Fünf Minuten Ruhm

Nadine Beiler zog aus, um eine berühmte Sängerin zu werden. Das Phänomen Starmania und seine Folgen

Reportage: Joseph Gepp/Innsbruck

Fotos: Robert Parigger/Tiroler Tageszeitung

Das gibt’s doch nicht, sagt Nadine Beiler, jetzt habe dieser Pianist doch tatsächlich ihre Jacke versehentlich mitgenommen. Und falsch gespielt habe er auch die ganze Zeit, „jetzt flipp i glei wieda aus“.

Nadine kommt gerade von einem Kindergeburtstag, aber nicht von irgendeinem. Ein Hotelier, einer der reichen und bekannten in Tirol, Besitzer des Alpenkönig mit fünf Sternen nahe dem Städtchen Seefeld, hat zum zehnten Geburtstag seiner Tochter ein Fest ausrichten lassen. Eine abgedunkelte Veranstaltungshalle im Hotel gehört an diesem Tag nur seiner kleinen Sophie. Luftballons kullern am Boden, ostdeutsche Kellnerinnen zwängen sich in enge Tiroler Dirndln, ein Koch steht am Buffettisch und schiebt Erdbeerhälften ins süße Gefälle eines Schokoladebrunnens.

Die Tiroler Schickeria ist gekommen, da hinten sitzen die Swarovski-Erbinnen, und während die Kinder herumtollen, unterhalten sich die Eltern an den Tischen, die Beine übereinandergeschlagen, das zur Krawatte passende Sacktuch im Jacketttäschchen.

Nadine Beiler, 18, sitzt auf einem Barhocker auf der Bühne, hinter ihr der Keyboardspieler, der später ihre Jacke einpacken wird. Sie drückt die Hand der strahlenden Sophie und interpretiert mit souliger Stimme Happy Birthday to You. Nadine wurde engagiert, um die Karaokeshow der Kinder mit ein bisschen echter Musik aufzulockern. Love of My Life von Queen singt sie, dann Stand by Me. Manchmal presst sie zwei Finger hinters Ohr. Ihr Manager erklärt dann, dass sie so einen Ton herausbringe, den sonst kaum jemand schaffe in der europäischen U-Musik.

Dass sich der Pianist verspielt, bemerkt kaum jemand. Nadine Beiler gleicht seine Fehler mit ihrer Stimme aus. Sie klingt durchdringend, schwingend, voluminös. Aber die Umstände des Festes führen dazu, dass das den Leuten nicht sonderlich auffällt. 20 Kinder sitzen am Bühnenrand, sie spielen mit Luftballons, lutschen an Twinnis und Jollys. Manchmal verdrehen sie die Köpfe und schauen mit großen Augen zur Sängerin. Sie haben schon gehört, dass Nadine irgendwas Besonderes sein soll.

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Ein Jahr, acht Monate und 14 Tage früher sind alle Augen auf sie gerichtet. Sie war ihrem Traum so nahe, wie sie es vielleicht nie wieder sein wird. Damals spielte sie für tausende Zuschauer und Unzählige vor den Fernsehschirmen. Der Saal jubelt. Glitter regnet von der Decke. Künstlicher Wind fährt durch ihr Haar, als sie Bridge over Troubled Water singt.

Per Videoschirm ist ihr Heimatort Inzing nahe Innsbruck zugeschaltet. Dort springen die Menschen vor Begeisterung in die Luft oder kneifen die Lippen zusammen vor Spannung. Einer sagt: „So einen Tag wird Inzing nie mehr erleben.“

Nadine, damals 16, gewann am 26. Jänner 2007 die dritte Staffel der ORF-Castingshow „Starmania“. Sie wird sofort von Journalisten umringt. Noch Wochen später wird sie Interviews geben, Auftritte absolvieren und immer wieder Autogramme verteilen. Im Moment des Sieges juchzt sie, vergräbt ihr Gesicht vor Erleichterung in den Händen. „Tief durchatmen, nicht hyperventilieren“, sagt die Moderatorin Arabella Kiesbauer.

A Star Is Born

Nadine hat ihre letzten beiden Konkurrenten aus dem Rennen gekegelt. Sie hat sich durchgesetzt gegen den schmalen 16-Jährigen, der so gern ein kapriziös-glamouröser Homosexueller wäre. Und gegen den breiten 25-Jährigen, der so gern den verruchten Charme eines frühen Frank Sinatra verkörpern würde. Die Menge jubelt. Da steht sie nun. Nadine, das Stimmwunder, das große Gesangstalent, das sympathische Unschuldslamm aus den Tiroler Bergen. Nadine, Nadine, Nadine. A star is born.

Jetzt trippelt sie die Stufen hinunter, vom Hoteleingang zum Auto ihres Managers. Sie wirkt nervös, und ihr ist kalt, weil sie keine Jacke hat.

Hallen füllt Nadine Beiler heute keine mehr. Stattdessen spielt sie auf Geburtstagspartys, beim Linzer Stadtfest, auf der Confetti-Bühne im Wiener Donaupark. Nach „Starmania“ ist sie in ihr Städtchen Inzing, 3000 Einwohner, zurückgekehrt. In Wien war sie im Parkhotel Schönbrunn einquartiert, monatelang, die Schule hat sie für ein Jahr ausgesetzt.

Jetzt wohnt sie bei den Eltern im Kinderzimmer und lernt für die Matura. Auf ihrem Bett liegen zwei Stofftiere, die Minnie-Maus und der Tasmanische Teufel, der sich im Trickfilm immer so schnell dreht. Ein Foto der „Starmaniacs“, wie sie ORF-Werber nennen, steht auf der Kommode. Daneben eine schallplattengroße Autogrammkarte mit ihrem Konterfei und ihrer mädchenhaften Unterschrift.

„Ich bin wieder heimgekommen, aber da war irgendwie nix“, sagt sie. In Wien war sie bekannt, berühmt und begehrt, wenn auch nur für kurze Zeit. Heute wirkt sie abgeklärt. Wenn sie von nun an weiter Karriere machen wolle, dann brauche sie jemanden, „der mir die Meinung sagt“, sagt sie. Sie glaubt jetzt, neue Kraft für ihre Musik gefunden zu haben, durch einen Manager, den sie engagiert hat.

Der Manager, ebenfalls Tiroler, Sportjacke, erdig im Auftreten und direkt im Gespräch, ist eigentlich Sportlercoach. Er war schon Nadines Trainer, als sie als Kind Tennis spielte. Später, Anfang 2008, kam sie zu ihm. Sie wusste nicht mehr weiter, bat ihn um Hilfe. „Ich hab den ganzen Silvester geplärrt, weil ich so ein Scheißjahr gehabt habe“, sagt sie. „Und alle haben nur zu mir gesagt: ‚Warum sollst du ein Scheißjahr gehabt haben? Du hast doch bei „Starmania“ gewonnen.‘“

Nadine hat bei „Starmania“ gewonnen, aber ihr altes Leben verloren. Vielleicht hat sie sich verändert, vielleicht waren es die anderen, die sich verändert haben. Jedenfalls wusste sie nicht mehr, wie sie auf ihre Umwelt reagieren sollte. Das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bei ihr war gehörig durcheinandergekommen.

„Als ich nach Inzing zurückgekommen bin, habe ich nicht gewusst, ob ich die Leute grüßen soll oder nicht“, erzählt sie. „Wenn ich grüße, dann meinen sie, die hält sich für so wichtig, dass sie jetzt jeder kennen muss. Und wenn ich nicht grüße, dann meinen sie, die ist arrogant. Solche Gedanken kommen dann in dir hoch.“

Das Leben nach der Casting- oder Realityshow ist nicht leicht. Manche der Teilnehmer haben es nicht mehr ausgehalten, sie wollten sich wieder ins Privatleben verkriechen. Andere sind abgestürzt. Die Berühmtheit mit Vorbehalt, die ihnen angeboten wurde, haben sie mit einem langfristigen Versprechen verwechselt.

Berühmtheit mit Vorbehalt

Michael Tschuggnall, erster „Starmania“-Gewinner und einige Wochen 2003 der vielleicht bekannteste Österreicher, studiert heute Informatik und hat sich vorerst von der Musik verabschiedet. „Expedition Österreich“-Sieger Michael Weixelbraun studiert Elektrotechnik. Boris Uran, Dritter beim ersten „Starmania“, war wegen Depressionen und Selbstmordgefahr wochenlang in psychiatrischer Behandlung, heute lebt er zurückgezogen auf der indonesischen Insel Bali. „Taxi Orange“-Gewinner der 2. Staffel, Josef Kendlbacher, kellnert am Klopeiner See. Walter „Wazzinger“ Pirchl, ebenfalls Ex-„Taxler“, soll als BZÖ-Wahlhelfer Parteigeld veruntreut haben, der Staatsanwalt ermittelt außerdem wegen Kindesmissbrauchs. Sein Kollege Robert „Mama“ Höchtl war lange arbeitslos und stürzte fast in die Schuldenfalle, weil er zu lange an eine Karriere im Showgeschäft glaubte. „Bevor ich in meine alte Welt zurückkehre, muss ich noch abklopfen, was für Möglichkeiten ich im Medienbereich habe“, erzählte er vor Jahren dem Magazin News.

Nach vorne haben es die Teilnehmer nicht geschafft, zurück können sie auch nicht mehr. Zweifelsfrei erfolgreich war nur Christina Stürmer von der ersten Staffel „Starmania“. Wer dagegen beim zweiten und dritten Mal sang, geriet bald in Vergessenheit. Nur fehlt der Ruhm demjenigen, der ihn einmal genossen hat.

„Starmania“, die sozialdarwinistischen Festspiele, der glitzernde Zirkus des Konkurrenzdenkens. Die medial unerfahrenen Teilnehmer legen ihre Weltbilder und Emotionen einer Maschine zu Füßen, die Gefühle berufsmäßig produziert. Sie erzählen Privates aus ihrem Leben. Sie werden im Fernsehen umarmt, geherzt, geküsst. Man zeigt Zusammenschnitte über sie, wie sie lachen, wie sie weinen, wie sie jubeln oder nach einer Niederlage zusammensacken.

Dann singen sie, gegeneinander, herausgeputzt wie Christbäume, trainiert zu höchster Professionalität. Die gute Mutter Arabella Kiesbauer applaudiert, der strenge Juror Hannes Eder tadelt. Dann fliegt der Nächste raus. „Ich hatte in letzter Zeit eine harte Phase, weil mein Großvater gestorben ist“, sagt etwa am Ende der dritten Staffel jener Gegenspieler von Nadine, der gerne Frank Sinatra wäre. Und dann, als er als Drittletzter rausfliegt, sagt Arabella: „Wenn dein Großvater jetzt hier sitzen würde, er wäre stolz auf dich.“

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„‚Starmania‘ ist mir wie die geilste Zeit überhaupt erschienen“, sagt Nadine. „Aber der Schein hat getrügt.“ Seit ihrer Kindheit singt sie, immer Englisch, immer R’n’B und Soul. Sie wollte Sängerin werden, etwas anderes existiert für sie nicht. Das erzählt sie in einem Konferenzraum des Hotels, Nadine ist klein und stark geschminkt, ihre Haare sind schwarz, und sie trägt eine schwarze Weste über einem grünen Top.

Sie redet über Enttäuschung und Neuanfang, über die Brüche in ihrem Leben. Sie wirkt dabei zehn Jahre älter. Mit 16 war sie so berühmt wie wenige in Österreich. „Nachher schert sich keiner mehr um dich“, sagt sie. „Die Leute auf der Straße haben mich noch lange nach der Show angestänkert. Sie haben mir ‚fette Sau‘ nachgebrüllt. Es macht dich halt angreifbar, wenn dich jeder kennt.“

Eines Abends, erzählt sie, sei sie in Innsbruck mit ihrer Schwester ausgegangen. Ein Mann habe sie erkannt und ihr einen Ast nachgeworfen. „Wir sind einfach weitergegangen.“ Doch der Mann schmiss einen zweiten Ast nach. „Dann bin ich ausgezuckt. Ich war so zornig wie noch nie.“

Wenn sie abends ein Bier trinke, dann sei sie für den Nebentisch gleich „Alkoholikerin“. Wenn sie eine rauche, sei sie „Kettenraucherin“. „Ich stehe ständig unter Beobachtung. Ich wollte einfach nur blöd sein wie alle anderen. Aber das geht nicht mehr.“

Die Menschen würden sie jetzt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, meint Nadine Beiler. „Wenn ich neue Leute kennenlerne, muss ich einmal eine Stunde über ‚Starmania‘ reden“, sagt sie. „Und wenn ich dann mit meinen Eltern über solche Probleme sprechen will, dann kommen nur parteiische und emotionale Kommentare. Und die Freunde – die kennen sich ja gar nicht aus.“

Hochschaubahn der Emotionen

Als „Hochschaubahn der Emotionen, gerade für Junge“ bezeichnet der Medienpsychologe Peter Vitouch von der Universität Wien die Folgen der Show für den Teilnehmer. „Es hängt von der Unterstützung durch Freunde und Familie ab, ob man das Nachleben problemlos durchstehen kann.“ Vitouch schlägt psychologische Betreuung für die Alt-Starmaniacs vor. „Jeder mittelgute Sportler hat ja heute schon einen Psychocoach.“

Nadine fand ihren Psychocoach in ihrem alten Tennislehrer, den sie zu ihrem Manager machte. „Depressiv und aggressiv“ sei sie gewesen, sagt sie. Ihr Manager erzählt von stundenlangen Gesprächen: „Ich habe ihr immerzu ihre Fehler vorgehalten. Ich habe immer wieder gesagt, dass, Starmania‘ nur der Anfang war. Dass sie im Endeffekt noch nichts erreicht hat. Dann war sie am Boden zerstört. Und ich habe gesagt: Versuchen wir ab sofort alles nochmal.“

Jetzt wirkt Nadine Beiler vergnügt, sie redet viel, in erdigem Tirolerisch. Aber schnell wird sie auch fahrig, dann kommen Stress und Überdruss in ihr hoch. Ihr erstes Album sei sofort nach „Starmania“ entstanden, erzählt sie, in deutscher Sprache, ohne Eigenkompositionen. Es musste schnell gehen, der Hype dauert nicht ewig. Die Plattenfirma drängte, Nadine wehrte sich erfolglos gegen die deutsche Sprache und die Schlageranmutung der Platte. Jetzt will sie ein zweites Album machen, auf Englisch, mit Soul und R’n’B. Sie will Karriere machen, ohne Alternative, ohne Plan B. „Halbschwanger gibt’s nicht“, sagt sie.

Nach dem Auftritt fährt Nadine nach Innsbruck und setzt sich in ein menschenleeres wohnzimmergroßes Wettcafé im Hauptbahnhof. Sie trinkt Bier mit einer alten Freundin, die im Lokal als Kellnerin arbeitet.

Ihr Manager steht neben ihr. Er spricht von der Möglichkeit einer „Weltkarriere“, aber dazu brauche es viel Geld und einen Topproduzenten aus Amerika, mal sehen, was die Plattenfirma dazu sagt. I Want to Break Free klingt aus dem Radio; Nadine unterlegt Queen mit einer Soulstimme, die das Lied ganz anders klingen lässt. Dann sagt sie, dass morgen Jungbauernball sei und bald die nächste Ö3-Disco.

Keine 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt liegt ein H&M in einem gläsernen Einkaufszentrum. Während Nadine redet, steht dort hinterm Tresen Verena Pötzl, Gewinnerin der zweiten Staffel „Starmania“. Sie packt Jeans in Plastiksäcke.

Die vierte Staffel Starmania beginnt am Freitag, 17. Oktober 2008, ab 20.15 Uhr, ORF 1.

Erschienen im Falter 42/08

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