Der Tag, an dem Aeryn verschwand

Vor einem Jahr lief ein Amerikaner nackt aus einer Wiener Schwulensauna und verschwand spurlos. Jetzt enthüllt seine Mutter einen Polizeiskandal

Reportage: Joseph Gepp

Sie hätte nach Wien kommen wollen, für sechs Monate vielleicht, Europa kenne sie ohnehin kaum. Danach hätte sie übersiedeln wollen, weg von der zugigen Ostküste, nach Florida, ins sonnige Altenteil Amerikas. Doch zu all dem kam es nicht mehr.

Am 31. Oktober 2007, zwei Uhr nachmittags, bekam Kathy Gilleran einen Anruf, der alle ihre Pläne bedeutungslos werden ließ.

Gilleran ist heute 56 Jahre alt. Sie sitzt in einem braunen Lederfauteuil in der Lobby eines hübschen und nicht allzu teuren Wiener Innenstadthotels. Sie ist nach Wien gekommen, aber nicht mehr, weil Europa sie interessiert.

Bis zu ihrer Pensionierung habe sie als Polizistin gearbeitet, erzählt sie, in Cortland, US-Bundesstaat New York. Sie habe gedacht, von Polizist zu Polizist rede es sich leichter. Man würde einander verstehen, habe sie geglaubt, man würde ihr schon helfen, hier in Wien, bei der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn.

Es kam anders. Ein Jahr nach seinem Verschwinden schickte Kathy Gilleran ein zwölfseitiges Dossier an US-Senatorin Hillary Clinton. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb sie. Und: „Wenn ich sage, dass das Verhalten der Polizei an Sadismus grenzt, dann übertreibe ich nicht.“

Am Abend des 29. Oktober 2007 rannte ihr Sohn Aeryn Michael John Gillern, US-Bürger, damals 34, nackt aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl im ersten Bezirk. Seitdem hat ihn keiner mehr gesehen.

Er sei zum Donaukanal gelaufen, habe sich nahe der Urania ins Wasser gestürzt und Selbstmord begangen, sagt die Polizei.

Das sei ganz und gar unmöglich, sagt Kathy Gilleran. „Wenn ich etwas weiß, dann, dass mein Sohn sich nicht umgebracht hat.“ Und sie sei keine Mutter, die die Realität nicht anerkennen könne, keine mother in denial.

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Aeryn Gillern, fotografiert von Kathy Gilleran

Psychologen sagen, dass acht von zehn Selbstmördern in irgendeiner Form auf ihren bevorstehenden Suizid hinweisen. Bei Aeryn Gillern lag der Fall anders: An dem Tag, als er verschwand, drehte sich noch die Schmutzwäsche in der Waschtrommel seiner penibel aufgeräumten Wohnung am Leopoldstädter Handelskai. Er hatte Flugtickets gekauft, zwei Monate später wollte er seinen Freund, einen Schweizer, in Zürich besuchen. Er hatte mit seiner Mutter sorgfältig ihre vorübergehende Übersiedlung nach Wien durchbesprochen. Mit dem Nachbarn hatte er über seinen bevorstehenden Geburtstag getratscht. Als Aeryn Gillern am Morgen des 29. Oktober seine Wohnung verließ, um ins Büro zu fahren, lag eine Packung Rice Krispies am Küchentisch. Er hatte sie am Vorabend für seine Arbeitskollegen gebacken und sie dann in der Wohnung vergessen. Nichts, rein gar nichts, deutet darauf hin, dass er am Abend desselben Tages seinem Leben ein Ende setzen wollte.

Kathy Gilleran erzählt über ihren Sohn. Er habe Comics von Goofy und Scherze des englischen Slapstickstars Benny Hill gemocht, sagt sie, er habe Bücher über Biologie und Philosophie gelesen, er habe für sein Leben gern Kekse gebacken und mit seiner Homosexualität nie ein großes Problem gehabt.

Es ist einer der merkwürdigsten Fälle der vergangenen Jahre. Aeryn Gillern war Stammgast im Kaiserbründl, der bekanntesten Schwulensauna der Stadt. An diesem Abend war er dort, wie so oft, fast jede Woche kam er hierher. Er deponierte den Sportrucksack mit seinen Sachen in Kabine Nummer fünf. Dann stieg er die Treppe hinunter und ging in den Saunabereich.

Danach muss etwas Entscheidendes passiert sein. Gegen 19 Uhr kommt Gillern herauf zur Bar, nackt, nur mit Badeschlapfen an den Füßen. Der Kellner denkt, er brauche nur ein frisches Handtuch. Doch Gillern geht an der Bar vorbei. Er eilt durch den Gang des Gründerzeithauses, öffnet die Eingangstür, läuft ins Freie, es ist schon dunkel an diesem Abend, kalt, leicht windig. Dass er das Gebäude verlässt, sieht der Barkeeper am Schirm der Überwachungskamera, und er springt auf, läuft hinterher, in den Gang, durch die Eingangstür ins Freie. Doch Aeryn Gillern ist schon in den verwinkelten Gassen rund um den Franziskanerplatz verschwunden. Vor dem Portal der Franziskanerkirche, 15 Meter von der Sauna entfernt, liegen seine nassen Badeschlapfen.

Niemand kennt den Grund seines plötzlichen Verschwindens. Gerüchten zufolge soll es in der Sauna zu einem Streit gekommen sein zwischen einheimischen Gästen und Touristen. Der Chef der Sauna behauptet jedoch, dass an jenem Abend nichts vorgefallen sei. Aeryn sei einfach über die Treppe zur Bar heraufgekommen, einfach so, er sei verschwunden, aus heiterem Himmel.

Wenn er tatsächlich Selbstmord begangen hat, muss er danach zum Donaukanal gelaufen sein, durch die Singerstraße und über die Ringstraße. Er muss dabei das Palais Coburg, das übervolle Café Prückl, das Mak, das abendlich hellerleuchtete Uraniakino passiert haben. Es war am frühen Abend, doch niemand hat den nackten Mann – 1,85 Meter groß, muskulös, rasierte Glatze – gesehen. Nur dass er die Sauna verlassen hat, bestätigen Augenzeugen. Der einzige Zeuge, der danach etwas beobachtet haben will, ist ein Mann, der an jenem Abend unterhalb der Urania im Donaukanal fischte. Er erzählte der Polizei, er habe jemanden mit Glatze im Fluss treiben sehen.

Später relativierte der Angler seine Aussage: Er habe eigentlich nur einen Mann im Kanal gesehen, sagte er, mit oder ohne Glatze. Und dann änderte er sie nochmals: Er habe eigentlich nur ein Platschen gehört.

Im dem Dossier, das Kathy Gilleran für Hillary Clinton geschrieben hat, finden sich Ortsangaben, Zeitabläufe, auf Minuten genau, widersprüchliche Aussagen, minutiös dokumentiert. Die Namen der beteiligten österreichischen Polizisten hat Kathy Gilleran mit amerikanischen Titeln versehen, Investigator Weiss, Lieutenant Haimeder.

Sie sagt, die Wiener Polizei habe roh und unkooperativ gehandelt, weil ihr Sohn schwul gewesen sei. Sie sagt, sie habe Aeryn verloren und wisse nicht, was ihm zugestoßen sei. Jetzt wolle sie zumindest seine Würde wiederherstellen.

Am 31. Oktober 2007, nachmittags, zwei Tage nach seinem Verschwinden, telefoniert Kathy in Cortland mit Gillerns Freund, dem Schweizer, der seit acht Monaten mit Aeryn Gillern liiert ist. Dem Falter sagt der Freund, er habe am Tag des Verschwindens, 29. Oktober, kurz nach 19 Uhr, noch eine SMS von Aeryn bekommen: Will be home soon, er rufe ihn dann gleich an. Der Mutter erklärte der Freund am 31. Oktober, sie solle schnellstmöglich nach Wien fliegen. Er sei auch schon hergekommen, komme aber hier mit der Polizei nicht zurecht.

Seit Tagen war Aeryn Gillern nicht in seinem Büro aufgetaucht, bei der Unido, der UN-Organisation für industrielle Entwicklung, wo er seit fünf Jahren arbeitete. Er, der pflichtbewusste Forschungsmitarbeiter, der Dreifachmagister, der noch nie zuvor einen Tag grundlos gefehlt hatte. Die besorgten Arbeitskollegen alarmierten seinen Nachbar, seinen Freund, seine Mutter.

Zwei Tage später stand Kathy Gilleran am Wiener Flughafen. Sie zog vorläufig in die Wohnung ihres Sohnes. In den folgenden fünfeinhalb Wochen sprach sie mit allen Beteiligten, mit Aeryn Gillerns Freunden, seinen Kollegen, seinen Nachbarn, der Polizei, der Saunaverwaltung, dem Hausarzt. Sie protokollierte jedes Gespräch, jedes Indiz, jeden Hinweis.

Heute sagt sie, diese Zeitspanne laufe wie ein Film an ihr vorbei, sie erinnere sich an jede Kleinigkeit. Um die komplizierte Geschichte zu vereinfachen, hat sie die Visitenkarten, die sie in den fünfeinhalb Wochen bekommen hat, vor sich auf den Hoteltisch gelegt, aneinandergereiht wie Memorykärtchen. Ihr Finger rast von Name zu Name. Kathy Gilleran erzählt präzise, chronologisch exakt. Wenn sie zu entscheidenden Stellen kommt, dann listet sie auf, was passiert ist, Minute für Minute.

Sie sagt, dass die Polizisten sie gefragt hätten, ob sie eigentlich stolz darauf sei, einen schwulen Sohn zu haben. Sie sagt, die Ermittler hätten sich geweigert, Englisch zu sprechen, und gleichzeitig durchblicken lassen, dass sie die Sprache beherrschen. Mit höhnischem Unterton habe man sie nach der Art ihrer Polizeiarbeit gefragt, ob sie denn Parksheriff gewesen sei in Amerika. Sie erzählt, dass die Dolmetscherin – eine Unido-Mitarbeiterin – die Polizisten gebeten habe, Sprechpausen einzulegen, damit sie für Kathy Gilleran übersetzen kann. Und die Polizisten hätten verweigert.

Gilleran behauptet, die Polizei habe weder Aeryns Wohnung durchsucht noch den Donaukanal, in den er angeblich gesprungen sein soll.

Zwei Ermittler seien gekommen, um in der Wohnung in der Leopoldstadt nach Spuren eines möglichen Verbrechens zu suchen, erzählt sie. „Einer der beiden ist durch die Zimmer gegangen. Er hat unter das Bett geschaut. Er hat die ausziehbare Couch auf- und wieder zugeklappt. Er hat kein einziges Beweisstück mitgenommen. Das war die ganze Wohnungsdurchsuchung.“ Zwei weitere Personen, die ebenfalls bei dem Polizeibesuch anwesend waren und ungenannt bleiben möchten, schildern den Ablauf genauso.

Die Polizei sagt, man habe die Wohnung von Aeryn Gillern vorschriftsmäßig durchsucht und Beweisstücke mitgenommen.

Kathy Gilleran behauptet, die Polizisten hätten im Donaukanal nicht nach der möglichen Leiche von Aeryn Gillern gesucht. Nach einer halben Stunde seien sie unverrichteter Dinge wieder abgefahren. „Sie haben mir später erzählt, dass sie dort waren, mit Taucherteams, Booten und der Feuerwehr. Aber wie soll das möglich sein in einer halben Stunde?“

Die Polizei sagt, man habe den Donaukanal ordnungsgemäß durchsucht. Am 29. Oktober 2007, dem Abend des Verschwindens, zwischen 20.23 und 20.50 Uhr – 27 Minuten lang. „Manchmal hat es keinen Sinn, genauer zu suchen“, sagt Friedrich Kovar, Menschenrechtskoordinator am Wiener Landespolizeikommando. „Am nächsten Tag kann die Leiche schon in Ungarn sein. Oder eine Strömung drückt den Körper auf den Grund. Dann findet man ihn unter Umständen erst nach Jahren. Oder gar nicht mehr.“

Am 6. November 2007, eine Woche nach dem Verschwinden, erklärten die Polizisten Kathy Gilleran, dass ihr Sohn sich umgebracht habe, er sei HIV-positiv gewesen und emotional instabil.

An diesem Tag bekam sie den Sportrucksack ihres Sohnes überreicht. Aeryn hatte ihn in der Sauna liegen lassen, in Kabine Nummer fünf. Die Polizisten hatten ihn dort konfisziert. Nun wurde er der Mutter überreicht. Sie weinte, nahm die Kleidung aus dem Rucksack, drückte sie an ihr Gesicht, sog den Geruch des Sohnes ein.

In dem Rucksack, den Kathy Gilleran zuhause durchsuchte, lagen neben der Kleidung Gillerns Reisepass, sein Uno-Ausweis, sein Handy. Und ein negativer Aidstest.

„Ich hatte die Tasche doch gerade vorher von der Polizei bekommen. Und sie haben mir erzählt, dass mein Sohn HIV-positiv gewesen sei“, sagt sie. „Entweder sie haben nicht hineingeschaut – oder sie haben mich belogen.“

Sofort faxte sie den Befund an die Polizei. Tage später jedoch, erzählt sie, sei sie bei einem weiteren Termin bei der Kriminalpolizei erneut angeherrscht worden: Der Fall sei doch klar, ihr Sohn habe wegen Aids Selbstmord begangen. „Obwohl sie es da schon besser gewusst haben müssen, dass mein Sohn kein HIV hatte.“

Die Polizei will zu all diesen Vorwürfen keine Stellung nehmen. Sie seien allesamt an die interne Beschwerdekommission weitergeleitet worden, sagt Friedrich Kovar. Man werde jetzt alles untersuchen und danach möglicherweise Sanktionen aussprechen.

Rund 700 Menschen verschwinden in Österreich pro Jahr. 90 Prozent davon sind Jugendliche, die ein paar Tage ausreißen, oder Asylwerber, die samt ihren Familien untertauchen. Beim Rest, jährlich etwa 70 Personen, handelt es sich um die Ehemänner, die Zigaretten holen und nicht mehr zurückkehren. Oder um die Selbstmorde. Oder um die Kriminalfälle.

Das Wiener Kaiserbründl ist kein Ort von Traurigkeit. „Viele Gäste kommen, um zu saunieren und zu entspannen, die meisten kommen aber, um Sex zu haben“, steht in einem Wiener Erotikführer. Vor 120 Jahren ließ der persische Botschafter in Wien die prächtigen Badehallen im Stil eines orientalischen Hamam errichten, um seinem Sohn ein Geschenk zu machen. In den 80ern posierte Mickey Rourke vor dem pompösen Hintergrund für Erotikfilme. Heute kommen Beamte aus den umliegenden Ministerien und gesetzte ältere Innenstadtbewohner. Sie legen ihre Kleider ab, binden sich weiße Handtücher um die Hüften und tauchen in eine Welt ein, in der ihre sexuelle Orientierung jener der Mehrheit entspricht.

Aeryn Gillern war unter ihnen beliebt. Er war großgewachsen und muskulös, er achtete penibel auf sein Aussehen. 2005 wählte man ihn zum „Mister Gay Austria“. Sponsor der Veranstaltung war das Kaiserbründl. Da habe es durchaus Neid und Eifersucht unter den Saunagästen gegeben, erzählt Gillerns Schweizer Freund.

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Aeryn und Mutter Kathy

Gleichzeitig war Gillern tiefreligiös. Er habe immer ein abgegriffenes katholisches Liederbuch bei sich getragen, sagt seine Mutter. In verschiedenen Wiener Kirchen half er als Messdiener aus. Sein Bekanntenkreis musste sich oft scherzhafte Vorwürfe von ihm gefallen lassen, wenn sonntägliche Kirchenbesuche ausblieben. Eine Zeitlang verbrachte er probehalber im Priesterseminar im niederösterreichischen Gaming. „Während dieser Zeit war er auch Mitglied einer Burschenschaft. Da war Homosexualität natürlich tabu“, sagt ein Bekannter. „Jenen Menschen, denen er nicht nahestand, erzählte er dann von einer erfundenen Freundin, ,meiner großen Liebe in München‘, wie er sagte. Er lebte in einer Scheinwelt. Wie in der Truman-Show. Alles musste perfekt sein.“

Trotz der vergessenen Rice Krispies am Küchentisch, trotz der gebuchten Flüge, trotz der erfolgreichen Karriere und der Zukunftspläne – vielleicht verbarg sich ein Problem tief in Aeryn Gillerns Psyche. Vielleicht quälte es ihn, fräste sich langsam durch sein Gehirn. Vielleicht suchte er die Lösung im Schoß von Kirche und konservativer Burschenschaft. Und irgendwann kollabierte das System – und Aeryn beging in einer Anwandlung von Panik Selbstmord. Und zufällig sah ihn niemand dabei.

Das ist jedoch nur Spekulation. Alle, die ihn kannten und zu einem Gespräch bereit waren, schließen den Selbstmord aus oder glauben zumindest nicht daran. Und die Polizei, die vom Suizid ausgeht, sieht sich mit drei schweren Zweifeln konfrontiert: Erstens sah niemand den großen nackten Mann, der abends durch die stark frequentierte Innenstadt gelaufen sein soll. Zweitens änderte der einzige Zeuge des Selbstmords, der Angler am Donaukanal, mehrmals seine Aussage. Und drittens – wohl das Schwerwiegendste – werfen alle Beteiligten den Polizisten Desinteresse und Homophobie vor. Sogar ein Polizist bestätigt im informellen Gespräch mit dem Falter die „Aufklärungswürdigkeit“ des Falls Nummer DOB 4/28/73, der verschwundene Aeryn Gillern.

Seit mehr als einem Jahr tingelt Kathy Gilleran nun durch amerikanische Talkshows auf Provinzkanälen, sie gibt Journalisten Interviews, sie redet mit Schwulenvertretern und Politikern. Sie erzählt ihnen, dass ein Selbstmord ihres Sohnes ganz und gar unmöglich und dass sie keine mother in denial sei. Sie wollte im Kaiserbründl eine Gedenktafel anbringen lassen, der Chef aber lehnte ab, er müsse auch an die anderen Gäste denken. Am Abend des 29. Oktober 2008, ein Jahr nach dem Verschwinden ihres Sohnes, stand sie mit einigen Kerzen und Fotos von Aeryn Gillern vor dem Kaiserbründl. Sie hielt eine Mahnwache, alleine, vor der Eingangstür, aus der ihr Sohn gerannt war, es war schon dunkel an diesem Abend, kalt, leicht windig.

Sie sagt, Medien und Polizei in Österreich würden sie nicht unterstützen, man arbeite gegen sie. Die Polizei sei unwillig, die Medien schlampig. Einer amerikanischen Journalistin erzählte sie, ihr Schicksal erinnere sie an einen ähnlichen Fall, jenem von Nathalie Holloway im Jahr 2005. Die 19-jährige amerikanische Schülerin verschwand damals spurlos bei einem Klassenausflug auf die Karibikinsel Aruba. Der Fall erregte in den USA Aufsehen, weil sich die Behörden von Aruba an der Suche nach dem Mädchen kaum interessiert zeigten. Genauso wie die österreichischen Behörden im Fall Aeryn Gillern, sagt Kathy. „Nur dass ich nicht die Mutter eines Cheerleader-Mädchens bin, sondern die Mutter eines schwulen Sohnes.“

Dann sucht sie nach einem Beleg für ihre Aussagen und kramt nach einem kurzen Zeitungsartikel. Er erschien vor wenigen Monaten im Gratisblatt Heute. Dort steht, dass Kathy Gilleran der österreichischen Polizei schlampige Ermittlungen vorwerfe. Und dann, im letzten Satz, heißt es plötzlich, Kathy Gilleran wäre die Mutter des verschwundenen Mädchens gewesen: „Die Verzweiflung der Mutter ist verständlich: 2005 verschwand bereits Tochter Nathalie – nie gefunden.“

Ein Fall voller Widersprüche

Geht man von einem Selbstmord aus, dann muss Aeryn Gillern in etwa den Weg zwischen Kaiserbründel und Donaukanal zurückgelegt haben. Er führte direkt über die Ringstraße und durch die stark frequentierte Innenstadt

29. Oktober 2007

19 Uhr: Laut Sauna und Polizei läuft Gillern etwa um diese Zeit aus dem Kaiserbründl

19.20 Uhr: Gillern telefoniert mit einem Unido-Kollegen. Das Gespräch soll normal, er selbst guter Laune gewesen sein

19.27 Uhr: Gillerns Schweizer Freund bekommt die letzte SMS: Er sei bald zuhause, er rufe ihn dann an

20.23–20.50 Uhr: Die Polizei durchsucht den Donaukanal

Kathy und Aeryn tragen zwei verschiedene Familiennamen. „Gilleran“ ist die irische Urform, „Gillern“ die amerikanisierte Fassung.

Erschienen im Falter 47/08

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8 Kommentare

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8 Antworten zu “Der Tag, an dem Aeryn verschwand

  1. viegay

    1) Dass AG das „Kaiserbründl“ etwa um 19 Uhr verlassen hat, wird von mehreren Personen bezeugt.

    2) [Zitat Gepp:] Vor dem Portal der Franziskanerkirche, 15 Meter von der Sauna entfernt, liegen seine nassen Badeschlapfen.

    3) [Zitate Gepp:] Gleichzeitig war Gillern tiefreligiös. Er habe immer ein abgegriffenes katholisches Liederbuch bei sich getragen, sagt seine Mutter. In verschiedenen Wiener Kirchen half er als Messdiener aus. Eine Zeitlang verbrachte er probehalber im Priesterseminar im niederösterreichischen Gaming. Vielleicht suchte er die Lösung im Schoß von Kirche und konservativer Burschenschaft.

    4) [Zitat Gepp:] Erstens sah niemand den großen nackten Mann, der abends durch die stark frequentierte Innenstadt gelaufen sein soll.

    ***
    Dann spricht aber doch einiges für die Vermutung, dass AG nur die Weihburggasse überquert hat und in die gegenüber der Sauna gelegene Franziskanerkirche gelaufen ist. Vielleicht sollte der „Falter“ seine Recherchen auf das an die Kirche angeschlossene Kloster ausdehnen, das sich für weiterführende Spekulationen doch geradezu aufdrängt – im günstigsten Fall könnten die Mönche dem nackten aber frommen AG eine Kutte verpasst und ihn in eine ihrer Exposituren verfrachtet haben (der Salzburger Historiker Gerald Steinacher hat erst vor kurzem ein Buch über das einschlägige Geschick der Franziskaner als Fluchthelfer schwerst belasteter Nazis in Richtung Italien vorgelegt), im weniger günstigen könnten sie von seiner stattlichen Erscheinung – nicht nur AGs Bizeps hat/te XXXL-Format – verblendet und dazu inspiriert worden sein, sich ihn fortan als Spender verbotener Lüste in einer ihrer Katakomben zu halten.

    Habe ich also des Reporters Spürsinn neu entfacht?

    Unklar blieb für mich übrigens, wie es zur Vermutung kam, AG müsse „danach zum Donaukanal gelaufen sein, durch die Singerstraße und über die Ringstraße. Er muss dabei das Palais Coburg, das übervolle Café Prückl, das Mak, das abendlich hellerleuchtete Uraniakino passiert haben.“ Weil hätte er tatsächlich zum Donaukanal wollen, wäre er doch über die Singer- und Rotenturmstraße ungleich schneller dort gewesen.

  2. km1956

    Danke für diesen sehr ausführlichen Bericht. Ich habe als ich davon in „heute“ vor einigen Wochen gelesen habe, im Internet recherchiert und herausgefunden dass der Vermißte vor dem Okt 07 ein Encounter mit der Polizei der Wache Nähe Stephansplatz gehabt hat und extrem menschenunwürdig behandelt wurde. Das hat der Vermißte zum Anlaß genommen, sich schriftlich zu beschweren und diese Beschwerde ins Internet zu stellen.
    http://www.mund.at/archiv/januar3/aussendung170103.htm
    Daher habe ich mir den folgenden theoretischen Sachverhalt in Bezug auf sein Verschwinden überlegt:
    Polizei wird zu einer Schlägerei in der Sauna gerufen, stellt Personalien fest, erinnert sich an die Beschwerde und nimmt ihn mit auf die Wache wo er gefoltert wird und anschließend (im Donaukanal oder wo auch immer) beseitigt. Klingt abenteuerlich, aber wenn man die ausländer- und homosexuellenfeindliche Einstellung der österr. Polizei kennt, eigentlich denkbar. Ich denke sie wollten ihm eine Lektion erteilen und haben ihn irgendwo ausgesetzt – und wegen der Kälte hatte er keine Chance.
    Nur die Polizei hat ein Interesse daran, hier etwas zu vertuschen. Wenn er angeblich nackt die Sauna verlassen hat, möchte ich die Bilder der Überwachungskameras sehen, die das belegen.
    Ein Nackter läuft nicht barfuß telefonierend durch Wien, an einem kalten Oktober-Abend.
    Der Donaukanal müßte durchsucht werden und Zeugen = Saunagäste von einer unabhängigen Kommission gefragt werden.
    Ich glaube der ganze Fall stinkt zum Himmel.

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