Train de Luxe

WELT IN WIEN (4) Wie sehr sich die Leopoldstadt verändert hat, zeigt sich an Wiens kleinem Bukarest: der Nordbahnstraße. JOSEPH GEPP

Der Balkon ist konstitutives Element jedes osteuropäischen Plattenbaus. Die „Fickzellen mit Fernheizung“, wie man die standardisierten Wohnungen in der DDR scherzhaft nannte, waren ja bekanntlich ziemlich eng und ließen dem individuellen Gestaltungsgeist nicht viel Platz. Der Balkon wurde da zum Ventil für die bescheidene Repräsentation der eigenen Existenz an der Schwelle zwischen öffentlichem und privatem Raum. Kein Wunder also, dass so manche balkongesäumte Plattenbauten, zum Beispiel in der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ausschauen wie Pinnwände, auf die ein Kind mit Superkleber bunte Scherben, Perlen und ähnlichen Krimskrams gepickt hat.

Die 100 Meter Wiener Bukarest liegen am Beginn der Nordbahnstraße in der Leopoldstadt. Früher stand hier der alte Nordbahnhof. Im Zweiten Weltkrieg wurde der neugotische Prachtbau zerstört. Sein Nachfolger rückte direkt auf den Praterstern. Bis zur Eröffnung des Neubaus vor ein paar Monaten stellte der graue Bahnhofsmoloch mit seinem schmalen Rolltreppen und verrosteten Geländern jede osteuropäische Zugstation in den Schatten. Daneben befinden sich zwei Plattenbauten. Sie wurden anstelle des alten Bahnhofs errichtet und scheinen wie aus einer Bukarester Ausfallstraße gebeamt: Bunte Glasfenster verwandeln Balkone in improvisierte Wintergärten, die sich von der grauen Fassade abheben. Bei manchen geht die Lust am Ornament so weit, dass Pferdegeschirr zur Zierde an der Seitenwand eines Balkons hängt oder Pelagonien die Geländer schmücken. Einige Stockwerke tiefer wird es trister: Ein Graffito reiht sich ans nächste, dunkle Gänge aus Beton führen die Erdgeschoße entlang.

Keine 20 Meter hinter den Bauten donnern die Züge vorbei. Aus der Fahrgastperspektive wirken die grauen Fassaden mit den unregelmäßig platzierten Fenstern noch viel östlicher. Kinder spielen direkt neben den Gleisen: „Halt’s zam“, schreien sie einander an. Hier ist die Leopoldstadt noch so, wie sie vor Jahren auch am Praterstern, in der Praterstraße oder im Karmeliterviertel war. Auf der anderen Seite der Nordbahnstraße, gegenüber von den Plattenbauten, erinnert ein Haus an die Zeit, als der alte Bahnhof noch stand und das Viertel als hübsch und gehoben galt: Dort steht ein pompöser Gründerzeitbau. Mit seinen säulengesäumten breiten Portalen könnte er als Schloss durchgehen, stünde er allein in einem Park – nur hier, zwischen den Häusern, fällt er nicht auf. Derzeit wird er renoviert, und ein Geflecht aus Baugerüsten überspannt seine Fassade. „Train de Luxe – Wien Budapest Prag“, stand bis vor kurzem in goldenen Lettern unter einem Doppeladler über einem seiner zahlreichen Eingänge. Bei der Renovierung hat man die Buchstaben weggestemmt.

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