„Stierhoden und Löwenherzen“

Philosoph Konrad Paul Liessmann über antikes Doping und perfekte Körper

Gespräch: Joseph Gepp

Konrad Paul Liessmann, 56, Philosoph, stellte kürzlich die Frage: „Wollen wir überhaupt sauberen Sport?“ Der Falter fragte nach.

Falter: Herr Liessmann, bevor Sie eine Vorlesung halten oder einen Aufsatz schreiben – womit dopen Sie sich?

Konrad Paul Liessmann: Mit allem, was es im Unibuffet gibt: Apfelsaft, Kaffee, leider auch Red Bull.

Bei einer Podiumsdiskussion im November fragten Sie, ob sauberer Sport überhaupt erwünscht sei. Ist Sport per se unsauber?

Liessmann: Das war natürlich pointiert. Aber Profisport bedeutet immer, dass man was mit dem Körper macht, das er sonst nicht tun würde. Es gibt kein Naturtalent, das 100 Meter in 9,7 Sekunden läuft. Beim Spitzensport haben wir mit ausgeklügelten Körperformationssystemen zu tun. Das ist für uns klar. Aber Doping, chemische Leistungssteigerung, gilt als unsauber: Körper und Fairness würden dadurch verunreinigt.
Paradox: Einerseits wollen wir Rekorde, andererseits Sport, der diese Erwartung nicht erfüllen kann. Dass offenbar gedopte Radler in den 90ern endlos Rekorde aufstellten, ist vorbei.

Aber was soll man tun? Wenn man Doping legalisiert, gibt es Tote.

Liessmann: Die gibt es auch jetzt. Bei Amateuren ist Doping viel verbreiteter als im Spitzensport. Dass sich hunderttausende Läufer und Radfahrer online EPO bestellen und spritzen, ist quantitativ gefährlicher als eine Handvoll aufgeputschter Spitzenathleten.

Eine Frage des Verhältnisses?

Liessmann: Ja. Und es gibt auch die etwas überzogene These, dass Doping gerade das bewirkt, was anderswo selbstverständlich ist: Menschen mit natürlichen Defiziten werden Mittel geboten, um diese auszugleichen.

Aber ist nicht der Sinn der Sache, dass der Sportler mit der größten Begabung und Disziplin gewinnt? Ruhm und Geld inklusive?

Liessmann: Wirklich? Dieser Gedanke basiert darauf, dass sich der von Natur aus Stärkste durchsetzen soll. Aber seit Sport ein Geschäft ist, fragt man nach Chancengleichheit: Warum soll nicht auch jemand mit wenig natürlicher Ausstattung berühmt werden?

Zum Beispiel?

Liessmann: Marathonläufer aus dem Hochland haben einen höheren Hämatokritwert als Flachländer. Sie werden immer ausdauernder sein.

Doping für Flachländer als ausgleichende Gerechtigkeit?

Liessmann: So argumentieren tatsächlich Dopingverteidiger. Man könnte aber auch ohne Doping die Schwachen schützen, etwa wenn bei Marathons Flachländer abgestuft früher starten als Hochländer. Nur: Ist das sinnvoll? Wollen wir das? Und für welchen Sport gelten welche Werte?

Aber überall wird doch Konkurrenz durch Regeln gebändigt: In der Wissenschaft soll man nicht plagiieren, in der Wirtschaft nicht betrügen. Warum soll das nicht für den Sport gelten?

Liessmann: Jedes Gesellschaftssystem braucht Regeln. Und die Sportwelt ist sich prinzipiell im Dopingbann einig. Es geht aber darum, ob man die Möglichkeit hat, die Einhaltung zu garantieren. Dopingtests, die Übeltäter erst Monate nach dem Wettkampf überführen, konterkarieren zumindest die mediale Seite des Sports.

Inwiefern?

Liessmann: Bei strenger Dopingpolitik ist der Sieger immer Sieger mit Vorbehalt. Vielleicht ist der Titel bald wieder weg. Aber der Nachrückende bekommt bei weitem nicht die verdiente Aufmerksamkeit. Oder wissen Sie, wer statt Bernhard Kohl Dritter bei der Tour de France 08 geworden ist?

Nein.

Liessmann: Eben.

Bei einer Volksabstimmung über die totale Legalisierung von Doping würden Sie also mit Ja votieren?

Liessmann: Ich glaube nicht. Ich habe durchaus eine romantische Vorstellung vom natürlichen Körper. Doping gab es ja schon in der Antike.

Auf welche Art?

Liessmann: Angeblich verspeiste man Stierhoden und Löwenherzen.

Und gab’s Dopingaffären?

Liessmann: Soweit ich weiß, nicht. Die Frage kam wohl erst im 19. Jahrhundert auf, im Pferderennsport.

Machen wir ein Gedankenspiel: Angenommen, der Profisport würde geteilt, Doper und Nichtdoper, bei freier Wahl. Würden dann manche Nichtdoper des Dopings überführt werden?

Liessmann: Sicher gäbe es Versuche. Ich fürchte aber, die Gedopten würden ohnehin auf mehr Interesse stoßen. Einerseits der höheren Leistung wegen. Und andererseits – traurig, aber wahr – könnte man mit spannenden Zwischenfällen rechnen.

Konrad Paul Liessmann ist Philosophieprofessor an der Universität Wien. Er hat mehrere Bücher über Philosophiegeschichte publiziert. Außerdem ist der Freizeitsportler als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist tätig

Erschienen im Falter 14/09

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