Weit im Norden

WELT IN WIEN (2) Bäume, Änderungsschneidereien und New-Age-Puffs. Die Stuwerstraße ist ein Stück Berliner Arbeiter-Kiez. JOSEPH GEPP

Bäume am Straßenrand können eine Stadt prägen. Im Herbst oder bei Wind landen ihre Blätter auf den Straßen, die dadurch immer etwas ungepflegter wirken als ihre baumlosen Pendants. Wenn die Blätter oben bleiben, dann überdachen Bäume die Stadt, und ihre Schatten liefern sich wilde Schlachten mit dem vereinzelt durchdringenden Sonnenlicht. Wer in unteren Etagen wohnt, muss für den Blick ins Blattgrüne weniger Licht in Kauf nehmen. Und Bäume verbreitern Straßen: Wenn zwischen Gehsteigkante und Fahrbahn ein Baum steht, dann braucht er Platz. In Alleen stehen parkende Autos quer, in baumlosen Straßen parallel zur Gehsteigkante. Wer in einer Allee lebt, wird die Straßenschlucht nicht als beengend empfinden.

Wien ist im Allgemeinen eine Stadt ohne Bäume am Straßenrand. Dafür sind die Straßen zu schmal und zu wenig gerade. In gründerzeitlichen, aus Zinshausblocks zusammenkomponierten Berliner Arbeitervierteln hingegen – etwa Kreuzberg, Schöneberg oder Neukölln – findet man die Alleen häufiger. Oder im Wiener Stuwerviertel, das aussieht, als hätte man ein Stück Schöneberg (vielleicht die Stelle, wo der Flughafen Tempelhof steht) herausgeschnitten und eins zu eins nach Wien übertragen.

Seine Hauptstraße, die Stuwerstraße, ist Berliner Kiez schlechthin – und das nicht nur wegen der Bäume und querstehenden Autos: Aneinandergereihte schmucklose Häuserfassaden und Geschäftsschilder wie „Änderungsschneiderei“ oder „Videoteka“ vermitteln eine fast dörfliche Atmosphäre. Ein Kind fährt mit einem Dreirad zwischen parkenden Autos umher, zwei ältere Männer genehmigen sich in einem Schanigarten ein vormittägliches Bier. In der Nähe liegt eine serbische Fleischerei, vor der sich der dicke Chef im blutverschmierten Kittel lachend mit einem Kunden unterhält. Vielleicht macht die isolierte Lage das Viertel so dörflich: Im Westen und Osten liegen Lasalle- und Ausstellungsstraße, im Norden die Donau, im Süden der Moloch Praterstern. Berlin wirkt ja auch nicht wie eine homogene Stadt, sondern eher wie eine Ansammlung isolierter Orte mit jeweils starkem Eigenleben.

Dabei steht die Stuwerstraße im Bewusstsein der Wiener gar nicht für Dorfatmosphäre, sondern für illegale Prostitution. Auch das ist unübersehbar: Ein Herz aus rotem Buntpapier klebt hinter der Scheibe einer Eingangstür, daneben formen ungeschickt ausgeschnittene Lettern „Top 1“. Nebenan verrät eine Aufschrift über einem Schaufenster ungewollt etwas über die jüngere Geschichte der Straße und ihrer Umgebung: Die hellen Stellen auf einem Blechschild deuten noch auf das Wort „Friseur“ hin. Darüber steht „Salon Angelika“, doch auch dieser Schriftzug blättert schon ab. Und darüber wiederum: „Royal Thai Massage Energetik Institut“. Sogar das Puff schmückt sich heute schon mit den Reizwörtern von New Age und fernöstlicher Ganzheitlichkeit. Aber so was gibt es in Berlin sicher auch.

Die „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Paris

Erschienen im Falter 30/08

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtplanung, Welt in Wien

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