Gekommen um zu lernen

STUDIEREN Andere mögen Fußball schauen oder in der Alten Donau plantschen, aber für viele Studierende bedeutet der Juni Prüfungszeit. Wo kann man konzentriert lernen? Die besten Wiener Lesesäle im Praxistest. JOSEPH GEPP

Wenn rund 150.000 Studentinnen und Studenten in Wien vor ihren Prüfungen in die Bibliotheken drängen, kann der Platz schon knapp werden. Die Lesesäle sind voll, die Luft ist stickig, die Öffnungszeiten sind nicht immer den Bedürfnissen kompromissloser Extremlerner angepasst. Die Studierenden reagieren, indem sie Alternativen finden: Nach der Sperrstunde am Stammplatz führt der Weg in weniger bekannte Lesesäle. Auf diese Art wird das, was einmal Geheimtipp war, bald zum überfüllten Hot Spot – und der Studententross zieht weiter. Acht Lesesäle im Praxistest.

Der Humanist

Großer Lesesaal der Universität Wien

Gründerzeitlicher Prunk, imposante Galerie, 1884 im Ringstraßenstil errichtet. Er ist der König der Lesesäle. Man könnte sich fast in Harvard oder Princeton wähnen – aber die überfüllten Bankreihen und die stickige Luft holen einen dann doch nach Wien zurück: „Wenn 500 Menschen auf klappernden Stühlen sitzen und jeder zweite seine Schreiber fallen lässt, entsteht mitunter ein Lärmpegel“, schreibt ein Student im Uni-Forum. Was einmal repräsentativ war, schafft heute manch praktischen Nachteil. Die Raumhöhe führt zur Akustik einer Konzerthalle – das monotone Knarren der alten Sessel, das Klappern der Tastaturen und das selbstvergessene Gemurmel der Lernenden kann daher je nach Anlage beruhigend oder nervtötend wirken. Immerhin: W-Lan steht für Hauptuni-Studenten zur Verfügung, der Saal ist öffentlich zugänglich.

1., Dr.-Karl-Lueger Ring 1
Mo-Fr 9-21.45, Sa 9-18 Uhr

Der Beamte

Zeitschriftensaal der Universität Wien

Der kleine Bruder des großen Lesesaals liegt einen Stock tiefer, glänzt im schönsten Arbeiterkammer-Barock und lockt eine immergleiche Stammkundschaft an, die größtenteils aus sympathisch verschrobenen älteren Menschen besteht. Die Zeit scheint hier im Jahr 1972 stehengeblieben zu sein. Im Gegensatz zum großen Saal studiert man an einzeln stehenden Schreibtischen – die Atmosphäre ist dementsprechend weniger beengt, auch die Akustik ist besser. Entlang der Wände liegen Ausgaben von Foreign Affairs bis Falter: schlimme Feinde jedes konsequenten Lerners. Öffentlich zugänglich, keine Klimaanlage, W-Lan für Uni-Wien-Studenten.

1., Dr.-Karl-Lueger Ring 1, Mo-Fr 9-19 Uhr

Der Ruhige

Lesesaal der Wienbibliothek im Rathaus

Ein Geheimtipp: Versteckt in den zahllosen Gängen des Wiener Rathauses liegt die Wienbibliothek mit prachtvollem neugotischem Lesesaal. Er ist modern ausgestattet und nicht sonderlich gut besucht. Allerdings: extrem stickiges Raumklima, kein W-Lan. Öffentlich zugänglich.

1., Rathaus, Mo-Do 9-18.30, Fr 9-16.30 Uhr

Der Alt-Hippie

Lesesaal des Afro-Asiatischen Instituts

Wem früher der Hauptlesesaal zu imperial, das AKH zu steril und die Studenten allgemein zu bieder waren, der ging ins AAI. Dort lagen neben den Unterlagen Glücksbringer vom Titicaca-See und zwischen der Einführung in die Entwicklungszusammenarbeit und den Grundlagen der Nachhaltigkeit konnte sich schon mal der Duft eines gerade ausgepackten Kebabs im ganzen Raum verbreiten. Doch auch das AAI ist brav geworden: Vom Hippiehaften ist nur eine Mensa mit exotischer Kost, Kaffeehaus und sonnigem Innenhof geblieben. Der Lesesaal selbst ist heute wie alle anderen, nur schlichter: etwas zu klein geraten, stickig, kein W-Lan. Öffentlich zugänglich.

9., Türkenstraße 3
Mo-Fr 9-21.45, Sa-So 10-21.45 Uhr

Der Nüchterne

Lesesaal der Nationalbibliothek

Dieser Saal hat fast alles, was ein moderner Lesesaal haben sollte: eine (nicht immer ideal eingestellte) Klimaanlage, W-Lan, viel Platz, ergonomisch ansprechende Möblierung. Keine eingeschränkte Praktikabilität durch Gründerzeitpomp, kein Ethnoflair à la AAI, keine Zeitschriften mit Ablenkpotenzial. Schnörkellos, weiß, makellos, für den wahren Lerner. Dass er eine Alternative zur Infrastruktur der Hauptuni ist, hat sich allerdings schon herumgesprochen – dementsprechend drängen sich die Studierenden in der Nationalbibliothek. Benutzer brauchen einen Jahresausweis (F 10,-).

1., Heldenplatz, Mitteltor
Mo-Fr 9-16, Sa 9-12.45 Uhr

Der Unkonzentrierte

WU-Lernzonen

Verteilt über alle Gebäude stellt die Wirtschaftsuniversität ihren Studierenden sogenannte „Lernzonen“ zur Verfügung. In ihnen geht es lockerer und lauter zu als in klassischen Lesesälen. Es darf telefoniert werden, Getränke- und Kaffeeautomaten liegen in Reichweite. Ein Paradies für den flatterhaften Nebenbeilerner – selbst wenn die Zonen aussehen wie die Klassenzimmer einer Hauptschule. Ihre „Unique Selling Proposition“: In einigen von ihnen darf geraucht werden. Klimaanlage, W-Lan für WU-Studenten, selten überfüllt, öffentlich zugänglich.

9., Augasse 2-6, tgl., 6-22 Uhr

Der Versteckte

AKH-Lesesaal

Der Weg über etliche Ebenen und vielfarbige Aufzugstränge des AKH zahlt sich aus. Die Lernnischen der krankenhauseigenen Zentralbibliothek verstecken sich hinter breiten Bücherwänden, Trennwände an jedem Tisch stellen ein hohes Maß an Konzentration und Ungestörtheit sicher. Gut temperiert ist der Saal außerdem. W-Lan für alle (Nicht-Med-Uni-Studenten bekommen einen Gastzugang), öffentlich zugänglich.

9., Währinger Gürtel 18-20
Mo-Fr 9-24, Sa, So, Feiertag 9-23 Uhr

Der Ästhet

MAK-Lesesaal

Der schönste Lesesaal Wiens. Den Gründerzeitstil ergänzt eine moderne Möblierung: schlicht, massiv, mit viel Raum für jeden Lerner. Aus jedem Pult lugt eine Steckdose, der Saal ist ruhig, das Bibliothekspersonal freundlich. Der Nachteil: Durch die fehlende Klimaanlage steht die Luft, kein W-Lan. Öffentlich zugänglich (an der Museumskassa erhält man Zählkarten für den Lesesaal), an den Wochenenden mangels ausreichender Alternativen oft überfüllt.

1., Stubenring 5, Di-So 10-18 Uhr

Erschienen im Falter 24/08

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Eingeordnet unter Stadtleben, Wien

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