Wie ein Flohmarkt der Gemeinde in Floridsdorf aus drei Jahrzehnten Stadtgeschichte erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Die Mühlen der Verwaltung mahlen weit draußen, in Floridsdorf, gleich hinter der Großfeldsiedlung, der Wind pfeift zwischen Plattenbauten und gelbverputzten Sporthallen. Dort, in einer unscheinbaren Lagerhalle, verkauft die Magistratsabteilung 54 („Zentraler Einkauf“) die ausgemusterten Büromöbel der Gemeinde Wien.

Ganzjährig stehe der „Gebrauchtwarenabverkauf“ Interessierten offen, erklärt der Lagerverwalter in blauer Uniform. Nicht nur vor Weihnachten und Ostern, auch wenn die Kronen Zeitung das regelmäßig vor Weihnachten und Ostern behaupten würde.

Wer die Halle betritt, sieht sie geradezu vor sich, die Tage und Tage voll mit mehr oder weniger interessanten Tätigkeiten im Büro, die linoleumbelegten Gangfluchten, die uniformen Arbeitsplätze, die jeder städtische Beamte für sich ein bisschen individuell zu gestalten versucht.

Hier stehen die Zeugen von drei Jahrzehnten Verwaltungsgeschichte: Schreibtische, metallene Aktenkästen, Garderobenhalter, Feuerlöscher, Regale für Bücher oder Ordner, ein Saughektor fürs Klo, eine schwarze Schreibmaschine der Marke Royal, die aus den 60er-Jahren stammen muss. Manches ist grau und abgegriffen, anderes leuchtet wie neu. In einer Ecke liegt Einrichtung aus städtischen Kindergärten, kleine Sessel, mit tanzenden Teddybären verzierte Matratzen. „Die Kindermöbel gehen besonders gut“, sagt die MA-54-Empfangsdame.

Auf den Büromöbeln erzählen nicht abgekratzte Pickerln aus dem Arbeitsalltag: „Kontrollamt der Stadt Wien“, „Diverse unvollständige Kopien“, „Vier Kätzchen, deine Schätzchen“, „Ich bin Gast in Bad Schönau“, „Ich fahre nie ohne Antenne Wien 102,5“.

Vor Weihnachten würden die Leute seine Halle stürmen, erzählt der Lagerverwalter und rückt den Arbeitspullover mit dem breiten „Mag-Shop“-Schriftzug zurecht. Ansonsten sei es ziemlich ruhig, dabei gebe es den Verkauf doch schon so lange, seit dem Jahr 1987.

Und dann wendet er sich ab, zwei Kundinnen betreten das Gebäude. Draußen nieselt es leicht, ein Gabelstapler mit einem alten Schreibtisch bewegt sich auf die Halle zu.

MA-54-Gebrauchtwarenabverkauf,

Mo–Mi & Fr 8–13.30, Do 8–18.30 Uhr

21., Oswald-Redlich-Straße 9

Tel. 40 00-54201

Erschienen im Falter 49/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Das Rote Wien, Kurioses

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s