Eine Tote aus dem Osten – Denisa Š. und die anderen

Aus zwei Gesellschaften: Mitteleuropa-Essayist Martin Leidenfrost hat den Tod einer slowakischen Altenpflegerin beschrieben

Rezension: Joseph Gepp

Eine Geschichte braucht kein Happy End, um interessant zu sein. Sie braucht keinen großen finalen Punkt, an dem sich alle Fragen aufklären und alle Widersprüche entwirren. Ihr Weg kann ihr Ziel sein – denn alle Aspekte, die man auf diesem Weg kennenlernt, prägen die Geschichte und schaffen das Interessante an ihr.

„Die Tote im Fluss“ ist gewissermaßen ein gescheitertes Projekt. Der Autor wollte einen dieser Fälle aufklären, von denen man nicht weiß, ob es sich um einen Mord handelt oder um einen Selbstmord, ob jemand das Opfer in den Tod trieb oder es aus freien Stücken diesen Weg wählte. Einen dieser Fälle, die desto widersprüchlicher werden, je mehr man sich in sie vertieft.

Der Tod der slowakischen Altenpflegerin Denisa Šoltísová bleibt rätselhaft, auch nachdem ein Buch über ihn geschrieben wurde. Aber seine in dem Buch beschriebenen Begleitumstände öffnen die Tür zu zwei Ländern mit ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten, zu Arbeitswelten, zu wechselseitiger Ausbeutung und Symbiose, zu kulturellen Schranken und zu allgemeiner Feigheit. Und zur Art und Weise, wie die Polizei – hier die oberösterreichische – manchmal Fälle zu behandeln pflegt, denen Ausländer zum Opfer fallen.

Martin Leidenfrost ist ein Niederösterreicher, der lange in der Slowakei lebte. Von Devínska Nová Ves aus, einer Stadt an der österreichischen Grenze, verfasste er nette kleine Episoden aus der „Welt hinter Wien“ fürs Presse-Spectrum, die inzwischen auch als Buch vorliegen. Dann stieß er zufällig auf den Fall Šoltísová. Slowakische Medien berichteten groß darüber, österreichische Medien gar nicht.

Šoltísová, 29, hatte im oberösterreichischen Vöcklabruck gearbeitet, als Pflegerin bei einer reichen Ärztefamilie. Am 29. Jänner 2008 fand man ihre nackte Leiche im Fluss Ager. Die Ermittler schlossen den Akt schnell, Selbstmord, hieß es sofort.

In der Tat deutet einiges darauf hin: Kurz vor ihrem Tod soll Šoltísová verwirrt und geistesabwesend gewirkt haben. In der Nacht ihres Verschwindens sah man sie auf der Straße herumirren, in Unterwäsche.

Und dennoch: Selbstmörder ziehen sich gemeinhin nicht aus, bevor sie in Flüsse springen. Auf den Oberschenkeln der Frau fand man Quetschwunden, die auf eine Vergewaltigung hindeuten. Und im Körpergewebe trug sie Spuren von Arzneimitteln, die sie weder benötigt hatte noch gekauft haben konnte, denn weder in Österreich noch in der Slowakei sind sie zugelassen.

All das wurde aber erst zum Thema, als sich Journalisten, allen voran Leidenfrost in der Presse, dem Fall zuwandten und die Selbstmordthese ins Wanken brachten.

Jetzt hat er seine Recherchen und die dabei gewonnenen Eindrücke in einem Buch versammelt, halb essayistisch-subjektiv, halb kriminalistisch-nüchtern. 350 Kilometer trennen Leidenforst von Vöcklabruck, 350 Kilometer von jenem abgelegenen zentralslowakischen Hochland, aus dem Šoltísová stammte.

Im Buch dienen diese Entfernungen als Leitmotiv. Ihnen gemäß versucht sich der Autor in der Mitte zu positionieren, zwischen dem österreichischen Wohlstand und seinen Ansätzen in der Slowakei, zwischen den ostslowakischen Frauen, die in Österreich schwarz als „24-Stunden-Pflegekräfte“ arbeiten, und jenen gutbürgerlichen Familien, die hierzulande ihre Hilfe benötigen und sie dankbar – und skeptisch – annehmen. Und zwischen dem strengen Zusammentragen der Indizien und dem persönlichen Empfinden, das man dabei hat. „Ich war als Kriminalist so schlecht, dass ich stets an mögliche Täter dachte, an das Opfer lange nicht. Erst spät begann ich, mich zu fragen, wie sie eigentlich war.“

So entsteht ein Blick, den nur jemand liefern kann, der in zwei Gesellschaften zuhause ist. „Denisa“, zitiert Leidenfrost eine Freundin der Verstorbenen, „habe nicht zu den Frauen gehört, die sich während der 14 Tage zuhause (nach dem Arbeitsaufenthalt in Österreich, Anm. d. Red.) gebärden, als wären sie frisch aus dem Paradies eingetroffen.“

Viele solcher Bekannte kommen zu Wort. Sie helfen letztlich nicht weiter. „Ich hatte den Überblick, ich hatte Länder, Sprachen, Perspektiven, aber nur weitere Rätsel produziert“, endet Leidenfrost.

Denisa Šoltísová findet keine abschließende Gerechtigkeit. Im persönlichen wie im gesellschaftlichen Kontext. Was mit ihr geschah, wird man vielleicht nie wissen.

Aber das macht ihre Geschichte nicht aus.

Martin Leidenfrost:
Die Tote im Fluss. Der ungeklärte Fall Denisa S.
Residenz Verlag,
144 S., € 14,90

Erschienen im Falter 10/09

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Eingeordnet unter Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

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