Der letzte Zeuge der bleiernen Zeit

Am Stadtrand liegt Wiens letzte Bleisatzdruckerei. Ein Besuch

Reportage: Joseph Gepp

Ganz am Rand von Wien, im Brachland zwischen den Auffahrten zur Westautobahn, liegt die Druckerei Holzhausen. Ein Containerbauwerk, Industriestil, der Schnee tröpfelt vom Flachdach auf die Autos der Angestellten. Drinnen sitzen junge Menschen vor Computern, Maschinen brummen leise, und an den Wänden künden Hochglanzbilder von den Hochglanzprodukten des Betriebs, Kunstbücher im Roßhaardesign zum Beispiel oder pseudo-alte Einbände aus pseudo-vergilbtem Schafsleder.

Und dazwischen, in einer weißgetünchten gefliesten Kammer, sitzt Richard Pinter, 57 Jahre alt, aus Schattendorf im Burgenland. Er ist das letzte Überbleibsel von dem, was die ganze Druckerei Holzhausen einmal war, vor rund 30 Jahren. Er ist Bleisetzer.
Es gibt Fotos, die zeigen, wie der Betrieb damals aussah. Er lag noch nicht am Stadtrand, sondern in einem Gründerzeithaus in Neubau. Albrecht Dürer und Johannes Gutenberg wachten als Statuen vor dem Tor über den Stolz der Zunft. Drinnen arbeiteten hunderte Setzer vor tausenden Fächern, Läden und Schiebern, gefüllt mit Lettern. Sie wandten jene Methode an, die schon Johannes Gutenberg um das Jahr 1450 entwickelt hatte, den Druck mit beweglichen Lettern.

Vor 30 Jahren bauten die Arbeiter von Holzhausen auf diese Weise mathematische Formeln, altgriechische und kyrillische Texte, gar Hieroglyphen. Romane und wissenschaftliche Fachbücher entstanden von Hand, in jahrelanger Arbeit, Buchstabe für Buchstabe, Seite für Seite. „Wir hatten fünf serbische Gastarbeiter, die waren ausschließlich Formelsetzer“, erzählt Pinter. „Die machten den ganzen Tag nichts anderes, als mathematische Formeln zusammenzustellen und zu drucken.“

Dann kam die elektronische Textverarbeitung, die Gastarbeiter alterten und ein ganzes Gewerbe verschwand. Die Setzer wurden umgeschult, auf Textmontage, auf Computerarbeit. Aber wo früher 200 Leute notwendig waren, braucht man heute fünf. Die Setzer wurden Krankenpfleger oder Polizisten, oder sie gingen in Frühpension. Bis auf Richard Pinter, den letzten seiner Art.

Es ist ein merkwürdiges Bild, das er da abgibt, in diesem schlichten kleinen Raum eines schlichten Gebäudes, das offensichtlich anderen Zwecken als dem Bleisatz dient. „Manufaktur“ steht auf einem Schild an der Wand, in gerader Schrift neben dem modernen Logo der Druckerei. Altes und Neues bilden eine unharmonische Mischung am Arbeitsplatz Richard Pinter: Vor den Holzschiebern mit den bleiernen Lettern, schwarz geworden vom vielen Öffnen und Schließen, steht ein Plastikkanister mit rotem Totenkopfwarnschild. Auf einer Holzkiste klebt ein Kalender von 1985. Ein gusseiserner Doppeladler prangt auf der Druckerpresse aus dem Revolutionsjahr 1848, die Brust des Wappentiers ziert das Wort „Pressefreiheit“. Und daneben flimmert die aktuelle Uhrzeit samt Datum auf einem Computerbildschirmschoner.

Pinter – ein stämmiger Mann mit ausgeprägtem burgenländischer Dialekt, das Logo seines Arbeitgebers aufs türkise T-Shirt gestickt, auf dem Kopf eine breite 70er-Jahre-Brille und Gesundheitsschlapfen an den Füßen – druckt Universitätsurkunden. Ausschließlich, seit 25 Jahren. Damals verabschiedete sich die Druckerei Holzhausen fast vollständig vom Bleisatz. Nur Studenten, die auf ihr Diplom oder ihren Doktortitel besonders stolz sind, können sich seitdem ihr Dokument noch auf traditionelle Art herstellen lassen. Für 65 Euro liefern die Universitäten das handgesetzte Unikat auf siegelverziertem Karton oder Schafshautpergament. Es kommt aus der Werkstatt von Richard Pinter, gefertigt auf seiner Presse von 1848.
Von den tausenden Schiebern mit Lettern sind nur einige Dutzend geblieben, dort liegt der Rest des einst riesigen Fundus an Buchstaben. Einige Schriftarten, einige Schriftgrößen, für immergleiche Urkunden. „In den 70er-Jahren hatten wir auch noch eine eigene Bleigießerei“, sagt Pinter. „Dort haben wir Lettern angefertigt. Von dem Bestand zehren wir bis heute.“
Pinter, der vor 42 Jahren als Lehrling begann, weiß noch, wie die Technik zu handhaben ist. Seine stämmige Hände fliegen über die Bleiklötze, als wären sie Spielkarten. Der größte Teil der Urkunden bleibt immer gleich, der Name der Universität, der Rektor, der standardisierte Urkundentext. Pinter tauscht nur Namen, Studienfach, Geburtsdaten aus, immer wieder, flink und gewandt, eine jahrzehntelang eingeübte Tätigkeit. Er formt die Lettern auf einer Metallplatte zu Wörtern, richtet die Abstände zwischen ihnen aus, streicht dann mit einer Walze schwarze Farbe über die bleierne Vorlage. Danach legt er das Pergament über die Lettern, schiebt das Ganze unter die Presse und betätigt einen massiven, abgegriffenen, wohl millionenmal benutzten Holzgriff.

Das Gewicht der Presse senkt sich herab und drückt das Papier gegen den schwarzgefärbten Blei. Die Urkunde ist fertig. Diesmal ist es ein Magister. Es ist eine filigrane, konzentrierte Arbeit, die Pinter verrichtet, jedes Dokument ein Unikat. Er könnte Hütchenspieler sein, so ruhig und flink ordnet der die Bleiklötze aneinander, tauscht sie aus, schichtet sie um, schlichtet sie ein und fängt sie aus seinen vielen Fächern und Schiebern hervor.
Nächstes Dokument, anderer Name, selbe Studienrichtung – Pinter hat seine Urkunden vorab nach Uni-Fächern sortiert, das erspart Arbeit. Dasselbe Procedere, dasselbe konzentrierte Auswälzen der Lettern mit Farbe. Diesmal ist es ein Doktor, die Urkunde wird lateinisch ausgestellt, aus Wolfgang wird „Wolfgangus“, aus Georg „Georgus“. Im Gegensatz zur Magisterurkunde ist der Name des Doktors in goldener Farbe zu drucken. Pinter betrachtet die drucknassen Buchstaben, schüttelt danach ein wenig Kupferstaub aus einer verbeulten Blechdose, bläst ihn über die klebrige Farbe, verstreicht den restlichen Staub sorgfältig mit Watte. Dann glitzert der Name in schönstem Gold.

„Wenn ich weg bin“, sagt Pinter, „dann wird die Druckerei wohl einen anderen Weg finden, die Urkunden zu drucken.“ Dann verschwindet der Bleisatz und das Wissen um seine Handhabung.
Von him werden dann nur noch jene Begriffe bleiben, die auch in Zeiten der Bildschirmarbeit noch gebräuchlich sind: die „Punktgröße“, der „Umbruch“, die „Spationierung“ oder die „Bleiwüste“ als Scherzwort für lange Texte ohne Bilder.

Dann kommt die Druckerpresse von 1848 vielleicht ins Foyer des Gebäudes zwischen den Auffahrten zur Westautobahn. Neben den Kaffeeautomaten und die Mineralwasserflaschen. Als Erinnerung an nun endgültig vergangene Zeiten.

Erschienen im Falter 11/09, Buchbeilage

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