Wandern und Kritzeln: ein Accessist auf Abwegen

Die Reisebeschreibungen von Joseph Kyselak, dem Ahnvater des Graffito, erscheinen in einer kommentierten Neuauflage

Rezension: Joseph Gepp

Der Nachruhm wandelt auf verschlungenen Pfaden. Vor fast 200 Jahren lebte in Wien ein kaiserlicher Registratur-Accessist, in heutiger Diktion: Buchhalter. Er kam aus einer einfachen Beamtenfamilie, er starb früh, mit 30 Jahren, an der damals in der Stadt grassierenden Cholera. Vergessen hat man Joseph Kyselak
trotzdem nicht.

Fünf Jahre vor seinem Tod, 1825, packte er nämlich sein „nothwendigstes Gepäcke“ und zog durch die österreichischen Lande. Der daraus folgende Reisebericht ist 450 Seiten dick, stellenweise schwärmerisch verschraubt im damals zeitgemäßen
Stil, andernorts wieder kühl und sarkastisch, zum Beispiel bei der Beschreibung des steirischen Kurorts Tobelbad nahe Graz: „Dieses (…) unansehnliche Dörfchen soll eine besondere Einwirkung auf Kranke besitzen, ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer Hebung des Krankheitsstoffes oder baldigem Tod bestehe.“

Romantische Reiseschilderungen lagen im Biedermeier im Geschmack der Zeit, und viel größere Namen als Kyselak zogen schriftstellernd durch Europa, Byron in Griechenland etwa oder
Goethe in Italien. Es waren demnach nicht die „Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien“, die Joseph Kyselak
unvergessen machen sollten.

Es war sein Nachname. Kyselak hatte sich angewöhnt, ihn in fast unzugängliche Bergwände oder verfallene Burgmauern, auf
Statuensockel oder Felsblöcke zu ritzen. Er hinterließ ihn in einer eigenwillig krakeligen Schrift, ähnlich einem Logo oder einer Bildmarke, wie die Herausgeber im Vorwort zur Neuauflage des Reisebuchs betonen. Ob ihn der Selbstdarstellungswille dazu bewog, ob es eine enttäuschte Liebesgeschichte war oder ob er lediglich
ein Zeugnis der Überwindung steiler Bergstrecken und öder Ebenen geben wollte, ist nicht überliefert. Was heute allenfalls an Richard
Lugner oder Paris Hilton denken lässt, muss damals, in einer ständisch-korporatistischen Gesellschaft, geradezu unglaublich erschienen sein: Kyselak soll sogar in die Hofburg vor den Kaiser zitiert worden sein, um seine Schrulle zu rechtfertigen. In Loiben
in der Wachau, in Perchtoldsdorf, auf einer barocken Säule im
Wiener Schwarzenbergpark in Neuwaldegg und an vielen anderen Orten findet sich heute noch sein Namensschriftzug.

Der Accessist regte die Fantasie an. Er erreichte, was vielleicht von Anfang an der Zweck seiner Marotte war: Er wurde berühmt. Hymnische Gedichte ehrten sein Wirken („Schwindlig ob des Abgrunds Schauer / Ragt des höchsten Giebels Zack / Und am
höchsten Saum der Mauer / Prangt der Name Kyselak“). Er galt als Inbegriff des schrulligen biedermeierlichen Junggesellen, wurde in Radierungen und historischen Romanen verewigt. Später, zur Zeit der Ersten Republik, stilisierten ihn die Christlichsozialen zum einzelgängerischen Gegenbild des sozialistischen Herdenmenschen in seinen uniformen Gemeindebauten. Egon Erwin Kisch verspottete seinen „Verewigungstrieb“, Heinrich Mann diente er als Vorlage für eine Romanfigur, Viktor Adler zitierte ihn im Reichstag. Schließlich erklärte ihn die Graffitigemeinde zu ihrem Urvater – die
Floskel „Respect und R.I.P. Kyselak!“ findet man heute in so manchem HipHop-Forum im Internet.

Jetzt sind seine „Skizzen einer Fußreise durch Österreich“ als Neuauflage erschienen. Es handelt sich dabei um den ungekürzten Originaltext von 1829, versehen mit Namens- und Ortsregister, umfangreichen Fußnoten und einem ebensolchen Vorwort der Herausgeber Gabriele Goffriller und Chico Klein. Dieses versammelt
die Resultate der zweijährigen wissenschaftlichen Beschäftigung
der Kunsthistorikerin und des Filmregisseurs mit Kyselak. Nach aktuellem Forschungsstand wird das Leben und frühe Sterben des kaiserlichen Beamten geschildert, verbliebene Namenszüge lokalisiert und die Rezeption des Kyselak’schen Schaffens der vergangenen 200 Jahre erklärt, verschieden gedeutet, je nach Zeitalter und vorherrschender Denk- und Herrschaftsweise.

Und die ist mannigfaltig: Selbst in die chinesische Mauer sollen Nachahmer vor rund 100 Jahren ein begeistertes „Kyselak“ geritzt haben. Und der große Alexander von Humboldt soll bei seiner Forschungsreise nach Südamerika auf dem Andengipfel Chimborazo einen „Kyselak“ vorgefunden haben – wobei immerhin dieses Gerücht definitiv falsch ist: Humboldt erklomm den Chimborazo
im Jahr 1802. Da war der kleine Kyselak in Wien gerade drei Jahre alt.

Erschienen im Falter 11/09, Buchbeilage

kostenloser Counter

Weblog counter

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Kurioses, Stadtgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s