Dreiecksbeziehungen

WERBUNG Wenn die Wiener SPÖ einen Wahlkampf führt, dann gilt so manche Regel nicht mehr. Zum Beispiel, was Plakate betrifft. JOSEPH GEPP

Wer bis vor einem halben Jahr in Wien eine Kulturveranstaltung bewerben wollte, der engagierte einen Wildplakatierer. Bunte Poster auf Brückenpfeilern oder Stromkästen kündeten dann von der aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus oder vom Konzert in der Szene Wien. Im Jänner 2008 machte die Gemeinde dem Treiben ein Ende: Mit Verweis auf die Straßenverkehrsordnung wurde das Wildplakatieren verboten. Als Ersatz dienten sogenannte Halbschalen, tausende über die ganze Stadt verteilte Metalltafeln. Kulturplakat heißt die Initiative, zentral organisiert wird sie von der Kulturplakat GmbH, die mehrheitlich der rathausnahen Außenwerbefirma Gewista gehört. Von den alten Wildplakatierern schlossen sich manche der neuen Aktion an, andere protestierten und kleben bis heute ihre Werbeposter illegal. Kritiker werfen der Gewista Monopolisierungsbestrebungen vor. Um diesem Vorwurf zu entgegnen und die Vielfalt zu wahren, verspricht der Werbekonzern auf seiner Homepage, die Halbschalen ausschließlich „Veranstaltern von Kultur- und Szeneevents“ vorzubehalten: „Zu äußerst kulanten Preisen können nun Veranstaltungen, für die nur ein kleines Werbebudget zur Verfügung steht, (…) beworben werden.“ In den Geschäftsbedingungen der Kulturplakat GmbH findet sich der Satz: „Die Kulturplakat behält sich das Recht auf Ablehnung von nicht kulturaffinen Plakaten vor.“

Als zwei Monate später die Vösendorfer Erotikmesse auf den Kulturplakaten warb, fragte der Falter bei der Gewista nach, was denn alles unter Kultur zu verstehen sei. Die Antwort lautete, dass man Veranstaltungen eben schwer aussieben könne und daher auch die Pornomesse auf den Halbschalen Platz finden müsse. Bei einem Mediengespräch vergangene Woche fand SPÖ-Landesparteisekretär Harry Kopietz eine neue Verwendungsmöglichkeit für die Werbeflächen: Die Dreieckssteher, auf denen bisher Parteien in Wahlkampfzeiten Werbung gemacht haben, seien „überholt“ und „für Verkehrsteilnehmer gefährlich“, sagte er. Stattdessen könne man doch die Halbschalen für Wahlwerbung nutzen. Es gebe diesbezüglich ein Angebot der Gewista, die die Flächen gratis zur Verfügung stellen würde. Wenn sich alle Parteien auf die Halbschalen als Werbemedium einigen, könne man über einen Verzicht auf die vielen ungeliebten Dreieckssteher nachdenken.

Was bleibt nun von der Idee der günstigen Werbemöglichkeit für kleine Kultur- und Szeneevents? „Wahlwerbung gibt es sowieso nur alle drei bis fünf Jahre“, sagt Gewista-Chef Karl Javurek. „Und von den Dreiecksstehern fühlen sich die Leute gestört. Also wurde seitens der Politik der Vorschlag an uns herangetragen, statt der Steher auf Kulturplakate zurückzugreifen.“ Er könne sich das durchaus vorstellen, sagt Javurek. Viele Halbschalen müssten abmontiert werden, weil sie im Wahlkampf den Dreiecksstehern Platz wegnehmen. „Wir würden uns so das Abmontieren ersparen.“ Aus diesem Grund biete die Gewista bei Wahlwerbung auch einen „gestützten Tarif“ an. Laut Standard beträgt er lediglich eine Anbringungsgebühr von einem Euro pro Plakat. Konkret hieße das, dass Parteien für die gleiche Werbung weniger zahlen müssten als Kulturbetriebe, für die ein Plakat 2,95 Euro kostet. Viele der werbenden Kulturinstitutionen, etwa Stadthalle oder Szene Wien, unterstehen indirekt oder via Wien-Holding der Gemeinde – und würden im Gegensatz zu den Parteien den vollen Preis zahlen. Die Konsequenz: Wo stadteigene Betriebe voll zahlen, bekommen Parteien für dieselbe Leistung Rabatt. Javurek wollte zu den genauen Kosten keine Stellung nehmen.

Es ist eine Vorgangsweise, die eine alte Frage aufwirft: Ist die Gewista so unabhängig, wie sie sich gerne darstellt? Immer wieder werfen Kritiker dem Werbeunternehmen Parteinähe vor. 13 Prozent des Konzerns stehen über Umwege im SPÖ-Besitz (Mehrheitsbesitzer ist die fanzösische JCDecaux). Bis 1974 als Magistratsabteilung Teil der Stadtverwaltung, sitzen bis heute im Aufsichtsrat einer Gewista-Mutterfirma Landesparteisekretär Kopietz und Helmut Laska, Ehemann von SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete. Josef Sopper, ein Geschäftsführer von Kulturplakat, gilt als enger persönlicher Freund von Harry Kopietz. Im Nationalratswahlkampf 2006 warfen die Grünen der Gewista massive Preisnachlässe bei SPÖ-Werbung vor. Im Jänner 2008 kritisierten die Prüfer des Kontrollamts Begünstigungen der Gewista durch die Wiener SPÖ. Dementsprechend reagiert nun die Opposition auf den Vorschlag von Harry Kopietz: Von einem „unmoralischen Angebot“ und „billigen Tricks“ spricht Grünen-Klubobfrau Maria Vassilakou. Und auch ÖVP-Stadtrat Norbert Walter will „das Quasimonopol der Gewista nicht unterstützen“. „Bisher war es so, dass bei den Dreiecksstehern jeder Partei rechtlich dieselbe Anzahl zusteht“, sagt er. „Ich weiß nur nicht, wie das bei den Kulturplakaten ausschauen würde.“

Erschienen im Falter 34/08

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