Ganz sicher?

KRIMINALITÄT Von Zeit zu Zeit wähnt man sich in Gefahr, obwohl gar kein Grund dafür besteht. Sogar in Wien.
JOSEPH GEPP

Ein sonniges Wochenende in einem gutbürgerlichen Wirtshaus in Frohnleiten in der Steiermark. Eine Handvoll Einheimischer unterhält sich über die angeblich bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Bundeshauptstadt, die man vom Hörensagen kennt. „Die beiden waren am Reumannplatz“, beschreibt einer das Schicksal seines Neffen und dessen Freundin. „Er sagt zu ihr: Sprich ja niemanden an! Und geh nur schnell drüber! Schau immer auf den Boden, keinesfalls jemandem ins Gesicht.“ Alles zwecklos: „Die Türken haben sie trotzdem gesehen. Und schon mussten sie Fersengeld geben.“

Dass jemand schnurstracks und mit gesenktem Blick über den Reumannplatz huscht, um nicht mit türkischen Clans um sein Leben ringen zu müssen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Dennoch kursieren derartige Gerüchte. Sie werden weitergegeben und von Erzähler zu Erzähler mit neuen Details angereichert. „Subjektives Sicherheitsempfinden“ nennen Stadtsoziologen das Phänomen. Die Kernthese: Man fürchtet sich ganz unabhängig von der tatsächlichen Gefahr. Die Möglichkeit eines Taschendiebstahls ist beispielsweise in der touristisch geprägten Innenstadt größer als etwa in Ottakring – trotzdem wird so mancher seine Tasche in Ottakring besser im Auge behalten. Das Viertel wird einfach als gefährlicher empfunden als der Stephansplatz. Und am Reumannplatz scheinen sich manche ungefähr so sicher zu fühlen wie in Bagdad oder Kabul.

„Die Kriminalstatistik deckt sich nicht mit typischen Orten, wo Menschen Angst empfinden“, sagt der Stadtforscher Udo Häberlin von der MA18 für Stadtentwicklung. Ein aktueller Bericht beschäftigt sich mit der subjektiven Sicherheit in Wien. Er basiert auf einer Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie von 2002. Ergebnis: Im Vergleich zu Amsterdam, Budapest, Hamburg und Krakau fühlen sich Wiener bemerkenswert sicher. Sechs von zehn Befragten nannten überhaupt keine „unsicheren Orte“ in ihrer Stadt. „Alte Leute fürchten sich tendenziell mehr als junge. Und Frauen mehr als Männer“, sagt Häberlin. Die Mehrzahl an Vergewaltigungen finde etwa im privaten Raum statt – Angst davor haben Frauen aber vor allem in der Öffentlichkeit.

Wo in Wien fühlen sich Menschen unsicher? Und welche Faktoren beeinflussen dieses Empfinden? Man fürchtet sich – unabhängig von der tatsächlichen Gefahr – in Vierteln mit Drogenszene oder hoher Ausländerquote. Die MA 18 nennt den Karlsplatz, Fünfhaus, die Westbahnhofgegend und Ottakring – auch wenn diese in Wahrheit gar nicht „Orte von Kriminalitätserfahrungen“ sind. Dafür werden Gürtelgegend und Leopoldstadt laut MA 18 als weniger gefährlich als früher wahrgenommen. „Es sind einseitig geprägte Räume, die Angst machen“, sagt Häberlin. Soll heißen: Dinge, die nur einem Zweck dienen – eine Unterführung, ein Parkplatz, eine menschenleere Brücke -, schaffen das Gefühl von Unsicherheit. Und in den Augen der Frohnleitner dann doch auch wieder der belebte Reumannplatz.

Erschienen im Falter 37/08

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Eingeordnet unter Stadtleben, Wien

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