„Dekoration ist alles“

Die umstrittene Calatrava-Brücke in Favoriten scheiterte. Mak-Chef Peter Noever hält das für keine gute Idee

Gespräch: Joseph Gepp

Es hätte das neue Wahrzeichen des südlichen Wien werden sollen: der ambitionierte – und umstrittene – Steg über die Favoritner Triester Straße. Der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava hätte ihn bauen sollen, im Juni wurde das Projekt mit großem Pomp präsentiert. Der städtische Auftrag erfolgte ohne Ausschreibung; Aussehen, Kosten und ein möglicher Fertigstellungstermin standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Jetzt ist die Brücke an massiver Kritik und Kostenexplosion gescheitert. Mak-Direktor Peter Noever hält das – im Interesse der gesamten Wiener Stadtplanung – für eine falsche Entscheidung.

Falter: Herr Noever, hätte Wien einen Calatrava gebraucht?

Peter Noever: Das ist das Denken von Provinzstädten. Wien braucht niemanden. Wir sind ja nicht in Wels oder Braunau am Inn. Nach großen Namen zu rufen, dient hauptsächlich dazu, der Gesellschaft und den Medien berichtenswerte Ereignisse zu liefern. Wien sollte endlich einen ernsthaften Versuch unternehmen, in der Gegenwart anzukommen.

Ist Wien denn nicht in der Gegenwart?

Noever: In mehrfacher Hinsicht nicht. Einerseits werden große Projekte interessant und ambitioniert begonnen. Andererseits geht den Beteiligten schnell der Atem aus. Ein Gestaltungswahn ohne Intelligenz herrscht in dieser Stadt. Dekoration ist alles.

Wovon reden Sie zum Beispiel?

Noever: Schauen Sie sich beispielsweise die Donauplatte an: Erst gab es hier einen wichtigen Wettbewerb; ein zweites Stadtzentrum hätte entstehen sollen. Die ursprünglichen Ambitionen verendeten aber in Verwaltungsgebäuden. Wenn es der Stadtverwaltung ernsthaft darum ginge, hätte sie ein zeitgemäßes Rathaus auf die Platte stellen und sich von der Grottenarchitektur an der Ringstraße verabschieden sollen. Ein zweites Beispiel: die Kärntner Straße. Hier wird alle 15 Jahre ein neues Pflaster verlegt. Als wäre es der Linoleumboden eines Wartezimmers – in Rom hält das Pflaster 2000 Jahre lang. Das ist alles ziemlich halbherzig.

Hätte die Calatrava-Brücke also ein Schritt sein können, der von solchen Halbherzigkeiten wegführt?

Noever: Was man auch von Santiago Calatrava oder anderen großen Namen hält: Es wäre immerhin ein mutiger Schritt gewesen. Aber in Wahrheit gibt man so einem Projekt ein viel zu kleines Budget. Der Atem ist viel zu kurz. Und es scheitert. Auch beim Zaha-Hadid-Haus am Donaukanal war das der Fall. Das Projekt wurde so sehr verwässert, dass sich die Architektin heute davon distanziert.

Soll man in der Wiener Architektur auf große Namen setzen?

Noever: Warum nicht? Unter der Voraussetzung, dass man es großzügig und richtig macht. Man muss genug Geld zur Verfügung stellen. Und man muss einen Interessenausgleich finden zwischen dem Gestaltungswillen des Architekten und dem Heer von Beamten, die oftmals etwas ganz anderes im Sinn haben.

Aber das Calatrava-Projekt wurde vom Planungsstadtrat Rudolf Schicker freihändig, also ohne Ausschreibung, vergeben. Ist das nicht ein Problem?

Noever: Jeder weiß, dass mich mit Stadtrat Schicker nicht gerade Harmonie verbindet, eher im Gegenteil. Es ist die Pflicht eines Planungsstadtrats, in Gestaltungen einzugreifen. Aber es stellt sich auch die Frage, ob man jedem Problem mit Wettbewerben beikommen kann. Manchmal muss sich eine Person an entscheidender Stelle zu etwas durchringen und es durchziehen.

In Wien möchte man Konflikte verhindern?

Noever: Neues erzeugt aber immer Konflikte. Also gibt es nichts Neues.

Aber wie kann man dann Neues schaffen?

Noever: Jedem architektonisch wichtigen historischen Gebäude ist immer ein Kampf vorausgegangen. Diesem Kampf kann man sich nicht entziehen. Man muss sich ihm stellen. Sonst entsteht nur Halbherzigkeit und das Mittelmaß, das diese Stadt prägt. Wie gesagt: Man kann von Calatrava halten, was man will. Aber er ist ein international anerkannter Architekt. Es wäre für diese Stadt besser gewesen, wenn Schicker das Projekt mit aller Kraft durchgesetzt hätte. Tatsächlich gab er auf halber Strecke auf.

Erschienen im Falter 45/08

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung, Wien

Eine Antwort zu “„Dekoration ist alles“

  1. Vielen dank für die Anregungen. Es ist total schön, seine Kreativität vollen Lauf zu lassen.
    Gruß Anna

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