Auf der Suche nach dem perfekten Gang

Die Zukunft des Fahrrads sieht aus wie seine Vergangenheit. Schwarz, schlicht, ein wenig wie ein altes Steyr-Waffenrad. Vor ein paar Jahren waren neugekaufte Räder noch glitzernd lackiert, mit protzigen Firmenlogos bepickt und mit auffälligen Extras versehen. Heute kehrt man zum Ursprung zurück. Small is beautiful, schlicht ist nobel und Protzen ist sowieso das Letzte – eine Sichtweise, die in Zeiten des Wohlfühlkonsums nicht nur für Fahrräder gilt. Aber dort fällt sie angesichts der Dezenz neuer Modelle besonders auf. Technische Innovationen müssen sich tief im Inneren des Gefährts verstecken. Edel ist nämlich, was nur der Fachmann als edel erkennt.

Beim Leonardo Nu Vinci der deutschen Traditionsmarke Hercules liegt die Innovation in der hinteren Radnabe, wiegt rund drei Kilo und könnte trotzdem die Zukunft des Fahrrads gehörig durcheinanderbringen: eine stufenlose Gangschaltung. Dafür bedient man einen Drehregler am Lenker. Der setzt mittels eines komplizierten Kugellagersystems eine Art Kolben am Hinterrad in Bewegung, der die Spannweite der Kette verändert. Auf diese Art reguliert man den Tretwiderstand – ohne die sonst üblichen Sprünge und Gangwechsel.

Beim klassischen Schalten kostet jeder Gangwechsel Kraft – das weiß, wer jemals eine anstrengende Tour absolviert hat. Und wer vor der Bergstrecke nicht rechtzeitig nach unten schaltet, der kommt überhaupt nicht in die Gänge. Je länger man fährt, desto sorgfältiger beginnt man daher zu justieren, um Kraft zu sparen. Bis bei entsprechendem Erschöpfungsgrad gar kein Gang mehr passt. Müde Fahrer (das ist wissenschaftlich nicht belegt, aber wahrscheinlich) schalten öfter als fitte. Ganz zu schweigen vom oftmaligen Zuckeln und Klacken selbst bestgewarteter Schaltungen.

Beim Leonardo Nu Vinci sollte das eigentlich Vergangenheit sein. Die stufenlose Übersetzung schafft den Grund allen Übels ab: den Sprung der Kette zwischen den Gängen. Das erspart dem Fahrer das Zuckeln genauso wie den Kraftaufwand bei zu frühem oder spätem Schalten. Sollte man meinen. Der Falter-Test in der steilen Berggasse am Alsergrund zeigt: Das Leonardo läutet – zumindest vorerst – keine neue Ära des Fahrradfahrens ein. Es ist nur ein bisschen bequemer.

Warum? Was die stufenlose Gangschaltung an Komfort bringt, nimmt das Gewicht des Fahrrads wieder weg. Schon ein normales Herren-Citybike ist mit rund 16 Kilo kein Fliegengewicht. Das Leonardo wiegt 20,3. Das Schalten ohne Sprünge fällt in der Steigung zwar vergleichsweise leicht – aber es ist doch einiges Gewicht, das man die steile Straße raufwuchten muss. Dazu kommt, dass sich der Regler nur dann leicht verstellen lässt, wenn – wie beim klassischen Gangwechsel – kein Druck auf den Pedalen lastet. Man stoppt also das Treten, um darauf umso heftiger hineinzubuttern: Da ist er, der gewohnte Kraftverlust. Und im Schuss die Berggasse hinunter zeigt sich, dass man bei hoher Geschwindigkeit bald mit dem Treten nicht mehr nachkommt.

Das alles gilt aber nur für steile Strecken. Im normalen Stadtverkehr funktioniert das Leonardo prima. Dass der schwarze Kasten mit der Schaltung zugeschweißt ist und somit nicht mal vom Händler geöffnet werden kann, darf durchaus als Garant für die Stabilität der neuen Technik gelten. Außerdem entfällt die Wartung. Im Test fällt das Schalten nach kurzer Gewöhnungsphase deutlich leichter als im alten System. Die Suche nach dem perfekten Gang stellt sich ganz automatisch ein – man justiert aus bloßer Lust am Justieren, es ist ja kein Aufwand. Die Grundidee für dieses System soll übrigens bereits der Renaissance-Universalist Leonardo da Vinci erdacht haben, als er im Jahr 1490 Getriebesysteme konzipierte. Viel später kam die Technik bei Kraftwerks- und Schiffsturbinen zum Einsatz. Noch später entwickelte die US-Firma Fallbrook eine kleinere Variante für Fahrräder. Dann wagte Hercules die Massenproduktion für den europäischen Markt. Und jetzt leistet der massige runde Kasten am Hinterrad seine Dienste, ohne weiter aufzufallen.

Fazit:

Hübsch, schwarz, dezent geschwungene Formen, wendig trotz seines Gewichts. Die Gangschaltung löst noch keine Revolution aus – aber vielleicht wird sie in 20 Jahren Standard sein.

Erschienen im Falter 40/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Verkehr

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s