Ein Bastard namens Einkaufszentrum

Das Leben des Victor Gruen. Wie ein Wiener unfreiwillig zum Geburtshelfer der Shoppingmall wurde

Bericht: Joseph Gepp

Wien, das sind baumbestandene Boulevards und Kaffeehäuser, das ist Flanieren und Promenieren, das sind stundenlange Gespräche bei billigem Kaffee. Die ideale Verschränkung von Kultur und Kommerz. So dachte Victor Grünbaum. Der Wiener Jude liebte die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war. Bald jedoch kam das Jahr 1938, und er musste fliehen.

Grünbaum, amerikanisiert Victor Gruen, sollte noch Geschichte schreiben, aber nicht freiwillig. Er nahm sein Bild von Wien ins US-amerikanische Exil mit. Dort wurde er Architekt und Stadtplaner.

Gruen wollte seine Vorstellung von der perfekten Stadt den gesichtslosen US-Metropolen aufdrücken. Diese Städte hatten sich oft zufällig entwickelt, sie verfügten über keine natürlichen Mittelpunkte, und ihre Einwohnerzahlen explodierten geradezu. Gruen wollte gegensteuern, mit der Schaffung von künstlichen Zentren, für Gespräche und Spaziergänge, für Fortbildung und Feste. Die Stadt braucht öffentlichen Raum, dieser öffentliche Raum jedoch braucht ein wenig gebändigten Kommerz, dachte Victor Gruen. Der konsumierte Kaffee bedingt das Gespräch. So wie die Stadt, die Gruen geprägt hatte, sollten auch US-Metropolen werden. Neue Mittelpunkte sollten ihre heruntergekommenen Stadtzentren und vorstädtischen Reihenhaus-Wüsten beleben.

„Gruen dachte, dass Handelstätigkeit ein vitales städtisches Leben schaffen kann“, sagt die Soziologin Anette Baldauf, 43, Gruen-Forscherin und Stipendiatin am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). „Und in Amerika sah er die monofunktionalen Teppichlandschaften der Vorstädte als Herausforderung.“ Im Jahr 1954 – in den USA tobten gerade Massenkonsum und Kalter Krieg – eröffneten Victor Gruen und seine damalige Frau Elsie Krummeck in den Suburbs von Detroit das erste künstliche Zentrum nach ihren Vorstellungen: Eine „Shopping Town“ war es, mit Geschäften, Kindergärten, einem Postamt und einem Zoo, gruppiert um ein Atrium. Ein bunter, multifunktionaler Fleck in der Schlafstadt sollte es sein, der das Leben in sich bündelte. Es folgten Projekte in weiteren Städten.

Wer heute sehen will, was aus Victor Gruens Vision geworden ist, der muss nicht nach Detroit. Die U-Bahn zum Kagraner Donauzentrum oder zum Stadion-Center in der Leopoldstadt reicht. Gruens Idee hat sich weltweit durchgesetzt – aber gar nicht so, wie er das im Sinn gehabt hatte.

Zur „Verkaufsmaschine“ habe man sein Konzept pervertiert, tobte der Altgewordene viele Jahre später. Er stritt die geistige Urheberschaft ab: „Ich weigere mich, Alimente für Bastardprojekte zu bezahlen.“

Kaum war der Weltkrieg vorbei, kehrte Victor Gruen – erst besuchsweise, später fix – in das Land zurück, das ihn vertrieben hatte. In den USA war er zum Multimillionär geworden. In Wien wollte er alles besser machen. Hier predigte er nun, dass man „Amerika kapieren, nicht kopieren“ müsse.

„Gruen hat zwei entscheidende Dinge falsch eingeschätzt“, erklärt Anette Baldauf. „Einerseits dachte er, die vorstädtische Mall und das Stadtzentrum würden voneinander profitieren. In Wahrheit verdrängte das Einkaufszentrum den Stadtkern.“ Und andererseits: „Er hat nicht vorausgesehen, dass innerhalb des Einkaufszentrums die Geschäfte alle anderen Einrichtungen verdrängen würden.“ Victor Gruen hat die Macht des Kapitalismus falsch eingeschätzt.

Es war allerdings eine Macht, die man zu dieser Zeit auch in Österreich zu spüren begann. Hier spross in den 60er-Jahren ebenfalls der neue Massenkonsum. Autofahrerfreundlichkeit und schnelle Verkehrsverbindungen galten als höchste stadtplanerische Devisen. Statt öffentliche Plätze zu errichten, peitschte man die Errichtung von Stadtautobahnen und Parkgaragen durch. Die Kaffeehäuser und Boulevards, die Gruens Jugend geprägt hatten, waren unzeitgemäß geworden. In diese Atmosphäre platzte der Altmeister aus Amerika mit verwegenen Ideen wie einem autofreien Stadtkern oder der sogenannten „Stadt der kurzen Wege“. Das kam ungelegen.

Was er hier durchsetzen konnte, war nach eigener Aussage lediglich „kosmetischer Natur“. 1974 wurde die Kärntner Straße zur Fußgängerzone. Die Idee ging auf Gruens Einfluss zurück. Die Kaufleute protestierten und fürchteten einen Einbruch der Verkaufszahlen. Doch die Maßnahme wurde zum wegweisenden Schritt, dem später viele Städte in Deutschland und Österreich folgen sollten.

Gruen war trotzdem nicht zufrieden, er hätte lieber die ganze Innenstadt autofrei gehabt. „Seine Visionen waren zu radikal“, sagt Baldauf. „Und die Stadtbeamten erklärten ihm einfach, dass solche Maßnahmen bei den Wählern nicht ankommen.“

Gruen schrieb noch Bücher über die Kompaktheit von Städten, er gestaltete Geschäftslokale und beschäftigte sich mit Umweltforschung. 1980 starb er in Wien. Für seine Ideen war die Zeit noch nicht reif gewesen: Heute hat der Autoverkehr im Denken der europäischen Stadtplaner an Bedeutung verloren. Gerade jetzt brechen weltweit Automärkte ein. Manche der Vorstellungen, die zu seinen Lebzeiten noch als weltfremde Fantastereien abgetan wurden, gelten heute als Ideale.

Vier Jahre bevor Victor Gruen starb, eröffnete am Südrand von Wien die Shopping City Süd, das erste große Einkaufszentrum in Europa. Wien, das sind seitdem auch übervolle Parkplätze, metergroße Werbewände und ausufernde vorstädtische Einkaufstempel. Der Bastard war ihm bis vor die Haustür gefolgt.

Erschienen im Falter 46/08

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Eingeordnet unter Allgemein, Stadtgeschichte, Stadtplanung

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