KOMMENTAR Reiner Zufall: Die glücklose Stadtpolitik und der Prater

Der Prater, das sind Zufälligkeiten. Er entzieht sich jedem generellen Konzept, er oszilliert irgendwo zwischen Rotlichtviertel und Streichelzoo, zwischen Techno und Tradition, zwischen Toboggan und Tagada. Der Prater, das sind Interessenkonflikte zwischen Unternehmern, Stadtplanern, Anrainern und Besuchern. Und weil die Interessenkonflikte so groß sind, wird der Prater vielleicht immer ein großer Zufall bleiben.

Es scheint, als würde jeder Versuch, diese Anmutung zu ändern, scheitern. In den vergangenen Jahren gingen sämtliche kommunale Initiativen, dem Prater ein einheitliches Gesicht aufzudrücken, desaströs schief. Das begann beim glücklosen (und teuren) Engagement des französischen Themenparkexperten Emmanuel Mongon 2003. Er wollte dem Vergnügungspark seine vergangene Grandezza zurückgeben. Aber er scheiterte, denn es galt eben, den Prater zu reformieren und nicht Disneyland.

Dann kam das Fiasko um den Riesenradvorplatz. Von den explodierenden Baukosten, dem insolventen Generalunternehmer, den völlig unkoordinierten Abläufen auf der Baustelle, den gebrochenen Abmachungen der Stadtverwaltung, den um ihr Geld geprellten Kleinunternehmern und der mutigen Interpretation von Vergaberecht und Bauordnung war im Falter ausführlich die Rede.

Jetzt hat das Wiener Kontrollamt das Versagen amtlich bestätigt: In einem aktuellen Bericht kritisieren die Prüfer unter anderem, dass das Bundesvergaberecht umgangen wurde, dass die Baukosten doppelt so hoch ausfielen wie geplant und dass die ausführende Firma nicht einmal die Baumeisterbefugnis hatte.

Zwei Dinge sollte man dabei auseinanderhalten. Einerseits ist es Ziel der Stadt, dem Prater ein Einheitskonzept zu geben und Interessenkonflikte auszugleichen. Das darf und soll sein. Und ein repräsentativer Vorplatz ist der erste Schritt in diese Richtung.

Auf der anderen Seite jedoch steht die Frage, auf welche Art diese Idee verwirklicht wurde – und die war schlicht katastrophal. Als Kritik laut wurde, schob man die Verantwortung schnell auf jene Privaten, die man sich nur zu Finanzierungszwecken ins Boot geholt hatte. Die Gemeinde beauftragte eine Firma, die – salopp gesagt – keine Ahnung vom Bauwesen hatte. Nur ihr Chef war eben kein Unbekannter im Rathaus.

Jetzt wäre es für Grete Laska, die verantwortliche Stadträtin, an der Zeit, Konsequenzen zu ziehen. Die Regierungsbildung im Bund soll ohnehin auch mit einer in Wien einhergehen. Sonst bleibt der Prater immer das, was er ist – ein reiner Zufall.

Erschienen im Falter 47/08

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