Zonengrenze

REPORTAGE Ohne massiven Polizeieinsatz hätten Türken und Kroaten einander letzten Freitag in Ottakring möglicherweise die Schädel eingeschlagen. So schnell kann Spaß in Gewalt übergehen. JOSEPH GEPP

Gerade noch, Minuten zuvor, waren sie Freunde gewesen, hatten gemeinsam auf Tischen getanzt und ihre Fahnen lachend zusammengeknüpft, hatten aus derselben Bierflasche getrunken und ein schönes Fest gefeiert. Jetzt fragt ein Bursche, kaum älter als zehn Jahre: „Hast du Flasche?“ Mehr als genug davon liegen auf der Ottakringer Straße herum. Der Kleine hebt eine auf, nimmt Anlauf und schleudert sie mit aller Kraft in Richtung Yppenplatz, wo die Türken stehen. Gleich darauf springt er in einen Torbogen, um dem Flaschenhagel von der anderen Seite auszuweichen. Der Bursche trifft sein Ziel nicht, denn ein Kordon aus 50 Polizisten steht ihm gegenüber. Dahinter liegen 20 Meter umkämpftes Niemandsland, auf dessen anderer Seite sich wiederum Polizisten befinden, die die Türken zurückhalten. Die Flasche zerschellt im Zwischenraum. Ihre Scherben prallen an den Schutzhelmen der Polizisten ab. „Scheiß Islam. Hurensöhne“, schreien die jungen Kroaten. Alte Feindschaften kommen wieder hoch.

Einige Minuten haben gereicht, um in der letztwöchigen Freitagnacht ein friedliches und freundschaftliches Fest in eine Gewaltorgie zu verwandeln. Es war ein spannendes Spiel. Als die kroatische Mannschaft in der 119. Minute ein Tor schießt, hält die ganze Ottakringer Straße – mittlerweile als „inoffizielle Fanzone“ bekannt – den Atem an. Dort stehen vornehmlich Kroaten. Große Menschentrauben verfolgen das Match auf kleinen Fernsehschirmen, das Bier wird heute auf der Straße gezapft, junge Österreicher mischen sich unter die euphorisierten Fans. Eine Minute bleibt jetzt bis zum Abpfiff. Der Einzug ins Halbfinale scheint sicher. Aber während die Fußballfans im rot-weißen Schachbrettmuster schon über den Sieg jubeln und erste Feuerwerke den Himmel erhellen, schießen die Türken den Ausgleich. Es folgt das Elfmeterschießen, und am Ende steht fest, womit nur wenige gerechnet haben: 3:1 für den Außenseiter Türkei. Kroatien ist draußen.

Die Polizei hat wohl mit Zusammenstößen nach dem Spiel gerechnet. Obwohl beteuert wird, dass es voraussichtlich zu keinen Ausschreitungen kommen werde, sperrt sie schon untertags das Viertel fein säuberlich entlang ethnischer Grenzen ab. Provisorische Checkpoints werden errichtet: Ottakringer Straße und Veronikagasse für die Kroaten, Brunnengasse und Yppenplatz für die Türken. Dazwischen stehen Polizisten an Metallbarrieren und unterziehen jeden Fan-T-Shirt-Träger nichtdeutscher Muttersprache einer peniblen Gesichtskontrolle.

Die Nationalitäten finden trotzdem zueinander. Zwar dominieren die Kroaten ebenso eindeutig die Ottakringer Straße wie die Türken den Yppenplatz, aber während des Spiels mischen sich die Gruppen. Wer zu diesem Zeitpunkt sieht, wie sie miteinander jubeln und einander herzen, könnte sich keine Ausschreitungen vorstellen. Doch die letzten Minuten des Spiels scheinen für manches patriotische Herz zu viel: Nach dem Match stürmen Kroaten in Richtung türkische Zone. Drüben, in der Brunnengasse, sind die Türken mittlerweile unter sich – und feiern. Alte Frauen mit Kopftüchern jubeln und umarmen Fremde; Trommler und Flötenspieler marschieren in spontanen Prozessionen durch die Straßen; Kinder recken ihre roten Stirnbänder mit aufgesticktem Halbmond in die Höhe. Wie zum Schutz des fröhlichen Treibens hat sich eine Hundertschaft junger Männer am Rand der türkischen Zone versammelt. Ihnen gegenüber stehen die Kroaten. Die Polizei verhindert einen Zusammenprall.

Dann fliegen Flaschen und Pflastersteine in beide Richtungen. Ein Wohnungsfenster, aus dem eine türkische Fahne hängt, zersplittert. „Tötet die Türken“, schreien Kroaten. Ein Kellner kommt aus einem kroatischen Lokal, stellt sich der Menge entgegen und schreit: „Reißt euch zusammen! Was sollen die Leute von euch denken.“ Er appelliert an ihr nationales Selbstwertgefühl: „Ihr seid Kroaten!“ Doch seine Rufe hallen ebenso ins Leere wie die vieler anderer, die missbilligend den Kopf schütteln oder entnervt das Feld räumen. In dieser Nacht gehört die Straße den Gewaltbereiten. Wenn die Polizei sie abdrängt, ziehen sie in der nächsten Gasse gegen den Gegner. Um sich vor den Flaschen zu schützen, drücken sich Passanten, Fotografen und Schaulustige in Toreinfahrten oder flüchten sich in Lokale. Die Polizisten stürmen geschlossen nach vorne und verbreitern so die Trennzone zwischen den Gruppen. Mit ihren schweren Stiefeln zertreten sie dabei die herumliegenden Flaschen. Passanten werden zur Seite gestoßen. Autoscheiben gehen zu Bruch. Als in der Menge ein paar Feuerwerkskörper explodieren, bricht kurz Panik aus.

Länger als eine Stunde versuchen die Kroaten, zu den Türken durchzudringen. Ebenso lang fliegen Flaschen und Steine vom türkisch dominierten Yppenplatz in Richtung Ottakringer Straße. Ein türkischer Fan, der es auf die andere Seite geschafft hat, läuft zwischen Kroaten und Polizei durch und schwenkt dabei seine Fahne. Der Flaschenhagel, der darauf folgt, trifft die Polizei, denn der Provokateur hat sich in ein Haus geflüchtet. Im Großen und Ganzen gelingt es der Exekutive, die Fangruppen voneinander zu trennen. Nur einzelnen Beamten scheint die Situation über den Kopf zu wachsen. Einer tritt grundlos auf ein Auto ein. Vier andere stürzen sich auf einen kroatischen Fan, zerren ihn in eine uneinsehbare Ecke und fesseln seine Handgelenke mit Kabelbinder. Als er zum Polizeiwagen geführt wird, fließt Blut über seine Unterarme.

Die Bilanz des Abends: drei Leichtverletzte, zwölf Festnahmen, 31 Krankenhaustransporte. Ausschreitungen gab es nicht nur in Wien, sondern auch in der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar. Auch dort lebten alte Feinschaften auf: Nicht Türken standen den Kroaten gegenüber, sondern muslimische Bosniaken, die sich aufgrund ihrer Religion und Geschichte der Türkei verbunden fühlen. In Wien hatte die Polizei mit 4600 Polizisten auf der Straße den bisher größten Einsatz der EM zu bewältigen. Die gewalttätigen Fans waren nicht extra aus den Heimatländern angereist, sondern vornehmlich Türken und Kroaten aus Wien. Keine Hooligans, schlicht Einwanderer der zweiten oder dritten Generation. Es waren nur wenige, aber sie drückten dem Abend ihren Stempel auf. Ein unsportliches Ereignis.

Erschienen im Falter 26/08

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Eingeordnet unter Balkan, Migranten, Wien

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