Monatsarchiv: Oktober 2008

Einmal über den Ozean und zurück

Wie die US-amerikanische Bankenkrise auch Wien betrifft: Die Gemeinde machte mit zwei der betroffenen Banken Geschäfte

Bericht: Joseph Gepp

Es sind Bilder, die an andere Zeiten erinnern. Amerikanische Banker verlassen hundertstöckige Bürotürme, Kartons in den Händen, die Krawattenknoten gelockert, weil es jetzt ohnehin schon egal ist. Fanny Mae und Freddie Mac, Merrill Lynch, AIG und Lehman Brothers – der Turbokapitalismus frisst seine hungrigsten Profiteure (siehe Seite 20). Weltweit schießen Staaten Geld zu. In Russland stellte die Börse tageweise ihren Betrieb ein. In Wien stand der Aktienindex ATX kürzlich auf dem tiefsten Stand der vergangenen drei Jahre.

Doch nicht nur die Börse ist betroffen. Auch die Gemeinde Wien steht mit einigen der gefährdeten US-Finanzinstitute in Geschäftskontakt. Es sind sogenannte Cross-Border-Leasing-Verträge: Bis 2004 (in jenem Jahr änderte die US-Regierung das Steuerrecht) wurde Wiener Infrastruktur an US-Banken verkauft und von der Gemeinde zurückgeleast. Grund dafür war das US-Steuersystem, das dem städtischen Budget Ersparnisse bringt. „Im Grunde geht das Konstrukt zugunsten der Stadt Wien und zulasten des US-Steuerzahlers“, sagt ein Finanzexperte, der aus beruflichen Gründen ungenannt bleiben möchte. Seit 1998 haben Gemeinde und Wiener Linien insgesamt sechs große Transaktionen dieser Art getätigt. Verleast wurden dabei Straßen- und U-Bahnen, das Rechenzentrum und das Kanalnetz im 21. und 22. Bezirk. Kolportierter Gesamtwert: rund eine halbe Milliarde Euro. Die Geschäftspartner auf der anderen Seite des Ozeans waren die State Street Bank, die Hypothekarbank Freddie Mac und der Versicherungskonzern AIG. Vertragswerke von mehreren hundert Seiten fixierten die Leasingdeals, die 30 Jahre und länger laufen sollen.

Dann kam die Krise. Freddie Mac kollabierte fast, bis im letzten Moment die US-Regierung einsprang und das Institut de facto übernahm. AIG musste mit einem staatlichen Notkredit von 85 Milliarden beigestanden werden. „Durch die Rettung dieser Institute“, behauptet der grüne Finanzsprecher Martin Margulies, „ist die Gemeinde haarscharf an einer Finanzkatastrophe vorbeigeschlittert.“ Die Stadt habe Glück gehabt: „Die Verluste betragen nur ein paar 100.000 Euro.“ Ohne staatliche Intervention wären sie viel höher gewesen.

Warum entstehen „Verluste“, da sowohl Freddie Mac als auch AIG vor dem Konkurs gerettet wurden? Margulies nennt eine Vertragsklausel als Grund: „Die Stadt Wien darf ihr Geld nur bei Instituten mit höchster Bonität lagern.“ Die AIG allerdings habe nach ihrer Rettung an Bonität verloren. Die Konsequenz: Das Geld müsse nun in andere Depots transferiert werden. Und dieser Transfer, so Margulies, kostet Geld.

Josef Kramhöller, Chef der städtischen MA 5 für Finanzen, widerspricht: „Nach derzeitigem Wissensstand hat die Gemeinde kein Geld verloren.“ Das Geld sei „konkurssicher“ veranlagt. „Selbst wenn die US-Regierung keine Rettungsaktion unternommen hätte, wäre nichts passiert.“ Details will der Finanzchef keine nennen. Nun fordern die Grünen eine Offenlegung der Leasingverträge. „Diese Geschäfte sind hochspekulativ“, sagt Margulies. Niemand könne einschätzen, wie sich ein Finanzmarkt entwickle. „Und jetzt ist die Gemeinde gerade mit einem blauen Auge davongekommen.“

Erschienen im Falter 39/08

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STADTRAND: Kaffee Urania, Insel der Unseligen

Kennen Sie das Café Urania? Nein, nicht den Glaskobel mit den verchromten Barhockern im gleichnamigen Kulturgebäude. Das Café Urania heißt auch eigentlich nicht „Café“, sondern „Kaffee Urania“. Es liegt in der Radetzkystraße im dritten Bezirk. Das Kaffee Urania hat keine Öffnungszeiten. Der Kellner, Besitzer und einzige Angestellte kommt irgendwann in den Abendstunden und sperrt auf. Und irgendwann in den Nachtstunden schiebt er die Vorhänge zu, komplimentiert die Gäste hinaus und sperrt wieder zu. Dazwischen setzt er sich an die Tische und erzählt, dass sein Sohn längst pensioniert sei, während er noch arbeite. Im Urania ist kein Ding jünger als 30 Jahre. Gäste breiten ihre Krisen aus. Die Espressomaschine stammt aus der Zeit, als der Espresso nach Wien kam. All die Gestalten, die am Abend ins Urania wanken, müssen viele Nächte des Herumstreunens hinter sich haben. Sonst wären sie jetzt nicht im Urania. Hier sitzen sie dann wie in einer Zeitmaschine, genießen ihr stundenweises Inseldasein und atmen den längst miefigen Geruch der Nachkriegszeit.

Erschienen im Falter 39/08

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Am Apparat: Herr Vilimsky, wie hat es Ihnen denn in Köln gefallen?

Harald Vilimsky, Landesparteisekretär der FPÖ Wien, hat ein ereignisreiches Wochenende hinter sich. Er nahm am „Anti-Islamisierungs-Kongress“ in Köln teil (siehe Seite 23). Dort trafen rund 200 rechte und rechtsradikale Kongressteilnehmer auf rund 15.000 linksgerichtete Demonstranten.

Herr Vilimsky, passt Ihre Teilnahme am Anti-Islamisierungs-Kongress in Köln eigentlich zum Ruf der FPÖ als „soziale Heimatpartei“?

Na klar passt das. Als überzeugte Europäer stehen wir ja dafür, dass die gewachsenen kulturellen Entwicklungen in Kerneuropa weiter Bestand haben. Moscheen mit Minaretten sind Triumphsymbole des Islam.

Ist ein katholischer Kirchturm dann ein Triumphsymbol des Katholizismus?

Nein, aber im Islam ist das anders. 1998 sagte der türkische Premier Erdogan: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Gläubigen unsere Soldaten.“

In Wien-Floridsdorf steht eine Moschee mit Minaretten. Ist die auch ein Triumphsymbol? Und soll man sie wieder wegreißen?

Die steht ja schon und soll bleiben. Es geht darum, dass seit einiger Zeit in Europa in konzertierter Weise der Bau von Riesenmoscheen forciert wird.

Viele Menschen scheinen diese Bedenken nicht zu teilen.Medienberichten zufolge war Ihr Kongress nicht allzu gut besucht.

Da sitzen Sie gehörig falschen Informationen auf. Ich habe erlebt, wie Demokratie und Rechtsstaat zwei Tage in Köln neutralisiert wurden. Wir nahmen an einer Pressekonferenz auf einem Boot am Rhein teil. Rundherum war die linksmilitante Szene, nicht gerade Blumenkinder. Wir waren Stunden eingekesselt. Ich habe dann den Einsatzleiter der Kölner Polizei um Beistand gebeten. Er hat mir ins Gesicht gelacht – und gesagt: „Nein.“ Das war unglaublich. Das alles wird ein gehöriges zwischenstaatliches Nachspiel haben.

Interview: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 39/08

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„Hier ist man nicht erwünscht“

Am Praterstern sorgt eine Stahlkonstruktion für Unmut. Ihr Architekt stellt der Stadt kein gutes Zeugnis aus

Bericht: Joseph Gepp

Ein kopfsteingepflastertes Seitengässchen in Hernals. Dort, in einem lichtdurchfluteten Jugendstilatelier, sitzt Boris Podrecca und nippt am türkischen Kaffee. Eine dicke Mappe mit Plänen liegt vor ihm. Podrecca, ursprünglich aus Triest und seit Jahrzehnten in Österreich, ist jener Architekt, der zusammen mit Bernhard Edelmüller den neuen Praterstern gestaltet hat. Podrecca ist renommiert, seine Gebäude stehen in ganz Europa, kürzlich würdigte eine Ausstellung im Ringturm seine Arbeit. Aber heute will er über die Bedingungen dieser Arbeit sprechen: Boris Podrecca meint, dass beim Umgang einer städtischen Magistratsabteilung mit Architekten einiges im Argen liege.

Im Wahlkampf sprießen die Skandälchen. Eines davon steht am Platz vor dem Nordbahnhof, neben der kupfergrünen Säule des Admiral Tegetthoff. Es handelt sich um eine rund zehn Meter hohe Stahlkonstruktion, die den halben Platz einfassen soll. Eine „Pergola“ – ein Säulen- oder Pfeilergang – sagen Planer dazu. Ein „Stahl-Murks“, schreibt das Gratisblättchen Heute. Empörung ob des „Monsters“ rauschte vergangene Woche durch die Medien. Die Grünen riefen einen Ideenwettbewerb aus, wie das Ding alternativ verwendet werden könne – für Kletterkurse etwa oder für Solarzellen. Der Falter wollte Podrecca direkt am Praterstern treffen. Aber der Architekt besteht auf seinem Studio. Man müsse nämlich die Vorgeschichte kennen, sagt er.

Die Vorgeschichte ist ein heruntergekommener Platz, der im Zuge von Bezirksaufwertung und Bahnhofsneubau umgestaltet werden soll. „Für den Praterstern galt dasselbe, was Otto Wagner über den Karlsplatz gesagt hat: kein Platz, sondern eine Gegend“, sagt Podrecca, der in Wien etwa das Bio Center oder das Gebäude der Basler Versicherung entworfen hat. Er redet von Licht und Wasser und davon, dass Architektur zufällige Begegnungen ermöglichen solle. „Dem Platz wohnt eine wahnsinnig urbane Kraft inne.“ Er ist menschendurchflutet, vielfrequentiert, zentrumsnah. Nur als öffentlicher Raum werde er nicht wahrgenommen. „Wir wollten ihn daher einfassen und als Platz kenntlich machen.“ Dafür sollte die Pergola dienen, wie sie ursprünglich gedacht war: mit Kletterpflanzen, mit Fahnen und Transparenten. Eine „Stadt-Loggia“ hätte sein Praterstern sein sollen, erklärt Podrecca, mit großem Dach über dem Platz, durchlässig und trotzdem abgegrenzt. Als Übergang zwischen dem wildwuchernden Grün des Praters und den geraden Linien der Stadt. „Von dem ganzen Konzept ist aber nur ein kleines Echo geblieben“, sagt Podrecca. „Und selbst das musste mit Müh und Not durchgeboxt werden.“

Der Grund seien „zig kleine Details, die nicht so gebaut worden sind, wie sie ursprünglich vorgesehen waren“. Dass die Pergola nicht begrünt werden soll, ist nur die medienwirksamste dieser Änderungen. „Die Stadt hat die Pflanzen aus Kostengründen gestrichen.“ Die Dicke von Rohren, der Grad von Winkeln – „all das wirkt sich massiv aufs Gesamtergebnis aus“. Und all das sei die zuständige MA 29 für Brückenbau nicht gerade sensibel angegangen: „Man hat als Architekt das Gefühl, ausgeschaltet zu werden. Sie machen mit dem Projekt, was sie wollen.“ Konkret bedeutet das: „Wir bekommen zum Beispiel veränderte Pläne zugestellt. Die müssen wir innerhalb von einer Woche freigeben. Aber wenn wir innerhalb dieser Frist Einspruch erheben, dann sagt die MA 29: Tut uns leid, das Material ist schon bestellt.“

Sein Fazit: „Man beginnt zu überlegen, ob man seinen Namen für sowas noch hergeben will.“ Die MA 29 hält dagegen, dass Podreccas Wünsche teuer gewesen wären. „Sobald wir als Bauherr das Projekt übernehmen, gibt es Interessengruppen wie ÖBB oder Anrainer, die wir berücksichtigen müssen“, sagt Sprecher Kurt Wurscher. „Daraus ergeben sich zwangsläufig Änderungen.“ Der Architekt habe „vertragsrechtlich keinen Einfluss auf das Projekt“. Podrecca antwortet, er sei dem zuständigen Stadtrat zwar dankbar, weil er sich vehement für ihn eingesetzt habe. „Aber von der Zusammenarbeit bin ich schwer enttäuscht.“ In anderen Staaten sei man bis ins letzte Detail eingebunden. „Hier ist das anders. Hier ist man nicht erwünscht.“

Erschienen im Falter 38/08

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Die Stadt unter der Stadt

Zehntausende Kilometer Röhren und Schächte liegen unter den Straßen der Stadt. Ein Blick in Wiens Eingeweide

Reportage: Joseph Gepp

Wenn Josef Gottschall die Hand hebt und seinen Zeigefinger über den Karlsplatz kreisen lässt, dann werden sie plötzlich sichtbar, all die Deckelchen und Deckel, die man sonst nicht einmal übersieht. Sie sind groß oder klein, aus Metall oder Beton, vergittert oder verschlossen. Verteilt über den ganzen Platz müssen es rund 100 sein. Josef Gottschall, 38, Sprecher von Wien-Kanal, kennt sie alle. „Wasserleitungsschieber. Kanaldeckel. Kabelzieherschächte. Fernwärmeingänge“, zählt er auf. Sein Finger hüpft von einem zum nächsten. „Telefon. Straßenbahnsignalanlagen. Stromkabel. Gasrohre.“ Der Karlsplatz ist voller kleiner Pforten in den Untergrund, wenn man nur darauf achtet. Und sein Metier, das Wiener Kanalnetz, sei nur eines von vielen. Der Finger sinkt nach unten. „Sie können sich gar nicht vorstellen“, sagt Gottschall, „was so alles unter dieser Stadt liegt.“

Es sind zehntausende Kilometer Leitungen und Rohre, die den Wiener Boden durchkreuzen. Eine Stadt unter der Stadt, in Etagen übereinandergeschichtet, eng, stickig, stinkend und für Menschen weitgehend unzugänglich. Die stillen Dienste dieser Infrastruktur machen das moderne Leben erst möglich. Wasser, Fernwärme, Gas, Telekommunikation, Abwasser, Strom – sogar ein paar alte Rohrpoststrecken finden sich noch. Der Stadtmensch dreht am Hahn und lässt die Therme anspringen, wenn er sich die Zähne putzt. Er klappt den Laptop auf und schaut sich YouTube-Videos aus den USA oder Japan an. Er setzt damit weitreichende – manchmal weltumspannende – Bewegungen oder Datenflüsse in Gang. Das Gas wird in Sibirien aus der Erde gepumpt, das Wasser kommt aus den niederösterreichischen Alpen, das Video wird in einem Arbeitszimmer in Tokio hochgeladen. Ohne ein Netz aus Millionen von Kabeln und Rohren, hinter jeder Wand, unter jeder Straße, wäre die Stadt nicht Stadt. Die Morgentoilette würde dann im nächsten Bach stattfinden, und das Mittagessen müsste im Vorgarten geschlachtet werden. Stattdessen fällt dem Städter gar nicht mehr auf, was alles dazugehört, damit sein Leben so einwandfrei funktioniert. Zumindest meistens.

Denn manchmal meldet sich das lebensnotwendige Netz wie ein beleidigter Gott zu Wort. Dann bricht in New York brennendes Gas durch die Asphaltdecke. Oder in München versinkt ein Bus in einer kollabierenden Straße. Oder in Wien-Hietzing verwandelt sich urplötzlich eine ganze Straße in einen reißenden Fluss. Das Netz erfordert permanente aufwendige Wartung. Sonst rächt es sich. Vor der Hurrikankata- strophe in New Orleans 2005 wollte niemand die Millionen für die Renovierung der baufälligen Dämme ausgeben. Danach bereute man diese Entscheidung bitter. Infrastruktur ist nicht sexy. Lieber geben Städte ihr Geld für das neue Hochhaus des weltweit renommierten Stararchitekten aus. „Die globale Infrastruktur befindet sich im Niedergang“, warnten kürzlich die Analysten des amerikanischen Technologieberatungskonzerns Booz Allen. Die Modernisierung der morschen Lebensadern würde laut Bericht innerhalb der nächsten 25 Jahre weltweit rund 40 Billionen Dollar kosten. Zum Vergleich: Die weltweiten Rüstungsausgaben betrugen im Jahr 2006 etwas mehr als eine Billion Dollar.

Vor einem Monat schien es so, als würde dieser düstere Befund auch für Wien gelten. Nahe der Lainzer Straße in Hietzing brach ein Wasserrohr. Es war eine von drei Hauptleitungen in Wien, mit fast einem Meter Durchmesser. 19 Millionen Liter Hochquellwasser – das entspricht dem Inhalt von fast 130.000 Badewannen – flossen stundenlang über die Straße. Autos und Baucontainer schwammen fast davon. Die Feuerwehr evakuierte vier Häuser, weil ein Baukran auf sie zu fallen drohte. Eine eilig improvisierte Verkehrsumleitung schickte die Autofahrer über Umwege erst recht wieder in die überschwemmte Lainzer Straße. Es war ein eindrucksvolles Beispiel, wie schnell das alltägliche Stadttreiben in Chaos und Panik umschlagen kann. Die Gemeinde nennt einen Fabriksfehler am gusseisernen Rohr als Unfallursache. Kritiker widersprechen und geben den ÖBB die Schuld, die nur 100 Meter von der Unfallstelle einen Bahntunnel errichtet. Das erste Teilstück des Lainzer Tunnels wurde nur Stunden vor dem Rohrbruch fertiggestellt. Der Bau der Zugstrecke habe Veränderungen im Boden bewirkt, sagt der Geologe Josef Lueger. „Um den Tunnel zu bauen, hat man Grundwasser abgepumpt. Deshalb senkt sich der Untergrund. Und wenn diese Senkung zu intensiv wird, kann es zu Rohrbrüchen kommen.“ Die ÖBB nennen diesen Zusammenhang „völlig unmöglich“. Fest steht jedoch, dass sich Störungen in diesem Gebiet häufen. Gleich am Tag nach dem Unfall brach erneut ein Rohr – keinen halben Kilometer entfernt, in der Veitingergasse beim Lainzer Tiergarten.

Der Vorfall zeigt, dass drei Meter unter der Stadt alles mit allem zusammenhängt. Nichts ist isoliert, alles beeinflusst einander. Kanalrohre, die im Winter nicht zufrieren sollen, müssen tiefer liegen als etwa Fernwärmeleitungen, die Heizkörper mit Heißwasser versorgen. Zu Frühlingsbeginn führt das Tauwetter zu Spannungen im Boden, mit regelmäßigen Wasserrohrbrüchen als Folge. Der Verkehr an der Oberfläche verursacht gefährliche Schwingungen im Untergrund. Und wenn Gemeindegärtner Bäume pflanzen, müssen sie aufpassen, dass die feinen Verästelungen der durstigen Wurzeln nicht durch Nahtstellen in die Kanalrohre dringen.

Baumbewuchs, Verkehrsfrequenz oder die Lage anderer Leitungen sind keine unwichtigen Details. Nicht auf sie zu achten, kommt langfristig teuer: In der serbischen Hauptstadt Belgrad beispielsweise versickert rund ein Drittel des Trinkwassers aus undichten Leitungen – in Wien ist es nur ein Zehntel. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia erkennt man im Winter an geschmolzenen Linien im Schnee, wo die Fernwärmeleitungen verlaufen – dementsprechend kühl bleibt die Heizung in so manchem Plattenbau. „Wenn die Stadt funktionieren soll, ist es ein irrsinniger Aufwand, dieses ganze Sammelsurium an Leitungen in Schuss zu halten“, sagt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. „Denken Sie nur an die vielen Zuleitungen unter den Gehsteigen. Die führen zu jedem einzelnen Haus.“ Diese Zuleitungen zweigen von den Hauptrohren unter der Straße ab. Bei Reparaturarbeiten sieht man sie manchmal: kleine gehsteigbreite Baugruben, aus denen in rund einem Meter Tiefe ein schmutzverkrustetes Bündel aus Telefon-, Wasser-, Kanal-, Strom- und Gasleitungen lugt. „Die Straße ist voll“, sagt Knoflacher. In solch einem Gewirr noch auf- oder umzugraben erfordert Koordination. Bei der MA 28 für Straßenverwaltung und Straßenbau liegt der zentrale Leitungskataster für Wien. Wer graben will, braucht das Einverständnis des Magistrats. Wenn zum Beispiel die Wien Energie Gasnetz GmbH ein neues Rohr verlegen möchte, konsultiert die MA 28 alle möglichen Betroffenen und holt Stellungnahmen ein. In langen Gesprächen – Beamtendiktion: Einbautenbesprechungen – führen die Gasexperten dann aus, warum und wo sie eine neue Leitung brauchen. Erst danach beginnt die Arbeit. Jeder einzelne Wiener Straßenkilometer wird durchschnittlich fünfmal pro Jahr aufgegraben. Die Konsequenz sind die allgegenwärtigen länglichen Baugruben – wienerisch: Künetten –, die das Stadtbild prägen. Sie quälen Autofahrer, und ihr Presslufthammerlärm reißt Nachtmenschen in der Früh aus dem Schlaf. „Das kann schon eine mühsame Gschicht sein“, sagt Wien-Kanal-Sprecher Josef Gottschall.

Gottschall steigt über eine eiserne Wendeltreppe am Karlsplatz in den Untergrund. Die Stufen führen in die beiden sogenannten Cholerakänale, die im Jahr 1836 links und rechts des Wienflusses errichtet wurden. „Das sind die ältesten Wiener Kanäle, die noch in Betrieb sind“, sagt er. „Das Wiener Leitungssystem hat eigentlich mit einer Krankheit begonnen. Denn bevor was passiert, macht man ja eh nix.“ 1830 brach in Wien eine schwere Choleraepidemie aus. Grund war die Wasserversorgung: Mit einer einzigen Ausnahme – dem Kaiserhof – wurde in dieser Zeit die ganze Stadt über Hausbrunnen versorgt. Müll und Fäkalien deponierte man am nächstgelegenen Bachrand. Im Normalfall schwemmte das Wasser den Schmutz einfach in die Donau. Bei Hochwasser jedoch gelangte er zurück in die Brunnenschächte. Nichtsahnend tranken die Menschen das verschmutzte Wasser. Tödliche Darminfektionen waren die Folge. Bis 1836, als die Stadt jenen ersten großen Kanal errichtete, der von nun an Fäkalien verlässlich und rasch zur Donau – und später in Kläranlagen – spülte. Mehr als 100 Jahre später sollten die breiten Gänge durch Orson Welles’ „Der Dritte Mann“ weltberühmt werden. „Abgesehen von den beiden Weltkriegen“, sagt der Pressesprecher, „wird am Wiener Leitungsnetz seit 1836 eigentlich permanent gebaut.“

In den alten Gewölben unter dem Karlsplatz riecht es nach Malz. „Abwässer von der Ottakringer Brauerei“, erklärt Gottschall. Ein einstiges Bächlein aus dem Wienerwald – der Ottakringer Bach – wurde vor langer Zeit überplattet und zum Kanal umfunktioniert. Bis heute schwemmt es die Abwässer des Arbeiterbezirks bis unter den Karlsplatz. Ratten haben die Schautafeln angeknabbert, auf denen sich Cineasten über die Entstehungsgeschichte von „Der Dritte Mann“ informieren können. Unweit davon wälzt sich der unterirdische Wienfluss durch ein breites, 100 Jahre altes Stampfbetongewölbe. Sie regen die Fantasie an, diese alten Kanäle – repräsentativ für die Stadt sind sie allerdings nicht. „Die meisten Leitungen werden heute erdverlegt“, sagt TU-Professor Knoflacher. Das heißt: Erde auf, Rohr hinein, Erde zu. Die Feuchtigkeit des Bodens und der Rost führen dann dazu, dass viele Rohre in Wiener Baugruben so zerfressen aussehen, als würden sie gleich in Stückchen zerfallen. Das sei allerdings ein falscher Eindruck, sagt Knoflacher: „Die Wartung in Wien läuft effizient.“ Gasrohre etwa wirken zwar von außen angegriffen, bei sorgfältiger Wartung halten sie aber rund 100 Jahre. Die Gemeinde lässt sich den Aufwand einiges kosten: 500 Mitarbeiter sind beispielsweise allein für das 2300 Kilometer lange Kanalnetz verantwortlich. 15 Tonnen Schutt befördern sie täglich aus dem städtischen Untergrund. Der TU-Professor plädiert dennoch für den Einsatz von – jede Branche ist so ansprechend wie ihre Terminologie – „Infrastruktursammelkanälen“. Die Idee dahinter ist, dass alle Leitungen in einem trockenen und beleuchteten Schacht zusammengefasst sein sollten. „Dann hält alles länger“, sagt Knoflacher. Dafür sind die Errichtungskosten der Sammelkanäle immens. Einsparungen durch die längere Lebensdauer der Leitungen schlagen sich erst nach rund einem Jahrzehnt zu Buche. So langfristig will selbst das reiche Wien nicht denken – einzig im noch reicheren Zürich verläuft unter der Bahnhofsstraße ein breiter Infrastruktursammelkanal.

Wie gefährlich ist nun die Stadt unter der Stadt? Leben die Wiener auf einem Pulverfass? Hermann Knoflacher lächelt und beruhigt. Das einzig Explosive sei Gas – „aber das ist durch Geruchssensoren und Autoabschaltung bei Druckabfall ausreichend gesichert“. Ein eigener städtischer Gasspürdienst überprüft jährlich fast 2000 Kilometer des Gasnetzes. In Wien funktioniere die Infrastruktur, meint Knoflacher, denn im Gegensatz zum weltweiten Trend würden wichtige Leitungen nicht privatisiert. „Die Privatisierung von Infrastruktur führt zu ihrem Verfall. Da fehlt das langfristige Denken“, meint er. „Die fahren so lange auf dem alten Netz, bis alles zusammenbricht. Und wenn dann was passiert, springt sowieso die öffentliche Hand ein.“ Züge in Großbritannien, Telefonleitungen in Ungarn, Strom in Kalifornien, Wasserrohre in Bolivien – Reparaturen werden umso teurer, je länger man damit wartet. Das System ist zerbrechlich. Es braucht viele kleine Pforten in den Untergrund, um es zu bewahren.

Erschienen im Falter 38/08

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtplanung, Wien

Ganz sicher?

KRIMINALITÄT Von Zeit zu Zeit wähnt man sich in Gefahr, obwohl gar kein Grund dafür besteht. Sogar in Wien.
JOSEPH GEPP

Ein sonniges Wochenende in einem gutbürgerlichen Wirtshaus in Frohnleiten in der Steiermark. Eine Handvoll Einheimischer unterhält sich über die angeblich bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Bundeshauptstadt, die man vom Hörensagen kennt. „Die beiden waren am Reumannplatz“, beschreibt einer das Schicksal seines Neffen und dessen Freundin. „Er sagt zu ihr: Sprich ja niemanden an! Und geh nur schnell drüber! Schau immer auf den Boden, keinesfalls jemandem ins Gesicht.“ Alles zwecklos: „Die Türken haben sie trotzdem gesehen. Und schon mussten sie Fersengeld geben.“

Dass jemand schnurstracks und mit gesenktem Blick über den Reumannplatz huscht, um nicht mit türkischen Clans um sein Leben ringen zu müssen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Dennoch kursieren derartige Gerüchte. Sie werden weitergegeben und von Erzähler zu Erzähler mit neuen Details angereichert. „Subjektives Sicherheitsempfinden“ nennen Stadtsoziologen das Phänomen. Die Kernthese: Man fürchtet sich ganz unabhängig von der tatsächlichen Gefahr. Die Möglichkeit eines Taschendiebstahls ist beispielsweise in der touristisch geprägten Innenstadt größer als etwa in Ottakring – trotzdem wird so mancher seine Tasche in Ottakring besser im Auge behalten. Das Viertel wird einfach als gefährlicher empfunden als der Stephansplatz. Und am Reumannplatz scheinen sich manche ungefähr so sicher zu fühlen wie in Bagdad oder Kabul.

„Die Kriminalstatistik deckt sich nicht mit typischen Orten, wo Menschen Angst empfinden“, sagt der Stadtforscher Udo Häberlin von der MA18 für Stadtentwicklung. Ein aktueller Bericht beschäftigt sich mit der subjektiven Sicherheit in Wien. Er basiert auf einer Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie von 2002. Ergebnis: Im Vergleich zu Amsterdam, Budapest, Hamburg und Krakau fühlen sich Wiener bemerkenswert sicher. Sechs von zehn Befragten nannten überhaupt keine „unsicheren Orte“ in ihrer Stadt. „Alte Leute fürchten sich tendenziell mehr als junge. Und Frauen mehr als Männer“, sagt Häberlin. Die Mehrzahl an Vergewaltigungen finde etwa im privaten Raum statt – Angst davor haben Frauen aber vor allem in der Öffentlichkeit.

Wo in Wien fühlen sich Menschen unsicher? Und welche Faktoren beeinflussen dieses Empfinden? Man fürchtet sich – unabhängig von der tatsächlichen Gefahr – in Vierteln mit Drogenszene oder hoher Ausländerquote. Die MA 18 nennt den Karlsplatz, Fünfhaus, die Westbahnhofgegend und Ottakring – auch wenn diese in Wahrheit gar nicht „Orte von Kriminalitätserfahrungen“ sind. Dafür werden Gürtelgegend und Leopoldstadt laut MA 18 als weniger gefährlich als früher wahrgenommen. „Es sind einseitig geprägte Räume, die Angst machen“, sagt Häberlin. Soll heißen: Dinge, die nur einem Zweck dienen – eine Unterführung, ein Parkplatz, eine menschenleere Brücke -, schaffen das Gefühl von Unsicherheit. Und in den Augen der Frohnleitner dann doch auch wieder der belebte Reumannplatz.

Erschienen im Falter 37/08

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Eingeordnet unter Stadtleben, Wien

Jugend ohne Zeitung

ONLINE Das Internet- Jugendmagazin „Chilli.cc“ ist vom Netz. Ein Nachruf. JOSEPH GEPP

Nach neun Jahren markiert eine kurze Meldung das Ende der Internetjugendzeitschrift Chilli.cc: Österreichs „meistgelesenes und etabliertes Online-Jugendmagazin“ stellt am 2. September 2008 „seinen redaktionellen Betrieb ein“. Es fehlt an Kapital und unternehmerischer Perspektive.

Chilli.cc, das waren bis zu 90 Menschen im Alter zwischen 13 und 31, die ehrenamtlich eine wöchentlich neue Internetseite erstellten. Mit Schwerpunkt Jugend. Die Redaktion lag in einer zugigen Kellerwohnung in einem Josefstädter Gemeindebau. Gearbeitet wurde aber meistens von zuhause oder den umliegenden Kaffeehäusern aus. Manchmal dilettantisch, oft aber erstaunlich professionell, setzte man sich so mit Innen- und Außenpolitik, Medien, Kultur- und Gesellschaftsthemen auseinander. Für manche wurde Chilli.cc zum Einstieg in eine journalistische Karriere, die etwa zu Kurier, Standard oder Ö3 führte. Andere interessierten sich mehr für die Kinofreikarte für Journalisten. Von „jahrelanger ehrenamtlicher Selbstausbeutung der Chilli.cc-Mitarbeiter“, spricht jetzt Chilli-Herausgeber János Fehérváry.

Chillis größtes Problem war das Internet: Dort bringt Werbung im Vergleich zu Fernsehen und Printmedien wenig Geld. Abonnenten fallen weg, eine Stammleserschaft lässt sich entsprechend schwer aufbauen. Dazu kamen Vermarktungsprobleme und Differenzen zwischen Redaktion und Herausgebern. Demgegenüber stand aber auch eine journalistische Arbeit, die gerne gelesen und von anderen Medien zitiert wurde: Etwa im steirischen Landtagswahlkampf 2005, als Ex-ÖVP-Landesrat Gerhard Hirschmann im Chilli-Gespräch die Kontrolle über sich verlor und Exlandeshauptfrau Waltraud Klasnic „geistigen Rinderwahn“ attestierte. Chilli.cc stand für gut geführte Medieninterviews, Reportagen aus gesellschaftlichen Randbereichen und fundierte ÖH-Berichterstattung. Der Sprung in die breite Öffentlichkeit gelang dem Magazin trotzdem nie.

Nun hat Jugendstadträtin Grete Laska dem Magazin finanzielle Nothilfe angeboten – aber Herausgeber Fehérváry will sich nicht zum „Politikum“ machen lassen. Stattdessen soll die Marke verkauft werden. Angebote sind angeblich bereits eingetrudelt. Die Josefstädter Kellerwohnung steht schon seit längerer Zeit leer.

Der Autor arbeitete eineinhalb Jahre lang im „Chilli.cc“-Ressort „Welt“

Erschienen im Falter 37/08

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Die Stadt und ihre Kulissen

AFFÄRE Der neue Pratervorplatz wurde zur Millionenpleite. Das Ausgleichsverfahren zeigt nun, wie das Rathaus öffentliche Gelder verschwendete und Baufirmen in Not brachte. Die Geschichte einer Wiener Baustelle. JOSEPH GEPP

So richtig passt er nicht hierher, der Mann mit gestreiftem Businesshemd und Anzughose, der da zwischen spielenden Kindern und japanischen Touristen im Wurstelprater herumstreift. Er presst sein Ohr an eine Säule, klopft sachte und lauscht, ob ein Hohlraum dahinterliegt. Er schreitet mit halbgeschlossenen Augen eine Fassade entlang und zählt seine Schritte, um die Seitenlänge herauszufinden. Sein Fingernagel fährt eine Mauerritze entlang, und dann fasst er an eine Wand und zerreibt Putzbrösel zwischen den Fingern. Johann Waldner, 53, aus Walchsee in Tirol ist gerichtlich beeideter Bausachverständiger. Man ruft ihn normalerweise, wenn zum Beispiel ein Häuslbauer eine Baufirma klagt, weil Regenwasser in sein Wohnzimmer tropft. Dann prüft Waldner im Auftrag des Richters, ob der Vorwurf gerechtfertigt ist und Schadenersatzanspruch besteht. Jetzt steht der Bausachverständige auf Wunsch des Falter im Prater, auf dem neugebauten Wiener Riesenradplatz. Er dreht eine Runde um die vier umstrittenen Betongebäude mit den knallbunten, pseudo-historischen Styroporfassaden. Um wie viel Geld hätten sich die Bauten auf insgesamt 19.000 Quadratmeter Grundfläche realisieren lassen? „Konservativ geschätzt: Ich würde grob von zirka zehn Millionen Euro ausgehen“, sagt Waldner, nachdem er seinen Rundgang beendet hat.

Es waren nicht zehn, sondern 28 Millionen Euro, die das neue Praterentree kostete. Diese Summe brachte das Unternehmen, das den Bau plante und durchführte, an den Rand des Bankrotts. Seit Monaten ist die Firma Explore5D zahlungsunfähig. Mitte vergangener Woche schaffte sie nach einer turbulenten Sitzung am Wiener Handelsgericht den Ausgleich. Den Preis dafür zahlen vor allem die über 100 Betriebe, die im Auftrag von Explore5D auf der Baustelle gearbeitet haben: Sie müssen auf rund zwei Drittel des Lohns verzichten, der ihnen für ihre Leistung versprochen wurde. Es handelt sich dabei großteils um kleine Wiener Bauunternehmen. Schuld am Debakel geben viele von ihnen der Stadtverwaltung: „Wir dachten, wenn die Gemeinde dahintersteht, dann müssen wir uns keine Sorgen um unser Geld machen“, sagt einer der betroffenen Geschäftsführer, Thomas Wasshuber von der Stahl- und Messebaufirma Bruckschwaiger in Langenzersdorf. Die Gemeinde schweigt zu solchen Vorwürfen. Seit Monaten sagen Pressesprecher und Rathausbeamte meist dasselbe, wenn man sie nach der politischen Verantwortlichkeit fragt: kein Kommentar, solange die Geschichte noch läuft.

Dabei „läuft“ die Geschichte schon ziemlich lange. Sie betrifft nicht nur den Prater und nicht nur Wien. Sie handelt davon, wie öffentliche Institutionen neuerdings wirtschaften. Einerseits schaffen sie sich Konstrukte, die Geschäfte unter privatwirtschaftlichen Bedingungen ermöglichen. Diese privaten Kulissen tragen dann komplizierte Namen wie Ausgliederung, Umstrukturierung oder Public-Private-Partnership. Andererseits gehen die öffentlichen Institutionen Verträge mit Privatunternehmen ein, auf die sie dann Verantwortung abwälzen. Im Fall des Praters war das Unternehmen eine Volksbank-Tochter namens Immoconsult, und die privatwirtschaftliche Kulisse nannte sich Leasingfinanzierungsmodell. Im Graubereich zwischen Politik und Wirtschaft lassen sich Geschäfte schneller und einfacher machen. Dafür kommt die politische Verantwortung ebenso leicht unter die Räder wie die unternehmerische Vernunft: Die Verantwortung teilt man mit dem Privaten. Und während Unternehmer ihre Gewinne investieren, geben öffentliche Institutionen meist das Geld der Steuerzahler aus. „Man schmückt sich mit dem strahlenden Emblem der Marktwirtschaft, aber in Wirklichkeit ist das reine Inszenierung. In Wahrheit werden die Grauzonen größer, die Wege verschlungener und die Konstrukte undurchsichtiger“, sagt der Wiener Stadtplaner und kritische Publizist Reinhard Seiss.

Genau das war im Prater der Fall. Die Causa begann im Jahr 2003. Damals lag der Eingang zum Vergnügungspark heruntergekommen da. Die Betreiber der Attraktionen stritten. Ringelspiel und Autodrom waren aus der Mode, Spielhöllen breiteten sich aus, und am nahegelegenen Praterstern turnten die Ratten in den Büschen. Die Gemeinde beauftragte einen weltgewandten und traditionsbewussten Spezialisten, um dem ehrwürdigen Juwel neues Leben einzuhauchen: Emmanuel Mongon, Franzose, in aller Welt tätiger Experte für historische Themenparks. Mongon redete vom typisch Wienerischen und von der Verbrüderung von Arbeiter und Bürger beim Pratervergnügen. Er präsentierte ein Konzept und kündigte einen großen Masterplan an. Der Gemeinde war seine Expertise 1,4 Millionen Euro Honorar wert. Als Mongon drei Jahre später Wien verließ, beschäftigte seine Arbeit allerdings hauptsächlich das Kontrollamt, die Wiener Finanzprüfbehörde: In einem Bericht kritisieren die Prüfer etwa ungerechtfertigt hohe Reisespesen und fehlende Rechnungen. Kritiker bemängeln außerdem, dass der Experte seinen Worten kaum konkrete Ergebnisse folgen hat lassen. Immerhin: Mongon regt einen neuen Eingangsbereich für den Prater an. Eine Repräsentationsfläche nach außen, ein einheitliches Gesicht, das Tradition und Grundidee des weltbekannten Vergnügungsparks ausdrücken sollte. Und das, wenn möglich, bis zur öffentlichkeitswirksamen Fußballeuropameisterschaft im Sommer 2008.

Der Spezialist beendet seine Arbeit 2006, die Zeit bis zur EM drängt. Hektisch will die Gemeinde nun den neuen Vorplatz realisieren. Alte Fehler wiederholen sich: Wie schon beim Engagement Mongons deutet auch jetzt vieles darauf hin, dass Abmachungen nicht gründlich getroffen und Verträge nur schlampig ausverhandelt wurden. Für den Bau des Platzes engagiert die Gemeinde die Firma Explore5D mit Büro in Wien-Landstraße. Das Unternehmen hat in seiner Geschichte nur drei Projekte – im Waldviertel, im Salzkammergut, im rumänischen Siebenbürgen – vorzuweisen, die allesamt nie realisiert wurden oder in Konkurs gegangen sind. In einem aufsehenerregenden Interview mit dem Trend prahlt Explore5D-Geschäftsführer Gerhard Frank damit, Bürgermeister Michael Häupl noch aus Studientagen zu kennen – was dieser im Falter-Gespräch als „Blödsinn“ bezeichnet. Die für den Prater zuständige SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete Laska nennt Frank jovial „meine beste Mitarbeiterin“. Die Bilanz von 2006 zeigt, dass Explore5D vor dem Praterengagement kaum über eigenes Firmenkapital verfügte. „Diese Firma hatte kein Eigentum, keine Kapitalausstattung, ein gemietetes Büro, eine Handvoll Angestellte – da werde ich doch stutzig“, wundert sich heute der geschädigte Kleinunternehmer Wasshuber. Trotzdem bekam Explore5D den Auftrag für das Praterentree freihändig, also ohne Ausschreibung. „Rechtlich hatten wir keine Verpflichtung zur Ausschreibung“, erklärte Georg Wurz, Chef der stadteigenen Prater-Service GmbH, vor einigen Monaten dem Falter. Aus Sicht der Gemeinde entfiel diese Pflicht, weil der offizielle Auftraggeber nicht die Stadt, sondern eine private Finanzierungsgesellschaft war.

Hier kommt die Immoconsult ins Spiel: Immoconsult ist Unterzeichnerin des Bauauftrags an Explore5D und finanziert eine Hälfte des Projekts. Für die andere zahlt die Gemeinde. Das Gesamtbudget für den Praterplatz beträgt laut Volksbank erst 32, später aufgestockt 38 Millionen Euro – inklusive aller Vorbereitungsarbeiten und Nebenkosten. Planung und Bau alleine kosteten 28 Millionen Euro. „Zusatzwünsche, zum Beispiel ein Veranstaltungssaal, haben dazu geführt, dass das Projekt teurer wurde als geplant“, sagt nun Volksbank-Sprecher Walter Gröblinger. Exakt kamen laut Gröblinger rund 13,5 von der Stadt und 24,5 Millionen Euro von der Immoconsult, die den gesamten Topf verwaltete. Wenn ein Unternehmer seinen Lohn wollte, sandte er die Rechnung an Explore5D, von dort ging sie zu Prüfzwecken an Immoconsult weiter, wo das Geld freigegeben wurde. Dieses Prozedere funktionierte klaglos – bis zum 8. April 2008: An diesem Tag sollten laut profil zwei Millionen Euro von Immoconsult via Explore5D an den Baukonzern Strabag gehen. Bei der Strabag, der größten der auf der Baustelle tätigen Firmen, kam das Geld allerdings nicht an. Wo genau die Millionen blieben, ist bis heute unklar. Im folgenden Monat warteten die meisten Firmen vergeblich auf ihr Geld. Schließlich verfügte Explore5D einen Baustopp. Immoconsult kündigte den Vertrag mit Explore5D. Im Mai räumte Explore5D, das ja kaum über eigenes Kapital verfügte, seine Zahlungsunfähigkeit ein. Und die Unternehmer begannen schon, die Türen und Fenster wieder von der Baustelle abzutransportieren.

Später sagte Grete Laska der Presse, dass sich im Gesamtbudget noch immer fast acht Millionen Euro befinden würden. Warum der Geldstrom trotzdem versiegte, ist nicht restlos geklärt. Die einen behaupten, Explore5D habe das Geld unrechtmäßig abgezweigt. Die anderen geben vor allem der Gemeinde Wien die Schuld.

„Es gibt Hinweise, dass Explore5D das Geld anderweitig ausgegeben hat“, sagt etwa der Anwalt Daniel Kornfeind, der einige der geschädigten Kleinunternehmer vertritt. Als Indiz nennt er die Millionen, die nie bei „einem Unternehmen“ – es war die Strabag – angekommen sein sollen. Aber es sind nicht nur ausgebliebene Zahlungen, die misstrauisch stimmen: Nach dem Baustopp verschwanden sämtliche Geschäftsführer von Explore5D aus dem Firmenbuch. Dazu kam eine Änderung des Firmennamens, der seitdem auf Explore Bau GmbH lautet. Der ehemalige kaufmännische Kopf von Explore5D, der Osttiroler Architekt Martin Valtiner, steht außerdem seit Wochen für Auskünfte nicht zur Verfügung. Seine alte Handynummer existiert nicht mehr. An den Ausgleichsverhandlungen nahm er aus gesundheitlichen Gründen nicht teil. Wiener Grüne und Kleinunternehmer haben nun eine Klage eingebracht – die Staatsanwaltschaft untersucht, ob Explore5D seine Gläubiger vorsätzlich getäuscht haben könnte. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch das ist nur eine Version der Geschichte. Laut anderer Sichtweise hat die Gemeinde schlampig und unüberlegt gewirtschaftet. „Explore5D muss für die Fehlleistungen der verantwortlichen Stadträtin Laska als Sündenbock herhalten“, sagt beispielsweise die grüne Gemeinderätin Sabine Gretner, die sich mit dem Prater beschäftigt (siehe Kasten Seite 67). Laskas „Missmanagement“ führe jetzt dazu, dass „etliche Unternehmen ernsthaft gefährdet sind“. Gretners Sichtweise wird von einem der wenigen umfassenden und fundierten Dokumente zum verworrenen Fall Prater untermauert: Der Bericht der Ausgleichsverwalterin und Anwältin Eva Riess beschäftigt sich mit der finanziellen Situation von Explore5D. Riess spricht die Firma von allen Vorwürfen frei. Ohne das zu beabsichtigen, liest sich ihr Dossier wie eine Aufzählung unternehmerischer Unvernünftigkeiten – vonseiten der Gemeinde. Von „mehrfachen Umgestaltungen und Umnutzungen“ ist beispielsweise die Rede. „Mit der Ausführung des Projekts wurde zu einem Planstand begonnen, zu dem noch (…) keine exakte Kostenermittlung möglich war.“ Der Vertrag mit Explore5D ist laut Ausgleichsbericht „unklar formuliert“ und wurde „erst nach Fertigstellung des Rohbaus im Oktober 2007, also längst nach Baubeginn, unterfertigt“. Das alles habe dazu geführt, dass „das Kostenpotenzial eine enorme Dimension angenommen hat“.

Konnte die Gemeinde also die bevorstehende Zahlungsunfähigkeit von Explore5D absehen? Ausgleichsverwalterin Riess zitiert aus einem Besprechungsprotokoll vom Februar 2008. An der Sitzung nahmen Explore5D, Immoconsult und die Riesenradplatz Errichtungsgesellschaft – eine Tochter der Gemeinde Wien – teil. „Allen Beteiligten ist klar, dass Explore5D nicht in der Lage sein wird, die Mehrkosten zu tragen“, steht im Protokoll. Daher wurde ein Versprechen gemacht: „Für eine Bedeckung der Kosten wird in den kommenden Wochen durch die Riesenradplatz Errichtungsgesellschaft gesorgt.“ Die Stadt sicherte Explore5D also zu, im Ernstfall Geld zuzuschießen. „Infolge dessen dürfte die Explore5D von einer Kostenübernahme durch die Immoconsult/Stadt Wien ausgegangen sein“, schreibt Riess. Das zugesagte Geld kam allerdings nicht. Das Fazit der Anwältin: Explore5D könne man nur vorwerfen, dass „sie sich nicht auf mündliche Zusagen (…) hätte verlassen sollen“.

Die Gemeinde hat also – laut Ausgleichsbericht – kostspielige Änderungen durchgeführt und das dafür notwendige Geld nicht ausreichend kalkuliert. Sie hat Verträge unklar ausgehandelt. Sie hat wichtige Vereinbarungen mündlich getroffen und sich dann nicht daran gehalten. All das führte zur Kostenexplosion. Explore5D konnte nicht mehr zahlen – und das privat-öffentliche Konstrukt kollabierte. Danach wollte die Gemeinde mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun haben. Plötzlich hieß es, die Immoconsult sei immer die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen. Medienanfragen wurden lange Zeit mit dem Verweis abgeschmettert, dass man hierfür nicht zuständig sei. Dem Wochenmagazin profil erklärte Grete Laska, dass sie erst von der Zahlungsunfähigkeit erfahren habe, „als mir mitgeteilt wurde, dass die Immoconsult den Vertrag kündigt“. Einige Passagen im Ausgleichsbericht der Anwältin Riess deuten allerdings auf das Gegenteil hin: Verhandlungen wurden „oftmalig im Beisein der Vizebürgermeisterin Laska im Rathaus“ geführt. Daher seien „allen Beteiligten Kostenüberschreitungen bewusst und deren Höhe auch ziffernmäßig bekannt“ gewesen. Und auch Volksbank-Sprecher Gröblinger sagt: „Die Riesenradplatz Errichtungsgesellschaft war voll involviert und wusste immer, was los war.“ Hat sich die Gemeinde im kritischen Moment hinter der privaten Kulisse versteckt, die sie selbst geschaffen hat? Manches deutet darauf hin. „Verantwortungslosigkeit mit Kalkül“ nennt Kritiker Reinhard Seiss eine solche Vorgangsweise.

Jetzt schweigen die Verantwortlichen, obwohl die private Kulisse inzwischen deutliche Risse bekommen hat: Weder Grete Laska noch Prater-Service-Chef Georg Wurz waren zu Stellungnahmen bereit. Explore5D verwies nur auf eine baldige Pressekonferenz. Einzig Bürgermeister Michael Häupl sagte kürzlich im Falter-Gespräch: „In Zukunft müssen wir so etwas einfach selber machen. Dann hätten wir uns diese Zores erspart.“

Und jetzt? Der Pratervorplatz ist längst in Betrieb. Tausende Menschen überqueren ihn täglich. Anfang August haben zwei Attraktionen mit 3-D-Kinoleinwänden im Disneyland-Stil eröffnet. Dazu kommen ein gut laufendes Restaurant mit bürgerlicher Küche, ein Veranstaltungssaal und ein Eissalon. Für Mitte November ist ein neuer Kontrollamtsbericht zum Fall Prater anberaumt. Die Begleichung der Schulden von Explore5D übernimmt laut Kreditschutzverband „die Auftraggeberseite“ – also offenbar die Gemeinde. Bis 17. September sollen die Kleinunternehmer die zugesagten 40 Prozent ihres Geldes bekommen haben. „Wenn nicht, dann hätte das große und kostspielige Bauprozesse zur Folge“, sagt Hans-Georg Kantner vom Kreditschutzverband. Über einen Rücktritt von Vizebürgermeisterin Laska wird, obwohl vom Rathaus dementiert, laut aktuellem Trend heftig spekuliert. Jetzt, wo die Kulisse des Privaten endgültig umgefallen ist.

Erschienen im Falter 36/08

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Dreiecksbeziehungen

WERBUNG Wenn die Wiener SPÖ einen Wahlkampf führt, dann gilt so manche Regel nicht mehr. Zum Beispiel, was Plakate betrifft. JOSEPH GEPP

Wer bis vor einem halben Jahr in Wien eine Kulturveranstaltung bewerben wollte, der engagierte einen Wildplakatierer. Bunte Poster auf Brückenpfeilern oder Stromkästen kündeten dann von der aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus oder vom Konzert in der Szene Wien. Im Jänner 2008 machte die Gemeinde dem Treiben ein Ende: Mit Verweis auf die Straßenverkehrsordnung wurde das Wildplakatieren verboten. Als Ersatz dienten sogenannte Halbschalen, tausende über die ganze Stadt verteilte Metalltafeln. Kulturplakat heißt die Initiative, zentral organisiert wird sie von der Kulturplakat GmbH, die mehrheitlich der rathausnahen Außenwerbefirma Gewista gehört. Von den alten Wildplakatierern schlossen sich manche der neuen Aktion an, andere protestierten und kleben bis heute ihre Werbeposter illegal. Kritiker werfen der Gewista Monopolisierungsbestrebungen vor. Um diesem Vorwurf zu entgegnen und die Vielfalt zu wahren, verspricht der Werbekonzern auf seiner Homepage, die Halbschalen ausschließlich „Veranstaltern von Kultur- und Szeneevents“ vorzubehalten: „Zu äußerst kulanten Preisen können nun Veranstaltungen, für die nur ein kleines Werbebudget zur Verfügung steht, (…) beworben werden.“ In den Geschäftsbedingungen der Kulturplakat GmbH findet sich der Satz: „Die Kulturplakat behält sich das Recht auf Ablehnung von nicht kulturaffinen Plakaten vor.“

Als zwei Monate später die Vösendorfer Erotikmesse auf den Kulturplakaten warb, fragte der Falter bei der Gewista nach, was denn alles unter Kultur zu verstehen sei. Die Antwort lautete, dass man Veranstaltungen eben schwer aussieben könne und daher auch die Pornomesse auf den Halbschalen Platz finden müsse. Bei einem Mediengespräch vergangene Woche fand SPÖ-Landesparteisekretär Harry Kopietz eine neue Verwendungsmöglichkeit für die Werbeflächen: Die Dreieckssteher, auf denen bisher Parteien in Wahlkampfzeiten Werbung gemacht haben, seien „überholt“ und „für Verkehrsteilnehmer gefährlich“, sagte er. Stattdessen könne man doch die Halbschalen für Wahlwerbung nutzen. Es gebe diesbezüglich ein Angebot der Gewista, die die Flächen gratis zur Verfügung stellen würde. Wenn sich alle Parteien auf die Halbschalen als Werbemedium einigen, könne man über einen Verzicht auf die vielen ungeliebten Dreieckssteher nachdenken.

Was bleibt nun von der Idee der günstigen Werbemöglichkeit für kleine Kultur- und Szeneevents? „Wahlwerbung gibt es sowieso nur alle drei bis fünf Jahre“, sagt Gewista-Chef Karl Javurek. „Und von den Dreiecksstehern fühlen sich die Leute gestört. Also wurde seitens der Politik der Vorschlag an uns herangetragen, statt der Steher auf Kulturplakate zurückzugreifen.“ Er könne sich das durchaus vorstellen, sagt Javurek. Viele Halbschalen müssten abmontiert werden, weil sie im Wahlkampf den Dreiecksstehern Platz wegnehmen. „Wir würden uns so das Abmontieren ersparen.“ Aus diesem Grund biete die Gewista bei Wahlwerbung auch einen „gestützten Tarif“ an. Laut Standard beträgt er lediglich eine Anbringungsgebühr von einem Euro pro Plakat. Konkret hieße das, dass Parteien für die gleiche Werbung weniger zahlen müssten als Kulturbetriebe, für die ein Plakat 2,95 Euro kostet. Viele der werbenden Kulturinstitutionen, etwa Stadthalle oder Szene Wien, unterstehen indirekt oder via Wien-Holding der Gemeinde – und würden im Gegensatz zu den Parteien den vollen Preis zahlen. Die Konsequenz: Wo stadteigene Betriebe voll zahlen, bekommen Parteien für dieselbe Leistung Rabatt. Javurek wollte zu den genauen Kosten keine Stellung nehmen.

Es ist eine Vorgangsweise, die eine alte Frage aufwirft: Ist die Gewista so unabhängig, wie sie sich gerne darstellt? Immer wieder werfen Kritiker dem Werbeunternehmen Parteinähe vor. 13 Prozent des Konzerns stehen über Umwege im SPÖ-Besitz (Mehrheitsbesitzer ist die fanzösische JCDecaux). Bis 1974 als Magistratsabteilung Teil der Stadtverwaltung, sitzen bis heute im Aufsichtsrat einer Gewista-Mutterfirma Landesparteisekretär Kopietz und Helmut Laska, Ehemann von SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete. Josef Sopper, ein Geschäftsführer von Kulturplakat, gilt als enger persönlicher Freund von Harry Kopietz. Im Nationalratswahlkampf 2006 warfen die Grünen der Gewista massive Preisnachlässe bei SPÖ-Werbung vor. Im Jänner 2008 kritisierten die Prüfer des Kontrollamts Begünstigungen der Gewista durch die Wiener SPÖ. Dementsprechend reagiert nun die Opposition auf den Vorschlag von Harry Kopietz: Von einem „unmoralischen Angebot“ und „billigen Tricks“ spricht Grünen-Klubobfrau Maria Vassilakou. Und auch ÖVP-Stadtrat Norbert Walter will „das Quasimonopol der Gewista nicht unterstützen“. „Bisher war es so, dass bei den Dreiecksstehern jeder Partei rechtlich dieselbe Anzahl zusteht“, sagt er. „Ich weiß nur nicht, wie das bei den Kulturplakaten ausschauen würde.“

Erschienen im Falter 34/08

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Dienststelle Skiverleih

Welt in Wien (5). Ein kleines Stück Industrieviertel aus Liverpool hat sich in den Alsergrund verirrt. Hier wie dort wird allerdings schon lange nichts mehr gefertigt. JOSEPH GEPP

Mitten im neunten Bezirk liegt ein altes Industrieviertel, das seinen ursprünglichen Zweck längst verloren hat. Jetzt steht es einfach da: mächtige Ziegelbauten, viele Stockwerke hoch, verteilt über mehrere Straßenzüge. Reinster Industriestil des 19. Jahrhunderts, wie man ihn in Wien viel seltener findet als beispielsweise in englischen Städten. Die Albert Docks im Hafen von Liverpool könnten das sein. Oder die rußschwarzen und ziegelroten Industrieviertel von Manchester. Die Severingasse nahe der Währinger Straße zeugt still vom Aufstieg des Industriezeitalters – und von seinem Niedergang: Die ziegelsteinernen Bauten sind etwas heruntergekommen, die kopfsteingepflasterte Straße dazwischen fällt ab. „Technolog sches Gewerbemuseum“ steht auf der rotgrauen Fassade, das „i“ ist irgendwann verschwunden. Früher befand sich das TGM in diesem Gebäude, schon vor Jahrzehnten übersiedelte es in die Brigittenau. Wer sich umdreht, sieht einen Gürtelbogen: alt, zugemauert, von noch keinem Lokal besetzt. In Richtung Innenstadt ergänzt die schlichte grau-weiße Probebühne der Volksoper die postindustrielle Anmutung.

Im Gebäude auf der linken Seite der Severingasse befindet sich das Wuk, Kulturzentrum seit 1981, laut Eigendefinition „gesellschaftspolitisches Experiment“. Wer von der Straße seinen Hof betritt, sieht Efeu an den Ziegelwänden, Graffiti, halboffene Türen, von denen die Farbe blättert. Ursprünglich war das Gebäude eine Lokomotivfabrik: in der Mitte die Fertigungshalle, in den Hallen rundherum die Werkstätten. Was sie auch weitgehend geblieben sind, nur verwirklichen sich heute alternative Künstler in den Sälen, während früher Facharbeiter an Zugsteilen schraubten.

Das Haus auf der anderen Seite der Severingasse ist im selben Stil gehalten und war früher ebenfalls Teil des Fabrikskomplexes. Heute beherbergt der Ziegelbau eine höhere Schule, eine Uni-Dependance und die „Zentrale für Sportgeräteverleih und Sportplatzverwaltung – Dienststelle Schiverleih“. Eine Passantin beschwert sich, dass die weißen Gitter vor den Fenstern nicht zum restlichen Gebäude passen würden. Immerhin: Auch im postindustriellen Zeitalter hat sich eine Verwendung für das Haus gefunden. In die Albert Docks ist ja auch das Beatles-Museum eingezogen.

Erschienen im Falter 33/08

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