Die Stadt unter der Stadt

Zehntausende Kilometer Röhren und Schächte liegen unter den Straßen der Stadt. Ein Blick in Wiens Eingeweide

Reportage: Joseph Gepp

Wenn Josef Gottschall die Hand hebt und seinen Zeigefinger über den Karlsplatz kreisen lässt, dann werden sie plötzlich sichtbar, all die Deckelchen und Deckel, die man sonst nicht einmal übersieht. Sie sind groß oder klein, aus Metall oder Beton, vergittert oder verschlossen. Verteilt über den ganzen Platz müssen es rund 100 sein. Josef Gottschall, 38, Sprecher von Wien-Kanal, kennt sie alle. „Wasserleitungsschieber. Kanaldeckel. Kabelzieherschächte. Fernwärmeingänge“, zählt er auf. Sein Finger hüpft von einem zum nächsten. „Telefon. Straßenbahnsignalanlagen. Stromkabel. Gasrohre.“ Der Karlsplatz ist voller kleiner Pforten in den Untergrund, wenn man nur darauf achtet. Und sein Metier, das Wiener Kanalnetz, sei nur eines von vielen. Der Finger sinkt nach unten. „Sie können sich gar nicht vorstellen“, sagt Gottschall, „was so alles unter dieser Stadt liegt.“

Es sind zehntausende Kilometer Leitungen und Rohre, die den Wiener Boden durchkreuzen. Eine Stadt unter der Stadt, in Etagen übereinandergeschichtet, eng, stickig, stinkend und für Menschen weitgehend unzugänglich. Die stillen Dienste dieser Infrastruktur machen das moderne Leben erst möglich. Wasser, Fernwärme, Gas, Telekommunikation, Abwasser, Strom – sogar ein paar alte Rohrpoststrecken finden sich noch. Der Stadtmensch dreht am Hahn und lässt die Therme anspringen, wenn er sich die Zähne putzt. Er klappt den Laptop auf und schaut sich YouTube-Videos aus den USA oder Japan an. Er setzt damit weitreichende – manchmal weltumspannende – Bewegungen oder Datenflüsse in Gang. Das Gas wird in Sibirien aus der Erde gepumpt, das Wasser kommt aus den niederösterreichischen Alpen, das Video wird in einem Arbeitszimmer in Tokio hochgeladen. Ohne ein Netz aus Millionen von Kabeln und Rohren, hinter jeder Wand, unter jeder Straße, wäre die Stadt nicht Stadt. Die Morgentoilette würde dann im nächsten Bach stattfinden, und das Mittagessen müsste im Vorgarten geschlachtet werden. Stattdessen fällt dem Städter gar nicht mehr auf, was alles dazugehört, damit sein Leben so einwandfrei funktioniert. Zumindest meistens.

Denn manchmal meldet sich das lebensnotwendige Netz wie ein beleidigter Gott zu Wort. Dann bricht in New York brennendes Gas durch die Asphaltdecke. Oder in München versinkt ein Bus in einer kollabierenden Straße. Oder in Wien-Hietzing verwandelt sich urplötzlich eine ganze Straße in einen reißenden Fluss. Das Netz erfordert permanente aufwendige Wartung. Sonst rächt es sich. Vor der Hurrikankata- strophe in New Orleans 2005 wollte niemand die Millionen für die Renovierung der baufälligen Dämme ausgeben. Danach bereute man diese Entscheidung bitter. Infrastruktur ist nicht sexy. Lieber geben Städte ihr Geld für das neue Hochhaus des weltweit renommierten Stararchitekten aus. „Die globale Infrastruktur befindet sich im Niedergang“, warnten kürzlich die Analysten des amerikanischen Technologieberatungskonzerns Booz Allen. Die Modernisierung der morschen Lebensadern würde laut Bericht innerhalb der nächsten 25 Jahre weltweit rund 40 Billionen Dollar kosten. Zum Vergleich: Die weltweiten Rüstungsausgaben betrugen im Jahr 2006 etwas mehr als eine Billion Dollar.

Vor einem Monat schien es so, als würde dieser düstere Befund auch für Wien gelten. Nahe der Lainzer Straße in Hietzing brach ein Wasserrohr. Es war eine von drei Hauptleitungen in Wien, mit fast einem Meter Durchmesser. 19 Millionen Liter Hochquellwasser – das entspricht dem Inhalt von fast 130.000 Badewannen – flossen stundenlang über die Straße. Autos und Baucontainer schwammen fast davon. Die Feuerwehr evakuierte vier Häuser, weil ein Baukran auf sie zu fallen drohte. Eine eilig improvisierte Verkehrsumleitung schickte die Autofahrer über Umwege erst recht wieder in die überschwemmte Lainzer Straße. Es war ein eindrucksvolles Beispiel, wie schnell das alltägliche Stadttreiben in Chaos und Panik umschlagen kann. Die Gemeinde nennt einen Fabriksfehler am gusseisernen Rohr als Unfallursache. Kritiker widersprechen und geben den ÖBB die Schuld, die nur 100 Meter von der Unfallstelle einen Bahntunnel errichtet. Das erste Teilstück des Lainzer Tunnels wurde nur Stunden vor dem Rohrbruch fertiggestellt. Der Bau der Zugstrecke habe Veränderungen im Boden bewirkt, sagt der Geologe Josef Lueger. „Um den Tunnel zu bauen, hat man Grundwasser abgepumpt. Deshalb senkt sich der Untergrund. Und wenn diese Senkung zu intensiv wird, kann es zu Rohrbrüchen kommen.“ Die ÖBB nennen diesen Zusammenhang „völlig unmöglich“. Fest steht jedoch, dass sich Störungen in diesem Gebiet häufen. Gleich am Tag nach dem Unfall brach erneut ein Rohr – keinen halben Kilometer entfernt, in der Veitingergasse beim Lainzer Tiergarten.

Der Vorfall zeigt, dass drei Meter unter der Stadt alles mit allem zusammenhängt. Nichts ist isoliert, alles beeinflusst einander. Kanalrohre, die im Winter nicht zufrieren sollen, müssen tiefer liegen als etwa Fernwärmeleitungen, die Heizkörper mit Heißwasser versorgen. Zu Frühlingsbeginn führt das Tauwetter zu Spannungen im Boden, mit regelmäßigen Wasserrohrbrüchen als Folge. Der Verkehr an der Oberfläche verursacht gefährliche Schwingungen im Untergrund. Und wenn Gemeindegärtner Bäume pflanzen, müssen sie aufpassen, dass die feinen Verästelungen der durstigen Wurzeln nicht durch Nahtstellen in die Kanalrohre dringen.

Baumbewuchs, Verkehrsfrequenz oder die Lage anderer Leitungen sind keine unwichtigen Details. Nicht auf sie zu achten, kommt langfristig teuer: In der serbischen Hauptstadt Belgrad beispielsweise versickert rund ein Drittel des Trinkwassers aus undichten Leitungen – in Wien ist es nur ein Zehntel. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia erkennt man im Winter an geschmolzenen Linien im Schnee, wo die Fernwärmeleitungen verlaufen – dementsprechend kühl bleibt die Heizung in so manchem Plattenbau. „Wenn die Stadt funktionieren soll, ist es ein irrsinniger Aufwand, dieses ganze Sammelsurium an Leitungen in Schuss zu halten“, sagt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. „Denken Sie nur an die vielen Zuleitungen unter den Gehsteigen. Die führen zu jedem einzelnen Haus.“ Diese Zuleitungen zweigen von den Hauptrohren unter der Straße ab. Bei Reparaturarbeiten sieht man sie manchmal: kleine gehsteigbreite Baugruben, aus denen in rund einem Meter Tiefe ein schmutzverkrustetes Bündel aus Telefon-, Wasser-, Kanal-, Strom- und Gasleitungen lugt. „Die Straße ist voll“, sagt Knoflacher. In solch einem Gewirr noch auf- oder umzugraben erfordert Koordination. Bei der MA 28 für Straßenverwaltung und Straßenbau liegt der zentrale Leitungskataster für Wien. Wer graben will, braucht das Einverständnis des Magistrats. Wenn zum Beispiel die Wien Energie Gasnetz GmbH ein neues Rohr verlegen möchte, konsultiert die MA 28 alle möglichen Betroffenen und holt Stellungnahmen ein. In langen Gesprächen – Beamtendiktion: Einbautenbesprechungen – führen die Gasexperten dann aus, warum und wo sie eine neue Leitung brauchen. Erst danach beginnt die Arbeit. Jeder einzelne Wiener Straßenkilometer wird durchschnittlich fünfmal pro Jahr aufgegraben. Die Konsequenz sind die allgegenwärtigen länglichen Baugruben – wienerisch: Künetten –, die das Stadtbild prägen. Sie quälen Autofahrer, und ihr Presslufthammerlärm reißt Nachtmenschen in der Früh aus dem Schlaf. „Das kann schon eine mühsame Gschicht sein“, sagt Wien-Kanal-Sprecher Josef Gottschall.

Gottschall steigt über eine eiserne Wendeltreppe am Karlsplatz in den Untergrund. Die Stufen führen in die beiden sogenannten Cholerakänale, die im Jahr 1836 links und rechts des Wienflusses errichtet wurden. „Das sind die ältesten Wiener Kanäle, die noch in Betrieb sind“, sagt er. „Das Wiener Leitungssystem hat eigentlich mit einer Krankheit begonnen. Denn bevor was passiert, macht man ja eh nix.“ 1830 brach in Wien eine schwere Choleraepidemie aus. Grund war die Wasserversorgung: Mit einer einzigen Ausnahme – dem Kaiserhof – wurde in dieser Zeit die ganze Stadt über Hausbrunnen versorgt. Müll und Fäkalien deponierte man am nächstgelegenen Bachrand. Im Normalfall schwemmte das Wasser den Schmutz einfach in die Donau. Bei Hochwasser jedoch gelangte er zurück in die Brunnenschächte. Nichtsahnend tranken die Menschen das verschmutzte Wasser. Tödliche Darminfektionen waren die Folge. Bis 1836, als die Stadt jenen ersten großen Kanal errichtete, der von nun an Fäkalien verlässlich und rasch zur Donau – und später in Kläranlagen – spülte. Mehr als 100 Jahre später sollten die breiten Gänge durch Orson Welles’ „Der Dritte Mann“ weltberühmt werden. „Abgesehen von den beiden Weltkriegen“, sagt der Pressesprecher, „wird am Wiener Leitungsnetz seit 1836 eigentlich permanent gebaut.“

In den alten Gewölben unter dem Karlsplatz riecht es nach Malz. „Abwässer von der Ottakringer Brauerei“, erklärt Gottschall. Ein einstiges Bächlein aus dem Wienerwald – der Ottakringer Bach – wurde vor langer Zeit überplattet und zum Kanal umfunktioniert. Bis heute schwemmt es die Abwässer des Arbeiterbezirks bis unter den Karlsplatz. Ratten haben die Schautafeln angeknabbert, auf denen sich Cineasten über die Entstehungsgeschichte von „Der Dritte Mann“ informieren können. Unweit davon wälzt sich der unterirdische Wienfluss durch ein breites, 100 Jahre altes Stampfbetongewölbe. Sie regen die Fantasie an, diese alten Kanäle – repräsentativ für die Stadt sind sie allerdings nicht. „Die meisten Leitungen werden heute erdverlegt“, sagt TU-Professor Knoflacher. Das heißt: Erde auf, Rohr hinein, Erde zu. Die Feuchtigkeit des Bodens und der Rost führen dann dazu, dass viele Rohre in Wiener Baugruben so zerfressen aussehen, als würden sie gleich in Stückchen zerfallen. Das sei allerdings ein falscher Eindruck, sagt Knoflacher: „Die Wartung in Wien läuft effizient.“ Gasrohre etwa wirken zwar von außen angegriffen, bei sorgfältiger Wartung halten sie aber rund 100 Jahre. Die Gemeinde lässt sich den Aufwand einiges kosten: 500 Mitarbeiter sind beispielsweise allein für das 2300 Kilometer lange Kanalnetz verantwortlich. 15 Tonnen Schutt befördern sie täglich aus dem städtischen Untergrund. Der TU-Professor plädiert dennoch für den Einsatz von – jede Branche ist so ansprechend wie ihre Terminologie – „Infrastruktursammelkanälen“. Die Idee dahinter ist, dass alle Leitungen in einem trockenen und beleuchteten Schacht zusammengefasst sein sollten. „Dann hält alles länger“, sagt Knoflacher. Dafür sind die Errichtungskosten der Sammelkanäle immens. Einsparungen durch die längere Lebensdauer der Leitungen schlagen sich erst nach rund einem Jahrzehnt zu Buche. So langfristig will selbst das reiche Wien nicht denken – einzig im noch reicheren Zürich verläuft unter der Bahnhofsstraße ein breiter Infrastruktursammelkanal.

Wie gefährlich ist nun die Stadt unter der Stadt? Leben die Wiener auf einem Pulverfass? Hermann Knoflacher lächelt und beruhigt. Das einzig Explosive sei Gas – „aber das ist durch Geruchssensoren und Autoabschaltung bei Druckabfall ausreichend gesichert“. Ein eigener städtischer Gasspürdienst überprüft jährlich fast 2000 Kilometer des Gasnetzes. In Wien funktioniere die Infrastruktur, meint Knoflacher, denn im Gegensatz zum weltweiten Trend würden wichtige Leitungen nicht privatisiert. „Die Privatisierung von Infrastruktur führt zu ihrem Verfall. Da fehlt das langfristige Denken“, meint er. „Die fahren so lange auf dem alten Netz, bis alles zusammenbricht. Und wenn dann was passiert, springt sowieso die öffentliche Hand ein.“ Züge in Großbritannien, Telefonleitungen in Ungarn, Strom in Kalifornien, Wasserrohre in Bolivien – Reparaturen werden umso teurer, je länger man damit wartet. Das System ist zerbrechlich. Es braucht viele kleine Pforten in den Untergrund, um es zu bewahren.

Erschienen im Falter 38/08

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtplanung, Wien

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