Monatsarchiv: Oktober 2008

Das Prinzip Disco

Hier wird gesoffen. Hier wird geprotzt. Hier fischt H. C. Strache nach jungen Wählern. Ein Abend in der Großraumdisco

Reportage: Joseph Gepp

Oida“, beginnt der Bursche mit der Stoppelglatze, während er auf dem Praterstern auf das Grün der Ampel wartet. „Warst du Prater Dome?“

Er hört die Antwort gar nicht, denn er will von einem Triumph erzählen. „Schau mal.“ Der Bursche, 19, zupft ein silbergraues Plastikband von seinem Arm. Der Kaugummi, mit dem er es dort verklebt hat, zieht sich in die Länge. „Weißt du, was das ist? Das ist ein VIP-Band.“ Am Ausgang der Großraumdisco habe er einen Gast überredet, ihm das Bändchen weiterzugeben. „Hab nur eine Kopfnuss dafür kassiert.“

Das VIP-Band, das er jetzt fein zusammenfaltet und in die Tasche schiebt, hat dem Burschen das Tor zum Glück geöffnet. „Saufen, so viel du willst. Gratis. Den ganzen Abend. Das war geil.“ Er lächelt. Die Ampel schaltet auf Grün, er eilt davon.

Der Prater Dome, das Heilsversprechen im Stroboskopflimmer. Vergangene Woche hat im Prater Österreichs bislang größte Diskothek aufgesperrt. Sie ist gleichzeitig unter den fünf größten Europas. Das „Grand Opening“ war wochenlang in der Stadt plakatiert gewesen. Jetzt ist der Ort innerhalb einer halben Stunde voll.

Der Prater Dome, das multithematische Entertainmentcenter. Wer es kitschig mag, dem bietet der Eingangsbereich, das „Schloss Platz’l“, Mittelalterstil wie Cinderellas Castle in Disneyland. Wer Rustikales bevorzugt, kann im „Almrausch-Stadl“ zwischen Pferdegeschirr und Hüttengebälk zu Schlagern tanzen. Und wer sich für Glamour mit einem Hauch von Elite begeistert, dem steht „Vienna One“ zur Verfügung, die größte der fünf Tanzflächen. Dort winden sich Artisten und Go-go-Mädchen vor einer aufwändigen Rokokokulisse.

Der Prater Dome, das sind Luster, Kirchenfenster und klassische Statuen. Burgzinnen, Balustraden, Barockgemälde. Nichts ist echt, aber alles glitzert.

Einige bekannte Fußballer sind zur Eröffnung gekommen, und irgendwo steht FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, er schüttelt Hände und herzt blonde Frauen, ganz in seinem Element.

Um 22.30 Uhr reicht die Menschenschlange draußen schon halb über den neugebauten Riesenradplatz. Ein roter Teppich zwischen zwei marmornen Löwen führt zum Discoeingang. Die wartenden Männer stehen breitbeinig da, die Frauen tragen Korsetts, die die Figur betonen. Tiefe Dekolletés, Haargel, Solariumbräune, Muskelshirts. Legere schwarze Edeljacketts über weit offenen Hemden wollen Spendierfreudigkeit versprechen. Das weibliche Personal trägt knappe Fantasieuniformen. Das soll die Erwartung auf das anheizen, was drinnen nachkommt.

Im Inneren wird man an der Kassa fotografiert und bekommt eine Chipkarte. Damit gibt’s an den Bars die Getränke. Gezahlt wird beim Rausgehen, alles zusammen. Das Foto dient der Identifizierung beim Verlust der Karte. Die Discobetreiber versichern, die Daten würden gleich nach Betriebsschluss wieder gelöscht.

Wer den Prater Dome betritt, kann seine alte Identität – und seine finanzielle Situation – tief in der Tasche stecken lassen. „Reingehen, Spaß haben und Geld eine Zeitlang keine Rolle spielen lassen“, sagt die Jugendkulturforscherin Rosa Reitsamer von der Universität für angewandte Kunst, „das ist das Prinzip solcher Diskotheken.“

Zwei Tage später schaut der Prater Dome noch größer aus als bei der Eröffnung. Es ist Nachmittag, menschenleer. Letzte Nachbesserungen werden verrichtet, österreichische und deutsche Bauarbeiter necken sich gegenseitig beim Löten.

Holger Pfister, 40, aus Bayern, Geschäftsführer der deutschen MPC-Gruppe, führt durch den Betrieb. Mehr als 30 Lokale betreibt MPC, europäischer Marktführer bei Großraumdiskotheken, im deutschen Sprachraum. Prater Dome ist das Flaggschiff, am größten und teuersten, mit der aufwändigsten Laseranlage Österreichs.

3500 Quadratmeter Fläche habe sein Lokal, sagt Pfister, mit bis zu 4000 möglichen Besuchern und 110 Angestellten an einem Abend, darunter 70 Kellner, zwölf Securities und acht Go-go-Tänzerinnen. Die beiden Polizisten, die bei den Veranstaltungen anwesend sein müssen, stehen sogar auf der Gehaltsliste des Betriebs.

Jetzt, ohne Gedränge, entfaltet es sich erst richtig, das überladene Gewirr an Dekoration: Ritterrüstungen, goldumrahmte Bilder im Stil Rubens‘, Doppeladler-Standarten, eine Bücherrückenreihe wie aus Harry-Potter-Filmen. Im „Almrausch-Stadl“ blickt die Büste einer halbnackten Sennerin auf den „Schürzenjäger-Platz“.

„Wenn man auf die roten Luster schaut, dann ist das einerseits eine schwülstige, sexualisierte Gestaltung“, sagt die Wissenschaftlerin Reitsamer. „Andererseits hat es einen sakralen Beigeschmack, das Hallenhafte und Tranceartige von Kirchen. Das Mittelalter ist vermeintlich düster und geheimnisvoll. Deshalb Kirchenfenster und Burgzinnen.“

„Die Deko erzeugt Wärme und Gänsehautgefühl“, sagt Holger Pfister, während er an einer Tischreihe im maurischen Stil vorbeiführt. Dann zeigt er in der VIP-Zone auf das Bild eines Formel-1-Wagens an der Wand, gesponsert von Red Bull. Die Autoschnauze bewegt sich mit, wenn der Betrachter vorbeigeht. „Da steckt viel Arbeit im Detail“, sagt er.

Erich Schramm, Pfisters Kollege, ebenfalls Bayer, Gründer von MPC und Gestalter des Prater Dome, erzählt, dass die Kopien der barocken Gemälde aus China eingeschifft worden seien. „Spätnachts fällt so was den Gästen gar nicht mehr auf“, sagt Schramm. „Dann arbeitet die Laseranlage ohnehin voll, und die Leute schauen auf die Frauen. Aber wenn der Gast um 22 Uhr kommt und noch nicht alles voll ist, dann soll ihn die Dekoration beeindrucken.“ Schramm redet von sinkenden Geburtenraten. Rund halb so viele Menschen unter 30 wie über 30 gebe es heute. „Der Markt ist schwierig.“ Jede zweite Gaststätte im deutschen Sprachraum – vom Haubenlokal über die Disco bis zum Beisl – sperre innerhalb von vier Jahren wieder zu.

Deshalb die Größe der Disco, deshalb die verschiedenen Themenbereiche. „Wir wollen 90 Prozent der Zielgruppe abdecken“, erklärt MPC-Chef Holger Pfister. „Nichts ist tödlicher als eine halbleere Disco. Darum ist der Prater Dome so aufgeteilt: Wenn wenig Leute kommen, machen wir einfach eine Galerie zu oder schließen einen Raum. Und ruck, zuck ist die Größe halbiert.“ Und die Hütte wirkt voll.

„Die Zeiten, wo man Stützbalken durch ein Gebäude zog, Scheinwerfer dranhängte und eine Anlage aufstellte, sind vorbei“, sagt Pfister. „Die Leute sind anspruchsvoll geworden.“ Der Kuchen wird kleiner, da sind innovative Konzepte gefragt. Der Kuchen sind rund 60.000 junge Menschen, die an einem durchschnittlichen Herbstwochenende in Wien ausgehen. Zehn Prozent davon sind sogenanntes Szenepublikum, mit starkem Hang zu bestimmten Musikrichtungen und Lebensstilen. 90 Prozent wollen sich hauptsächlich amüsieren. Ihnen bietet die Großraumdisco ein Gesamterlebnis aus Musik, Gestaltung und – Alkohol mit möglicher Partnerwahl. „Ein forciertes Eintauchen in eine andere Welt“ nennt das die Wissenschaftlerin Reitsamer. „Die Shoppingmall im Discoformat. Hier findet man alles.“

Die zehn Prozent Szenepublikum hingegen legen größeren Wert auf die Musik. Sie gehen etwa ins Flex am Donaukanal, ins Fluc am Praterstern oder in die Gürtelbögen. In diesen Lokalen funktioniert noch das Prinzip der Stützbalken mit Scheinwerfern und möglichst guter Tonanlage. Dafür ist die Szene-Zielgruppe kleiner, die Gewinnspanne geringer – und von einem DJ erwartet man mehr als im Prater Dome.

Lokale wie Flex, Fluc oder Arena haben sich aus Vereinen oder besetzten Häusern entwickelt. Lokale wie der Prater Dome werden mit Glanz und Gloria eröffnet. Es ist der alte Konflikt zwischen künstlerischer Qualität und freiem Markt, der hinter den beiden Konzepten durchleuchtet. Protz und Massenabfertigung rechnen sich besser als Stützbalken und die neueste Band aus dem New Yorker Untergrund.

Dabei haben sich gerade die Vorgänger des Prater Dome im Minderheitenmilieu entwickelt: In den 50er-Jahren spielten noch Livebands für die Gäste in amerikanischen Tanzcafés. Schwule und Schwarze begannen später, Schallplatten aufzulegen und DJs zu engagieren. Für Livemusik fehlte ihren Treffpunkten das Geld. Die Disco wurde so in den 70er-Jahren zur Billigvariante der Abendunterhaltung.

Und aus der Angewohnheit, die Tonträger nicht nur aufzulegen, sondern Lieder durch händisches Bewegen der Schallplatte zu verändern, entwickelte sich später die elektronische Musik. Sie ist heute der dominierende Stil der europäischen Unterhaltungsindustrie. Die Notlösung Diskothek wurde zur gebräuchlichsten Form des städtischen Ausgehens.

Als im Prater Dome spätabends die Refrains der deutschen Elektroband Scooter über die große Tanzfläche schallen, heben hunderte synchron die Arme und brüllen mit. „Wo sind die Ladys?“, schreit der DJ, die Ladys kreischen.

Im Kunstnebel, Zigarettenrauch und Laserlicht verschwimmen die Formen der einzelnen Besucher, ein wippender Kopf da, eine an den Mund gehobene Bierflasche dort. Lichter, Leiber, Lebensfülle, die Discogemeinschaft ist entstanden, die protzigen Gesten des Einzelnen gehen auf in der Selbstvergessenheit der Masse, die Chipkarte griffbereit in der Tasche.

„Die Architektur, Themenbereiche, Größe, das alles sagt: Hier sind alle willkommen. Von Techno bis Almrausch findet jeder Platz“, sagt Rosa Reitsamer. „Das ist aber eine Illusion: Man muss konsumieren. Der Dresscode zählt. Und oft wird nach Hautfarbe oder Geschlecht selektiert.“

Selektiert wird nicht nur durch den Türsteher, sondern auch durch kreative Preispolitik: Donnerstags findet im Prater Dome der „Ladies First“-Abend statt. Bis Mitternacht werden Frauen dann freier Eintritt und ein paar kostenlose Getränke gewährt. Und dann, um zwölf Uhr, wenn sie hübsch betrunken sind, dann lässt man die Männer rein.

Private Polizisten? Ist es normal, dass staatliche Polizisten
ihren Lohn von privaten Discobetreibern erhalten? Laut MPC-Chef
Holger Pfister zahlt seine Firma den beiden Polizisten, die im
Prater Dome Wache schieben, einen „Stundensatz“. Auf
Falter-Nachfrage gibt die Wiener Polizei bekannt, dass bei
großen Veranstaltungen tatsächlich der Veranstalter für den
„Inspektionsdienst“ der Beamten aufkomme. Im Fall Prater Dome
bezahlt MPC für drei Tage polizeilichen Dienst, jeweils
zwischen 22 und 4 Uhr. Laut Polizei ist das auch in anderen
Lokalen dieser Größe der Fall

Erschienen im Falter 44/08

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Eingeordnet unter Reportagen, Stadtleben, Wien

STADTRAND: Das Museumsquartier. Ein herbstliches Loblied

Die letzten Tage waren noch sonnig, jetzt aber wird es grau. Und die meisten der doch recht vielen Vorzüge dieser Stadt (zum Beispiel Schanigärten oder Grünraum) erstickt dann die monatelang feindliche Wetterfront im Keim. Daher soll hier – bevor das bis Frühling in Vergessenheit gerät – noch eine schöne Wiener Institution gelobt werden: das Museumsquartier. Ob man nun die Architektur – halb klassisch, halb modern – mag oder nicht, ob sie zu brav oder zu gewagt ist: Das MQ läuft hervorragend. Es schafft urbanen Raum, in dem man konsumieren kann, aber nicht muss. Es bietet städtischen Platz, sozusagen ohne aufgedrängten Zweck und Hintergedanken. Die Sitzgelegenheiten sind bequem, die Beisln preiswert, die Werbung stört nicht. Im Blickfeld liegen kulturelle Einrichtungen und keine Shops. Und wer das Boboeske des MQs beklagt, der möge einmal hingehen: Hier mischt sich das Publikum, viele sitzen nur herum. Man muss ja nicht gleich ins Mumok oder Café Leopold. So sollte eine Stadt sein. Halten wir uns daran fest in Zeiten novembergrauer Unwirtlichkeit.

Erschienen im Falter 44/08

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„Bestens informiert“ oder lieber doch nicht?

Bitte keine Werbung: Wie die Post mit einer Werbeaktion Reklameverweigerer zum Umdenken bewegen möchte

Bericht: Joseph Gepp

An diesem Tag finden sich neben Briefen und Rechnungen im Postkasten: ein Billa-Prospekt, ein Bauhaus-Prospekt, Winterreifenwerbung, eine Einladung zum Kieser-Training-Schnuppertag, eine Bezirkspostille, ein Flugblatt mit den „Top-Neuheiten“ einer Elektronikkette. Und „Schecks“ für die Tageszeitung Österreich im Wert von 50 Cent pro Exemplar, inklusive Glamour-Heftchen und Fernsehprogramm.

Viel Müll, wenig Informationen. Für eine Großfamilie mag es sich rechnen, den Stapel durchzuarbeiten und herauszufinden, wo ein Gutschein Ersparnis bringt oder ein Produkt billiger ist. Im Normalfall aber liegt der Aufwand weit über dem Ertrag.

Wer nun den Postler per handgeschriebenem Zettel darum bittet, die Werbeflut am Briefkasten vorbeizuleiten, wird keinen Erfolg haben. Eine eigene Agentur sei für die Verwaltung der Adressen von Werbeverzichtern zuständig, erklärt die freundliche Frau bei der Post-Hotline. Ein Brief sei daher zu schreiben (Kennwort „Werbeverzicht“, Postfach 500, 1230 Wien). Dann kommt man auf eine Liste. Und danach erst wird das ersehnte Pickerl zugestellt: „Bitte keine Werbung“.

Die Post allerdings sieht derlei potenzielle Konsumverweigerung nicht gerne. Aus diesem Grund läuft momentan eine große „Informationskampagne“. „Bestens informiert“ lautet ihr Name.

Per Zusendung sollen alle werbefreien Haushalte davon überzeugt werden, ihre Anti-Werbung-Aufkleber abzukratzen. Wahlweise kann auch ein „Bestens informiert“-Pickerl darübergeklebt werden.

„Nutzen Sie noch heute Informationsvorsprung durch Prospektwerbung“, steht in der Zusendung. Und: „Riskieren Sie ab sofort wieder einen Blick in die Fülle von Einkaufsvorteilen und Sparangeboten.“ Wem das noch nicht Anreiz genug ist, den locken zusätzlich Warengutscheine im Wert von 170 Euro und die Teilnahme an einem Gewinnspiel um eine Städtereise „in eine der angesagtesten Shopping-Metropolen Europas“.

Wer die Antwortkarte ausfüllt und seinen Werbeverzicht rückgängig macht, der gibt gleichzeitig mittels kleingedruckter Klausel am unteren Seitenrand die „ausdrückliche Einwilligung“ zur „Weitergabe der oben angeführten Daten für Marketingzwecke“.

„Wir verdienen ja an Produktwerbungen“, erklärt Konzernsprecher Michael Homola die Gründe der Kampagne. „Wenn jemand eine Postwurfsendung in Auftrag gibt, dann liegt es im Interesse der Post, dass möglichst viele Menschen die Aussendung bekommen.“ Und die Weitergabe der Adressen erfolge „ausschließlich an Kooperationspartner dieser Kampagne, also zum Beispiel an TUI, das die Städtereisen organisiert“.

Vier Tage später ist das „Bitte-keine-Werbung“-Pickerl endlich da. Jetzt liegen keine Prospekte mehr im Postkasten. Dafür Rechnungen und ein persönlich adressierter Brief von der Wien Energie, der auf das „langfristig steigende Preisniveau“ bei Strom und Gas hinweist. Eigentlich auch nicht ideal.

Erschienen im Falter 44/08

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Eingeordnet unter Medien

Heiliger Bimbam

Ab 26. Oktober wird vieles neu bei den Wiener Straßenbahnen. Ein Überblick

Bericht: Joseph Gepp

Wer den Netzplan der Wiener Straßenbahnen betrachtet, der könnte Wien glatt für eine Weltstadt halten. Da vermischen sich die Farben, da kreuzen sich die Linien, und keine Station ist weit von der nächsten entfernt. Der Großteil des Netzes wurde vor rund 100 Jahren angelegt, als Wien tatsächlich noch Weltstadt war: 31 Linien sind es heute, mit 230 Kilometern Gesamtlänge und einer Kapazität von 200 Millionen Passagieren pro Jahr. Und in der Mitte des Ganzen tuckern die ehrwürdigen Linien 1 und 2 mit der und gegen die Einbahnrichtung der Ringstraße.

Diese Ringlinien seien inzwischen obsolet, finden die Wiener Linien. Und die Fahrgäste würden zu oft zum Umsteigen gezwungen. Mit dem Nationalfeiertag, 26. Oktober, ist die kreisrunde Streckenführung des Einsers und Zweiers daher Geschichte. Die Linie 1 wird künftig am Stefan-Fadinger-Platz in Favoriten beginnen und in der Prater-Hauptallee enden, die Linie 2 beginnt am oberen Ende der Ottakringer Straße und endet am Friedrich-Engels-Platz in der Brigittenau.

Die neuen Strecken ersetzen damit die alten Linien J, N und 65. Beide Straßenbahnen, sowohl 1 als auch 2, passieren trotzdem das Stadtzentrum: Sie fahren nun in jeweils beide Fahrtrichtungen der Ringstraße, gemeinsam decken sie den gesamten Ring ab – allerdings nicht, wie bisher, jede für sich. Wer in Zukunft etwa von der Universität zum Stadtpark will, muss bei der Urania oder beim Schwarzenbergplatz umsteigen. Dafür kann der Tourist beispielsweise von der Oper direkt zum Hundertwasserhaus fahren. Aus „Rund-“ werden „Durchgangslinien“, wie die stadtplanerische Fachdiktion das nennt.

Demnächst folgen weitere Änderungen: Der D-Wagen zwischen Nußdorf und Südbahnhof wird ab 2009 zur „Linie 3“, der 71er zwischen Schwarzenbergplatz und Zentralfriedhof in Simmering wird bis zur Börse verlängert und in „Linie 4“ umbenannt. Frequenz und Intervalle bleiben zumindest gleich, versichern die Wiener Linien.

Mit dem Verschwinden von J, N und D sind auch Buchstaben als Bezeichnungen für Straßenbahnlinien Vergangenheit. Früher bezeichneten sie Rundlinien, die später in Richtung Stadtrand abzweigen. Der D-Wagen ist ein Beispiel dafür: Er fährt einen Großteil des Rings entlang, bevor er nach Nußdorf hinaufbiegt. Buchstaben lassen sich allerdings in der Verkehrstechnik der Wiener Linien nicht elektronisch codieren. Im internen Sprachgebrauch des stadteigenen Betriebs wurden sie daher längst durch Nummern ersetzt: Der D-Wagen ist dort etwa der „36er“, der O-Wagen der „70er“. Als kleine Reminiszenz an die weltstädtische Vergangenheit bleibt Letzterer immerhin als O-Wagen erhalten – denn das O, sagen die Wiener Linien, würden die meisten Touristen ohnehin als eine Null missinterpretieren.

Grüne und ÖVP warnen davor, dass die Touristen künftig statt der alten Linie 1 oder 2 Sightseeing-Busse nehmen könnten. Ein innerstädtischer Verkehrskollaps, so die Rathausopposition, wäre die Folge. Vergangenen Freitag zogen die Wiener Linien die Konsequenzen: Sie kündigten zusätzlich zu den neuen Strecken die Einführung einer „Touristen-Bim“ an. Sie soll ab April 2009 als nichtregulärer Teil des Straßenbahnnetzesverkehren, täglich zwischen zehn und 18 Uhr, mit Kopfhörern und kleinen Bildschirmen ausgestattet. Das wird dann noch eine Linie mehr auf dem schönen Plan mit der weltstädtischen Anmutung.

Erschienen im Falter 43/08

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Eingeordnet unter Verkehr, Wien

Kaisers Mühlen


Wie ein Knochensplitter von Kaiser Karl I. mit k. u. k. Ehren in die Kirche von Kaisermühlen kam

Reportage: Joseph Gepp

Das Stück kaiserlichen Mittelhandknochens wurde auf der portugiesischen Insel Madeira aus dem Grab von Karl I. geholt. Dann ging es per Flugzeug nach Belgien, wo die verbliebenen Mitglieder der Familie Habsburg seine Echtheit zertifizierten und die zukünftige Verwendung absegneten. Danach landete der Knochen per eingeschriebenem Paket auf dem Schreibtisch der Pfarre von Kaisermühlen.

Jetzt liegt er hier, im Empfangsraum des Pfarrers, auf einem Polster mit rot-weiß-roter Schärpe. Ein millimetergroßer gelblich-weißer Splitter in einer Schatulle aus Gold und Glas. Der Stoff am Boden des Gefäßes ist mit Goldfäden und Samt durchwirkt, Edelsteine rundherum formen einen Kreis. Darunter auf Lateinisch: „Aus den Gebeinen des seligen Karls aus dem Hause Österreich, sein Kaiser und Bekenner.“

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Foto von Julia Fuchs

Karl I. regierte nur zwei Jahre, von 1916 bis 1918. Er starb 1922 halb vergessen in seinem Exil auf Madeira. Historiker sehen in ihm vor allem jenen Mann, der die Fußstapfen seines Vorgängers Franz Joseph nicht ausfüllen konnte, sodass mit Kriegsende 1918 die Donaumonarchie zerfiel.

Für kirchliche Kreise und Habsburg-Nostalgiker liegt der Fall etwas anders: Ein Mann des Friedens soll Karl gewesen sein, tief religiös, von Menschenliebe durchdrungen. Jahrzehnte nach seinem Tod wurde angeblich sogar eine Nonne von einem Venenleiden geheilt, nachdem sie Karl in ihren Gebeten um Hilfe angerufen hatte. „Andere haben auf den Kommandostellen den Tod von Zehntausenden geplant. Er hat im Schützengraben neben den Soldaten gelegen und geweint“, sagt Karl Regner, 59, pensionierter ÖVP-Bezirkspolitiker und erklärter Freund Karls. 2004 wurde der einstige Kaiser selig gesprochen. Seit 2006 macht sich Regner für eine Karl-Reliquie in Kaisermühlen stark.

Vergangenen Sonntag war sie dann da. Bereit zur feierlichen Überführung vom Pfarrhaus in eine eigens renovierte Seitenkapelle der Kaisermühlner Herz-Jesu-Kirche. Ein Festgottesdienst ist angesetzt. Böllerschüsse hallen schon um acht Uhr morgens über die Dächer der Gemeindebauten.

Alte Herren haben die Uniformen ihrer Väter angezogen. Bestickte Standarten mit Doppeladlern werden ausgerollt. Husaren, Dragoner, Deutschmeister, alle sind sie gekommen, Menschen in historischen Uniformen, die weißen Armeehandschuhe elegant umklammert, die Paradedegen um die Hüften geschnallt. Ein alter Mann mit goldglänzendem Helm hält ein Schild hoch, „Compagnia Trieste“. Die Soldaten stehen zusammen. Das Einzige an ihnen, was ans Jahr 2008 erinnert, sind die Lucky Strikes zwischen ihren Fingern.

Sie unterhalten sich auf Deutsch, Ungarisch oder Italienisch. Mehrere Busse seien gekommen, sagt Karl Regner stolz, Traditionsverbände aus Österreich, Italien, Südtirol, Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik, „Delegationen aus allen Kronländern“.

Dann nehmen die Soldaten Aufstellung, der Pfarrer tritt samt Reliquie auf dem Polster aus der Pfarrhaustür. Ein Herr mit aufgezwirbeltem Schnurrbart erklärt noch schnell, dass man den Unterschied zwischen dem Dragonerregiment Nr. 2 und 3 an der Farbe des Rockaufschlags erkenne. Dann setzt sich der Zug in Bewegung.

Ganz vorne eine Trachtenkapelle, dann die Soldaten, dann die Reliquie inmitten einer Gruppe von Kirchenleuten. Die Standarten wehen, die Monarchisten stehen stramm. An der Fassade der schlichten Basilika aus dem späten 19. Jahrhundert hängt groß das Konterfei Karls. Etwas abseits steht der SPÖ-Bezirksvorsteher der Donaustadt; „innerlich zerrissen“ sei er hier, sagt er. In der Predigt erklärt der Pfarrer, der Name Kaisermühlen komme ja von „des Kaisers Mühlen“. Man sei hier schon immer Habsburg verbunden gewesen, er heiße also die Reliquie herzlich willkommen.

„Wird Kaisermühlen zum Wallfahrtsort?“, fragte ein Gratisblättchen des Rathauses schon vor zwei Jahren. „Mit Gottes Hilfe wird das vielleicht möglich sein“, sagt Karl Regner. Kaiser Karl habe eine große Anziehungskraft bei Gläubigen und Traditionalisten. Die Geschäftsleute und Hoteliers würde es außerdem freuen. „Ein Trafikant hat mich schon wegen möglicher neuer Ansichtskartenmotive gefragt.“ Außerdem gebe es da ja auch noch den Babenbergermarkgrafen Leopold, Landespatron von Wien und Niederösterreich. Dessen Reliquie liegt unter dem Hauptaltar der Kirche.

Erschienen im Falter 43/08

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Fünf Minuten Ruhm

Nadine Beiler zog aus, um eine berühmte Sängerin zu werden. Das Phänomen Starmania und seine Folgen

Reportage: Joseph Gepp/Innsbruck

Fotos: Robert Parigger/Tiroler Tageszeitung

Das gibt’s doch nicht, sagt Nadine Beiler, jetzt habe dieser Pianist doch tatsächlich ihre Jacke versehentlich mitgenommen. Und falsch gespielt habe er auch die ganze Zeit, „jetzt flipp i glei wieda aus“.

Nadine kommt gerade von einem Kindergeburtstag, aber nicht von irgendeinem. Ein Hotelier, einer der reichen und bekannten in Tirol, Besitzer des Alpenkönig mit fünf Sternen nahe dem Städtchen Seefeld, hat zum zehnten Geburtstag seiner Tochter ein Fest ausrichten lassen. Eine abgedunkelte Veranstaltungshalle im Hotel gehört an diesem Tag nur seiner kleinen Sophie. Luftballons kullern am Boden, ostdeutsche Kellnerinnen zwängen sich in enge Tiroler Dirndln, ein Koch steht am Buffettisch und schiebt Erdbeerhälften ins süße Gefälle eines Schokoladebrunnens.

Die Tiroler Schickeria ist gekommen, da hinten sitzen die Swarovski-Erbinnen, und während die Kinder herumtollen, unterhalten sich die Eltern an den Tischen, die Beine übereinandergeschlagen, das zur Krawatte passende Sacktuch im Jacketttäschchen.

Nadine Beiler, 18, sitzt auf einem Barhocker auf der Bühne, hinter ihr der Keyboardspieler, der später ihre Jacke einpacken wird. Sie drückt die Hand der strahlenden Sophie und interpretiert mit souliger Stimme Happy Birthday to You. Nadine wurde engagiert, um die Karaokeshow der Kinder mit ein bisschen echter Musik aufzulockern. Love of My Life von Queen singt sie, dann Stand by Me. Manchmal presst sie zwei Finger hinters Ohr. Ihr Manager erklärt dann, dass sie so einen Ton herausbringe, den sonst kaum jemand schaffe in der europäischen U-Musik.

Dass sich der Pianist verspielt, bemerkt kaum jemand. Nadine Beiler gleicht seine Fehler mit ihrer Stimme aus. Sie klingt durchdringend, schwingend, voluminös. Aber die Umstände des Festes führen dazu, dass das den Leuten nicht sonderlich auffällt. 20 Kinder sitzen am Bühnenrand, sie spielen mit Luftballons, lutschen an Twinnis und Jollys. Manchmal verdrehen sie die Köpfe und schauen mit großen Augen zur Sängerin. Sie haben schon gehört, dass Nadine irgendwas Besonderes sein soll.

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Ein Jahr, acht Monate und 14 Tage früher sind alle Augen auf sie gerichtet. Sie war ihrem Traum so nahe, wie sie es vielleicht nie wieder sein wird. Damals spielte sie für tausende Zuschauer und Unzählige vor den Fernsehschirmen. Der Saal jubelt. Glitter regnet von der Decke. Künstlicher Wind fährt durch ihr Haar, als sie Bridge over Troubled Water singt.

Per Videoschirm ist ihr Heimatort Inzing nahe Innsbruck zugeschaltet. Dort springen die Menschen vor Begeisterung in die Luft oder kneifen die Lippen zusammen vor Spannung. Einer sagt: „So einen Tag wird Inzing nie mehr erleben.“

Nadine, damals 16, gewann am 26. Jänner 2007 die dritte Staffel der ORF-Castingshow „Starmania“. Sie wird sofort von Journalisten umringt. Noch Wochen später wird sie Interviews geben, Auftritte absolvieren und immer wieder Autogramme verteilen. Im Moment des Sieges juchzt sie, vergräbt ihr Gesicht vor Erleichterung in den Händen. „Tief durchatmen, nicht hyperventilieren“, sagt die Moderatorin Arabella Kiesbauer.

A Star Is Born

Nadine hat ihre letzten beiden Konkurrenten aus dem Rennen gekegelt. Sie hat sich durchgesetzt gegen den schmalen 16-Jährigen, der so gern ein kapriziös-glamouröser Homosexueller wäre. Und gegen den breiten 25-Jährigen, der so gern den verruchten Charme eines frühen Frank Sinatra verkörpern würde. Die Menge jubelt. Da steht sie nun. Nadine, das Stimmwunder, das große Gesangstalent, das sympathische Unschuldslamm aus den Tiroler Bergen. Nadine, Nadine, Nadine. A star is born.

Jetzt trippelt sie die Stufen hinunter, vom Hoteleingang zum Auto ihres Managers. Sie wirkt nervös, und ihr ist kalt, weil sie keine Jacke hat.

Hallen füllt Nadine Beiler heute keine mehr. Stattdessen spielt sie auf Geburtstagspartys, beim Linzer Stadtfest, auf der Confetti-Bühne im Wiener Donaupark. Nach „Starmania“ ist sie in ihr Städtchen Inzing, 3000 Einwohner, zurückgekehrt. In Wien war sie im Parkhotel Schönbrunn einquartiert, monatelang, die Schule hat sie für ein Jahr ausgesetzt.

Jetzt wohnt sie bei den Eltern im Kinderzimmer und lernt für die Matura. Auf ihrem Bett liegen zwei Stofftiere, die Minnie-Maus und der Tasmanische Teufel, der sich im Trickfilm immer so schnell dreht. Ein Foto der „Starmaniacs“, wie sie ORF-Werber nennen, steht auf der Kommode. Daneben eine schallplattengroße Autogrammkarte mit ihrem Konterfei und ihrer mädchenhaften Unterschrift.

„Ich bin wieder heimgekommen, aber da war irgendwie nix“, sagt sie. In Wien war sie bekannt, berühmt und begehrt, wenn auch nur für kurze Zeit. Heute wirkt sie abgeklärt. Wenn sie von nun an weiter Karriere machen wolle, dann brauche sie jemanden, „der mir die Meinung sagt“, sagt sie. Sie glaubt jetzt, neue Kraft für ihre Musik gefunden zu haben, durch einen Manager, den sie engagiert hat.

Der Manager, ebenfalls Tiroler, Sportjacke, erdig im Auftreten und direkt im Gespräch, ist eigentlich Sportlercoach. Er war schon Nadines Trainer, als sie als Kind Tennis spielte. Später, Anfang 2008, kam sie zu ihm. Sie wusste nicht mehr weiter, bat ihn um Hilfe. „Ich hab den ganzen Silvester geplärrt, weil ich so ein Scheißjahr gehabt habe“, sagt sie. „Und alle haben nur zu mir gesagt: ‚Warum sollst du ein Scheißjahr gehabt haben? Du hast doch bei „Starmania“ gewonnen.‘“

Nadine hat bei „Starmania“ gewonnen, aber ihr altes Leben verloren. Vielleicht hat sie sich verändert, vielleicht waren es die anderen, die sich verändert haben. Jedenfalls wusste sie nicht mehr, wie sie auf ihre Umwelt reagieren sollte. Das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bei ihr war gehörig durcheinandergekommen.

„Als ich nach Inzing zurückgekommen bin, habe ich nicht gewusst, ob ich die Leute grüßen soll oder nicht“, erzählt sie. „Wenn ich grüße, dann meinen sie, die hält sich für so wichtig, dass sie jetzt jeder kennen muss. Und wenn ich nicht grüße, dann meinen sie, die ist arrogant. Solche Gedanken kommen dann in dir hoch.“

Das Leben nach der Casting- oder Realityshow ist nicht leicht. Manche der Teilnehmer haben es nicht mehr ausgehalten, sie wollten sich wieder ins Privatleben verkriechen. Andere sind abgestürzt. Die Berühmtheit mit Vorbehalt, die ihnen angeboten wurde, haben sie mit einem langfristigen Versprechen verwechselt.

Berühmtheit mit Vorbehalt

Michael Tschuggnall, erster „Starmania“-Gewinner und einige Wochen 2003 der vielleicht bekannteste Österreicher, studiert heute Informatik und hat sich vorerst von der Musik verabschiedet. „Expedition Österreich“-Sieger Michael Weixelbraun studiert Elektrotechnik. Boris Uran, Dritter beim ersten „Starmania“, war wegen Depressionen und Selbstmordgefahr wochenlang in psychiatrischer Behandlung, heute lebt er zurückgezogen auf der indonesischen Insel Bali. „Taxi Orange“-Gewinner der 2. Staffel, Josef Kendlbacher, kellnert am Klopeiner See. Walter „Wazzinger“ Pirchl, ebenfalls Ex-„Taxler“, soll als BZÖ-Wahlhelfer Parteigeld veruntreut haben, der Staatsanwalt ermittelt außerdem wegen Kindesmissbrauchs. Sein Kollege Robert „Mama“ Höchtl war lange arbeitslos und stürzte fast in die Schuldenfalle, weil er zu lange an eine Karriere im Showgeschäft glaubte. „Bevor ich in meine alte Welt zurückkehre, muss ich noch abklopfen, was für Möglichkeiten ich im Medienbereich habe“, erzählte er vor Jahren dem Magazin News.

Nach vorne haben es die Teilnehmer nicht geschafft, zurück können sie auch nicht mehr. Zweifelsfrei erfolgreich war nur Christina Stürmer von der ersten Staffel „Starmania“. Wer dagegen beim zweiten und dritten Mal sang, geriet bald in Vergessenheit. Nur fehlt der Ruhm demjenigen, der ihn einmal genossen hat.

„Starmania“, die sozialdarwinistischen Festspiele, der glitzernde Zirkus des Konkurrenzdenkens. Die medial unerfahrenen Teilnehmer legen ihre Weltbilder und Emotionen einer Maschine zu Füßen, die Gefühle berufsmäßig produziert. Sie erzählen Privates aus ihrem Leben. Sie werden im Fernsehen umarmt, geherzt, geküsst. Man zeigt Zusammenschnitte über sie, wie sie lachen, wie sie weinen, wie sie jubeln oder nach einer Niederlage zusammensacken.

Dann singen sie, gegeneinander, herausgeputzt wie Christbäume, trainiert zu höchster Professionalität. Die gute Mutter Arabella Kiesbauer applaudiert, der strenge Juror Hannes Eder tadelt. Dann fliegt der Nächste raus. „Ich hatte in letzter Zeit eine harte Phase, weil mein Großvater gestorben ist“, sagt etwa am Ende der dritten Staffel jener Gegenspieler von Nadine, der gerne Frank Sinatra wäre. Und dann, als er als Drittletzter rausfliegt, sagt Arabella: „Wenn dein Großvater jetzt hier sitzen würde, er wäre stolz auf dich.“

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„‚Starmania‘ ist mir wie die geilste Zeit überhaupt erschienen“, sagt Nadine. „Aber der Schein hat getrügt.“ Seit ihrer Kindheit singt sie, immer Englisch, immer R’n’B und Soul. Sie wollte Sängerin werden, etwas anderes existiert für sie nicht. Das erzählt sie in einem Konferenzraum des Hotels, Nadine ist klein und stark geschminkt, ihre Haare sind schwarz, und sie trägt eine schwarze Weste über einem grünen Top.

Sie redet über Enttäuschung und Neuanfang, über die Brüche in ihrem Leben. Sie wirkt dabei zehn Jahre älter. Mit 16 war sie so berühmt wie wenige in Österreich. „Nachher schert sich keiner mehr um dich“, sagt sie. „Die Leute auf der Straße haben mich noch lange nach der Show angestänkert. Sie haben mir ‚fette Sau‘ nachgebrüllt. Es macht dich halt angreifbar, wenn dich jeder kennt.“

Eines Abends, erzählt sie, sei sie in Innsbruck mit ihrer Schwester ausgegangen. Ein Mann habe sie erkannt und ihr einen Ast nachgeworfen. „Wir sind einfach weitergegangen.“ Doch der Mann schmiss einen zweiten Ast nach. „Dann bin ich ausgezuckt. Ich war so zornig wie noch nie.“

Wenn sie abends ein Bier trinke, dann sei sie für den Nebentisch gleich „Alkoholikerin“. Wenn sie eine rauche, sei sie „Kettenraucherin“. „Ich stehe ständig unter Beobachtung. Ich wollte einfach nur blöd sein wie alle anderen. Aber das geht nicht mehr.“

Die Menschen würden sie jetzt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, meint Nadine Beiler. „Wenn ich neue Leute kennenlerne, muss ich einmal eine Stunde über ‚Starmania‘ reden“, sagt sie. „Und wenn ich dann mit meinen Eltern über solche Probleme sprechen will, dann kommen nur parteiische und emotionale Kommentare. Und die Freunde – die kennen sich ja gar nicht aus.“

Hochschaubahn der Emotionen

Als „Hochschaubahn der Emotionen, gerade für Junge“ bezeichnet der Medienpsychologe Peter Vitouch von der Universität Wien die Folgen der Show für den Teilnehmer. „Es hängt von der Unterstützung durch Freunde und Familie ab, ob man das Nachleben problemlos durchstehen kann.“ Vitouch schlägt psychologische Betreuung für die Alt-Starmaniacs vor. „Jeder mittelgute Sportler hat ja heute schon einen Psychocoach.“

Nadine fand ihren Psychocoach in ihrem alten Tennislehrer, den sie zu ihrem Manager machte. „Depressiv und aggressiv“ sei sie gewesen, sagt sie. Ihr Manager erzählt von stundenlangen Gesprächen: „Ich habe ihr immerzu ihre Fehler vorgehalten. Ich habe immer wieder gesagt, dass, Starmania‘ nur der Anfang war. Dass sie im Endeffekt noch nichts erreicht hat. Dann war sie am Boden zerstört. Und ich habe gesagt: Versuchen wir ab sofort alles nochmal.“

Jetzt wirkt Nadine Beiler vergnügt, sie redet viel, in erdigem Tirolerisch. Aber schnell wird sie auch fahrig, dann kommen Stress und Überdruss in ihr hoch. Ihr erstes Album sei sofort nach „Starmania“ entstanden, erzählt sie, in deutscher Sprache, ohne Eigenkompositionen. Es musste schnell gehen, der Hype dauert nicht ewig. Die Plattenfirma drängte, Nadine wehrte sich erfolglos gegen die deutsche Sprache und die Schlageranmutung der Platte. Jetzt will sie ein zweites Album machen, auf Englisch, mit Soul und R’n’B. Sie will Karriere machen, ohne Alternative, ohne Plan B. „Halbschwanger gibt’s nicht“, sagt sie.

Nach dem Auftritt fährt Nadine nach Innsbruck und setzt sich in ein menschenleeres wohnzimmergroßes Wettcafé im Hauptbahnhof. Sie trinkt Bier mit einer alten Freundin, die im Lokal als Kellnerin arbeitet.

Ihr Manager steht neben ihr. Er spricht von der Möglichkeit einer „Weltkarriere“, aber dazu brauche es viel Geld und einen Topproduzenten aus Amerika, mal sehen, was die Plattenfirma dazu sagt. I Want to Break Free klingt aus dem Radio; Nadine unterlegt Queen mit einer Soulstimme, die das Lied ganz anders klingen lässt. Dann sagt sie, dass morgen Jungbauernball sei und bald die nächste Ö3-Disco.

Keine 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt liegt ein H&M in einem gläsernen Einkaufszentrum. Während Nadine redet, steht dort hinterm Tresen Verena Pötzl, Gewinnerin der zweiten Staffel „Starmania“. Sie packt Jeans in Plastiksäcke.

Die vierte Staffel Starmania beginnt am Freitag, 17. Oktober 2008, ab 20.15 Uhr, ORF 1.

Erschienen im Falter 42/08

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Eingeordnet unter Medien, Reportagen

Aber der Wagen, der rollt

Der Schlagersänger Heino war in Wien. Ein Tatsachenbericht

Bericht: Joseph Gepp

Die wahre Parallelgesellschaft, sie fand an diesem Wochenende nicht am Brunnenmarkt statt und nicht in den Gemeindebauten der Großfeldsiedlung, nicht am Simmeringer Stadtrand und nicht in den Hinterhöfen von Rudolfsheim-Fünfhaus. Die Parallelgesellschaft war im Gasometer Wien, Bauteil B, Bank-Austria-Halle, versammelt. Heino kommt.

Allerdings verspätet sich der große Mann des deutschen Liedguts einwenig. Bis dahin steht die Vorgruppe Gastein auf der Bühne. Sie spielt das, was man etwas verfehlt als „volkstümliche Musik“ bezeichnet. Begleitet von E-Gitarre und Akkordeon grölt sie Texte in die Mikrofone, die mit Ausdrücken wie „geile Sau“ und „Luder“ gespickt sind. Die älteren Herrschaften im Publikum schunkeln anstandslos dazu, als würden sie Derartiges nicht sonst immer als untrügliche Anzeichen hereinbrechender Dekadenz werten. Aber diesmal sprach das Setting – Brettljausn auf karierten Heurigentischtüchern, Projektionen von Berggipfeln und Almhütten an der Wand – eindeutig gegen die moralische Apokalypse.

Um 21.30 Uhr verschwindet der fleischgewordene Zeltfest-Darwinismus in Form von Gastein endlich von der Bühne. Dann kommt er. Man sieht sofort, dass es sich bei ihm um eine andere Liga handelt. „Geile Sau“ hat Heino sicher noch nie gesagt. Blutrotes Sakko und Gilet, gemessene Bewegungen, der obligate Namensschriftzug am obligaten Sonnenbrillenbügel. Und die berühmten weißblonden Haare. Wenn Heino auf der Bühne steht, dann sagt er Dinge wie: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn Heavy Metal – und wie das alles sonst noch heißt – längst vergessen sein wird, dann werden die Leute immer noch Seemannslieder singen.“

Über Heino kann man sich nicht einmal lustig machen. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, ein Symbol für Reaktion und Landspießertum zu sein – denn das würde ein Minimum an Kompatibilität mit modernen Wertvorstellungen und Weltbildern voraussetzen. Heino ist einfach Heino. Da steht er, in dieser bizarren Aufmachung, hebt die Arme mit fast majestätischer Anmut, singt in dröhnendem Bass über die Sierra Madre und die Matrosen vor der „Hudson Bei“ („Bay“ würde sich nicht auf die vorherige Zeile reimen). Er präsentiert eine Rap-Version von „Blau blüht der Enzian“, von 1988; sie klingt, als würde sich TV-Entertainer Stefan Raab über Rap-Versionen lustig machen.

Dann ein Medley über Whiskey und Gin, über die schwarze Barbara und die teure Heimat. Heino ist von tiefstem Selbstverständnis durchdrungen. Jedes Lied im vollsten Ernst. Als wäre das seine Bestimmung. Als hätte er keine Sekunde seines Lebens einen Gedanken an seine geradezu außerirdische Unzeitgemäßheit verschwendet. Heino ist einfach Heino. Das macht ihn sogar irgendwie sympathisch.

„Kommen Sie ruhig näher“, sagt er zum Publikum, „ich tu Ihnen doch nichts.“ Die große Gasometerhalle ist fast leer. Die Zuschauer verlaufen sich im Heurigentischgebälk. Eine schnelle Umfrage unter ihnen entlarvt die Hälfte als Produzenten, Fanclubpräsidenten, Journalisten, Mitarbeiter oder sonstige Freikarteninhaber. Als Heino auf die Bühne tritt, stürmen trotzdem rund 30 Leute nach vorne.

Ein hagerer alter Mann mit schlohweißen Haaren dreht sich zu den Schlagern im Kreis. Als er Heinos Hand zu fassen kriegt, will er gar nicht mehr davon lassen. Der Star eist sich los, schüttelt weitere Hände, nimmt Blumensträuße entgegen. Bei ernsten Liedern („Ich wär ja so gern noch geblieben – aber der Wagen, der rollt“) ballen die Fans die Fäuste vor der Brust, spitzen die Lippen und versuchen mit äußerstem Pathos Heinos Bassstimme nachzuahmen, ein Röhren kommt dann aus ihren Mündern.

Ein Tourist aus Rheinland-Pfalz fängt die Kamera aus der Tasche. Er habe Heino heute am Stephansplatz getroffen, erzählt er, hier steht er auf dem Foto neben ihm und seinen Freunden, lächelnd, natürlich mit Sonnenbrille, die Hände im schwarzen Janker vergraben. „In Deutschland wär de Hall‘ aber voll“, meint er.

Ein Student mit Burschenschaftsbändchen über dem Polo-Shirt erklärt ernst: „Im Namen meiner Verbindung Hasso-Borussia empfehle ich die Musik von Heino weiter. Sie fördert die Tradition des Volkslieds und hört sich auch gut an.“ Jetzt ist es offiziell.

Erschienen im Falter 41/08

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Eingeordnet unter Kurioses, Reportagen, Stadtleben

Die Unbeteiligten

Ihr Umfeld entwickelt sich rasant. Nur für sie bleibt alles gleich. 70 Kilometer vor Wien liegt das westlichste Romaghetto Europas

Reportage und Fotos: Joseph Gepp / Slowakei
Übersetzer: Matej Kundracik

Als der slowakische Häuslbauer die Frage hört, ob es denn Probleme gebe hier im Ort, zieht er nur die Brauen hoch und deutet stumm nach hinten, da seht ihr es doch, was soll also diese Frage. Sein Finger zeigt ans Ende einer Straße mit schmucken Einfamilienhäusern und Vorgärten. Dort, hinter dem rostigen Stahlzaun, dem verwahrlosten Stück Wiese und der Betonmauer mit den einzeln herumhängenden Stacheldrahtfetzen – dort liegt das, was die Leute hier die Kolonie nennen.

Kaum jemand aus dem Ort hat sie je betreten. Man kennt nur die Geschichten von Gewalt und Inzest, man riecht den Müll und die Verwahrlosung, man hört die Bewohner, wie sie einander anbrüllen. Die Roma von Plavecký Štvrtok leben isoliert vom Rest der Bevölkerung. Wer in das Städtchen kommt und die Hauptstraße mit ihren kleinen aufgeputzten Bauernhäusern entlangfährt, wer das renovierte Barockkirchlein betritt und übers frischverlegte Pflaster des Stadtkerns trippelt, der ahnt nichts von ihrer Existenz. Die Kolonie liegt am Ortsrand, abgeschirmt hinter Büschen und Mauern, versteckt hinter Reihen neugebauter Wochenendhäuser für die Bratislavaer Oberschicht. Und doch ist sie unübersehbar. „Allein in den letzten Wochen wurden zweimal die Autoscheiben eingeschlagen, zweimal die Rückspiegel abgerissen“, sagt der Häuslbauer noch, bevor er den Kopf senkt und seine Schaufel wieder in den Erdhaufen rammt.

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Die Kolonie

Plavecký Štvrtok, 2600 Einwohner, 15 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Hier liegt das westlichste Romaghetto Europas. Es ist gleichzeitig das elendste in der Westslowakei. Die meisten der insgesamt rund 350.000 Roma leben im Osten des Landes. Nur eine der Barackenstädte liegt so weit im Westen. 2000 ethnische Slowaken leben im Hauptort, 600 slowakische Roma in der Kolonie von Plavecký Štvrtok.

Die Siedlung liegt 70 Kilometer östlich von Wien, so weit wie St. Pölten in der Gegenrichtung. Es gibt keine Kanalisation, keine moderne Heizung, keine Pflasterung. Das Trinkwasser wird illegal von Hydranten gezapft, der Müll verrottet in matschigen Gassen, Exkremente schwemmt der Regen weg. Wer die Kolonie betritt, denkt an Joseph Roth, wie er die jüdischen Schtetlech im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Oder er denkt an die Favelas von São Paulo und die Müllstädte von Kairo.

Dabei ist die westliche Slowakei eine Region, wo der wirtschaftliche Motor lauter brummt als fast überall sonst in Europa. Sie ist jener mitteleuropäische Landstrich, der sich am schnellsten entwickelt. Mehr als zehn Prozent Wirtschaftswachstum konnte er im Jahr 2007 vorweisen – 3,4 waren es in Österreich. „Boomregion Centrope“ und „Dubai von Mitteleuropa“ lauten die großspurigen Slogans dieser Veränderung. Anfang nächsten Jahres soll sie mit der Einführung des Euro belohnt werden. Aber mitten unter den neugebauten Mautautobahnen, den hochgezogenen Glaspalästen von Bratislava, den prosperierenden Ortschaften mit ihren begradigten Gassen und renovierten Sehenswürdigkeiten liegt die Kolonie, an der das alles spurlos vorübergegangen ist.

Man betritt sie über einen Pfad aus festgetretenem Schlamm. Müllberge säumen den Weg, es riecht nach Verfaultem, am regennassen Boden liegt ein schwarzweißgestreifter BH. Die Kolonie besteht aus rund 60 Hütten, errichtet aus Wellblechplatten, Holzlatten oder unverputzten Ziegelmauern. Ein Haus mit zwei oder drei Räumen beherbergt durchschnittlich zehn Menschen. Die Hütten lehnen sich aneinander, stützen einander wie morsche Holzkisten und formen gewundene Gassen, die man nur zu Fuß passieren kann.

Überall liegen Brennholzscheite und Müllhaufen. Es ist ein wuselndes Gewirr, das man betritt, überfüllt, uneinsehbar, fremd und wild. Es ist das exakte Gegenbild zu den breit angelegten slowakischen Dörfern, wo sich ein Haus brav ans nächste reiht und das Leben weitgehend im Inneren der Gebäude abläuft. In der Kolonie dagegen wird Öffentliches und Privates zur selben Angelegenheit. Das Hüttengewirr beginnt hinter einer Art Hauptplatz, einem kreisrunden matschigen Platz mit streunenden Hunden und einem großen Holzkreuz. Hierher führt der Pfad aus festgetretenem Schlamm.

„Was sucht ihr hier?“ Ein breiter Mann, Mitte 20, baut sich auf, schiebt sein Gesicht drohend an die ungebetenen Gäste heran. Ein Haufen Kinder umgibt ihn. Sie schreien, die Menschenmenge formt eine Barriere, die das Viertel abriegelt. „Wir möchten die Kolonie sehen.“ Der Breite reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, er will Geld, „das machen alle Journalisten so, die hier reinwollen“.

Die Fremden nennen einen Namen, „Nina“, laut Menschenrechtsverbänden die inoffizielle Sprecherin der Siedlung – und plötzlich öffnet sich der Riegel. Der Name wirkt wie ein Zauberwort. Die Kinder stieben auseinander, der Breite weicht zur Seite. Aus einer der matschigen Gassen stapft eine stämmige kleine Frau mit tiefen Furchen im Gesicht. Sie begrüßt die Gäste freundlich, führt durchs Gassengewirr, beruhigt die bellenden Hunde, verscheucht die schreienden Kinder. Dann setzt sie in ihrer Hütte türkischen Kaffee auf.

„Ich gewähre euch Schutz hier“, sagt die Frau. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass in Romagemeinschaften keine Regeln existieren. Auch wenn Müll, Chaos und die anscheinend brutale Ungeschliffenheit der Bewohner diesen Eindruck erwecken.

Es sind nur völlig andere Regeln. Sie basieren auf alten Gepflogenheiten, auf überlieferten Rangordnungen und Kastensystemen. „Gadsche“ oder „Weiße“, wie die Roma Angehörige anderer Volksgruppen nennen, durchschauen die komplizierte Ordnung kaum. „Von einem Gadscho kommt nie etwas Wahres“, lautet das Sprichwort eines türkischen Romastammes. Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat in seinem Buch „Die Hundeesser von Svinia“ eine Beschreibung dieser Regeln gewagt. Er schreibt von Ghettomillionären, die Enge und Schmutz der Siedlungen gerne in Kauf nehmen, um in der Gemeinschaft zu leben. Er schreibt vom Verstoß jener, die Siedlungen verlassen und in den Städten ihr Glück wagen. Im ostslowakischen Svinia, Schauplatz des Buchs, lebt etwa die Kaste der Degesi, ungarisch für „Hundeesser“. Selbst unter Roma gilt sie als unberührbar und schmutzig.

Im Westen der Slowakei gibt es keine Hundeesser. Aber ungeschriebene Gesetze gelten auch hier. Die Ordnung der Kolonie von Plavecký Štvrtok drückt sich etwa in den Mistelstauden über den Hüttentüren aus, die vor dem Bösen schützen sollen. Oder im unübersehbaren Respekt, den man der stämmigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht entgegenbringt.

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Marie Biharigova

Sie setzt sich in ihre Küche, dann klopft sie forsch auf die Tischplatte, worauf ein Kind herbeihuscht und ihr eine Packung L&M-Zigaretten in die Hand drückt. Zugluft strömt durch selbstgeleimte Fensterrahmen, in der Decke klafft ein handflächengroßes Loch, um das sich ein modriger Wasserfleck gebildet hat. Im Wohnzimmer steht ein Flachbildfernseher. Fünf Kinder drängen sich um den Tisch, sie starren mit offenen Mündern auf den Schreibblock, die Kameras, die Kleidung der Fremden.

Die Frau steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen: Sie heiße Marie Biharigová, 56, Mutter von Ghettosprecherin Nina. Ihre Tochter, die sonst den Kontakt mit NGOs, Journalisten und Lokalpolitikern pflegt, sei heute allerdings auf dem Markt von Bratislava Gemüse verkaufen. Biharigová ist Witwe, Mutter von acht Kindern und Großmutter von 25 Enkeln. Sie erzählt bereitwillig, aber viele ihrer Angaben sind offensichtlich unrichtig. Die Frau scheint nicht einzuschätzen, wie viel Beschönigung eine Aussage verträgt, bis man sie nicht mehr glaubt. Es gebe keine Arbeitslosigkeit hier, sagt sie – laut Hilfsorganisationen liegt die Anzahl der arbeitslosen Roma in der Kolonie allerdings bei 100 Prozent.

Biharigová zählt weiter auf: keine Drogen, keine Diebstähle, keine Gewalt. Jeder hier könne lesen und schreiben, behauptet sie, bringt aber ihren eigenen Namen nur mit Mühe aufs Papier. Die Hütten der Kolonie würden mit Holz geheizt, und dieses werde in der nahen Bezirkshauptstadt Malacky eingekauft und hergebracht – außer einem alten Lada steht allerdings im ganzen Viertel kein Auto für den Transport. Als Marie Biharigová nach dem Unterschied zwischen Roma in der West- und Ostslowakei gefragt wird, sitzt sie ratlos da, Himmelsrichtungen sagen ihr offenbar nichts. Wovon leben die Menschen in der Kolonie? Zum Großteil vom Lohn ihrer Arbeit, antwortet die Frau, zum geringeren Teil von der Sozialhilfe. Als ein Enkel einwirft, man gehe halt pfuschen und Pilze sammeln, gebietet die Großmutter mit einer herrischen Handbewegung Schweigen. Und als ein anderer Enkel sagt: „Die Slowaken hassen uns“, schwächt sie sanft ab: Das sei schon richtig, es gebe viel Rassismus in Plavecký Štvrtok.

Das Verhältnis zwischen Roma und Slowaken ist von beidseitigem tiefem Unverständnis geprägt. Die Bewohner der westlichen Slowakei, dem kraftvollen Motor des Landes, bauen sich Häuser, schaffen sich Existenzen und haben den Kapitalismus der vergangenen beiden Jahrzehnte inhaliert. Den Roma scheint der Wandel kaum aufgefallen zu sein. „Demokratie ist nur was für Reiche, die Millionen besitzen“, sagt Marie Biharigová. Nach dem Interview führt sie durchs Viertel. Am Hauptplatz trifft sie den ältesten Mann der Kolonie, er ist 75. „Vor sechs Generationen kamen meine Väter hierher“, erzählt der Alte. „Hier gab’s Wasser, hier gab’s dieses schöne Stück Land. Also ließen wir uns nieder.“ Und also leben sie hier bis heute.

Millionenetats aus Brüssel, Heerscharen von nationalen und internationalen Sozialarbeitern und immer neue Initiativen der slowakischen Regierung konnten am zeitlosen Leben der Roma nichts ändern. Es ist eine Situation, an der niemand Schuld trägt. Karl-Markus Gauß schildert sie anhand eines Experiments in der Hundeesser-Stadt Svinia: Kanadische Sozialarbeiter schenkten den Bewohnern einige Hühner. Hilfe zur Selbsthilfe, lautete die Devise, gib dem Hungrigen keinen Fisch, sondern eine Angel zum Fischen. Als die Helfer am nächsten Tag in die Siedlung kamen, waren die Hühner allerdings allesamt tot, teilweise verspeist, teilweise den Hunden zum Fraß vorgeworfen. „Sie wussten nicht einmal mehr, dass Hühner Eier legen, und sie wussten nicht, wie man Hühner hält“, erklärte einer der Sozialarbeiter dem Schriftsteller.

Viele Roma wirken so, als wären sie an einer Veränderung ihrer Lage gar nicht interessiert. Als sie das kommunistische Regime per Zwangserlass in Plattenbauten umsiedeln wollte, rissen sie die Fensterrahmen aus ihren Verankerungen und errichteten vor den Haustoren Feuerstellen, sodass die Wohnblocks ihren alten Siedlungen immer ähnlicher wurden. Den Slowaken allerdings wurde der große Unterschied zu den Roma erst bewusst, als sich nach der Wende ihre eigenen Perspektiven veränderten.

Das ist der eigentliche Grund, warum nun der Rassismus wächst: In der Tschechischen Republik etwa überfallen regelmäßig Skinheads Siedlungen, ein Dorfbürgermeister wollte um ein Ghetto eine Mauer ziehen lassen. Im slowakischen Städtchen Záhorská Ves, nur 15 Kilometer von Plavecký Štvrtok und nur einige hundert Meter vom niederösterreichischen Angern entfernt, soll es laut Menschenrechtsorganisationen vor vier Jahren zu fast einer Art Pogrom gekommen sein: Ein Romahaus ging in Flammen auf, die Familie wurde mit Baseballschlägern verprügelt, ein kleines Mädchen soll sogar in die March geworfen worden sein.

Die Ermittlungen verlaufen seit Jahren im Sand, aber laut NGOs war ein Streit um ein Stück Land die Ursache des Übergriffs. Die Gemeinde hätte sich das Grundstück einverleiben wollen, behauptet Columbus Igboanusi von der slowakischen Liga der Menschenrechtsanwälte. Die Fläche liege im Stadtkern und sei in den vergangenen Jahren lukrativ geworden – wie so vieles in der westlichen Slowakei. „Dann versucht man halt, es mit Gewalt zu nehmen. Bei Roma kann man sowieso immer argumentieren, dass sie asozial sind“, sagt der Anwalt, der selbst schon wegen seines Engagements mit dem Tod bedroht worden ist.

Politische Lösungen scheitern meistens, wie selbst Romapolitiker zugeben. „Wir haben viel in Plavecký Štvrtok gearbeitet“, sagt Ladislav Fízik, Rom und rechtsgerichteter Politikberater. Fízik war mit der Verbesserung des Lebensstandards in der Kolonie betraut. „Wir wollten sie vom Müll befreien. Und wir haben einen Sonderbeauftragten abgestellt, der die Leute unterstützen sollte.“ Bald musste dieser entnervt aufgeben. „Es ist schwer, für sie zu kämpfen, wenn sie gar nicht wollen“, meint Fízik. „Die Kolonie zeigt das ganz gut. Es hat einfach keinen Sinn gehabt.“ Manchen Roma sei schlicht nicht zu helfen, sagt er.

Rund ein Drittel der slowakischen Roma lebt in verwahrlosten Siedlungen wie jener von Plavecký Štvrtok. Fízik fühlt sich ihnen verpflichtet, und gleichzeitig machen sie ihn zornig. „Der Staat muss sie strenger kontrollieren. Das ist eine ganze Generation ohne jeglichen Antrieb, ohne Motivation, ohne Leistungswillen.“

Auch Marie Biharigová hat die Geschichte vom Sonderbeauftragten gehört, der für ihre Siedlung abgestellt wurde. „Einmal ist irgendein Betreuer aus Bratislava gekommen“, sagt sie. Und dann lächelt sie triumphierend. „Den haben wir innerhalb von Tagen wieder weggejagt.“

Erschienen im Falter 41/08

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Minderheiten, Osteuropa, Reportagen, Roma

Auf der Suche nach dem perfekten Gang

Die Zukunft des Fahrrads sieht aus wie seine Vergangenheit. Schwarz, schlicht, ein wenig wie ein altes Steyr-Waffenrad. Vor ein paar Jahren waren neugekaufte Räder noch glitzernd lackiert, mit protzigen Firmenlogos bepickt und mit auffälligen Extras versehen. Heute kehrt man zum Ursprung zurück. Small is beautiful, schlicht ist nobel und Protzen ist sowieso das Letzte – eine Sichtweise, die in Zeiten des Wohlfühlkonsums nicht nur für Fahrräder gilt. Aber dort fällt sie angesichts der Dezenz neuer Modelle besonders auf. Technische Innovationen müssen sich tief im Inneren des Gefährts verstecken. Edel ist nämlich, was nur der Fachmann als edel erkennt.

Beim Leonardo Nu Vinci der deutschen Traditionsmarke Hercules liegt die Innovation in der hinteren Radnabe, wiegt rund drei Kilo und könnte trotzdem die Zukunft des Fahrrads gehörig durcheinanderbringen: eine stufenlose Gangschaltung. Dafür bedient man einen Drehregler am Lenker. Der setzt mittels eines komplizierten Kugellagersystems eine Art Kolben am Hinterrad in Bewegung, der die Spannweite der Kette verändert. Auf diese Art reguliert man den Tretwiderstand – ohne die sonst üblichen Sprünge und Gangwechsel.

Beim klassischen Schalten kostet jeder Gangwechsel Kraft – das weiß, wer jemals eine anstrengende Tour absolviert hat. Und wer vor der Bergstrecke nicht rechtzeitig nach unten schaltet, der kommt überhaupt nicht in die Gänge. Je länger man fährt, desto sorgfältiger beginnt man daher zu justieren, um Kraft zu sparen. Bis bei entsprechendem Erschöpfungsgrad gar kein Gang mehr passt. Müde Fahrer (das ist wissenschaftlich nicht belegt, aber wahrscheinlich) schalten öfter als fitte. Ganz zu schweigen vom oftmaligen Zuckeln und Klacken selbst bestgewarteter Schaltungen.

Beim Leonardo Nu Vinci sollte das eigentlich Vergangenheit sein. Die stufenlose Übersetzung schafft den Grund allen Übels ab: den Sprung der Kette zwischen den Gängen. Das erspart dem Fahrer das Zuckeln genauso wie den Kraftaufwand bei zu frühem oder spätem Schalten. Sollte man meinen. Der Falter-Test in der steilen Berggasse am Alsergrund zeigt: Das Leonardo läutet – zumindest vorerst – keine neue Ära des Fahrradfahrens ein. Es ist nur ein bisschen bequemer.

Warum? Was die stufenlose Gangschaltung an Komfort bringt, nimmt das Gewicht des Fahrrads wieder weg. Schon ein normales Herren-Citybike ist mit rund 16 Kilo kein Fliegengewicht. Das Leonardo wiegt 20,3. Das Schalten ohne Sprünge fällt in der Steigung zwar vergleichsweise leicht – aber es ist doch einiges Gewicht, das man die steile Straße raufwuchten muss. Dazu kommt, dass sich der Regler nur dann leicht verstellen lässt, wenn – wie beim klassischen Gangwechsel – kein Druck auf den Pedalen lastet. Man stoppt also das Treten, um darauf umso heftiger hineinzubuttern: Da ist er, der gewohnte Kraftverlust. Und im Schuss die Berggasse hinunter zeigt sich, dass man bei hoher Geschwindigkeit bald mit dem Treten nicht mehr nachkommt.

Das alles gilt aber nur für steile Strecken. Im normalen Stadtverkehr funktioniert das Leonardo prima. Dass der schwarze Kasten mit der Schaltung zugeschweißt ist und somit nicht mal vom Händler geöffnet werden kann, darf durchaus als Garant für die Stabilität der neuen Technik gelten. Außerdem entfällt die Wartung. Im Test fällt das Schalten nach kurzer Gewöhnungsphase deutlich leichter als im alten System. Die Suche nach dem perfekten Gang stellt sich ganz automatisch ein – man justiert aus bloßer Lust am Justieren, es ist ja kein Aufwand. Die Grundidee für dieses System soll übrigens bereits der Renaissance-Universalist Leonardo da Vinci erdacht haben, als er im Jahr 1490 Getriebesysteme konzipierte. Viel später kam die Technik bei Kraftwerks- und Schiffsturbinen zum Einsatz. Noch später entwickelte die US-Firma Fallbrook eine kleinere Variante für Fahrräder. Dann wagte Hercules die Massenproduktion für den europäischen Markt. Und jetzt leistet der massige runde Kasten am Hinterrad seine Dienste, ohne weiter aufzufallen.

Fazit:

Hübsch, schwarz, dezent geschwungene Formen, wendig trotz seines Gewichts. Die Gangschaltung löst noch keine Revolution aus – aber vielleicht wird sie in 20 Jahren Standard sein.

Erschienen im Falter 40/08

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Eingeordnet unter Verkehr

Ein Land und sein Mörder

Es war einmal ein Texaner, der nach Österreich kam und eines Abends eine unglaubliche Geschichte hörte: Ein Mann namens Jack Unterweger lebte hier vor fast 20 Jahren. Tagsüber unterhielt er als gefeierter Schriftsteller die Wiener Gesellschaft, nachts ermordete er im Wienerwald Prostituierte. John Leake begann sich zu interessieren und schrieb die Geschichte schließlich nieder. Nun liegt sie in deutscher Übersetzung vor – 455 Seiten stark, amerikanischer Doku-Journalismus im besten Sinn: detailreich bis ins Kleinste, ohne jemals den Überblick zu verlieren. Wer die bizarre Geschichte Unterwegers liest, lernt ganz nebenbei die Grundzüge von Forensik und Kriminalpsychologie kennen. Und gewinnt nicht zuletzt tiefen Einblick in eine Gesellschaft, die Unterweger mit einer Kritiklosigkeit protegierte, die an Fahrlässigkeit grenzte. Sehr empfehlenswert.

Joseph Gepp

John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer. Residenz, 455 S., € 24,90

Erschienen im Falter 40/08

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Eingeordnet unter Bücher, Stadtgeschichte