Petite Paris

WELT IN WIEN (3) Ganz schön pompös: Wie eine Seitengasse des 12. Pariser Arrondissements nicht ganz zufällig nach Wien-Wieden kam. JOSEPH GEPP

Über die steilen Mansarden und schmalen Balkone, die typisch für die französische Hauptstadt sind, war an dieser Stelle schon die Rede. Wer sich in Paris aufhält, kann aber gar nicht festmachen, worin sich der ganz eigene Stil dieser Stadt ausdrückt. Es sieht ja alles gleich aus. Wenn sich dagegen ein Haus à la française nach Wien verirrt, bildet es unter tausenden eine Ausnahme – und sein Stil lässt sich sofort beschreiben: meterhohe Fenster, davor die obligaten kleinen Balkongitter aus verschnörkeltem Gusseisen, oft mit vergoldeten Blumenornamenten darüber. Das Dach, das bei Wiener Häusern nur über seinen Nutzwert definiert zu sein scheint, dient in Frankreich der Repräsentation: Große runde Fenster zieren seine Schrägen, selbst die Rauchfänge ragen wie stolze Masten aus dem Häusermeer. Und eine weitere Pariser Eigenheit: Das eiserne Tor vor jedem großen Haus ist oft das auffälligste Element am ganzen Arrangement. Tausend Verästelungen, Verstrebungen und Ornamente. Die Schwelle in ein anderes Reich. Dagegen dient das Wiener Tor nur zum Durchfahren.

Paris in Wien liegt an der Technikerstraße, benannt nach der nahegelegenen TU am Karlsplatz, auf der Wieden. Dort steht die französische Botschaft. Die Anmutung ist also kein Zufall. Als Georges-Paul Chedanne das Haus im Jahr 1901 konzipierte, kritisierte man laut Botschaft, dass es „nicht zu seinem habsburgischen Umfeld“ passe.

Doch nicht nur dieses Gebäude macht die Technikerstraße so pariserisch. Die Gründerzeitzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite, diesmal wienerisch, ist prachtvoll wie kaum eine außerhalb der Ringstraße – schließlich war es immer schon Statussymbol, im Botschafterviertel zu wohnen. Und wer in Richtung Schwarzenbergplatz blickt, bleibt an einer weiteren pompös-gründerzeitlichen Kolonnade hängen. Breite Toreinfahrten, dicke Balustradenreihen und imperiale Blickachsen kennzeichnen Paris – und die Technikerstraße. Von ihren beiden Fahrspuren liegt eine tiefer als die andere, dazwischen verläuft ein altes Eisengitter. Dieses Geländer müsste noch steinern und möglichst mit irgendwelchen Statuen verziert sein, es wäre ein idealtypisches Seitengässchen im zentrumsnahen Paris, beispielsweise im 12. Arrondissement, in der Nähe der Place de la Nation.

Die Wiener Entsprechung zum Place de la Nation – auf dem eine üppige Frauenstatue die französische Nation symbolisiert – wäre in diesem Fall der Schwarzenbergplatz. Dort steht das im Sowjetstil gehaltene Russendenkmal mit seinen schroffen Formen und kyrillischen Lettern. Und schon ist man in Nowosibirsk.

Die Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Bukarest

Erschienen im Falter 31/08

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