Das Prinzip Disco

Hier wird gesoffen. Hier wird geprotzt. Hier fischt H. C. Strache nach jungen Wählern. Ein Abend in der Großraumdisco

Reportage: Joseph Gepp

Oida“, beginnt der Bursche mit der Stoppelglatze, während er auf dem Praterstern auf das Grün der Ampel wartet. „Warst du Prater Dome?“

Er hört die Antwort gar nicht, denn er will von einem Triumph erzählen. „Schau mal.“ Der Bursche, 19, zupft ein silbergraues Plastikband von seinem Arm. Der Kaugummi, mit dem er es dort verklebt hat, zieht sich in die Länge. „Weißt du, was das ist? Das ist ein VIP-Band.“ Am Ausgang der Großraumdisco habe er einen Gast überredet, ihm das Bändchen weiterzugeben. „Hab nur eine Kopfnuss dafür kassiert.“

Das VIP-Band, das er jetzt fein zusammenfaltet und in die Tasche schiebt, hat dem Burschen das Tor zum Glück geöffnet. „Saufen, so viel du willst. Gratis. Den ganzen Abend. Das war geil.“ Er lächelt. Die Ampel schaltet auf Grün, er eilt davon.

Der Prater Dome, das Heilsversprechen im Stroboskopflimmer. Vergangene Woche hat im Prater Österreichs bislang größte Diskothek aufgesperrt. Sie ist gleichzeitig unter den fünf größten Europas. Das „Grand Opening“ war wochenlang in der Stadt plakatiert gewesen. Jetzt ist der Ort innerhalb einer halben Stunde voll.

Der Prater Dome, das multithematische Entertainmentcenter. Wer es kitschig mag, dem bietet der Eingangsbereich, das „Schloss Platz’l“, Mittelalterstil wie Cinderellas Castle in Disneyland. Wer Rustikales bevorzugt, kann im „Almrausch-Stadl“ zwischen Pferdegeschirr und Hüttengebälk zu Schlagern tanzen. Und wer sich für Glamour mit einem Hauch von Elite begeistert, dem steht „Vienna One“ zur Verfügung, die größte der fünf Tanzflächen. Dort winden sich Artisten und Go-go-Mädchen vor einer aufwändigen Rokokokulisse.

Der Prater Dome, das sind Luster, Kirchenfenster und klassische Statuen. Burgzinnen, Balustraden, Barockgemälde. Nichts ist echt, aber alles glitzert.

Einige bekannte Fußballer sind zur Eröffnung gekommen, und irgendwo steht FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, er schüttelt Hände und herzt blonde Frauen, ganz in seinem Element.

Um 22.30 Uhr reicht die Menschenschlange draußen schon halb über den neugebauten Riesenradplatz. Ein roter Teppich zwischen zwei marmornen Löwen führt zum Discoeingang. Die wartenden Männer stehen breitbeinig da, die Frauen tragen Korsetts, die die Figur betonen. Tiefe Dekolletés, Haargel, Solariumbräune, Muskelshirts. Legere schwarze Edeljacketts über weit offenen Hemden wollen Spendierfreudigkeit versprechen. Das weibliche Personal trägt knappe Fantasieuniformen. Das soll die Erwartung auf das anheizen, was drinnen nachkommt.

Im Inneren wird man an der Kassa fotografiert und bekommt eine Chipkarte. Damit gibt’s an den Bars die Getränke. Gezahlt wird beim Rausgehen, alles zusammen. Das Foto dient der Identifizierung beim Verlust der Karte. Die Discobetreiber versichern, die Daten würden gleich nach Betriebsschluss wieder gelöscht.

Wer den Prater Dome betritt, kann seine alte Identität – und seine finanzielle Situation – tief in der Tasche stecken lassen. „Reingehen, Spaß haben und Geld eine Zeitlang keine Rolle spielen lassen“, sagt die Jugendkulturforscherin Rosa Reitsamer von der Universität für angewandte Kunst, „das ist das Prinzip solcher Diskotheken.“

Zwei Tage später schaut der Prater Dome noch größer aus als bei der Eröffnung. Es ist Nachmittag, menschenleer. Letzte Nachbesserungen werden verrichtet, österreichische und deutsche Bauarbeiter necken sich gegenseitig beim Löten.

Holger Pfister, 40, aus Bayern, Geschäftsführer der deutschen MPC-Gruppe, führt durch den Betrieb. Mehr als 30 Lokale betreibt MPC, europäischer Marktführer bei Großraumdiskotheken, im deutschen Sprachraum. Prater Dome ist das Flaggschiff, am größten und teuersten, mit der aufwändigsten Laseranlage Österreichs.

3500 Quadratmeter Fläche habe sein Lokal, sagt Pfister, mit bis zu 4000 möglichen Besuchern und 110 Angestellten an einem Abend, darunter 70 Kellner, zwölf Securities und acht Go-go-Tänzerinnen. Die beiden Polizisten, die bei den Veranstaltungen anwesend sein müssen, stehen sogar auf der Gehaltsliste des Betriebs.

Jetzt, ohne Gedränge, entfaltet es sich erst richtig, das überladene Gewirr an Dekoration: Ritterrüstungen, goldumrahmte Bilder im Stil Rubens‘, Doppeladler-Standarten, eine Bücherrückenreihe wie aus Harry-Potter-Filmen. Im „Almrausch-Stadl“ blickt die Büste einer halbnackten Sennerin auf den „Schürzenjäger-Platz“.

„Wenn man auf die roten Luster schaut, dann ist das einerseits eine schwülstige, sexualisierte Gestaltung“, sagt die Wissenschaftlerin Reitsamer. „Andererseits hat es einen sakralen Beigeschmack, das Hallenhafte und Tranceartige von Kirchen. Das Mittelalter ist vermeintlich düster und geheimnisvoll. Deshalb Kirchenfenster und Burgzinnen.“

„Die Deko erzeugt Wärme und Gänsehautgefühl“, sagt Holger Pfister, während er an einer Tischreihe im maurischen Stil vorbeiführt. Dann zeigt er in der VIP-Zone auf das Bild eines Formel-1-Wagens an der Wand, gesponsert von Red Bull. Die Autoschnauze bewegt sich mit, wenn der Betrachter vorbeigeht. „Da steckt viel Arbeit im Detail“, sagt er.

Erich Schramm, Pfisters Kollege, ebenfalls Bayer, Gründer von MPC und Gestalter des Prater Dome, erzählt, dass die Kopien der barocken Gemälde aus China eingeschifft worden seien. „Spätnachts fällt so was den Gästen gar nicht mehr auf“, sagt Schramm. „Dann arbeitet die Laseranlage ohnehin voll, und die Leute schauen auf die Frauen. Aber wenn der Gast um 22 Uhr kommt und noch nicht alles voll ist, dann soll ihn die Dekoration beeindrucken.“ Schramm redet von sinkenden Geburtenraten. Rund halb so viele Menschen unter 30 wie über 30 gebe es heute. „Der Markt ist schwierig.“ Jede zweite Gaststätte im deutschen Sprachraum – vom Haubenlokal über die Disco bis zum Beisl – sperre innerhalb von vier Jahren wieder zu.

Deshalb die Größe der Disco, deshalb die verschiedenen Themenbereiche. „Wir wollen 90 Prozent der Zielgruppe abdecken“, erklärt MPC-Chef Holger Pfister. „Nichts ist tödlicher als eine halbleere Disco. Darum ist der Prater Dome so aufgeteilt: Wenn wenig Leute kommen, machen wir einfach eine Galerie zu oder schließen einen Raum. Und ruck, zuck ist die Größe halbiert.“ Und die Hütte wirkt voll.

„Die Zeiten, wo man Stützbalken durch ein Gebäude zog, Scheinwerfer dranhängte und eine Anlage aufstellte, sind vorbei“, sagt Pfister. „Die Leute sind anspruchsvoll geworden.“ Der Kuchen wird kleiner, da sind innovative Konzepte gefragt. Der Kuchen sind rund 60.000 junge Menschen, die an einem durchschnittlichen Herbstwochenende in Wien ausgehen. Zehn Prozent davon sind sogenanntes Szenepublikum, mit starkem Hang zu bestimmten Musikrichtungen und Lebensstilen. 90 Prozent wollen sich hauptsächlich amüsieren. Ihnen bietet die Großraumdisco ein Gesamterlebnis aus Musik, Gestaltung und – Alkohol mit möglicher Partnerwahl. „Ein forciertes Eintauchen in eine andere Welt“ nennt das die Wissenschaftlerin Reitsamer. „Die Shoppingmall im Discoformat. Hier findet man alles.“

Die zehn Prozent Szenepublikum hingegen legen größeren Wert auf die Musik. Sie gehen etwa ins Flex am Donaukanal, ins Fluc am Praterstern oder in die Gürtelbögen. In diesen Lokalen funktioniert noch das Prinzip der Stützbalken mit Scheinwerfern und möglichst guter Tonanlage. Dafür ist die Szene-Zielgruppe kleiner, die Gewinnspanne geringer – und von einem DJ erwartet man mehr als im Prater Dome.

Lokale wie Flex, Fluc oder Arena haben sich aus Vereinen oder besetzten Häusern entwickelt. Lokale wie der Prater Dome werden mit Glanz und Gloria eröffnet. Es ist der alte Konflikt zwischen künstlerischer Qualität und freiem Markt, der hinter den beiden Konzepten durchleuchtet. Protz und Massenabfertigung rechnen sich besser als Stützbalken und die neueste Band aus dem New Yorker Untergrund.

Dabei haben sich gerade die Vorgänger des Prater Dome im Minderheitenmilieu entwickelt: In den 50er-Jahren spielten noch Livebands für die Gäste in amerikanischen Tanzcafés. Schwule und Schwarze begannen später, Schallplatten aufzulegen und DJs zu engagieren. Für Livemusik fehlte ihren Treffpunkten das Geld. Die Disco wurde so in den 70er-Jahren zur Billigvariante der Abendunterhaltung.

Und aus der Angewohnheit, die Tonträger nicht nur aufzulegen, sondern Lieder durch händisches Bewegen der Schallplatte zu verändern, entwickelte sich später die elektronische Musik. Sie ist heute der dominierende Stil der europäischen Unterhaltungsindustrie. Die Notlösung Diskothek wurde zur gebräuchlichsten Form des städtischen Ausgehens.

Als im Prater Dome spätabends die Refrains der deutschen Elektroband Scooter über die große Tanzfläche schallen, heben hunderte synchron die Arme und brüllen mit. „Wo sind die Ladys?“, schreit der DJ, die Ladys kreischen.

Im Kunstnebel, Zigarettenrauch und Laserlicht verschwimmen die Formen der einzelnen Besucher, ein wippender Kopf da, eine an den Mund gehobene Bierflasche dort. Lichter, Leiber, Lebensfülle, die Discogemeinschaft ist entstanden, die protzigen Gesten des Einzelnen gehen auf in der Selbstvergessenheit der Masse, die Chipkarte griffbereit in der Tasche.

„Die Architektur, Themenbereiche, Größe, das alles sagt: Hier sind alle willkommen. Von Techno bis Almrausch findet jeder Platz“, sagt Rosa Reitsamer. „Das ist aber eine Illusion: Man muss konsumieren. Der Dresscode zählt. Und oft wird nach Hautfarbe oder Geschlecht selektiert.“

Selektiert wird nicht nur durch den Türsteher, sondern auch durch kreative Preispolitik: Donnerstags findet im Prater Dome der „Ladies First“-Abend statt. Bis Mitternacht werden Frauen dann freier Eintritt und ein paar kostenlose Getränke gewährt. Und dann, um zwölf Uhr, wenn sie hübsch betrunken sind, dann lässt man die Männer rein.

Private Polizisten? Ist es normal, dass staatliche Polizisten
ihren Lohn von privaten Discobetreibern erhalten? Laut MPC-Chef
Holger Pfister zahlt seine Firma den beiden Polizisten, die im
Prater Dome Wache schieben, einen „Stundensatz“. Auf
Falter-Nachfrage gibt die Wiener Polizei bekannt, dass bei
großen Veranstaltungen tatsächlich der Veranstalter für den
„Inspektionsdienst“ der Beamten aufkomme. Im Fall Prater Dome
bezahlt MPC für drei Tage polizeilichen Dienst, jeweils
zwischen 22 und 4 Uhr. Laut Polizei ist das auch in anderen
Lokalen dieser Größe der Fall

Erschienen im Falter 44/08

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Eingeordnet unter Reportagen, Stadtleben, Wien

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