Zen oder die Kunst des Boulderns

Wer ohne Seil klettert, sucht seine Körpermitte. Für den Anfänger ist das nicht einfach

Protokoll: Joseph Gepp

Es gilt ja gemeinhin als witzig, Menschen dabei zuzuschauen, wenn sie etwas zum ersten Mal machen. Denn einerseits kann man dann über die wacklige Unbeholfenheit des Anfängers lachen, andererseits bewundert man insgeheim seinen Wagemut, denn man selbst hätte sich diese Blöße nie gegeben.

Walfischgasse, Innenstadt. Es ist immer wieder verblüffend, was so alles hinter Wiens gleichförmigen Gründerzeitfassaden liegt. In diesem Fall ist es eine Boulderhalle, eine Aneinanderreihung von geraden, schiefen oder geschwungenen Wänden, mehr oder weniger hoch, eine verästelte, zerschnittene und durchfurchte Raumstruktur, wie in einem expressionistischen Film.

Kleine bunte herausragende Plastikklötze zieren die Wände. An diesen Vorsprüngen hält man sich fest. „Bouldern“ heißt Klettern in Absprunghöhe, wie der Autor dieser Zeilen zwei Tage vor dem Verfassen dieses Berichts gelernt hat. Man hantelt sich von Plastikklotz, korrekt „Kunstgriff“, zu Plastikklotz. Die ganz Geübten kommen auf diese Art sogar bis an die Decke, wo sie dann hängen und sich nach einer eleganten Pause gekonnt aus rund drei Metern auf den Boden fallen lassen. Den bedeckt eine dicke Schicht gelber Gummimatten, denn Abstürzen gehört zum Bouldern wie der Abschlag zum Golfen.

klettern
Der Autor boulder in Österreichs größer Boulderhalle

Freilich, wer Bouldern will, braucht Muskelkraft. Bouldern ist der gewandte Kampf gegen die Schwerkraft. Als kleine Hilfe dienen lediglich die Plastikklötze, an denen man sich mit straff gespannten Fußspitzen oder abenteuerlich verbogenen Fingern festkrallt. Dementsprechend sind viele der Kunden hier geübte Kletterer. Die Halle ist die größte und älteste in Österreich. Manch nationaler Profi trainiert hier. Schmale, drahtige Körper hanteln sich behände die Wände hinauf und lassen sich fast gleitflughaft wieder fallen. Nur dem Autor, der sich hier an einer Schnupperstunde versucht, sagt Bouldern ungefähr so viel wie Modellbau oder Fliegenfischen.

„Es kommt auf die Körpermitte an“, sagt Vera Mair, 27, berggeeichte Südtirolerin und Trainerin des Ungeübten. Wenn ein Kletteranfänger die Schwerkraft überwinden will, dann presst er seinen ganzen Körper gegen die Wand, das scheint ihm logisch. Gekonnte Kletterer dagegen hocken geradezu am simulierten Felsen. Ihr Körper hängt an ihren durchgestreckten Armen, ihre angewinkelten Beine stemmen ihn von der Wand weg. Dazwischen baumelt der Hintern wie ein Pendel. Der wird so zur frei regulierbaren Körpermitte. Wer das Becken etwa nach links schwenkt, verlagert sein Körpergewicht in dieselbe Richtung. Dann zieht er Arme und Beine nach, wechselt auf diese Art spielerisch die Position auf der Kletterwand, und irgendwann wird aus ihm ein guter Boulderer.

Das klingt einfach. Der Anfänger allerdings beginnt 30 Zentimeter über dem Boden mit seinen Übungen. Die verkrampften Finger schmerzen. Und befindet sich der angepeilte Plastikklotz weiter als einen halben Meter vom vorherigen entfernt, dann stürzt man unweigerlich ab, auf die Matte. Der daneben stehende Fotograf lacht hemmungslos über die ersten Schweißperlen, denn er selbst sei ja fast Profikletterer, behauptet er, er habe das regelmäßig gemacht, mit 17 oder 18.

Nach 20 Minuten scheint es erstmals zu funktionieren. Das Prinzip der frei schwenkbaren Körpermitte ist erfasst, und eine so schlechte Figur macht man jetzt gar nicht mehr auf der Kletterwand, glaubt man zumindest. Freilich, nebenan, auf der intern sogenannten Machowand, trainieren die schmalen drahtigen Körper, hängen waagrecht an der Decke wie die Menschenaffen in „Universum“, fallen zurück auf die Erde wie Segelflieger. Und kaum scheint einem die eigene Kletterperformance nicht mehr ganz so peinlich, ist auch schon die gefühlte Leistungsbereitschaft eines ganzen Monats verpulvert.

Wenn das Wetter besser ist, dann fahren die Könner gruppenweise in die europäischen Kletterparadiese, ins felsige Zillertal, nach Fontainebleau vor den Toren von Paris oder in die abgelegenen Wälder des spanischen Aragón. Sie schnallen ihre eingerollten Sturzmatten und die biegsamen Kletterschuhe auf die Rücken und ziehen gemeinsam durch die Wälder, bis sie die ersehnten Boulderfelsen erreichen. Dann klettert einer, und die anderen liegen derweil entspannt auf dem Waldboden, schauen aufmerksam zu, bewerten, applaudieren, kritisieren. Bis der Nächste klettert. Klingt sehr nett, das alles. Natur, Wettkampf, Freiheit, eine europäische Szene, mens sana in corpore sano.
Aber dazu werden noch einige Boulderstunden nötig sein.

Informationen
Boulderhalle Edelweiss,1., Walfischgasse 12
http://www.edelweiss-center.at
Für Interessierte: http://www.klettercoaching.at

Erschienen im Falter 5/09

kostenloser Counter

Weblog counter

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s