Sparsam, tierlieb, kinderlos

STADTMENSCH Ein Wiener Serbe sammelt Vorurteile über In- und Ausländer, wettert gegen den tagtäglichen Sprachverfall und schreibt Dramolette über Personalpronomen. Die ganz eigene Welt des Goran Novakovic JOSEPH GEPP

An einem Tisch im Café Rathaus sitzt ein Mann im knallorangen Hemd und hebt nacheinander die Finger. „Erstens: Sie sind pathologisch sparsam.“ Wenn Serben Serben einladen, dann gebe es ganze Festbankette, erzählt Goran Novakovic. Wenn Österreicher einladen, gebe es ein Getränk. „Zweitens: Sie mögen Tiere mehr als Menschen.“ Ein Hund im Bahnwaggon, das sei in Belgrad empörend, ein stinkendes Monstrum. Ein Mensch, der einen Hund küsst, das sei geradezu pervers. „Und drittens: Sie lieben die anonyme Anzeige. Wenn du einmal feierst, dann rufen sie die Polizei.“

Goran Novakovic´, 46, Serbe, mag Vorurteile. Er sammelt sie und schreibt sie in Büchern nieder. Er meint, dass sie aus kulturellen Prägungen resultieren, viel über Gesellschaften aussagen – und nur überwunden werden können, indem man sich mit ihnen auseinandersetzt. „Das Vorurteil ist ein menschlicher Mechanismus“, sagt er. „Unter Fremden fühlt man sich unsicher, weil man keine Erfahrungen mit ihnen hat. Es hilft einem nur, sich darauf einzulassen. Wahrheit ist die Voraussetzung für jede gelungene Psychotherapie.“ Die Vorurteile, die er eben aufgezählt hat, hegen ihm zufolge hier lebende Ausländer gegenüber eingeborenen Österreichern. Ein ganzes Kompendium in Buchform, „Wien für Ausländer“, hat Novakovic´ zusammengetragen und will es nun veröffentlichen.

Eigentlich sollte Goran Novakovic´ der Liebling jedes österreichischen Linken sein – ein Serbe, noch dazu ein Intellektueller, der sich mit Vorurteilen befasst. Aber er ist es nicht, und auch das ist Teil seiner Vorurteilskunde. Er greift in seine Tasche und fischt ein Buch heraus, sein 2006 erschienenes „Vergleichendes Wörterbuch der Ausländer/innenologie“. Anhand von Begriffen, die man hierzulande allgemein mit Ausländern assoziiert, beschäftigt er sich darin mit österreichischen Vorurteilen. Jeder Begriff ist doppelt erklärt: Der „im Volk verbreiteten Meinung“ steht jeweils „die Denkweise einer kleineren, bezüglich dieser Angelegenheit sehr engagierten Schicht der Bevölkerung“ gegenüber. Gutmenschentum gegen Stammtischrülpser also. Bei „ausländischen Bräuchen“ klingt das beispielsweise so: „eine Reihe verblüffender, primitiver, wilder, dem zivilisierten Europa völlig fremder Rituale, die ehrliche, anständige, christliche Inländer auch mit größter Mühe nicht zu begreifen imstande sind“. Beziehungsweise: „eine unschätzbar wertvolle Sammlung von aus anderen Kulturen stammenden Bräuchen, die man glücklicherweise im eigenen Land miterleben darf“. So viel Sarkasmus und politische Unkorrektheit dürfe sich eigentlich nur ein Ausländer erlauben, findet Goran Novakovic´. Und genau deshalb bestehe nicht nur an Österreichs Stammtischen Bedarf an einer Enttabuisierung dieses Themas. „Wer ehrlich mit sich selbst ist, der wird auf beiden Seiten Richtiges finden“, meint Novakovic´. „In dieser Stadt laufen lauter Schizophrene herum. Es gilt nur das, was die ohnehin schon vorhandene Sichtweise bestätigt. Die Wiener könnten viel offener sein. Aber sie sind einfach zu verkrampft.“ Sein Lexikon soll ein Hinweis auf die mentale Befindlichkeit dieses Landes und seiner Bewohner sein.

„Ich will aufrichtig vermitteln, aber ich bin etwas zu krass“, sagt er, und diesmal übertreibt er nicht. „Aber was hilft’s, es allen Recht zu machen. Auf diese Art kann man keine Verständigung schaffen.“ Im Jahr 1991, als Slobodan MilosÇevic´ regierte, kam der Literaturwissenschaftler und Germanist „aus mentalhygienischen Gründen“ aus der damaligen jugoslawischen Hauptstadt nach Wien. Er stamme aus dem „schönsten Belgrader Lumpenproletariat“ und habe gegen den Willen der Eltern Geisteswissenschaft studiert, erzählt er. „Die Bauernburschen sterben an der Front. Die Intellektuellen machen sich rechtzeitig aus dem Staub. Das ist leider ganz normal.“ Belgrad, sagt er, sei vor dem Krieg ein „Arkadien“ gewesen, eine „geile Stadt“: „Der ganze Osten schaute mit aufgerissenen Augen in unsere Richtung. Ich hätte nie weggehen wollen. Wien war dagegen Provinz, verschlafen und langweilig.“ Heute sei es umgekehrt: In Belgrad hat der Krieg die Bevölkerungsstruktur umgedreht. Verarmte und Flüchtlinge strömten aus ländlichen Regionen in die Hauptstadt. „Belgrad ist heute von, new primitives‘ bevölkert. Das Bürgertum wurde total zerstört. Die interessanten Dinge dagegen passieren in Wien.“ Novakovic´ erzählt von den beiden Städten und vom Krieg, von Literatur und Schriftstellerei. Sein Wortschatz ist reicher als der von so manche gebürtigem Österreicher. Er spricht mit slawischem Akzent und lacht zwischendurch, auch an unpassenden Stellen, genauso wie er über unpassende Dinge schreibt. Manche könnten seine Ehrlichkeit missverstehen. „Ich will nicht arrogant sein. Ich will vermitteln.“ Dafür verfasst er seine Theaterstücke, Romane und Abhandlungen über Vorurteile, dafür unterrichtet er Serbokroatisch an einer Volkshochschule und hat auch einen Zivilberuf, den er nicht in der Zeitung lesen will. Erdig, stämmig und voller sprühender Einfälle spricht Goran Novakovic´ jedem Klischeebild Hohn. Seine Natur ist sein Lebensthema.

Wenn er nicht gerade Vorurteile sammelt, dann beschäftigt er sich mit Grammatik, diesem „zauberhaften System der Ordnung unseres Denkens“, wie er sagt. In einem seiner Theaterstücke stellen die sieben Personalpronomen die Protagonisten dar. In letzter Zeit widmet er sich vermehrt den Modalverben. „Müssen, können, wollen, sollen, dürfen und mögen“, sagt er, „sind täglich dem schlimmsten Missbrauch vonseiten der Sprechenden ausgesetzt. Da fehlt ein neues Bewusstsein.“ Nur wenige seiner Werke wurden veröffentlicht. Eines davon, „Wir, die Zugvögel“, beschäftigt sich mit den Lebensgeschichten von zehn Gastarbeitern. „Gastarbeiter“ definiert sein Wörterbuch übrigens einerseits als „die einzige akzeptable Form des im Lande kurzfristig lebenden Ausländers“ – und andererseits als „einen uralten, nicht adäquaten, unmenschlich gefärbten Begriff für fleißige ausländische Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen“. Das ist die ganz eigene Art des Goran Novakovic´.

VWdA, Vergleichendes Wörterbuch der Ausländer/innenologie: Das vorläufige System der komparativen Vorurteile. 84 S., 10,-
Zu beziehen unter: http://www.vwda.at

Erschienen im Falter 25/08

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Migranten, Stadtleben

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