Macht, Musik und gute Freunde

SZENE Kritiker werfen ihm vor, er mache die „Drecksarbeit“ für die Wiener SPÖ. Zu seinem Unterhaltungsimperium kommt jetzt auch noch die Szene Wien. Wer ist Josef „Muff“ Sopper? JOSEPH GEPP

Normalerweise trinkt man hier Bier aus Plastikbechern. Vor zwei Wochen jedoch lagen auf weißgedeckten Tischen Spargelspitzen im Roastbeefmantel und gegrillte Shrimps auf Schlagobershäubchen. Und nicht nur das Essen, auch die Anzugträger auf dem Podium passten nicht richtig zu ihrem Umfeld: die dunkle Konzerthalle der stadteigenen Szene Wien, Hauffgasse 26, Simmering. Sonst Heimstatt von Indie-Pop- und Alternative-Fans, war hier aus aktuellem Anlass eine Pressekonferenz einberufen worden. Das Management des Veranstaltungsorts soll ausgetauscht werden, mit 1. Juli dieses Jahres, verkündeten die Vertreter der Gemeinde. Wegen der geringen Auslastung wird Gina Salis-Soglio, die bisherige Chefin, jemandem weichen müssen, der vom Geschäft angeblich mehr versteht: Josef Sopper, besser bekannt unter seinem englisch ausgesprochenen Spitznamen „Muff“, Geschäftsführer des Planet Music in der Brigittenau. Die Szenekenner allerdings, die sich im Publikum eingefunden haben, scheinen mit dieser Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden. Nepotismus, eine verfehlte Personalpolitik und ein mangelndes Kulturverständnis werfen sie der Gemeinde Wien und dem neuen Betreiber vor – und das ziemlich lautstark. Es ist ein kleiner Clash of Civilizations, der hier stattfindet. Oben vertreten kühle Geschäftsleute die Interessen der Gemeinde, unten sitzen empörte Musikfans und Szene-Insider. Sie benutzen unterschiedliche Wörter und sprechen in verschiedenen Lautstärken. Sie verstehen einander nicht.

Und so verläuft die Pressekonferenz so wütend und emotionsgeladen wie sonst kaum eine: Die fünf bisherigen Mitarbeiter der Szene Wien würden, so sie wollen, selbstverständlich in den neuen Betrieb unter Sopper integriert, sagt Peter Gruber, Geschäftsführer der Stadthalle, der das Lokal untersteht. Minuten später verhaspelt er sich allerdings und spricht von „Exmitarbeitern“. Ein „Freud’scher Versprecher“ sei das, höhnt jemand aus dem Publikum. Da eilt Muff Sopper zu Hilfe: Wenn er sage, den bisherigen Mitarbeitern werde der Verbleib angeboten, dann sei das so. Denn: Er lüge nie. „Das war schon die erste Lüge“, schreit jemand nach vorne. Sopper pariert mit einem vorwurfsvollen „Oida“. So geht es in einem fort.

Die alte Führungsriege der Szene Wien fehlt auf dem Podium. Über sie sei der angekündigte Wechsel „überfallsartig“ und „wie ein Gladiator in die Arena“ hereingebrochen, kritisiert Norbert Ehrlich, 66, Exchef der Szene und Vorgänger von Gina Salis-Soglio. Vielleicht spricht er damit aus, was seine Nachfolgerin und ihre Mitarbeiter denken, aber nicht sagen dürfen: Vor der hitzigen Pressekonferenz macht das Gerücht von einem „Sprechverbot“ die Runde, das dem bisherigen Team auferlegt worden sei. „Wir wurden dezidiert auf unsere Treue- und Verschwiegenheitspflicht gegenüber der Stadthalle hingewiesen“, drückt es ein Mitarbeiter diplomatisch aus. Einiges deutet darauf hin, dass der Wechsel nicht allzu freundlich vonstatten ging: „Für mich kam die Nachricht von meinem Austausch völlig überraschend. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet“, sagt Salis-Soglio. Manuel Zwischenberger, Betreiber des zur Szene gehörenden Beisls, bekam – ebenfalls überraschend – vor drei Wochen die Kündigung seines Pachtvertrags zugestellt: „Das Szene-Team wusste schon früher davon, aber sie durften es mir nicht weitersagen.“

Eine feindliche Übernahme mitten im Roten Wien also? Mittels Stadthalle ist die Szene Wien Teil der Wien-Holding. Ebenso wie das Planet Music kassiert sie von der Gemeinde Kulturförderungen. „Dieser Führungswechsel ist so daneben, dass man es gar nicht ausdrücken kann“, sagt der Künstler und Musikjournalist Rainer Krispl. Kenner der Branche, Künstler und Medien sind sich einig: Muff Sopper darf nicht Geschäftsführer der Szene Wien werden. Eine Internetpetition für das Lokal „in seiner derzeitigen Form“ unterzeichneten deshalb innerhalb eines knappen Tages 1000 Menschen. Selten sprachen Medien einen Vorwurf, den sie sonst höchstens vage andeuten, so offen aus: Nepotismus. Sopper hätten „seine guten Kontakte zum Wiener Rathaus schon den einen oder anderen Deal eingebracht“, beschrieb der Kurier eine „sehr ungustiöse Geschichte“. Der Standard bescheinigte ihm „Freunderlwirtschaft“ und „einen ausgezeichneten Draht zur Wiener SP“. Laut Presse ist er „sehr gut mit dem Rathaus vernetzt“. Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist jener von Harry Kopietz, des mächtigen Landesgeschäftsführers der Wiener SPÖ. Sopper sagt ganz offen, dass Kopietz und er „sehr gute Freunde“ seien. Kopietz sei sein „Mentor“ und Trauzeuge bei seiner Hochzeit gewesen. Aber muss eine gute Freundschaft gleich Nepotismus bedeuten?

Zumindest treffen sich ihre Zuständigkeitsbereiche dann und wann. Harry Kopietz, 59, aus Floridsdorf, war Gründer des Donauinselfests im Jahr 1984. Josef Sopper, 50, aus Rudolfsheim-Fünfhaus, leitet bei der alljährlichen Großveranstaltung zwei Bühnen und die Gastronomie oberhalb der Floridsdorfer Brücke. Kopietz ist außerdem Ehrenpräsident des 1989 gegründeten Planet Music. Ende Juni muss das Heavy-Metal-Lokal auf der Adalbert-Stifter-Straße jedoch schließen und einem Wohnbau weichen. Als Ersatz wird Josef Sopper Mitte des Jahres von der Gemeinde Wien die Gasometer-Konzerthalle übernehmen. Und weil diese mit einer Kapazität von rund 3500 Besuchern für so manch typische Planet-Music-Veranstaltung zu groß ist, kommt auch gleich die Szene Wien dazu.

Seit mehr als 30 Jahren ist Muff Sopper im Musikgeschäft tätig. Sein Spitzname stammt von einem Gitarrenverzerrer aus den Achtzigerjahren. Seine politische Haltung beschreibt er mit „sozial und demokratisch“. Er war Künstler, Musikjournalist und Konzertorganisator. Seinen Wiener Vorstadtslang schmückt er mit Fremdwörtern. Die langen dunklen Haare und die betont lockere Kleidung erzählen von einer Sozialisation im Rockermilieu. Nur seine Geschäftsfelder reichen inzwischen deutlich über den musikalischen Bereich hinaus: Zu den zwei renommierten Konzertlokalen, über die er nach Schließung des Planet Music verfügen wird, kommt die Organisation von stadt- (und partei-) nahen Veranstaltungen wie das erwähnte Donauinselfest, das Maifest im Prater oder etwa die Eröffnungsfeier der U2-Verlängerung vor zwei Wochen. Seine Planet Music und Media GmbH gibt zwei musikalische Fachzeitschriften heraus und bietet ein Catering-Service. Daneben ist Sopper Geschäftsführer der Kulturplakat GmbH, die Anfang 2008 gegründet wurde, um wildes Plakatieren in Wien einzudämmen. Statt auf Hauswänden und Stromkästen kleben die Werbeposter seitdem zentral organisiert auf rund 21.000 metallenen Halbschalen. Das dafür verantwortliche Unternehmen gehört zu 70 Prozent der Außenwerbefirma Gewista und zu 30 Prozent zwei ehemaligen Wildplakatierern, die bei einer Pressekonferenz im Dezember für sich beanspruchten, „90 Prozent“ der Wiener Plakatkleber unter ihrem Dach versammelt zu haben. Trotz dieses breiten Repräsentationsanspruchs kommen beide Plakatierer, Muff Sopper und Johannes Bartsch, aus dem Vorstand desselben Vereins, der auch das Planet Music betreibt. „Dass die beiden exakt aus demselben Eck kommen, fördert noch die Monopolisierung am Plakatmarkt“, sagt Stefan Mathoi vom Verein „Freies Plakat“. „Planet Music ist jetzt schon stark präsent auf den Halbschalen.“

Sopper habe sicherlich keinen Nachteil, wenn er gleichzeitig Geschäftsführer der Kulturplakat GmbH und Betreiber zweier Veranstaltungshallen sei, mutmaßt Mathoi. Entsteht da nicht ein Interessenskonflikt? Nein, sagt Sopper. „Ich zahle als Geschäftsführer genauso viel für meine Plakate wie alle Kunden. Und wer etwas anderes sagt, der wird geklagt.“ Die Gewista gilt als rathausnah, Gasometerhalle und Szene gehören über einige Ecken zur Gemeinde, von tragenden kommunalen Rollen bei öffentlichem Nahverkehr, Donauinsel- und Maifest ganz zu schweigen: Stimmt also der Vorwurf der Freunderlwirtschaft? Nein, sagt Sopper. Harry Kopietz habe ihm nur dann und wann mit einem Ratschlag ausgeholfen. „Als der Caterpillar plötzlich vor der Tür vom Planet Music gestanden ist, da hab ich ihn angerufen.“ Und auch Kopietz selbst nennt den Vorwurf des Nepotismus „lächerlich“. „Ich kenne Muff Sopper sehr gut. Er ist ein verlässlicher Partner“, sagt er. „Aber trotzdem hat Professionalität zu herrschen.“ Vor mehr als einem Jahr, erzählt Kopietz, habe Sopper ihn angerufen. „Er hatte Schwierigkeiten mit dem Neubau beim Planet Music. Er hat gefragt, ob mir vielleicht was einfällt. Ich habe gesagt, man soll sich die Gasometer-Halle mal anschauen.“ Danach, sagt Kopietz, hätte er mit der Sache nichts mehr zu tun gehabt. „Mein Team und ich haben über Jahrzehnte gute Arbeit geleistet“, entgegnet Sopper dem Vorwurf der Freunderlwirtschaft, „und diese harte Arbeit hat eben Erfolg gebracht.“

Die Zahlen geben ihm Recht. Bei rund 80 Prozent liegt die bisherige Durchschnittsauslastung des Planet Music, nur 44 beträgt sie hingegen in der Szene Wien. Als das Kontrollamt im Jahr 2005 das Finanzgebaren der Szene Wien überprüfte, fiel die Bilanz gemischt aus: Zwar attestierten die Prüfer dem stadteigenen Lokal einen „ausgezeichneten Ruf in der Musikszene“ und einen „nicht zu unterschätzenden Beitrag für die heimische Jugendkultur“. Demgegenüber stehe allerdings eine „angespannte wirtschaftliche Situation“, die sich in jährlichen Verlusten von rund 600.000 Euro ausdrücke. Diese für einen defizitären Kulturbetrieb nicht allzu hohe Summe resultiere daraus, dass die Szene Wien wegen der Nachwuchsförderung stark auf Newcomer-Gruppen setze. So nehme sie „bewusst das Risiko eines geringen Zuschauerinteresses in Kauf“, schreibt das Kontrollamt. Das Betriebsergebnis sei auf diese Art „zwangsläufig negativ“.

Es ist ein altes Problem, das aus diesen Zeilen spricht: Wäre Avantgardekultur gewinnträchtig, müsste man sie nicht subventionieren. Josef Sopper, der neue Betreiber, will nun den Mittelweg gehen. Der Übernahmevertrag mit der Gemeinde verpflichtet ihn, den avantgardistischen Kulturauftrag des Lokals zu wahren. Weltmusik oder jungen österreichischen Pop werde es also auch künftig in der Szene geben, verspricht Sopper. Aber mehr Spieltage, ein offenerer Umgang mit Sponsoren und Synergien zwischen der Szene und dem nahe gelegenen Gasometer sollen das Unrentable rentabler machen.

Es ist allerdings gerade dieser Geist der Rentabilität, den Kritiker dem Unterhaltungsunternehmer vorwerfen. „Wofür das Planet Music steht, das ist Wettbewerb“, sagt der Musikjournalist Krispl. Harald Wiesinger, Keyboarder der Wiener Rockband Denk, kennt ebenfalls den Unterschied zwischen Kulturauftrag und Gewinnstreben aus eigener Bühnenerfahrung: „In der Szene war das Klima immer professionell und zuvorkommend. Es ist immer wer da, der dir beim Schleppen des Equipments hilft. Es sind immer Stagehands auf der Bühne. Meine Erfahrungen waren extrem positiv“, erzählt er von seinen Auftritten. „Im Planet dagegen funktioniert das alles nur bei großen Acts. Bei unbekannten Gruppen stellen sie dir drittklassiges Personal hin. Die Helfer sind nicht engagiert. Als kleine Band kommst du dir vor wie ein Störfaktor.“

Es ist nicht nur Nepotismus, der Muff Sopper vorgehalten wird. Es sind auch kulturelle Vorbehalte. Mit Szene Wien und Planet Music stehen sich zwei Milieus gegenüber. Hier die linksintellektuellen Studenten und ihre manchmal bemüht tolerante Weltanschauung. Dort die lederbejackten Rocker und ihre muskelbepackten Türsteher. Im Planet wirbelt eine Band schon mal eine aufblasbare Gummipuppe durch die Luft, in der Szene tanzen Performancegruppen aus dem Uralgebirge. Muff Sopper verachte die linksintellektuelle Studentenkultur, behauptet ein anonymer Szenekenner. Sizzla Kalonji beispielsweise, ein jamaikanischer Reggaesänger, hat wegen seiner schwulen- und frauenfeindlichen Texte Auftrittsverbot im Wuk und der Arena. Im Planet Music hingegen spielte er vergangene Woche. In der Zielgruppe der Szene Wien weckt so etwas die Angst vor Vereinnahmung: „Nehmen wir an, in der Szene treten nach dem Führungswechsel Bauchtänzerinnen aus dem arabischen Raum auf“, sagt Exchef Norbert Ehrlich. „Ich kann mir dann durchaus vorstellen, dass dann von den Planet-Leuten hinter der Bühne anzügliche Witze über Bauch und Busen kommen.“ Die Weltanschauungen der beiden Lokale divergieren. Es sind Subkulturen, deren ungeschriebene Gesetze und Selbstverständnisse man kennen muss. Die Betreiber der übergeordneten Stadthalle kannten sie nicht und konnten so die heftige Kritik, die dem Austausch des Managements folgen würde, nicht abschätzen. Jetzt rebelliert die Szene und Josef Muff Sopper, der neue Betreiber, übt sich im Krisenmanagement: „Machen wir es wie bei einer Regierung“, fasst er zusammen. „Gebt mir 100 Tage!“ Dann will er gezeigt haben, dass er es auch anders kann.

Erschienen im Falter 21/08

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