Ein kleiner Streit mit großen Folgen

Ein Disput soll dazu geführt haben, dass Aeryn Gillern nackt durch Wien rannte und möglicherweise Selbstmord beging

Bericht: Joseph Gepp

So klingt das also auf Amtsdeutsch: „Herr Gillern geriet (…) mit einem anderen Saunagast in Streit. Grund war die Frage des Gastes nach dem Befinden des Herrn Gillern.“

Die fatale Folge: Am 29. Oktober 2007, gegen 19 Uhr rannte Aeryn Gillern nackt aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl in der Weihburggasse. Beim Stubentor sah ihn zum letzten Mal ein Passant.

Dann verschwand der US-Amerikaner, der in der Uno-City arbeitete, spurlos. Laut Polizei hat er durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen. Seine Mutter, Kathy Gilleran aus dem amerikanischen Cortland, will daran allerdings ganz und gar nicht glauben.

Auf einen Selbstmord ihres Sohnes habe rein gar nichts hingedeutet, berichten sie und andere, die Gillern kannten. Und die Polizei habe sich bei den Ermittlungen grob homophob und unwillig verhalten. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb die Mutter 2008 an die damalige US-Senatorin Hillary Clinton. „Das Verhalten der Polizei“ habe geradezu „an Sadismus gegrenzt“.

Der Falter berichtete vergangenen November ausführlich – und der Fall schlug Wellen: Peter Pilz und Ulrike Lunacek von den Grünen richteten daraufhin eine parlamentarische Anfrage an ÖVP-Innenministerin Maria Fekter. 39 detaillierte Fragen an die oberste Polizeichefin sollten alle Unregelmäßigkeiten klären.

Nun, vergangenen Mittwoch, lief die Frist zur Beantwortung aus. Und so stellt sich der Fall laut ministerieller Antwort dar: Ein Streit im Kaiserbründl führte zu Gillerns plötzlicher Flucht. Kurz darauf alarmierte ein Angler die Polizei: „Ein Mann treibt im Wasser des Donaukanals, Höhe Urania und Hermann’s Strandbar. Er schreit um Hilfe.“ Der Mann war glatzköpfig, „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ sei er Aeryn Gillern gewesen.

Vier Polizeiautos rückten danach zum Kanal vor. Sie suchten eine Stunde nach dem Vermissten – erfolglos. „Ein Taucheinsatz (…) erschien wegen der starken Strömung nicht sinnvoll.“

Seitdem laufen die Ermittlungen. Die Donaustaaten wurden kontaktiert, um nach einer möglichen Wasserleiche zu suchen. Zusätzlich hat man laut Anfrage „sieben Personen zur Sache niederschriftlich einvernommen; weitere zehn Personen (…) fernmündlich“. Zieht man von den sieben Einvernommenen Gillerns Mutter, seinen Freund, seinen Nachbarn und den Zeugen vom Stubentor ab, dann bleiben noch drei Menschen – im Kaiserbründl, wo offenbar die Ursachen für den Fall liegen, scheint man sich also nicht eben eifrig umgehört zu haben.

Es bleiben Fragen offen: So sagt der Betreiber der Sauna, dass es an jenem Abend keinen Streit im Lokal gegeben habe, Gillern sei aus heiterem Himmel verschwunden. Außerdem habe die Polizei gar nicht mit Saunagästen sprechen können, weil das Management sich weigerte, Kontakte der Gäste dieses Abends herauszugeben.

Und: Die Polizei erklärte dem Falter im November, dass der Donaukanal von 20.23 Uhr bis 20.50 durchsucht worden sei – 27 Minuten lang. In den Antworten der Ministerin hat sich die Suchzeit mehr als verdoppelt: von 20.21 bis 21.21 Uhr, eine Stunde. Immerhin scheinen die Beamten schnell am Tatort gewesen zu sein: Um 20.21 verständigte laut Anfrage der erschrockene Angler die Polizei. Um 20.23 Uhr, zwei Minuten später, waren die Ermittler schon da.

Erschienen im Falter 8/09

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