Volim te Hrvatsko

REPORTAGE Am Wochenende war Wien kroatischer als alle kroatischen Städte zusammen. Wie es aussieht, wenn der Balkan in die Stadt kommt. JOSEPH GEPP

Seit Monaten redet man nun über die EM, über Hooligandateien und Polizeikontrollen, inszenierte Begeisterung und tatsächliche Aussichtslosigkeit, Paninipickerl, Europhorie und teures Bier. Und dann, vergangenen Freitag, 16.16 Uhr, piepte das Handy eines kroatischen Freundes: „Schick diese SMS an alle Kroaten in deinem Telefonbuch! Treffpunkt aller Fans am Sonntag, 14 Uhr, vor der kroatischen Kirche. Marsch durch den ersten Bezirk bis zum Praterstern. Weiterschicken!“ Abseits offizieller Zonen und außerhalb des Beschallungsradius der großen Uefa-Schirme will man sich also treffen. Wo die kroatische Party stattfindet, das suchen sich die Fans selbst aus.

Wenn Kroaten nach Wien kommen, dann haben sie vor allem zwei Bezugspunkte. Erstens das Grätzl um die Ottakringer Straße, die „Balkanstraße“, wo viele ihr Lager bei Onkeln, Neffen oder Cousinen aufschlagen. Little Zagreb wird dann noch kroatischer, als es schon ist, wenn nicht gerade EM stattfindet. Zweitens die Kirche am Hof, wo jeden Sonntag – fast unbemerkt von der österreichischen Öffentlichkeit – kroatische Messen gelesen werden. Vor vollem Haus. Kroatien ist ein Land, in dem Nationalspieler dem Fernsehen erklären, welches Gebet sie vor dem Match sprechen. Familie und Kirche sind Fixpunkte der meisten Kroaten und kroatischer Fußballfans. Dementsprechend sieht das Programm aus: Samstagabend zog man zu tausenden johlend und Fahnen schwenkend nach Ottakring, um sich dort auf die Lokale zu verteilen und auf der Straße zu feiern. Am darauf folgenden Sonntag, Spieltag, 14 Uhr, trifft man sich am Hof.

Was dort stattfindet, hat die Zweite Republik mit einiger Wahrscheinlichkeit noch nicht erlebt. Die begeisterte und euphorisierte Menschenmenge zieht sich von der Kirche über die Tuchlauben und den Graben bis zum Stephansplatz. 50.000 kroatische Fußballfans sollen laut Polizei in der Stadt sein. Ein Meer im rot-weißen Schachbrettmuster. Die Fans stehen auf Schanigartentischen und tanzen, blasen in Tröten, schwenken Fahnen und klettern auf Fassaden, um Transparente aufzuhängen. Sie versprühen bengalische Feuer und vergießen Lacken von Bier. Sie singen Lieder, zu hunderten, in atemberaubender Lautstärke. „Kroatien, die goldene Kraft deines Weizens, die blauen Augen deiner See.“ Der Weizen steht für die Binnenregion Slawonien, die blauen Augen für die Adriaküste. „Volim te Hrvatsko“, skandieren sie. „Ich liebe dich, Kroatien.“ Zwei oder drei Tage halten sich die meisten von ihnen in Wien auf, gekommen sind sie aus Zagreb, aus der Küstenregion Dalmatien und aus Bosnien-Herzegowina. „Wir sind so viele, ihr kommt nicht an gegen uns“, singen sie. Das klingt kämpferisch, aber die Stimmung ist friedlich. So heiter, dass selbst die Polizisten sich anstecken lassen. Die Fans herzen und umarmen sie, man tanzt mit ihnen Polonaise. Am Stephansplatz grinsen die Aida-Verkäuferinnen, als 30 Kroaten den Balkon der Konditorei stürmen und eine Fahne des FC Rijeka hissen. Zwei alte Wienerinnen lächeln amüsiert, als sie sich ihren Weg unter einer kroatischen Fahne hindurch bahnen. Sie hat die Fläche einer kleinen Wohnung und wird von einigen Dutzend Menschen in die Höhe gehalten. Das Sonnenlicht zeichnet den Fans darunter rote und blaue Schatten ins Gesicht. Die alten Damen finden das witzig. Wien zeigt sich heute von seiner toleranten Seite.

Mittendrin einige Polen, Türken und Deutsche, die erst später mehr werden sollen. Und eine verschwindend geringe Anzahl österreichischer Fans. Sie verlieren sich allesamt im balkanischen Taumel. Was sie an Tröten, Gesängen, Flaggen und bunter Schminke aufzubieten haben, kommt gegen die Kroaten nicht an. Es ist keine Manifestation gegen Österreich, die hier stattfindet, dafür scheint der Gegner aus dem Norden den Kroaten zu unwichtig. Es ist auch nicht der Geist des Jugoslawienkriegs, der sich hier zeigt. Ein paar antiserbische Lieder und ein paar Rechtsradikale mit faschistischen Symbolen auf Poloshirts können dem Gesamteindruck nichts anhaben: ein betrunkener, spaßiger Patriotismus, vorgeführt von einer jungen Nation, die sich für Fußball wahrhaft begeistert. Man stülpt sogar Babys und Hunden das Schachbrettmuster über. Man grüßt Türken mit Hupkonzerten und Österreicher mit Schulterklopfen. Wir sind da, wir mögen euch, und besser sind wir sowieso, scheinen die Kroaten zu sagen.

Vergangenen Sonntag wurde die sonst vergleichsweise beschauliche Innenstadt so zu einer großen, wilden und besoffenen Partymeile. Im Café Alt-Wien, wo sonst bei Rotwein und Zigaretten über Gott und die Welt schwadroniert wird, sitzt Petar, ein Fußballfan aus Zagreb. Er passt gar nicht ins Café, so wie er die Beine über die Sessellehne hängt, sich den Schweiß von der roten Stirn streift und Bier für alle bestellt. Voll Stolz erzählt er von einem Ereignis in der Tiefgarage: Zwei Tage lang habe er sein Auto dort stehen gehabt, 60 Euro hätte er dafür zahlen sollen. Zu viel für das Abstellen eines Fahrzeugs, wie Petar meint. Also ging er nochmals zum Automaten, löste ein weiteres Ticket und verließ mit jenem um fünf Euro die Garage. Er lacht schelmisch und schallend und rechnet sich aus, wie viel Bier er um 55 Euro trinken kann. „You cannot fuck a Balcanian“, resümiert Petar in holprigem Englisch. Seine Sitznachbarin lächelt und meint: „An solchen kleinen Dingen ist Jugoslawien zerfallen.“

Derart friedlich und leicht anarchistisch ist die Stimmung in Wien an diesen beiden außergewöhnlichen Tagen. Als Petar das Café verlässt, löst sich die Menschenmenge langsam auf. Sie zieht in die Leopoldstadt. Es ist 16 Uhr, zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Alkoholpegel steigt. Zehntausende Menschen wanken jetzt jubelnd in Richtung Stadion. Es wird ein friedlicher und spannender Abend werden.

Erschienen im Falter 24/08

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Eingeordnet unter Balkan, Migranten, Stadtleben, Wien

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