Die Unbeteiligten

Ihr Umfeld entwickelt sich rasant. Nur für sie bleibt alles gleich. 70 Kilometer vor Wien liegt das westlichste Romaghetto Europas

Reportage und Fotos: Joseph Gepp / Slowakei
Übersetzer: Matej Kundracik

Als der slowakische Häuslbauer die Frage hört, ob es denn Probleme gebe hier im Ort, zieht er nur die Brauen hoch und deutet stumm nach hinten, da seht ihr es doch, was soll also diese Frage. Sein Finger zeigt ans Ende einer Straße mit schmucken Einfamilienhäusern und Vorgärten. Dort, hinter dem rostigen Stahlzaun, dem verwahrlosten Stück Wiese und der Betonmauer mit den einzeln herumhängenden Stacheldrahtfetzen – dort liegt das, was die Leute hier die Kolonie nennen.

Kaum jemand aus dem Ort hat sie je betreten. Man kennt nur die Geschichten von Gewalt und Inzest, man riecht den Müll und die Verwahrlosung, man hört die Bewohner, wie sie einander anbrüllen. Die Roma von Plavecký Štvrtok leben isoliert vom Rest der Bevölkerung. Wer in das Städtchen kommt und die Hauptstraße mit ihren kleinen aufgeputzten Bauernhäusern entlangfährt, wer das renovierte Barockkirchlein betritt und übers frischverlegte Pflaster des Stadtkerns trippelt, der ahnt nichts von ihrer Existenz. Die Kolonie liegt am Ortsrand, abgeschirmt hinter Büschen und Mauern, versteckt hinter Reihen neugebauter Wochenendhäuser für die Bratislavaer Oberschicht. Und doch ist sie unübersehbar. „Allein in den letzten Wochen wurden zweimal die Autoscheiben eingeschlagen, zweimal die Rückspiegel abgerissen“, sagt der Häuslbauer noch, bevor er den Kopf senkt und seine Schaufel wieder in den Erdhaufen rammt.

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Die Kolonie

Plavecký Štvrtok, 2600 Einwohner, 15 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Hier liegt das westlichste Romaghetto Europas. Es ist gleichzeitig das elendste in der Westslowakei. Die meisten der insgesamt rund 350.000 Roma leben im Osten des Landes. Nur eine der Barackenstädte liegt so weit im Westen. 2000 ethnische Slowaken leben im Hauptort, 600 slowakische Roma in der Kolonie von Plavecký Štvrtok.

Die Siedlung liegt 70 Kilometer östlich von Wien, so weit wie St. Pölten in der Gegenrichtung. Es gibt keine Kanalisation, keine moderne Heizung, keine Pflasterung. Das Trinkwasser wird illegal von Hydranten gezapft, der Müll verrottet in matschigen Gassen, Exkremente schwemmt der Regen weg. Wer die Kolonie betritt, denkt an Joseph Roth, wie er die jüdischen Schtetlech im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Oder er denkt an die Favelas von São Paulo und die Müllstädte von Kairo.

Dabei ist die westliche Slowakei eine Region, wo der wirtschaftliche Motor lauter brummt als fast überall sonst in Europa. Sie ist jener mitteleuropäische Landstrich, der sich am schnellsten entwickelt. Mehr als zehn Prozent Wirtschaftswachstum konnte er im Jahr 2007 vorweisen – 3,4 waren es in Österreich. „Boomregion Centrope“ und „Dubai von Mitteleuropa“ lauten die großspurigen Slogans dieser Veränderung. Anfang nächsten Jahres soll sie mit der Einführung des Euro belohnt werden. Aber mitten unter den neugebauten Mautautobahnen, den hochgezogenen Glaspalästen von Bratislava, den prosperierenden Ortschaften mit ihren begradigten Gassen und renovierten Sehenswürdigkeiten liegt die Kolonie, an der das alles spurlos vorübergegangen ist.

Man betritt sie über einen Pfad aus festgetretenem Schlamm. Müllberge säumen den Weg, es riecht nach Verfaultem, am regennassen Boden liegt ein schwarzweißgestreifter BH. Die Kolonie besteht aus rund 60 Hütten, errichtet aus Wellblechplatten, Holzlatten oder unverputzten Ziegelmauern. Ein Haus mit zwei oder drei Räumen beherbergt durchschnittlich zehn Menschen. Die Hütten lehnen sich aneinander, stützen einander wie morsche Holzkisten und formen gewundene Gassen, die man nur zu Fuß passieren kann.

Überall liegen Brennholzscheite und Müllhaufen. Es ist ein wuselndes Gewirr, das man betritt, überfüllt, uneinsehbar, fremd und wild. Es ist das exakte Gegenbild zu den breit angelegten slowakischen Dörfern, wo sich ein Haus brav ans nächste reiht und das Leben weitgehend im Inneren der Gebäude abläuft. In der Kolonie dagegen wird Öffentliches und Privates zur selben Angelegenheit. Das Hüttengewirr beginnt hinter einer Art Hauptplatz, einem kreisrunden matschigen Platz mit streunenden Hunden und einem großen Holzkreuz. Hierher führt der Pfad aus festgetretenem Schlamm.

„Was sucht ihr hier?“ Ein breiter Mann, Mitte 20, baut sich auf, schiebt sein Gesicht drohend an die ungebetenen Gäste heran. Ein Haufen Kinder umgibt ihn. Sie schreien, die Menschenmenge formt eine Barriere, die das Viertel abriegelt. „Wir möchten die Kolonie sehen.“ Der Breite reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, er will Geld, „das machen alle Journalisten so, die hier reinwollen“.

Die Fremden nennen einen Namen, „Nina“, laut Menschenrechtsverbänden die inoffizielle Sprecherin der Siedlung – und plötzlich öffnet sich der Riegel. Der Name wirkt wie ein Zauberwort. Die Kinder stieben auseinander, der Breite weicht zur Seite. Aus einer der matschigen Gassen stapft eine stämmige kleine Frau mit tiefen Furchen im Gesicht. Sie begrüßt die Gäste freundlich, führt durchs Gassengewirr, beruhigt die bellenden Hunde, verscheucht die schreienden Kinder. Dann setzt sie in ihrer Hütte türkischen Kaffee auf.

„Ich gewähre euch Schutz hier“, sagt die Frau. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass in Romagemeinschaften keine Regeln existieren. Auch wenn Müll, Chaos und die anscheinend brutale Ungeschliffenheit der Bewohner diesen Eindruck erwecken.

Es sind nur völlig andere Regeln. Sie basieren auf alten Gepflogenheiten, auf überlieferten Rangordnungen und Kastensystemen. „Gadsche“ oder „Weiße“, wie die Roma Angehörige anderer Volksgruppen nennen, durchschauen die komplizierte Ordnung kaum. „Von einem Gadscho kommt nie etwas Wahres“, lautet das Sprichwort eines türkischen Romastammes. Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat in seinem Buch „Die Hundeesser von Svinia“ eine Beschreibung dieser Regeln gewagt. Er schreibt von Ghettomillionären, die Enge und Schmutz der Siedlungen gerne in Kauf nehmen, um in der Gemeinschaft zu leben. Er schreibt vom Verstoß jener, die Siedlungen verlassen und in den Städten ihr Glück wagen. Im ostslowakischen Svinia, Schauplatz des Buchs, lebt etwa die Kaste der Degesi, ungarisch für „Hundeesser“. Selbst unter Roma gilt sie als unberührbar und schmutzig.

Im Westen der Slowakei gibt es keine Hundeesser. Aber ungeschriebene Gesetze gelten auch hier. Die Ordnung der Kolonie von Plavecký Štvrtok drückt sich etwa in den Mistelstauden über den Hüttentüren aus, die vor dem Bösen schützen sollen. Oder im unübersehbaren Respekt, den man der stämmigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht entgegenbringt.

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Marie Biharigova

Sie setzt sich in ihre Küche, dann klopft sie forsch auf die Tischplatte, worauf ein Kind herbeihuscht und ihr eine Packung L&M-Zigaretten in die Hand drückt. Zugluft strömt durch selbstgeleimte Fensterrahmen, in der Decke klafft ein handflächengroßes Loch, um das sich ein modriger Wasserfleck gebildet hat. Im Wohnzimmer steht ein Flachbildfernseher. Fünf Kinder drängen sich um den Tisch, sie starren mit offenen Mündern auf den Schreibblock, die Kameras, die Kleidung der Fremden.

Die Frau steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen: Sie heiße Marie Biharigová, 56, Mutter von Ghettosprecherin Nina. Ihre Tochter, die sonst den Kontakt mit NGOs, Journalisten und Lokalpolitikern pflegt, sei heute allerdings auf dem Markt von Bratislava Gemüse verkaufen. Biharigová ist Witwe, Mutter von acht Kindern und Großmutter von 25 Enkeln. Sie erzählt bereitwillig, aber viele ihrer Angaben sind offensichtlich unrichtig. Die Frau scheint nicht einzuschätzen, wie viel Beschönigung eine Aussage verträgt, bis man sie nicht mehr glaubt. Es gebe keine Arbeitslosigkeit hier, sagt sie – laut Hilfsorganisationen liegt die Anzahl der arbeitslosen Roma in der Kolonie allerdings bei 100 Prozent.

Biharigová zählt weiter auf: keine Drogen, keine Diebstähle, keine Gewalt. Jeder hier könne lesen und schreiben, behauptet sie, bringt aber ihren eigenen Namen nur mit Mühe aufs Papier. Die Hütten der Kolonie würden mit Holz geheizt, und dieses werde in der nahen Bezirkshauptstadt Malacky eingekauft und hergebracht – außer einem alten Lada steht allerdings im ganzen Viertel kein Auto für den Transport. Als Marie Biharigová nach dem Unterschied zwischen Roma in der West- und Ostslowakei gefragt wird, sitzt sie ratlos da, Himmelsrichtungen sagen ihr offenbar nichts. Wovon leben die Menschen in der Kolonie? Zum Großteil vom Lohn ihrer Arbeit, antwortet die Frau, zum geringeren Teil von der Sozialhilfe. Als ein Enkel einwirft, man gehe halt pfuschen und Pilze sammeln, gebietet die Großmutter mit einer herrischen Handbewegung Schweigen. Und als ein anderer Enkel sagt: „Die Slowaken hassen uns“, schwächt sie sanft ab: Das sei schon richtig, es gebe viel Rassismus in Plavecký Štvrtok.

Das Verhältnis zwischen Roma und Slowaken ist von beidseitigem tiefem Unverständnis geprägt. Die Bewohner der westlichen Slowakei, dem kraftvollen Motor des Landes, bauen sich Häuser, schaffen sich Existenzen und haben den Kapitalismus der vergangenen beiden Jahrzehnte inhaliert. Den Roma scheint der Wandel kaum aufgefallen zu sein. „Demokratie ist nur was für Reiche, die Millionen besitzen“, sagt Marie Biharigová. Nach dem Interview führt sie durchs Viertel. Am Hauptplatz trifft sie den ältesten Mann der Kolonie, er ist 75. „Vor sechs Generationen kamen meine Väter hierher“, erzählt der Alte. „Hier gab’s Wasser, hier gab’s dieses schöne Stück Land. Also ließen wir uns nieder.“ Und also leben sie hier bis heute.

Millionenetats aus Brüssel, Heerscharen von nationalen und internationalen Sozialarbeitern und immer neue Initiativen der slowakischen Regierung konnten am zeitlosen Leben der Roma nichts ändern. Es ist eine Situation, an der niemand Schuld trägt. Karl-Markus Gauß schildert sie anhand eines Experiments in der Hundeesser-Stadt Svinia: Kanadische Sozialarbeiter schenkten den Bewohnern einige Hühner. Hilfe zur Selbsthilfe, lautete die Devise, gib dem Hungrigen keinen Fisch, sondern eine Angel zum Fischen. Als die Helfer am nächsten Tag in die Siedlung kamen, waren die Hühner allerdings allesamt tot, teilweise verspeist, teilweise den Hunden zum Fraß vorgeworfen. „Sie wussten nicht einmal mehr, dass Hühner Eier legen, und sie wussten nicht, wie man Hühner hält“, erklärte einer der Sozialarbeiter dem Schriftsteller.

Viele Roma wirken so, als wären sie an einer Veränderung ihrer Lage gar nicht interessiert. Als sie das kommunistische Regime per Zwangserlass in Plattenbauten umsiedeln wollte, rissen sie die Fensterrahmen aus ihren Verankerungen und errichteten vor den Haustoren Feuerstellen, sodass die Wohnblocks ihren alten Siedlungen immer ähnlicher wurden. Den Slowaken allerdings wurde der große Unterschied zu den Roma erst bewusst, als sich nach der Wende ihre eigenen Perspektiven veränderten.

Das ist der eigentliche Grund, warum nun der Rassismus wächst: In der Tschechischen Republik etwa überfallen regelmäßig Skinheads Siedlungen, ein Dorfbürgermeister wollte um ein Ghetto eine Mauer ziehen lassen. Im slowakischen Städtchen Záhorská Ves, nur 15 Kilometer von Plavecký Štvrtok und nur einige hundert Meter vom niederösterreichischen Angern entfernt, soll es laut Menschenrechtsorganisationen vor vier Jahren zu fast einer Art Pogrom gekommen sein: Ein Romahaus ging in Flammen auf, die Familie wurde mit Baseballschlägern verprügelt, ein kleines Mädchen soll sogar in die March geworfen worden sein.

Die Ermittlungen verlaufen seit Jahren im Sand, aber laut NGOs war ein Streit um ein Stück Land die Ursache des Übergriffs. Die Gemeinde hätte sich das Grundstück einverleiben wollen, behauptet Columbus Igboanusi von der slowakischen Liga der Menschenrechtsanwälte. Die Fläche liege im Stadtkern und sei in den vergangenen Jahren lukrativ geworden – wie so vieles in der westlichen Slowakei. „Dann versucht man halt, es mit Gewalt zu nehmen. Bei Roma kann man sowieso immer argumentieren, dass sie asozial sind“, sagt der Anwalt, der selbst schon wegen seines Engagements mit dem Tod bedroht worden ist.

Politische Lösungen scheitern meistens, wie selbst Romapolitiker zugeben. „Wir haben viel in Plavecký Štvrtok gearbeitet“, sagt Ladislav Fízik, Rom und rechtsgerichteter Politikberater. Fízik war mit der Verbesserung des Lebensstandards in der Kolonie betraut. „Wir wollten sie vom Müll befreien. Und wir haben einen Sonderbeauftragten abgestellt, der die Leute unterstützen sollte.“ Bald musste dieser entnervt aufgeben. „Es ist schwer, für sie zu kämpfen, wenn sie gar nicht wollen“, meint Fízik. „Die Kolonie zeigt das ganz gut. Es hat einfach keinen Sinn gehabt.“ Manchen Roma sei schlicht nicht zu helfen, sagt er.

Rund ein Drittel der slowakischen Roma lebt in verwahrlosten Siedlungen wie jener von Plavecký Štvrtok. Fízik fühlt sich ihnen verpflichtet, und gleichzeitig machen sie ihn zornig. „Der Staat muss sie strenger kontrollieren. Das ist eine ganze Generation ohne jeglichen Antrieb, ohne Motivation, ohne Leistungswillen.“

Auch Marie Biharigová hat die Geschichte vom Sonderbeauftragten gehört, der für ihre Siedlung abgestellt wurde. „Einmal ist irgendein Betreuer aus Bratislava gekommen“, sagt sie. Und dann lächelt sie triumphierend. „Den haben wir innerhalb von Tagen wieder weggejagt.“

Erschienen im Falter 41/08

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