Monatsarchiv: Dezember 2008

Zigaretten und Benzos

Unter Menschen, die nie zu leben gelernt haben. Zwei Tage im Caritas-Obdachlosenheim für Jugendliche

Reportage: Joseph Gepp

Es ist 13 Uhr, „Dienstübergabe“ nennen die Sozialarbeiter die Sitzung, die soeben beginnt. Es geht um den Einkauf von Putzmitteln, und es geht darum, wer gerade warum wieder einmal abgestürzt ist.

Geschirrspülmittel müsse nachbestellt werden, sagt Tanja Guhry, die Sitzungsleiterin. Und Ofenbleche fehlen auch schon wieder, „die verschwinden immer so schnell“. Sie sitzt in einem hellen ordentlichen Büro, eine Postkarte aus Mexiko an der Korkwand, Früchtetee und Karamellkekse auf dem Fensterbrett. Sieben andere Sozialarbeiter haben sich an ihrem großen Schreibtisch um sie versammelt. Guhry liest die Tagesordnungspunkte vor, ein anderer Mitarbeiter protokolliert am Computer.

Schnell besprechen sie die administrativen Dinge, Lebensmittelkäufe, Putzdiensteinteilungen, nächstes Jahr Balkonentrümpeln. Dann kommen sie zu den Heimbewohnern. Guhry listet Person für Person auf, ihr Kugelschreiber flitzt über den Zettel von Namen zu Namen. Was sie sagt, wirft Schlaglichter auf Biografien von Menschen und auf die tagtäglichen Versuche, die schlimmsten Abstürze in diesen Biografien abzumildern und abzufedern.

Sabine Mayrhuber*, sagt Guhry, weigere sich, ihre Medikamente weiterhin zu nehmen. Es gehe ihr schon wieder gut, behaupte sie. Das sei zwar richtig, findet das Kollektiv, aber gut gehe es ihr leider eben wegen der Medikamente – sie abzusetzen, wäre ein großer Fehler.

Tarkan Özdemir, ehemaliger Heimbewohner, stelle seiner Exfreundin, ebenfalls Heimbewohnerin, nach: Er sei kürzlich ganz unerwartet an der Rezeption gestanden und habe hinauf gewollt, ins Zimmer des Mädchens – die Sozialarbeiter verhängen ein Hausverbot.

Ein anderer Bewohner hat sein Substitol-Rezept schon wieder verschmissen. Ein weiterer wartete an der falschen Adresse auf eine Wohnungsbesichtigung. Ein Dritter hat – die gute Nachricht des Tages – einen Job in einem Supermarkt bekommen.

Lukas Esselberg sei seit Tagen verschollen, „der ist am Abstürzen, der kommt nicht mehr zurück“.

Und Martin Reiter, Heimbewohner seit langer Zeit, soll die Einrichtung nun verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen – er will aber nicht. „Er meint, dass er noch nicht zum Ausziehen bereit ist“, sagt Guhry, „dass er noch Zeit braucht. Er sagt, wenn ihn hier jemand rausbringt, dann muss das schon die Polizei sein.“

Die Sozialarbeiter beschließen, dass Martin Reiter schriftlich ausformulieren muss, welche Vorteile ihm weitere Monate hier bringen würden. Er soll das Dokument zusammen mit seinem Therapeuten erstellen. Schließlich ist das Juca als Brücke in ein normales Leben gedacht und nicht als dauerhafte Lebensform.

Das Juca, kurz für „Jugendhaus der Caritas“, in Ottakring nahe der Vorortelinie, schwebt irgendwo im breiten Raum zwischen Schlafstätte und Therapieeinrichtung. Hier können Obdachlose zwischen 18 und 30 Jahren in Einzelzimmern übernachten, bis zu zwei Jahre lang. Sie müssen aber auch Regeln erfüllen und Auflagen einhalten: regelmäßiger Putzdienst etwa, fixe Besuchszeiten, eine Mindestanzahl von Nächten im Heim pro Woche, eine Miete von sieben Euro pro Tag, Alkoholkontrollen oder verlässliches Erscheinen in Entzugskliniken oder Therapeutenpraxen.

Im Juca will man das Elend mildern, indem man es vorerst in geregelte Bahnen lenkt. „Die Menschen haben nie Strukturen kennengelernt“, sagt Michael Zikeli, der Heimleiter. „Mit den Regeln versuchen wir, ihnen Strukturen beizubringen.“ Das größte Druckmittel dabei ist der Aufenthalt im Juca selbst: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verwarnt, dann nochmals verwarnt, bis er nach mehreren Monaten das Heim verlassen muss. Die jungen Menschen – es sind rund 65 Männer und 15 Frauen – waren oder sind fast ausnahmslos süchtig. Nach Alkohol, nach Heroin, oft auch nach Medikamenten, meistens „Benzos“, Benzodiazepine, das sind Beruhigungstabletten. Je jünger sie sind, desto weniger greifen die meisten zum Alkohol, desto eher betäuben sie sich mit Drogen oder Tabletten. Es sind Geschichten, die – ebenfalls fast ausnahmslos – weit in die Kindheit zurückreichen: Manche der Bewohner wurden durch eine Vergewaltigung gezeugt. Andere wurden von der Mutter weggegeben, weil diverse Männerbekanntschaften und das Kind einfach nicht zusammengehen wollten.

„Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Menschen ist ein Mangel an Beziehungen in irgendeiner Form“, sagt Martin Schindler, einer der Sozialarbeiter. Beziehungen ermöglichen Bezüge, und Bezüge schaffen Bezugssysteme. Oder anders: Wem in der Kindheit verwehrt wird, sich mit irgendjemandem zu identifizieren, der lernt unter Umständen elementare Verhaltensweisen nicht – mit anderen Menschen umzugehen etwa, mit Dingen, mit der Umwelt insgesamt. Diesen Menschen fällt es später schwer, ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie aufzubauen, eine geglückte Liebesbeziehung zu führen oder einem stabilen Beruf nachzugehen. Und in krassen Fällen äußert sich der Mangel an Bezügen sogar in kleinen, ganz banalen Alltäglichkeiten: Benutzte Teller etwa finden Juca-Angestellte regelmäßig in den Mülltonnen, man hat nie gelernt, was mit schmutzigem Geschirr zu machen ist.

Heimleiter Zikeli erzählt von einem Mädchen, das im Juca zum ersten Mal in seinem Leben eine Waschmaschine bedient hat: Sie holte die fertige Wäsche aus der Trommel und schlichtete sie nass in den Kleiderkasten – sie wusste nicht, dass man Wäsche zuerst trocknen muss.

„Unser höchstes Ziel hier ist, dass es den Menschen einmal gelingt, in der gesellschaftlichen Unauffälligkeit zu bleiben“, sagt Zikeli. „Das schaffen sie momentan nicht.“ Rund 30 Prozent der Menschen, die einmal im Juca waren, gelingt laut Zikeli der Sprung in die Normalität: Sie verlassen das Juca, wechseln oft in eine von Sozialarbeitern betreute Wohngemeinschaft und übersiedeln später in eine reguläre Wohnung, meistens im Gemeindebau. Was selbstverständlich scheint – ein geregeltes Leben, eine Wohnung, ein mehr oder weniger stabiler Job -, ist das höchste Ziel, auf das die jungen Juca-Bewohner in ihrem Leben noch hoffen dürfen.

Gegen Abend füllt sich der Juca-Aufenthaltsraum, die Bewohner kommen aus ihren Zimmern in den oberen Stockwerken ins Erdgeschoß. Sie setzen sich zusammen und rauchen, reden miteinander, hören Musik aus ihren Kopfhörern. Die Männer tragen tiefsitzende Hosen, T-Shirts mit aufgedruckten Logos und oft wirre Frisuren, die Frauen sind manchmal stark geschminkt. Es sind keine klassischen Obdachlosen mit Bierdosen und zerrissenen Mänteln. Es sind Jugendliche.

Im Aufenthaltsraum stehen einige Regale mit willkürlich zusammengewürfelten Büchern, die Windows-98-Secrets, das Sport-Jahrbuch 2000, das Gotteslob. Ein Wuzeltisch in der Mitte des Raums wird eifrig frequentiert, routiniert wird die dreckig-weiße Kugel in die schmalen Tore geschossen, Zweier- und Viererpartien wechseln sich ab, in den am Wuzler angeschraubten Plastikaschenbechern mehren sich die Tschicks.

juca
Der Juca-Aufenthaltsraum (Foto: Heribert Corn)

Markus Hornik, 18, kleingewachsen, kurzgeschorene Haare, vorstädtischer Dialekt, sitzt stumm auf einer braunen Ledercouch und schaut den Spielern beim Tischfußball zu. Es sei langweilig hier, sagt er. Er redet über seinen Tagesablauf: Gegen 17 Uhr aufstehen, hinuntergehen, essen, rauchen, reden, dann wieder hinauf in den Stock, fernsehen und Musik hören, gegen sechs Uhr morgens gehe er dann ins Bett.

Er antwortet bereitwillig auf alle Fragen, aber er beginnt zu stocken, wenn es gilt, konkrete Erfahrungen zu beschreiben. Es ist, als würde er einen tabellarischen Lebenslauf vorlesen, ohne darüber hinauszugehen. Gefragt, wie sich bestimmte Ereignisse anfühlen, flieht er – wie die anderen Juca-Bewohner – in Phrasen: „Das war schon hart“ oder „wie so was halt ist“. „Die Leute sind blockiert“, sagt Michael Zikeli. „Sie schaffen es nicht aus sich heraus.“ Drei Monate habe er auf der Straße gelebt, erzählt Markus Hornik, im Alter von 17 Jahren, samt seinem Vater und seiner Mutter. Aus der Gemeindewohnung war die dreiköpfige Familie delogiert worden, der wenige Besitz gepfändet. Bei der Großmutter gab es keinen Platz. Und Freunde hatten die Eltern schon lange keine mehr, „sie haben den Kontakt zu allen Leuten abgebrochen, ich hab das gar nicht richtig mitbekommen, ich war ja die ganze Zeit unterwegs“.

Es war der Spätsommer dieses Jahres, den sie dann auf der Straße verbrachten. Die Familie schlief auf der Donauinsel und in verschiedenen Parks. „Das war nicht leicht, ein Packerl Tschick zu dritt, zwei Wurstbrote zu dritt.“ Jetzt lebt Hornik hier im Juca, „ein leiwandes Leben im Vergleich zu dem da draußen“. Die Eltern wurden in einem anderen Obdachlosenheim untergebracht. „Vor zwei Wochen habe ich 1300 Euro Quartalsunterstützung vom Sozialamt gekriegt“, sagt er. Und dann lacht er und reckt den Kopf in die Höhe. „Die habe ich sofort versoffen.“

Das Mädchen neben ihm, ebenfalls 18, erzählt von seinem Exfreund. Zwei Jahre seien die beiden zusammen gewesen, „leider Gottes aus Angst“, sagt sie. Einmal sei er ihr mit dem Küchenmesser nachgelaufen. Dann habe sie sich endlich von ihm getrennt, sich bei den Eltern eingesperrt, „die Tür hab ich nicht mehr aufgemacht, den Internetchat nicht mehr aufgedreht“. Die Probleme im Elternhaus wurden allerdings schon kurz darauf so groß, dass die Familie nicht mehr weiterwusste. Das Mädchen kam in ein Internat, brach von dort jedoch aus, ging in Kolpinghäuser und Krisenzentren – und landete schließlich im Juca. „Zu den Eltern kann ich jetzt nicht, die wollen mich nicht mehr.“ Sie sei abhängig von Alkohol und Benzos, sagt das Mädchen, sie wirkt ein bisschen aufgekratzt, sie lächelt und scheint nicht zu wissen, was sie jetzt noch sagen soll.

Dann kommt das Abendessen, Zigarettenverbot in wenigen Minuten, jeder zündet sich noch schnell eine an. Ein Zivildiener stellt einen großen Topf Paradeisersuppe mit Reis hin, die gleiche, die heute Abend auch per Caritas-Bus an Obdachlose in der ganzen Stadt verteilt wird. Einen hingestreckten Teller nach dem anderen füllt er auf. Die Bewohner sitzen dann zusammen, schweigend, tief über ihre Teller gebeugt, einmal lobt jemand die Suppe, und dann sagt jemand, dass die Bohnen kürzlich nicht ganz durch waren.

Michael Zikeli, 47, ursprünglich Rumäniendeutscher, sitzt währenddessen in seinem Büro, er tippt noch schnell ein Mail, ruhig und konsequent, er schiebt ein Blatt Papier in die Aktenablage. Zikeli leitet das Heim seit zwei Jahren, er ist Veganer, graumelierter Bart, konzentrierter Blick, etwas hager. Zikeli scheint ein Mann zu sein, der sich selbst sehr gut unter Kontrolle hat, vielleicht weil er den totalen Kontrollverlust bei anderen Menschen so oft erlebt hat. „Das Juca ist ein permanentes Fieberthermometer der Gesellschaft“, sagt er. „Man muss nur den Mut haben hinzusehen.“

Zikeli meint, dass sich im Juca Tendenzen zeigen, die auch außerhalb des Heims Entwicklungen ankündigen. Der Altersschnitt der Heimbewohner etwa sei stark gesunken, von 27 Jahren im Jahr 2000 auf 24 im Vorjahr. Früher seien immer noch einige Plätze frei gewesen im Juca, sagt Zikeli – heute sei das Heim bis aufs letzte Bett voll.

„Jugendaufstände wie in Paris oder Athen sind nicht so weit weg, wie wir glauben“, meint er. „Wir bemerken, dass bei der Jugend die Schere in der Gesellschaft aufgeht. Entweder sind die jungen Menschen sehr gut qualifiziert, dann haben sie oft auch ein heiles Familienleben und sind erfolgreich im Beruf. Oder sie gleiten in Armut und Sucht ab und landen im Juca. Die Mitte beginnt immer heftiger zu bröckeln.“

zikeli
Michael Zikeli (Foto: Heribert Corn)

Den „breiten, alles nivellierenden Mittelstand“ hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq das einmal genannt. Der Mittelstand entstand in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Jugendeinrichtungen dieser Zeit – etwa Schulen, Jugendheime, Sportstätten – waren vielleicht nie brillant, aber immer passabel, und immer trafen sich dort Arm und Reich. Jetzt stehen sich immer öfter zwei Pole gegenüber: Exzellenz gegen Ghetto. Der alles nivellierende Mittelstand schmilzt weg wie ein großer Eisblock zwischen zwei heißen Metallplatten. Und was nach unten rinnt, sammelt sich zum Beispiel im Juca, bei Michael Zikeli.

„Die heutige Jugend rebelliert anders als früher“, sagt er. „Sie rebelliert durch Verweigerung. Durch Nichtteilhabe.“

Juca – Haus für junge Erwachsene
16., Römergasse 64-66
Tel: 485 27 27-600
juca@caritas-wien.at

Spenden
PSK 7.700.004
Kennwort: Juca

* Sämtliche Namen der Juca-Bewohner wurden geändert

Erschienen im Falter 52/08

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Eingeordnet unter Soziales, Wien

STADTRAND: Alt-Simmering – Ein Wintermärchen

Hin und wieder schimmert durch all die hochspezialisierten Abläufe, die unser modernes Leben nun mal mit sich bringt, ein Hauch von Wärme, Leidenschaft und freundlicher Zuneigung. Zum Beispiel auf der Südosttangente. Dort, wenn man aus dem Süden in Richtung Stadtzentrum fährt, gerade wenn man die Abfahrt zum Flughafen passiert, steht ein merkwürdiges Hinweisschild: „Alt-Simmering“. Gibt es einen verschlafenen Ortskern von Simmering, den wir bislang übersehen haben? Ein sozialdemokratisches Pendant zum schwarzen Grinzing? Vielleicht mit strohgedeckten kleinen Häuschen? Wo die Arbeiterkinder unter Storchennestern spielen und die Geranien auf den Gemeindebaubalkonen auch im Winter blühen? Vielleicht liegt ja irgendwo, gut versteckt am Ende einer aufgelassenen Straßenbahnlinie, abseits aller heftig frequentierten Durchzugsrouten, Alt-Simmering. Das ist aber unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist Alt-Simmering nur die fantastische Ausgeburt eines hoffnungslos romantischen Autobahnschilderbeschrifters. Ist doch schön.

Joseph Gepp

Erschienen im Falter 51/08

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Eingeordnet unter Stadtrand, Wien

Weihnachtsbeleuchtung in den Außenbezirken: Advent essen Seele auf

Dass Weihnachten kommt, merkt man in Wien vor allem an der Beleuchtung – je nach Zielgruppe der Einkaufsstraße variiert die Gestaltung: Standardisiert strahlt die Mariahilfer Straße, nonkonformistisch die Neubaugasse, edel der Kohlmarkt.

Die Kleinen ziehen mit: Im 15. Bezirk strahlen etwa Märzstraße oder äußere Mariahilfer Straße in festlichem Glanz. Die Kosten der saisonbedingten Gestaltung teilen sich je zu rund einem Drittel die Wiener Einkaufsstraßen, die Wirtschaftskammer und die Bezirksvertretung.

Für jenes Drittel, das der Bezirk beisteuert, ist in Rudolfsheim-Fünfhaus kein eigener Budgetposten vorgesehen. Das Geld werde also vom (ohnehin nicht hoch dotierten) Kulturbudget abgezwackt, klagt Haroun Moalla, Kultursprecher der Grünen im 15. Bezirk. 40 Prozent der für Kultur vorgesehenen Gelder seien etwa im Vorjahr in die Einkaufsstraßen geflossen. Den Großteil davon investieren die dortigen Geschäftsleute ins Weihnachtslicht.

„Die Kulturförderung im 15. Bezirk funktioniert nach dem Uralt-Proporzprinzip“, so Moalla. Jährlich stünden rund 140.000 Euro an Kulturförderung zu Verfügung. „20 Prozent davon gehen an parteinahe Vereine, zwei von der SPÖ, einer von der ÖVP, einer von der FPÖ. Diese Parteiklubs brauchen nur ein Fax mit einer halben A4-Seite an den Bezirk zu schicken, und sie kriegen das Geld.“ Weitere 40 Prozent gehen an die Einkaufsstraßen.

Bleibt weniger als die Hälfte für den eigentlichen Zweck des Geldes: die Förderung unabhängiger Kulturinitiativen. Kleine Projekte, wie etwa ein Laientheater, eine historische Grätzelführung oder eine kleine Fotogalerie, würden oft durch die Finger schauen.

„Wenn unabhängige Kulturschaffende Subventionen wollen, dann sind akkurate Kostenaufstellungen und Projektpläne unabdingbar. Ganz im Gegensatz zu den Parteiklubs“, sagt Moalla. „Wir treten natürlich für eine Förderung von Nahversorgung und Einkaufsstraßen ein. Aber nicht aus dem Kulturbudget.“

Man habe sich bereits für einen eigenen Budgetposten zur Einkaufsstraßenförderung starkgemacht, entgegnet Peter Jäger von der Rudolfsheimer Bezirksvertretung. Aber die zuständige MA 7 für Kulturangelegenheiten sei dagegen. Und parteinahe Vereine würden durchwegs politikfreie Kulturveranstaltungen anbieten. „Sie betreiben Veranstaltungen auf breiter Basis. Freie Kulturvereine konzentrieren sich dagegen auf Alternativkultur. Wir wollen eine Mischung aus beidem.“ Und: „Wenn wir Weihnachtsbeleuchtung wollen, dann müssen wir das auch fördern.“ Da haben die Lampen eben für ein paar Wochen Priorität.

Joseph Gepp

Erschienen im Falter 50/08

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Konsum, Stadtplanung

Online-Offshore-Konten: So kinderleicht ist Steuerflucht

Man muss nicht Don Corleone sein, um Steuern zu hinterziehen. Ein Blick ins Internet reicht, Google, Stichwort „offshore bank account“. Da kommt einiges: Eine Steuerberatungskanzlei bietet ein Weihnachtsangebot – das „Bronzepackage“ inklusive Briefkastenfirma (Panama, Seychellen oder Belize). Eine panamaische Kanzlei schreibt stolz, dass es Behörden unmöglich ist, die Kontoeigentümer festzustellen. Bei der britischen HBSC-Bank bekommt man 24-Stunden-Telefonbanking zu den Cayman-Inseln. Und die Benutzer? Die diskutieren in Foren angeregt übers vielfältige Angebot. „Wie kann man Geld ohne Verdacht offshore transferieren?“, fragt ein Anonymer. „Wenn man normal überweist, kriegt das Finanzamt das ja mit.“ Und dann verabschiedet sich Don Corleone: „Schöne Grüße aus Österreich.“

Joseph Gepp

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Erschienen im Falter 50/08

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Eingeordnet unter Kurioses

„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“

Vergangene Woche berichtete der Falter über den verschwundenen Amerikaner Aeryn Gillern. Jetzt meldet sich ein Zeuge zu Wort

Bericht: Joseph Gepp

Der Falter berichtete: Aeryn Gillern, 34, US-Amerikaner und Uno-Mitarbeiter, rannte am Abend des 29. Oktober 2007 nackt aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl im ersten Bezirk und verschwand danach spurlos. Die Polizei sagt, er habe durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen. Seine Mutter, Kathy Gilleran, will daran nicht glauben. Selbst eine pensionierte Polizistin, warf sie der Wiener Polizei im Falter-Gespräch Homophobie und schwere Schlampereien bei der Suche nach ihrem Sohn vor.

Niemand will den nackten Mann gesehen haben, der am frühen Abend durch die stark frequentierte Innenstadt in Richtung Donaukanal gelaufen sein soll. Die Polizei sagt, es gebe lediglich Zeugen, die ihn beim Verlassen der Sauna beobachtet hätten. Das Saunapersonal verlor an jenem Abend Gillern schon nach wenigen Metern aus den Augen. Nachdem er aus der Saunatür gekommen war, verschwand er sofort in den Gassen rund um den Franziskanerplatz.

Jetzt meldet sich ein Zeuge zu Wort. Wolf Deucker, 26, Student aus der Leopoldstadt, war an jenem Abend mit seiner Freundin in den Cafés der Innenstadt unterwegs. Zwischen 19 und 20 Uhr durchquerten sie die Unterführung zwischen Stubentor und Bäckerstraße. „Wir sahen einen nackten Mann“, erzählt Deucker. „Er kam von der Stubenbastei und lief über die Dominikanerbastei davon, in Richtung Donaukanal.“ Der Mann hatte eine Glatze und war muskulös – Deucker erkannte ihn auf dem Foto in der Zeitung als Aeryn Gillern wieder. „Wir dachten an einen seltsamen Scherz oder eine verlorene Wette. Wir konnten uns nicht erklären, warum jemand nackt bei leichtem Schneerieseln über den Platz lief. Meine Freundin pfiff ihm nach, daraufhin dreht er sich kurz im Laufen um, wie erschreckt, rannte aber gleich weiter. Er war nassgeschwitzt. Er machte einen total perplexen, verfolgten Eindruck. Wir sahen aber keine Verfolger auf der Straße.“ Und: „Es waren sonst keine Passanten in dieser zentralen Gegend unterwegs.“

Tage später meldete sich Deucker bei der Polizei, nachdem das Gratisblatt Heute über den Fall berichtet hatte. Zwei Polizisten nahmen seine Aussage auf. Jetzt behauptet die Polizei, es habe keine Zeugen gegeben – außer jenen unmittelbar am Saunaeingang. Deucker wusste nicht, dass seine Beobachtung offensichtlich nicht in die Ermittlungen einfloss. „Das muss vor allem für die Angehörigen schlimm sein“, sagt er. „Die erfahren seit über einem Jahr nichts und müssen in unerträglicher Ungewissheit abwarten.“

Erschienen im Falter 48/08

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Eingeordnet unter Aeryn Gillern

Wie ein Flohmarkt der Gemeinde in Floridsdorf aus drei Jahrzehnten Stadtgeschichte erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Die Mühlen der Verwaltung mahlen weit draußen, in Floridsdorf, gleich hinter der Großfeldsiedlung, der Wind pfeift zwischen Plattenbauten und gelbverputzten Sporthallen. Dort, in einer unscheinbaren Lagerhalle, verkauft die Magistratsabteilung 54 („Zentraler Einkauf“) die ausgemusterten Büromöbel der Gemeinde Wien.

Ganzjährig stehe der „Gebrauchtwarenabverkauf“ Interessierten offen, erklärt der Lagerverwalter in blauer Uniform. Nicht nur vor Weihnachten und Ostern, auch wenn die Kronen Zeitung das regelmäßig vor Weihnachten und Ostern behaupten würde.

Wer die Halle betritt, sieht sie geradezu vor sich, die Tage und Tage voll mit mehr oder weniger interessanten Tätigkeiten im Büro, die linoleumbelegten Gangfluchten, die uniformen Arbeitsplätze, die jeder städtische Beamte für sich ein bisschen individuell zu gestalten versucht.

Hier stehen die Zeugen von drei Jahrzehnten Verwaltungsgeschichte: Schreibtische, metallene Aktenkästen, Garderobenhalter, Feuerlöscher, Regale für Bücher oder Ordner, ein Saughektor fürs Klo, eine schwarze Schreibmaschine der Marke Royal, die aus den 60er-Jahren stammen muss. Manches ist grau und abgegriffen, anderes leuchtet wie neu. In einer Ecke liegt Einrichtung aus städtischen Kindergärten, kleine Sessel, mit tanzenden Teddybären verzierte Matratzen. „Die Kindermöbel gehen besonders gut“, sagt die MA-54-Empfangsdame.

Auf den Büromöbeln erzählen nicht abgekratzte Pickerln aus dem Arbeitsalltag: „Kontrollamt der Stadt Wien“, „Diverse unvollständige Kopien“, „Vier Kätzchen, deine Schätzchen“, „Ich bin Gast in Bad Schönau“, „Ich fahre nie ohne Antenne Wien 102,5“.

Vor Weihnachten würden die Leute seine Halle stürmen, erzählt der Lagerverwalter und rückt den Arbeitspullover mit dem breiten „Mag-Shop“-Schriftzug zurecht. Ansonsten sei es ziemlich ruhig, dabei gebe es den Verkauf doch schon so lange, seit dem Jahr 1987.

Und dann wendet er sich ab, zwei Kundinnen betreten das Gebäude. Draußen nieselt es leicht, ein Gabelstapler mit einem alten Schreibtisch bewegt sich auf die Halle zu.

MA-54-Gebrauchtwarenabverkauf,

Mo–Mi & Fr 8–13.30, Do 8–18.30 Uhr

21., Oswald-Redlich-Straße 9

Tel. 40 00-54201

Erschienen im Falter 49/08

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Eingeordnet unter Behörden, Das Rote Wien, Kurioses

STADTRAND: Rote Ampeln und Straßenbahn-Psychologie

Es gibt in der Psychologie eine Theorie, die man „Stufen der moralischen Verantwortung“ nennt. Sie fragt danach, mit wie viel selbstständigem Denken man eine (moralische) Entscheidung fällt. Zum Beispiel: Wenn eine Ampel rot leuchtet, aber weit und breit kein Auto zu sehen ist, dann gibt es zwei Typen von Fußgängern: jene, die die Straße überqueren, weil das Warten keinen Sinn macht. Und jene, die sklavisch auf Grün warten, weil’s eben Regel ist. Die Wiener – behaupten wir – sind Meister der moralischen Verantwortung. Das zeigt sich nicht nur daran, dass sie permanent bei Rot die Straße überqueren. Das sieht man auch an einer wunderbaren Durchsage, die oft durch Straßenbahnwaggons schallt: „Wir bitten Sie, Ihren Sitzplatz anderen zu überlassen, wenn diese ihn notwendiger brauchen.“ Was für ein Satz: nicht Schwangere, Alte oder Behinderte – einfach alle, die ihn notwendiger brauchen. Ein Appell ans eigene Einschätzungsvermögen! Auf höchster Stufe der moralischen Verantwortung! Jetzt kann man eigentlich auch gleich die Ampeln abschaffen.

Erschienen im Falter 49/08

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Eingeordnet unter Stadtrand, Verkehr