Aber der Wagen, der rollt

Der Schlagersänger Heino war in Wien. Ein Tatsachenbericht

Bericht: Joseph Gepp

Die wahre Parallelgesellschaft, sie fand an diesem Wochenende nicht am Brunnenmarkt statt und nicht in den Gemeindebauten der Großfeldsiedlung, nicht am Simmeringer Stadtrand und nicht in den Hinterhöfen von Rudolfsheim-Fünfhaus. Die Parallelgesellschaft war im Gasometer Wien, Bauteil B, Bank-Austria-Halle, versammelt. Heino kommt.

Allerdings verspätet sich der große Mann des deutschen Liedguts einwenig. Bis dahin steht die Vorgruppe Gastein auf der Bühne. Sie spielt das, was man etwas verfehlt als „volkstümliche Musik“ bezeichnet. Begleitet von E-Gitarre und Akkordeon grölt sie Texte in die Mikrofone, die mit Ausdrücken wie „geile Sau“ und „Luder“ gespickt sind. Die älteren Herrschaften im Publikum schunkeln anstandslos dazu, als würden sie Derartiges nicht sonst immer als untrügliche Anzeichen hereinbrechender Dekadenz werten. Aber diesmal sprach das Setting – Brettljausn auf karierten Heurigentischtüchern, Projektionen von Berggipfeln und Almhütten an der Wand – eindeutig gegen die moralische Apokalypse.

Um 21.30 Uhr verschwindet der fleischgewordene Zeltfest-Darwinismus in Form von Gastein endlich von der Bühne. Dann kommt er. Man sieht sofort, dass es sich bei ihm um eine andere Liga handelt. „Geile Sau“ hat Heino sicher noch nie gesagt. Blutrotes Sakko und Gilet, gemessene Bewegungen, der obligate Namensschriftzug am obligaten Sonnenbrillenbügel. Und die berühmten weißblonden Haare. Wenn Heino auf der Bühne steht, dann sagt er Dinge wie: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn Heavy Metal – und wie das alles sonst noch heißt – längst vergessen sein wird, dann werden die Leute immer noch Seemannslieder singen.“

Über Heino kann man sich nicht einmal lustig machen. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, ein Symbol für Reaktion und Landspießertum zu sein – denn das würde ein Minimum an Kompatibilität mit modernen Wertvorstellungen und Weltbildern voraussetzen. Heino ist einfach Heino. Da steht er, in dieser bizarren Aufmachung, hebt die Arme mit fast majestätischer Anmut, singt in dröhnendem Bass über die Sierra Madre und die Matrosen vor der „Hudson Bei“ („Bay“ würde sich nicht auf die vorherige Zeile reimen). Er präsentiert eine Rap-Version von „Blau blüht der Enzian“, von 1988; sie klingt, als würde sich TV-Entertainer Stefan Raab über Rap-Versionen lustig machen.

Dann ein Medley über Whiskey und Gin, über die schwarze Barbara und die teure Heimat. Heino ist von tiefstem Selbstverständnis durchdrungen. Jedes Lied im vollsten Ernst. Als wäre das seine Bestimmung. Als hätte er keine Sekunde seines Lebens einen Gedanken an seine geradezu außerirdische Unzeitgemäßheit verschwendet. Heino ist einfach Heino. Das macht ihn sogar irgendwie sympathisch.

„Kommen Sie ruhig näher“, sagt er zum Publikum, „ich tu Ihnen doch nichts.“ Die große Gasometerhalle ist fast leer. Die Zuschauer verlaufen sich im Heurigentischgebälk. Eine schnelle Umfrage unter ihnen entlarvt die Hälfte als Produzenten, Fanclubpräsidenten, Journalisten, Mitarbeiter oder sonstige Freikarteninhaber. Als Heino auf die Bühne tritt, stürmen trotzdem rund 30 Leute nach vorne.

Ein hagerer alter Mann mit schlohweißen Haaren dreht sich zu den Schlagern im Kreis. Als er Heinos Hand zu fassen kriegt, will er gar nicht mehr davon lassen. Der Star eist sich los, schüttelt weitere Hände, nimmt Blumensträuße entgegen. Bei ernsten Liedern („Ich wär ja so gern noch geblieben – aber der Wagen, der rollt“) ballen die Fans die Fäuste vor der Brust, spitzen die Lippen und versuchen mit äußerstem Pathos Heinos Bassstimme nachzuahmen, ein Röhren kommt dann aus ihren Mündern.

Ein Tourist aus Rheinland-Pfalz fängt die Kamera aus der Tasche. Er habe Heino heute am Stephansplatz getroffen, erzählt er, hier steht er auf dem Foto neben ihm und seinen Freunden, lächelnd, natürlich mit Sonnenbrille, die Hände im schwarzen Janker vergraben. „In Deutschland wär de Hall‘ aber voll“, meint er.

Ein Student mit Burschenschaftsbändchen über dem Polo-Shirt erklärt ernst: „Im Namen meiner Verbindung Hasso-Borussia empfehle ich die Musik von Heino weiter. Sie fördert die Tradition des Volkslieds und hört sich auch gut an.“ Jetzt ist es offiziell.

Erschienen im Falter 41/08

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