Heiliger Bimbam

Ab 26. Oktober wird vieles neu bei den Wiener Straßenbahnen. Ein Überblick

Bericht: Joseph Gepp

Wer den Netzplan der Wiener Straßenbahnen betrachtet, der könnte Wien glatt für eine Weltstadt halten. Da vermischen sich die Farben, da kreuzen sich die Linien, und keine Station ist weit von der nächsten entfernt. Der Großteil des Netzes wurde vor rund 100 Jahren angelegt, als Wien tatsächlich noch Weltstadt war: 31 Linien sind es heute, mit 230 Kilometern Gesamtlänge und einer Kapazität von 200 Millionen Passagieren pro Jahr. Und in der Mitte des Ganzen tuckern die ehrwürdigen Linien 1 und 2 mit der und gegen die Einbahnrichtung der Ringstraße.

Diese Ringlinien seien inzwischen obsolet, finden die Wiener Linien. Und die Fahrgäste würden zu oft zum Umsteigen gezwungen. Mit dem Nationalfeiertag, 26. Oktober, ist die kreisrunde Streckenführung des Einsers und Zweiers daher Geschichte. Die Linie 1 wird künftig am Stefan-Fadinger-Platz in Favoriten beginnen und in der Prater-Hauptallee enden, die Linie 2 beginnt am oberen Ende der Ottakringer Straße und endet am Friedrich-Engels-Platz in der Brigittenau.

Die neuen Strecken ersetzen damit die alten Linien J, N und 65. Beide Straßenbahnen, sowohl 1 als auch 2, passieren trotzdem das Stadtzentrum: Sie fahren nun in jeweils beide Fahrtrichtungen der Ringstraße, gemeinsam decken sie den gesamten Ring ab – allerdings nicht, wie bisher, jede für sich. Wer in Zukunft etwa von der Universität zum Stadtpark will, muss bei der Urania oder beim Schwarzenbergplatz umsteigen. Dafür kann der Tourist beispielsweise von der Oper direkt zum Hundertwasserhaus fahren. Aus „Rund-“ werden „Durchgangslinien“, wie die stadtplanerische Fachdiktion das nennt.

Demnächst folgen weitere Änderungen: Der D-Wagen zwischen Nußdorf und Südbahnhof wird ab 2009 zur „Linie 3“, der 71er zwischen Schwarzenbergplatz und Zentralfriedhof in Simmering wird bis zur Börse verlängert und in „Linie 4“ umbenannt. Frequenz und Intervalle bleiben zumindest gleich, versichern die Wiener Linien.

Mit dem Verschwinden von J, N und D sind auch Buchstaben als Bezeichnungen für Straßenbahnlinien Vergangenheit. Früher bezeichneten sie Rundlinien, die später in Richtung Stadtrand abzweigen. Der D-Wagen ist ein Beispiel dafür: Er fährt einen Großteil des Rings entlang, bevor er nach Nußdorf hinaufbiegt. Buchstaben lassen sich allerdings in der Verkehrstechnik der Wiener Linien nicht elektronisch codieren. Im internen Sprachgebrauch des stadteigenen Betriebs wurden sie daher längst durch Nummern ersetzt: Der D-Wagen ist dort etwa der „36er“, der O-Wagen der „70er“. Als kleine Reminiszenz an die weltstädtische Vergangenheit bleibt Letzterer immerhin als O-Wagen erhalten – denn das O, sagen die Wiener Linien, würden die meisten Touristen ohnehin als eine Null missinterpretieren.

Grüne und ÖVP warnen davor, dass die Touristen künftig statt der alten Linie 1 oder 2 Sightseeing-Busse nehmen könnten. Ein innerstädtischer Verkehrskollaps, so die Rathausopposition, wäre die Folge. Vergangenen Freitag zogen die Wiener Linien die Konsequenzen: Sie kündigten zusätzlich zu den neuen Strecken die Einführung einer „Touristen-Bim“ an. Sie soll ab April 2009 als nichtregulärer Teil des Straßenbahnnetzesverkehren, täglich zwischen zehn und 18 Uhr, mit Kopfhörern und kleinen Bildschirmen ausgestattet. Das wird dann noch eine Linie mehr auf dem schönen Plan mit der weltstädtischen Anmutung.

Erschienen im Falter 43/08

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