Erst unterirdisch, bald überirdisch?

Doch keine Naschmarktgarage: Wie die Grünen in Mariahilf Prominente gegen Parkplätze mobil gemacht haben

Recherche: Joseph Gepp & Christopher Wurmdobler

Eva Deissen, Franzobel, Michael Freund, Roland Girtler, Josef Hader, Elfriede Hammerl, Robert Menasse, Kurt Palm, Martin Pollack und Tex Rubinowitz.

Diese Menschen haben nicht viel gemeinsam. Aber sie alle – und viele mehr – unterschrieben die Liste gegen eine geplante Tiefgarage unter dem Naschmarkt.

Gekonnt haben die Mariahilfer Grünen vorgeführt, wie man ein umstrittenes Verkehrsprojekt zu Fall bringt. Sie veranstalteten Protestversammlungen und Podiumsdiskussionen, mobilisierten Medien. Vor allem aber nahmen sie Prominente in die Pflicht. Viele von ihnen wohnen in Naschmarktnähe, was sich gut traf.

Die rote Mehrheit im Bezirk Mariahilf ist seit der letzten Wien-Wahl nur hauchdünn abgesichert. Die Grünen sitzen auf dem starken zweiten Platz. Und der „Kampf um Wien“ hat bekanntlich bereits begonnen. In dieser Situation wollte die rote Stadtregierung manchen Opinion Leader, der ihr sonst eher geneigt ist, nicht unnötig verschrecken, sagen Kritiker. Und da kamen die Promis ungelegen.

Offiziell war es freilich der Hochwasserschutz, mit dem das Ende des Projekts gerechtfertigt wurde. Die Garage für 370 Autos hätte auf einer eingezogenen Etage zwischen dem oberirdischen Naschmarkt und dem unterirdischen Wienfluss errichtet werden sollen. Die „Einwölbungsstrecke“, so der offizielle Name des betonierten Flussbetts, ist zwar groß und breit – aber bei einer Flut könne Wasser in die Garage dringen, lautete vergangenen Dienstag die Begründung aus dem Rathaus. Sie kam überraschend; erst in der Vorwoche war für Februar ein Machbarkeitsgutachten angekündigt worden.

Die Grünen jubilierten. Sie waren gegen Verkehrskollaps und Marktverschandelung auf die Barrikaden gestiegen. Von einem „Sieg der Vernunft“ sprach Stadtobfrau Maria Vassilakou. Einen „großen Erfolg“ nennt auch Richard Weihs, grüner Bezirksrat in Mariahilf, das Gelingen seiner Initiative.

Muss man heute Promis mobilisieren, um Bürgeranliegen erfolgreich zu vertreten? „Ihre geballte Masse hat sicher geholfen“, sagt Weihs. „Viele waren SP-nah, da haben wir durchaus drauf geachtet. Das hat den Druck sehr erhöht, sodass der Stadt gar nichts anderes übrigblieb. als zurückzurudern.“

Die nächste Unterschriftenliste kommt bestimmt. Dann wird’s allerdings überirdisch: Anrainer und Promis werden sich gegen die Aufstockung des Markts aussprechen – einige Lokale planen den Dachausbau ihrer Hütten.

Erschienen im Falter 6/09

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung

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