Kaisers Mühlen


Wie ein Knochensplitter von Kaiser Karl I. mit k. u. k. Ehren in die Kirche von Kaisermühlen kam

Reportage: Joseph Gepp

Das Stück kaiserlichen Mittelhandknochens wurde auf der portugiesischen Insel Madeira aus dem Grab von Karl I. geholt. Dann ging es per Flugzeug nach Belgien, wo die verbliebenen Mitglieder der Familie Habsburg seine Echtheit zertifizierten und die zukünftige Verwendung absegneten. Danach landete der Knochen per eingeschriebenem Paket auf dem Schreibtisch der Pfarre von Kaisermühlen.

Jetzt liegt er hier, im Empfangsraum des Pfarrers, auf einem Polster mit rot-weiß-roter Schärpe. Ein millimetergroßer gelblich-weißer Splitter in einer Schatulle aus Gold und Glas. Der Stoff am Boden des Gefäßes ist mit Goldfäden und Samt durchwirkt, Edelsteine rundherum formen einen Kreis. Darunter auf Lateinisch: „Aus den Gebeinen des seligen Karls aus dem Hause Österreich, sein Kaiser und Bekenner.“

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Foto von Julia Fuchs

Karl I. regierte nur zwei Jahre, von 1916 bis 1918. Er starb 1922 halb vergessen in seinem Exil auf Madeira. Historiker sehen in ihm vor allem jenen Mann, der die Fußstapfen seines Vorgängers Franz Joseph nicht ausfüllen konnte, sodass mit Kriegsende 1918 die Donaumonarchie zerfiel.

Für kirchliche Kreise und Habsburg-Nostalgiker liegt der Fall etwas anders: Ein Mann des Friedens soll Karl gewesen sein, tief religiös, von Menschenliebe durchdrungen. Jahrzehnte nach seinem Tod wurde angeblich sogar eine Nonne von einem Venenleiden geheilt, nachdem sie Karl in ihren Gebeten um Hilfe angerufen hatte. „Andere haben auf den Kommandostellen den Tod von Zehntausenden geplant. Er hat im Schützengraben neben den Soldaten gelegen und geweint“, sagt Karl Regner, 59, pensionierter ÖVP-Bezirkspolitiker und erklärter Freund Karls. 2004 wurde der einstige Kaiser selig gesprochen. Seit 2006 macht sich Regner für eine Karl-Reliquie in Kaisermühlen stark.

Vergangenen Sonntag war sie dann da. Bereit zur feierlichen Überführung vom Pfarrhaus in eine eigens renovierte Seitenkapelle der Kaisermühlner Herz-Jesu-Kirche. Ein Festgottesdienst ist angesetzt. Böllerschüsse hallen schon um acht Uhr morgens über die Dächer der Gemeindebauten.

Alte Herren haben die Uniformen ihrer Väter angezogen. Bestickte Standarten mit Doppeladlern werden ausgerollt. Husaren, Dragoner, Deutschmeister, alle sind sie gekommen, Menschen in historischen Uniformen, die weißen Armeehandschuhe elegant umklammert, die Paradedegen um die Hüften geschnallt. Ein alter Mann mit goldglänzendem Helm hält ein Schild hoch, „Compagnia Trieste“. Die Soldaten stehen zusammen. Das Einzige an ihnen, was ans Jahr 2008 erinnert, sind die Lucky Strikes zwischen ihren Fingern.

Sie unterhalten sich auf Deutsch, Ungarisch oder Italienisch. Mehrere Busse seien gekommen, sagt Karl Regner stolz, Traditionsverbände aus Österreich, Italien, Südtirol, Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik, „Delegationen aus allen Kronländern“.

Dann nehmen die Soldaten Aufstellung, der Pfarrer tritt samt Reliquie auf dem Polster aus der Pfarrhaustür. Ein Herr mit aufgezwirbeltem Schnurrbart erklärt noch schnell, dass man den Unterschied zwischen dem Dragonerregiment Nr. 2 und 3 an der Farbe des Rockaufschlags erkenne. Dann setzt sich der Zug in Bewegung.

Ganz vorne eine Trachtenkapelle, dann die Soldaten, dann die Reliquie inmitten einer Gruppe von Kirchenleuten. Die Standarten wehen, die Monarchisten stehen stramm. An der Fassade der schlichten Basilika aus dem späten 19. Jahrhundert hängt groß das Konterfei Karls. Etwas abseits steht der SPÖ-Bezirksvorsteher der Donaustadt; „innerlich zerrissen“ sei er hier, sagt er. In der Predigt erklärt der Pfarrer, der Name Kaisermühlen komme ja von „des Kaisers Mühlen“. Man sei hier schon immer Habsburg verbunden gewesen, er heiße also die Reliquie herzlich willkommen.

„Wird Kaisermühlen zum Wallfahrtsort?“, fragte ein Gratisblättchen des Rathauses schon vor zwei Jahren. „Mit Gottes Hilfe wird das vielleicht möglich sein“, sagt Karl Regner. Kaiser Karl habe eine große Anziehungskraft bei Gläubigen und Traditionalisten. Die Geschäftsleute und Hoteliers würde es außerdem freuen. „Ein Trafikant hat mich schon wegen möglicher neuer Ansichtskartenmotive gefragt.“ Außerdem gebe es da ja auch noch den Babenbergermarkgrafen Leopold, Landespatron von Wien und Niederösterreich. Dessen Reliquie liegt unter dem Hauptaltar der Kirche.

Erschienen im Falter 43/08

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