Komakriechen


In London oder Berlin sind die organisierten Sauftouren fast schon legendär. Jetzt hat auch Wien einen Pub Crawl


Reportage: Joseph Gepp

Es gibt Insignien moderner Städte, bei denen fragt man sich, ob sie wirklich sein müssen. Zum Beispiel Pub Crawl, Deutsch etwa „Beislkriechen“. In London kann man Beislkriechen, in Prag, in Berlin sowieso. Nur in Wien, der lumpigen Provinzstadt, gab’s bisher keinen Pub Crawl.

Bisher. Denn nun findet sich in einem vornehmlich von US-Amerikanern frequentierten Innenstadtlokal ein Werbezettel: SOS Pub Crawl Vienna. Four bars and one club, free shots, multilingual guides, international flair. Beislkriechen in Wien. Für nur zehn Euro. Das wird was.

Pub Crawl bedeutet, dass ein Rudel wildfremder Menschen mittels kundigem Führer von Beisl zu Beisl und Disco zu Disco geleitet wird. Und auch zwischen den Lokalen macht oft die Schnapsflasche die Runde. Deklariertes Ziel ist die mit dem Vollrausch einhergehende Hemmungslosigkeit.

Beislkriechen ist – wertend gesprochen – etwas für Amerikaner, die erstmals den Restriktionen ihrer Mormonenmütter entflohen sind. Oder für den Erasmus-Studenten aus Fünfeichen an der Oder, der in Wien ein paar Monate lang das pure Leben atmet.

Am Ende ist man in der Regel ziemlich betrunken und landet wahlweise im Straßendreck oder im Bett eines Co-Pub-Crawlers. „Die Bezeichnung crawl„, sagt das Internetlexikon Wikipedia, „weist auf den physischen Zustand der Teilnehmer am Ende der Veranstaltung hin.“

Treffpunkt Mittwoch, 21 Uhr, Schwedenplatz, in front of the McDonald’s.

Schon ab halb neun stehen dort Menschen um ein selbstgebasteltes Schild, „SOS Pub Crawl“. Mario, der junge Gruppenleiter aus dem Burgenland, Sportjacke, dröhnende Stimme, nimmt sie in Empfang. Seit Jänner würde er das hier betreiben, erzählt er, es gehe ganz gut, mal so, mal so, kürzlich seien nur zwei Leute gekommen, jetzt seien es schon an die 25.

Überraschend viele davon sind Österreicher, mehr als die Hälfte der Gruppe. Eine halbe HTL-Klasse aus dem steirischen Zeltweg hat sich eingefunden, drei Niederösterreicherinnen, sogar zwei Wiener, die offensichtlich jede Woche aufs Neue dabei sind. „Letztes Mal waren es fast nur Kanadier und Australier“, sagt einer der beiden. Er rückt seinen Cowboyhut über der Glatze zurecht, während ihm Mario auf die Schulter klopft und ihn „unser Urgestein“ nennt. Der Wiener lächelt geschmeichelt und sagt: „Beim Pub Crawl ist das wie bei Nokia. Get connected, Oida.“

Der Gruppenleiter agiert so verantwortungsvoll, wie es bei einem solchen Job möglich ist. Er achtet auf die Vollzähligkeit seiner Schäfchen, sichtlich darum bemüht, schnell alle Namen zu kennen. Er hält sich beim Trinken merkbar zurück und teilt umso reichlicher aus. Wie ein Animateur im All-Inclusive-Club geht er der Gruppe voran, lacht, gestikuliert, tätschelt Wangen, stellt Menschen einander vor, bindet Schüchterne in die Gruppe ein und hält ohnehin Mutige zurück, indem er sie in Einzelgespräche verwickelt. Gruppenbildung, professionell angeleitet. 100 Meter vom McDonald’s entfernt kennen einander alle schon ein bisschen. Und der erste Schnaps fließt.

Es ist ein süßer, rosa gefärbter Wodka, den der Gruppenleiter aus seinem Rucksack zieht, dann wird ausgeteilt und angestoßen. Die Verwegenen dürfen sich den Schnaps direkt in den Mund gießen lassen. Nicht den Mund zumachen, fordert Mario, sonst rinne das Zeug über die Kleider, come on, come on, come on, er wechselt übergangslos vom fließenden US-Englisch ins Burgenländische, „Kummts! Irgendwie muas des G’schloda ja weg.“

Es folgt der erste Lokalbesuch, der zweite, der dritte, keine Bar ist weiter als 100 Meter von der nächsten entfernt. Die Zeit dazwischen reicht gerade für die obligaten Schnapsrunden, die Drinks in den Bars sind extra zu bezahlen. Im dritten Bermudadreieck-Lokal merkt man jedem in der Gruppe den Rausch an. Jetzt kommt der Pub-Crawl-Effekt, die Leute sind aufgeputscht durch den Alkohol, sie lachen, reden, lassen sich fallen. Die Gesprächigen reißen die weniger Gesprächigen mit, niemand will den anderen übertrumpfen, man kennt sich ja ohnehin kaum. Die Betrunkeneren beginnen unter teilnehmendem Lachen der Gruppe eine Art Aufgabenkatalog abzuarbeiten, den der Gruppenleiter am Beginn der Tour – zusammen mit Kondomen – ausgeteilt hat: ABCs backwards after 3 shots of tequila, steht da etwa, das Alphabet rückwärts aufzählen im eher unkonzentrierten Geisteszustand; keiner schafft’s.

Mario hat sein Ziel erreicht, die Menschen gehen aus sich heraus. Ein wohlhabender Teenager aus Istanbul erzählt, dass es ihm eigentlich viel zu kalt sei hier in Wien, aber er wolle halt dem Militärdienst in der Türkei entfliehen. Seine angeheiterte Freundin ergänzt, das Osmanische Reich sei nur deshalb untergegangen, weil die Männer dauernd in den Krieg gezogen seien, statt in ihren Dörfern zu bleiben und Kinder zu machen.

Zwei Schottinnen grinsen selig, und die steirischen HTL-Schüler beginnen zu klagen: Vier Tage seien sie jetzt hier, auf Schullandwoche in Wien, und seitdem wären sie nur am Saufen, mit kaum Schlaf zwischendurch. Und jetzt auch noch Beislkriechen. So was gehe echt an die Sub-stanz mit der Zeit.

Erschienen im Falter 10/09

kostenloser Counter

Weblog counter

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Reportagen, Stadtleben, Wien

2 Antworten zu “Komakriechen

  1. mario_sospubcrawl

    Hey. Danke, dass ihr euch undercover auf unserem Pub Crawl eingeschleust habts letzte Woche und danke für den Artikel. Mich hats tatsächlich vom Sessel und unter dem Tisch gworfen wie ich gestern den Falter gelesen hab.

    Wir wissen natürlich, dass wir die Stadtkultur-Standards des Falters nicht ganz erfüllen, aber Wien is halt doch auch ein bisserl eine moderne Stadt, inklusive Rucksacktouristen und Austauschstudenten auf Beisltour.
    Und es bleibt zu erwähnen: Wir sind sehr bemüht, mit den Wirten gut zusammenzuarbeiten, um Geld für das Aids Hilfe Haus zu sammeln. SOS halt.

    Außerdem danke für die charmante Beschreibung des Tourguides. Freut mich sehr zu sehen, dass ich anscheinend doch manchmal einen verantwortungsvollen und professionellen Eindruck hinterlasse. 😉

    Mario, S.O.S. Pub Crawl
    http://www.sospubcrawl.com

  2. Nun gibt es einen neuen Pubcrawl in Wien, den Imperial Pubcrawl!
    Start 10.07.2015! 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s