Dienststelle Skiverleih

Welt in Wien (5). Ein kleines Stück Industrieviertel aus Liverpool hat sich in den Alsergrund verirrt. Hier wie dort wird allerdings schon lange nichts mehr gefertigt. JOSEPH GEPP

Mitten im neunten Bezirk liegt ein altes Industrieviertel, das seinen ursprünglichen Zweck längst verloren hat. Jetzt steht es einfach da: mächtige Ziegelbauten, viele Stockwerke hoch, verteilt über mehrere Straßenzüge. Reinster Industriestil des 19. Jahrhunderts, wie man ihn in Wien viel seltener findet als beispielsweise in englischen Städten. Die Albert Docks im Hafen von Liverpool könnten das sein. Oder die rußschwarzen und ziegelroten Industrieviertel von Manchester. Die Severingasse nahe der Währinger Straße zeugt still vom Aufstieg des Industriezeitalters – und von seinem Niedergang: Die ziegelsteinernen Bauten sind etwas heruntergekommen, die kopfsteingepflasterte Straße dazwischen fällt ab. „Technolog sches Gewerbemuseum“ steht auf der rotgrauen Fassade, das „i“ ist irgendwann verschwunden. Früher befand sich das TGM in diesem Gebäude, schon vor Jahrzehnten übersiedelte es in die Brigittenau. Wer sich umdreht, sieht einen Gürtelbogen: alt, zugemauert, von noch keinem Lokal besetzt. In Richtung Innenstadt ergänzt die schlichte grau-weiße Probebühne der Volksoper die postindustrielle Anmutung.

Im Gebäude auf der linken Seite der Severingasse befindet sich das Wuk, Kulturzentrum seit 1981, laut Eigendefinition „gesellschaftspolitisches Experiment“. Wer von der Straße seinen Hof betritt, sieht Efeu an den Ziegelwänden, Graffiti, halboffene Türen, von denen die Farbe blättert. Ursprünglich war das Gebäude eine Lokomotivfabrik: in der Mitte die Fertigungshalle, in den Hallen rundherum die Werkstätten. Was sie auch weitgehend geblieben sind, nur verwirklichen sich heute alternative Künstler in den Sälen, während früher Facharbeiter an Zugsteilen schraubten.

Das Haus auf der anderen Seite der Severingasse ist im selben Stil gehalten und war früher ebenfalls Teil des Fabrikskomplexes. Heute beherbergt der Ziegelbau eine höhere Schule, eine Uni-Dependance und die „Zentrale für Sportgeräteverleih und Sportplatzverwaltung – Dienststelle Schiverleih“. Eine Passantin beschwert sich, dass die weißen Gitter vor den Fenstern nicht zum restlichen Gebäude passen würden. Immerhin: Auch im postindustriellen Zeitalter hat sich eine Verwendung für das Haus gefunden. In die Albert Docks ist ja auch das Beatles-Museum eingezogen.

Erschienen im Falter 33/08

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