Jugend ohne Zeitung

ONLINE Das Internet- Jugendmagazin „Chilli.cc“ ist vom Netz. Ein Nachruf. JOSEPH GEPP

Nach neun Jahren markiert eine kurze Meldung das Ende der Internetjugendzeitschrift Chilli.cc: Österreichs „meistgelesenes und etabliertes Online-Jugendmagazin“ stellt am 2. September 2008 „seinen redaktionellen Betrieb ein“. Es fehlt an Kapital und unternehmerischer Perspektive.

Chilli.cc, das waren bis zu 90 Menschen im Alter zwischen 13 und 31, die ehrenamtlich eine wöchentlich neue Internetseite erstellten. Mit Schwerpunkt Jugend. Die Redaktion lag in einer zugigen Kellerwohnung in einem Josefstädter Gemeindebau. Gearbeitet wurde aber meistens von zuhause oder den umliegenden Kaffeehäusern aus. Manchmal dilettantisch, oft aber erstaunlich professionell, setzte man sich so mit Innen- und Außenpolitik, Medien, Kultur- und Gesellschaftsthemen auseinander. Für manche wurde Chilli.cc zum Einstieg in eine journalistische Karriere, die etwa zu Kurier, Standard oder Ö3 führte. Andere interessierten sich mehr für die Kinofreikarte für Journalisten. Von „jahrelanger ehrenamtlicher Selbstausbeutung der Chilli.cc-Mitarbeiter“, spricht jetzt Chilli-Herausgeber János Fehérváry.

Chillis größtes Problem war das Internet: Dort bringt Werbung im Vergleich zu Fernsehen und Printmedien wenig Geld. Abonnenten fallen weg, eine Stammleserschaft lässt sich entsprechend schwer aufbauen. Dazu kamen Vermarktungsprobleme und Differenzen zwischen Redaktion und Herausgebern. Demgegenüber stand aber auch eine journalistische Arbeit, die gerne gelesen und von anderen Medien zitiert wurde: Etwa im steirischen Landtagswahlkampf 2005, als Ex-ÖVP-Landesrat Gerhard Hirschmann im Chilli-Gespräch die Kontrolle über sich verlor und Exlandeshauptfrau Waltraud Klasnic „geistigen Rinderwahn“ attestierte. Chilli.cc stand für gut geführte Medieninterviews, Reportagen aus gesellschaftlichen Randbereichen und fundierte ÖH-Berichterstattung. Der Sprung in die breite Öffentlichkeit gelang dem Magazin trotzdem nie.

Nun hat Jugendstadträtin Grete Laska dem Magazin finanzielle Nothilfe angeboten – aber Herausgeber Fehérváry will sich nicht zum „Politikum“ machen lassen. Stattdessen soll die Marke verkauft werden. Angebote sind angeblich bereits eingetrudelt. Die Josefstädter Kellerwohnung steht schon seit längerer Zeit leer.

Der Autor arbeitete eineinhalb Jahre lang im „Chilli.cc“-Ressort „Welt“

Erschienen im Falter 37/08

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