bei schriftlicher Voranmeldung möglich seien.

Ähnlich verhielt es sich, als Humanplasma ins Gespräch kam. Dass Wien offenbar Doping-Anlaufstelle war, dürfte man gewusst – und ignoriert – haben. Darauf lässt eine Aussage von Lopatkas Vorgänger, FPÖ-Sportstaatssekretär Karl Schweitzer, schließen. Im Rückblick auf seine Amtszeit erklärte er kürzlich der Zeit: „Natürlich habe ich von Humanplasma gewusst. Da waren ja alle dort.“

Dass sich sein Nachfolger Lopatka ebenso wenig für Humanplasma interessierte, schreiben manche seiner Familie zu: Bruder Ferdinand ist ÖSV-Teamarzt. Und dass zwischen dem ÖSV und Humanplasma manch Querverbindung bestand, weiß man spätestens seit den Aussagen von Kohl-Anwalt Ainedter über Stefan Matschiner, der nach Turin die Dopingagenden von Humanplasma übernommen haben soll.

Wissen, aber wegschauen. Dieses Credo im Interesse der Staatsräson hat den Umgang der Politik mit Doping jahrzehntelang geprägt. 1997 entdeckten Steuerfahnder im Haus des oberösterreichischen Exbodybuilders Manfred Kiesl Unmengen an Dopingmitteln. „Unfassbar, dass mein Mann so etwas im gemeinsamen Kühlschrank gelagert hat“, meinte dazu seine Frau, Theresia Kiesl, Olympiabronzegewinnerin im Mittelstreckenlauf 1996 und heute ÖVP-Oberösterreich-Sportsprecherin. „Ich fühle mich hintergangen.“

Bei derselben Hausdurchsuchung fand die Polizei auch eine Liste mit mutmaßlichen Kunden von Manfred Kiesl. Es kam allerdings nie zu Ermittlungen. Stattdessen verschwand die Liste spurlos. Bis heute weiß niemand, wo sie sich befindet. Und Kiesl gründete sechs Jahre später eine Firma zur Sportvermarktung – gemeinsam mit Stefan Matschiner.

Erst jetzt beginnt das Umdenken. Im August 2008 trat ein neues, strengeres Antidopinggesetz in Kraft. „Strenge Strafen und bessere Möglichkeiten für die Fahnder haben die Situation verändert“, sagt der Innsbrucker Sportpsychologe Christopher Willis. „Jetzt ist es aber unbedingt notwendig, dass an Schlüsselpositionen Leute sitzen, die das neue System vertreten.“

Eine dieser Schlüsselpositionen haben Dopinggegner schon inne. „Ich will, dass auch Sportler bestraft werden“, wiederholt Sportminister Norbert Darabos immer wieder (siehe Interview). Nur so komme man an die Hintermänner.

Im politischen Establishment gilt das als Maximalforderung – und Darabos findet dafür nicht einmal in der eigenen Partei Rückhalt. Sportsprecher von SPÖ wie ÖVP plädieren für die bestehende Ordnung: nein zur Strafbarkeit von Sportlern, ja zu jener der Hintermänner. „Das ist eine Doppelbotschaft“, meint Sportpsychologe Christopher Willis. „Einerseits ist Dopen verboten. Andererseits okay, solange man nicht erwischt wird.“

Die fehlende Strafbarkeit von Sportlern führt zu vertrackten Situationen: Die Fahnder der Soko Doping haben nach eigenen Angaben inzwischen rund 70 Dopingsünder ermittelt. Die Antidopingagentur Nada wäre beauftragt, gegen diese Athleten Sperren zu verhängen. Das kann sie aber nicht, weil die Justiz ihre Namen nicht an die Nada weitergeben darf: Die Sportler sind ja unbescholten und Ermittler zur Verschwiegenheit verpflichtet. Überführte Doper wie Lisa Hütthaler oder Bernhard Kohl legen vor der Staatsanwaltschaft Geständnisse ab, der Nada hingegen verweigern sie die Aussage. Auch im wichtigen Fall Matschiner durfte die Nada nicht in die Akten sehen und musste sich ihr Wissen aus den Zeitungen holen. „Eine nicht hinnehmbare Situation“ nennt das Nada-Jurist Gernot Schaar, der nun als Privatankläger gegen den angeblichen Wiener Doping-Arzt Andreas Z. vorgehen will. Nur auf diese Art könne er an die Unterlagen kommen.

Ein Lügensystem bricht zusammen

„Erst angesichts der aktuellen Affären“, sagt Nada-Geschäftsführer Andreas Schwab, „sind die Behörden bereit, die Zusammenarbeit zu verbessern.“ Zwar müssten juristische Fragen noch geklärt werden. Aber es ist etwas in Bewegung geraten, was Doping in Österreich betrifft.

Öffentlicher Druck ist entstanden, der Vertuschungen verhindert und Akteure zum Handeln zwingt. Medien und Behörden treiben die Causa weiter, mit ihren Recherchen und Informationen stärken sie sich gegenseitig.

Ein Lügensystem hat so an allen Ecken zu krachen und wanken begonnen. Eine spannende multidimensionale Erzählung mit vielen Akteuren hat sich entwickelt.

Am Ende dieser Erzählung, in einem weißen Raum eines schmucklosen zweistöckigen Hauses, sitzt Edmund Benetka. Er ist weit weg von der oft hysterischen Dopingdebatte – und doch mittendrin. Benetka, 48, leitet die Chemische Analytik am Forschungszentrum Seibersdorf, Gebäude EB, das sogenannte Dopinglabor.

Er nimmt die versiegelten Gläschen mit Harn oder Blut in Empfang, die von Sportverbänden oder Nada per Botendienst geschickt werden. Er taut die Proben auf, zentrifugiert sie, jagt sie durch Messgeräte, überprüft die Ergebnisse am Bildschirm auf mögliche Spuren. Surreal angeordnete weiße Flecken auf schwarzem Grund zeigen ihm dann, ob ein Sportler Epo gespritzt hat oder nicht. Benetka öffnet eine schmale Kühlkammer, minus 20 Grad, hier steht das mögliche Beweismaterial: Gläschen in blauen Boxen, durchnummeriert, geschlichtet in stählerne Regale. Das Nadelöhr des sauberen Sports in Österreich.

Und wenn alle Abläufe erfolgt und alle Aufbewahrungsfristen verstrichen sind, dann komme das Zeug ins Klo, sagt Benetka. Dann befassen sich andere Stellen mit dem Thema.

„Wer dopt, begeht Betrug“

In Heeresangelegenheiten hat Norbert Darabos nicht immer einen leichten Job. In Sportcausen macht sich der SPÖ-Verteidigungsminister, der im Kabinett Faymann auch die Sportagenden übernahm, dafür Freunde bei Dopinggegnern. Er fordert strenge Dopinggesetze.

Falter: Herr Sportminister, reicht das vorhandene Antidopinggesetz?

Norbert Darabos: Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es ist aber so ausgelegt, dass Dealer strafrechtlich verfolgt werden können – und das ist mir zu wenig. Ich will, dass auch Sportler bestraft werden, wenn sie Eigenblut- oder Gendoping betreiben bzw. mit Wachstumshormonen dopen. Ich habe hier aber noch nicht den vollen Rückhalt des Parlaments.

Demnach betrügen dopende Sportler Ihrer Ansicht nach?

Darabos: Ich bin für einen sauberen Sport. Da fahre ich eine harte Linie. Und wer dopt, begeht Betrug. Ich kann aber verstehen, dass die Justiz bisher im Sportbereich nicht wegen Betrug angeklagt hat. Sie hat ohnedies wegen Versicherungsbetrug und dergleichen alle Hände voll zu tun.

Jetzt ermittelt das Bundeskriminalamt gegen Dopinghändler, und dabei kommt es auch auf die Namen der Kunden, also der dopenden Sportler. Die werden aber nicht bestraft, weil Sportler ja nur sportrechtlich sanktioniert werden können.

Darabos: Ich bin dafür, dass nach dem Ende der Ermittlungen diese Daten an die Antidopingagentur Nada weitergegeben werden. Und ich bin dafür, dass das öffentlich gemacht wird.

Was ist bei Humanplasma wirklich passiert?

Darabos: Dazu kann ich nichts sagen, weil die Ermittlungen noch laufen. Ich bin aber überzeugt: Was wir bisher gesehen haben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Acht Neuntel des Bergs sind noch unter Wasser.

Jetzt wird Österreich vom Dopingparadies zum Vorzeigeland. In anderen Staaten wird weniger streng vorgegangen. Ist das fair?

Darabos: Festzuhalten ist: Ich kriminalisiere nicht saubere Sportler. Ich stelle mich hinter sie. Weil Doping im Sport nichts verloren hat. Diese Linie werde ich auch mit den anderen Sportministern diskutieren.
Gespräch: Gerd Millmann

Erschienen im Falter 15/09

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STADTRAND – So absurd blau, dieser Baum!

Mitten im Prater steht ein blauer Baum. Okay, nicht mitten im Prater, eher an der Besiedelungsgrenze zwischen Wildnis und Zivilisation, an der Rustenschacherallee, neben einer Sporthalle und ein paar Cottage-Villen, die es sogar im Zweiten gibt. Der Baum steht dort einfach, er ist längst tot, blaue Blätter trägt er jedenfalls nicht. Irgendjemand muss ihn einmal angemalt haben, eine Schulklasse vielleicht oder eine Künstlergruppe oder ein nächtliches Absurditätskommando. Dabei wurde ganze Arbeit geleistet, denn zartblau ist der Baum nicht, sondern kräftig-deckend blitzblau bis zum letzten Ast. Man steht da mit offenem Mund, man möchte ihn fotografieren, diesen Baum, ihn malen oder ihn sich sonstwie einprägen, so irritierend blau ist er, wie er da steht unter seinen Tausenden braunen Artgenossen. Und man denkt, ein wenig farbliche Bewusstseinsbildung wäre auch sonst in der Stadt schön: ein blitzgelbes Haus in der Großfeldsiedlung zum Beispiel. Violettes Pflaster am Graben. Ein grün gefärbter Donaukanal. Bunt bis zur Schmerzgrenze. So sollte die Stadt sein.

Erschienen im Falter 15/09

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