„Bestens informiert“ oder lieber doch nicht?

Bitte keine Werbung: Wie die Post mit einer Werbeaktion Reklameverweigerer zum Umdenken bewegen möchte

Bericht: Joseph Gepp

An diesem Tag finden sich neben Briefen und Rechnungen im Postkasten: ein Billa-Prospekt, ein Bauhaus-Prospekt, Winterreifenwerbung, eine Einladung zum Kieser-Training-Schnuppertag, eine Bezirkspostille, ein Flugblatt mit den „Top-Neuheiten“ einer Elektronikkette. Und „Schecks“ für die Tageszeitung Österreich im Wert von 50 Cent pro Exemplar, inklusive Glamour-Heftchen und Fernsehprogramm.

Viel Müll, wenig Informationen. Für eine Großfamilie mag es sich rechnen, den Stapel durchzuarbeiten und herauszufinden, wo ein Gutschein Ersparnis bringt oder ein Produkt billiger ist. Im Normalfall aber liegt der Aufwand weit über dem Ertrag.

Wer nun den Postler per handgeschriebenem Zettel darum bittet, die Werbeflut am Briefkasten vorbeizuleiten, wird keinen Erfolg haben. Eine eigene Agentur sei für die Verwaltung der Adressen von Werbeverzichtern zuständig, erklärt die freundliche Frau bei der Post-Hotline. Ein Brief sei daher zu schreiben (Kennwort „Werbeverzicht“, Postfach 500, 1230 Wien). Dann kommt man auf eine Liste. Und danach erst wird das ersehnte Pickerl zugestellt: „Bitte keine Werbung“.

Die Post allerdings sieht derlei potenzielle Konsumverweigerung nicht gerne. Aus diesem Grund läuft momentan eine große „Informationskampagne“. „Bestens informiert“ lautet ihr Name.

Per Zusendung sollen alle werbefreien Haushalte davon überzeugt werden, ihre Anti-Werbung-Aufkleber abzukratzen. Wahlweise kann auch ein „Bestens informiert“-Pickerl darübergeklebt werden.

„Nutzen Sie noch heute Informationsvorsprung durch Prospektwerbung“, steht in der Zusendung. Und: „Riskieren Sie ab sofort wieder einen Blick in die Fülle von Einkaufsvorteilen und Sparangeboten.“ Wem das noch nicht Anreiz genug ist, den locken zusätzlich Warengutscheine im Wert von 170 Euro und die Teilnahme an einem Gewinnspiel um eine Städtereise „in eine der angesagtesten Shopping-Metropolen Europas“.

Wer die Antwortkarte ausfüllt und seinen Werbeverzicht rückgängig macht, der gibt gleichzeitig mittels kleingedruckter Klausel am unteren Seitenrand die „ausdrückliche Einwilligung“ zur „Weitergabe der oben angeführten Daten für Marketingzwecke“.

„Wir verdienen ja an Produktwerbungen“, erklärt Konzernsprecher Michael Homola die Gründe der Kampagne. „Wenn jemand eine Postwurfsendung in Auftrag gibt, dann liegt es im Interesse der Post, dass möglichst viele Menschen die Aussendung bekommen.“ Und die Weitergabe der Adressen erfolge „ausschließlich an Kooperationspartner dieser Kampagne, also zum Beispiel an TUI, das die Städtereisen organisiert“.

Vier Tage später ist das „Bitte-keine-Werbung“-Pickerl endlich da. Jetzt liegen keine Prospekte mehr im Postkasten. Dafür Rechnungen und ein persönlich adressierter Brief von der Wien Energie, der auf das „langfristig steigende Preisniveau“ bei Strom und Gas hinweist. Eigentlich auch nicht ideal.

Erschienen im Falter 44/08

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