Der Zauberwald

NATUR Abgelegene Lacken, versteckte Lager, nackte Menschen. Die Lobau ist die große Auwildnis am Rand von Wien. Wen zog und zieht der Dschungel an? Eine Spurensuche. JOSEPH GEPP

Dieses Lager scheint schon lange kein Mensch mehr betreten zu haben. Ein kleiner Trampelpfad führt ins Gestrüpp. Man steigt über einen umgestürzten Baum und umrundet ein Brennnesselbeet. Der Pfad mäandert durchs Dickicht und verliert sich alle paar Meter, um ein Stück weiter neu zu beginnen. Er endet bei einer ausgebleichten Zeltplane am Waldboden, beschwert mit Steinen, bedeckt von herabgefallenen Ästen und Blättern. Daneben eine zweite Plane, unter der Speiseölkanister, Einmachgläser, Konservendosen und vom Regenwasser aufgeweichte Toastpackungen hervorlugen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Nichts deutet darauf hin, in letzter Zeit jemand hier war. Wer hat sich hier auf einen längeren Aufenthalt eingestellt? Eine Pfadfindergruppe, die eines ihrer Zelte vergessen hat? Das Bundesheer, als es noch hier trainierte? Oder jemand, der vor irgendetwas auf der Flucht war?

Groß, wild und streckenweise fast undurchdringlich ist die Lobau, die Auwildnis am Rand von Wien. Das Lager ein zweites Mal zu finden, wäre schwierig. Von der Dechantlacke, einem idyllischen Teich am Rand der Au, führen viele Wege ins Waldinnere. Kleinere Wege zweigen von ihnen ab, sie führen zu noch kleineren Trampelpfaden. Einer davon, kaum sichtbar, weist den Weg zum Lager. Wer auch immer hier war, er konnte sich fast sicher sein, niemanden sonst zu treffen.

Die Lobau ist dort, wo auf Stadtplänen oft das Wort „Wien“ steht, weil sie so groß und leer ist. Seit 1996 Teil des Nationalparks Donau-Auen, umfasst sie 2300 Hektar, das entspricht etwa der Größe von Simmering. Vor der Donauregulierung 1875 war sie eine Insel zwischen mäandernden Donauarmen. Wer die markierten Pfade verlässt und sich in die Wildnis vorwagt, dem scheint es bald unvorstellbar, sich in der Nähe einer Millionenstadt zu befinden. Das Läuten des Handys scheint hier wie der akustische Angriff aus einer fremden Welt. Das permanente Schwirren, Zirpen, Flattern, Plätschern, Zwitschern und Blätterrauschen formt einen monotonen Einheitston. Sumpfige Pfade führen zu ausgetrockneten Flussarmen und großflächigen, wild wuchernden Wiesen. Je weiter man vordringt, desto weniger Menschen trifft man. Bis einem irgendwann gar keiner mehr begegnet. Dann beginnt man auf den Weg zu achten, um auch wieder zurückzufinden. Zeitungen berichteten in den 70er-Jahren von einem 16-jährigen Schweizer Lehrling namens Markus Degen. Er hatte sich in der Lobau verirrt. Erst nach drei Tagen hörte die Besatzung eines russischen Donaudampfers seine Hilferufe.

„Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an“, sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch „Die Nackerten von Wien“ mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. „Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden.“ Die Wildnis war Refugium für all jene, die das System nicht brauchte – oder die vom System ungestört bleiben wollten: Räuberbanden im Mittelalter, Arbeitslose in der Zwischenkriegszeit, Sozialisten und Schutzbündler im Ständestaat, flüchtige Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg, rechte Politsekten. Menschen, denen die Zivilisation zur Gefahr wurde, fanden ebenso in die Lobau wie Zivilisationsüberdrüssige. Wie etwa die Nudisten, die sich hierher zurückzogen, als das Nacktbaden noch streng verboten war.

Bis heute prägen die Nackten das Bild der Lobau. Sie sitzen rund um die Dechantlacke, spielen Volleyball, jausnen. Eine Großfamilie breitet ganze Billa-Sackerln voll Essen auf einem Campingtisch aus. Ein dicker Wiener küsst eine dünne Thai-Frau. Tiefer im Wald haben Nudisten gar ständige Lager aufgeschlagen: Weitab von den stark frequentierten Plätzen baumeln zwischen Bäumen zwei verwaiste Hängematten, daneben lehnt ein Sonnenschirm. Die Besitzer scheinen an jedem warmen Wochenende wiederzukommen. An der Panozzalacke sitzen verstreut Ausflügler auf kleinen Schilfmatten und lesen. Sie verkörpern einen anderen Typ Lobauaner als jene an der Dechantlacke: Ihre Fahrräder liegen unabgesperrt neben ihnen im Schilf. Vollbärte und Birkenstock-Schlapfen lassen auf eine Sozialisation im Kampf gegen die Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg schließen.

Die Nackten von der Lobau haben eine lange Geschichte. „Angefangen hat es mit den Reaktionären, deren Körperbewusstsein oft rassistisch gemeint war. Dann kam die Aussteiger- und Reformbewegung. Und dann, in der Ersten Republik, kamen die Linken“, erklärt Fritz Keller. Die Linken zogen sich nicht nur in die Lobau zurück, um ungestört zu baden. Als Sozialisten und Kommunisten nach dem Bürgerkrieg 1934 in die Illegalität gedrängt worden waren, traf man sich auch in der Lobau, um Blitzaktionen und Kundgebungen zu koordinieren. Jenny Strasser, heute 95 Jahre alt, nahm als Aktivistin des sozialdemokratischen Schutzbundes an derartigen Aktionen teil. Zugeteilt sei sie, damals 23, dem parteieigenen „Nachrichtendienst“ gewesen, erzählt sie. Er befasste sich mit dem Ausspionieren der Behörden des austrofaschistischen Ständestaats. „Wir trafen uns auf der Hirscheninsel, fast jeden Tag im Sommer, das waren oft viele hundert Leute, 90 Prozent davon Rote“, erzählt Strasser, die heute in einem Pensionistenheim in Währing lebt. „Die Nazis trafen sich woanders, in der Kuchelau.“ Die Kuchelau liegt in Döbling am Nordrand der Stadt, die Hirscheninsel im Süden der Lobau musste später der Donauinsel weichen. „An heißen Tagen haben wir uns bei der Stadlauer Brücke in die Donau geworfen und vom Strom bis zur Lobau tragen lassen. Dort haben wir russische Kampflieder gesungen, viel diskutiert und unsere Aktionen geplant.“ Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: „Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht.“ Schon ihre Eltern seien Sozialisten gewesen, erzählt die alte Frau, und sie selbst habe den „Scheiß-Dollfuß“ nie gemocht: „Wir haben dann in der Lobau darüber geredet, was man gegen dieses System tun kann. Zwei Leute gingen zum Beispiel auf Spionagetour, immer ein Mann und eine Frau, damit man sich bei Polizeikontrollen als Liebespaar ausgeben konnte. Einmal haben wir dabei gesehen, wie spätnachts sackweise Briefe vom Postamt zur Polizeistation gebracht wurden. Die Polizei wollte sie also vorher lesen. Am nächsten Tag stand das dann in der damals noch nicht verbotenen Arbeiterzeitung.“ In der Lobau traf sich das ganze linke Spektrum, auch Kommunisten hatten sich unter die Schutzbund-Funktionäre gemischt. „Die Kommunisten waren aber unzuverlässig. Sie ließen gemeinsam vereinbarte Aktionen regelmäßig platzen. Und wenn wir in der Lobau diskutierten, dann waren sie viel zu dogmatisch. Die sagten dann immer: Bei Lenin, Seite 26, vierte Zeile von unten, steht das oder das.“ Am 12. März 1938, als die Nazis einmarschierten, stand Jenny Strasser am Praterstern. Bald darauf floh sie mit ihrem Mann in die Schweiz und nach Frankreich. Nach Kriegsende 1945 hat sie die Lobau nie mehr betreten.

Die Nationalsozialisten errichteten in der Lobau einen großen Hafen zur Lagerung und Verteilung von Erdöl, der bis heute existiert. Noch immer stehen die Betonbunker im Wald, die den Wachmannschaften bei Bombenangriffen als Unterstand dienten. Heute bedeckt sie meterhohes Gestrüpp. Zum Bau des Ölhafens wurden Zwangsarbeiter herangezogen. „Das waren hauptsächlich russische Kriegsgefangene und ungarische Juden“, sagt Robert Eichert, Lokalhistoriker und grüner Bezirksrat im 22. Bezirk. Die nationalsozialistischen Machthaber wollten die Lobau in einen wichtigen Knotenpunkt verwandeln: Neben dem Ölhafen wurde – ebenfalls mit Zwangsarbeitern – mit dem Bau eines großen Schifffahrtskanals begonnen. Er sollte, von der Lobau ausgehend, die Donau mit der Oder im heutigen Polen verbinden. 1943 wurde das Projekt kriegsbedingt eingestellt. Die wenigen tatsächlich gebauten Kilometer reichen über die Lobau bis an den Rand des Marchfelds. Heute dienen die überwachsenen, rechteckigen Seen als abgelegene Bade- und Angelplätze. „Wer vom Donau-Oder-Kanal in die Au wandert, der findet noch die Grundmauern der Baracken, wo die Zwangsarbeiter einquartiert waren“, sagt Eichert. „Bei den kleinen ist ein Luftschutzbunker dabei. Das waren die Behausungen der Wachen. Bei den großen fehlt der Bunker. Dort waren die Zwangsarbeiter. Mehrmals zerstörten Luftangriffe den Stacheldraht, dann sind viele der Gefangenen in den Wald geflohen.“

Die Dichte der Au bot Schutz, und Einheimische versorgten die ausgehungerten geflohenen Zwangsarbeiter manchmal mit Lebensmitteln. Der menschenleere Wald wurde zu ihrem Versteck, wie er vorher jenes der Schutzbündler gewesen war. Rechte wie Linke, Gefangene wie Aussteiger entdeckten im Lauf der Zeit die Au für sich. Der Historiker Friedrich Heller schreibt von Räuberbanden und Kirchenabtrünnigen, die schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Lobau ihre Stützpunkte hatten. Viel später, nach dem Ersten Weltkrieg, waren es Arbeitslose, die in den Wald zogen. Die „Ausgesteuerten“ – jene, die das Recht auf staatliche Stütze verloren hatten – bauten am Aurand Hütten und versuchten sich in der Landwirtschaft. Wenn ein Schiff die Donau passierte, dann schöpften sie das angesammelte Fett von der schmutzigen Wasseroberfläche ab, sammelten es in Fässern und verkauften es für wenig Geld an Fuhrleute, die es an Seifensieder weiterreichten. Im Jahr 1926 propagierten linksorientierte Zeitungen das Konzept der „Kolonien in der Heimat“. Das Land war verarmt, Zehntausende wollten aus Perspektivlosigkeit auswandern – stattdessen sollte man doch brachliegendes Land in Österreich urbar machen, lautete die Idee. Die Kampagne hatte Erfolg: Im Jahr darauf wies die Gemeinde den Arbeitslosen 104 Hektar am Biberhaufenweg, am Rand der Lobau, zu. Dort bauten die Ausgesteuerten kleine Holzhütten. In einem nahegelegenen Gasthaus wurde im Wäschetopf Einbrennsuppe für die Pioniere zubereitet. Zu legalen Siedlungen gesellten sich illegale, zu den Österreichern kamen Roma und Sinti. Am Biberhaufenweg, wo heute ein adrettes vorstädtisches Schrebergartenviertel liegt, entstanden solcherart die „Wiener Favelas“, wie sie der Historiker Fritz Keller bezeichnet. Alte Fotos erwecken tatsächlich diesen Eindruck: improvisierte Wellblechhütten, Wohnwägen, Autowracks. Dem Elendsviertel war ein langes Leben beschert: Laut Friedrich Heller stand der „Slum von Wien“ noch bis Anfang der 70er-Jahre.

Später ersetzten Wochenendhäuschen die Armensiedlungen, und vom Elend ist heute nichts mehr zu sehen. Menschen, die im zivilen Leben Hausmeister oder Biologielehrer sein könnten, aalen sich nackt in der Sonne. Donaustädter polieren Autos und lassen ihre Hunde im Wasser pritscheln. Die Abgeschiedenheit des Waldes wirkt heute nur noch idyllisch. Das größte Medienecho der vergangenen Jahre habe es gegeben, als eine Joggerin vor drei Jahren von einem Biber gebissen worden sei, erzählt Gottfried Haubenberger von der Lobauer Forstverwaltung. Der Biber sei davor aus seinem Rudel verstoßen worden. „Schwerst indigniert und erbost hat er dann der älteren Dame in die Fingersehne gebissen“, erzählt der Forstmeister.

Nicht immer ging es so harmlos zu. In den 20er-Jahren wollte ein verarmter Offizier der k. u. k. Armee, von der Lobau ausgehend, einen eigenen Staat gründen. Peter Waller, vermutlich psychisch labil, gestorben 1971, scharrte in einem Zeltlager ein paar Anhänger um sich und gründete die „Asen“, eine rechte Polit-Sekte. Ihre Kunstsprache „Hewua“ hätte sich über kurz oder lang über die ganze Welt ausbreiten sollen. Die Kampftruppe der Sekte trug bunte Fantasieuniformen hieß auf Hewua „Wardanieri“. Waller selbst verlieh sich den erfundenen Titel „Wodosch“. Ein Buchumschlag aus dem Jahr 1929 skizziert das projektierte Reich des selbsternannten Stifters einer neuen Weltordnung: das „deutsche Morgenland“ Ostniederösterreich und Burgenland rund um die Hauptstadt „Ormanjelo“, ein Zeltlager in den Donau-Auen. Zeitungen bescheinigten Waller in den 20er-Jahren die rhetorischen und manipulativen Fähigkeiten von Benito Mussolini. Ormanjelo sollte für Peter Waller, den „Wodosch aller Asen“, allerdings nur der Anfang sein: Im Mai 1928 zogen ein paar hundert Wardanieri gen Süden. Im heutigen Äthiopien wollten sie ein von Waller proklamiertes neues gelobtes Reich gründen. Tage später hatte sich der zerlumpte und halbverhungerte Zug Asen auf einige Dutzend Menschen reduziert. Die Wardanieri waren bis zur italienischen Grenze gekommen. Der Zöllner ließ sie nicht passieren.

Auf in die Lobau!
Seit 1996 ist die Lobau Teil des Nationalparks Donauauen mit Badeseen, Bibern und Wasserwald. So kommt man hin. Panozzalacke: Linie 91A bis Lobgrundstraße; Dechantweg: Linie 91A bis Roter Hiasl. Hier ist auch das Nationalparkhaus (Tel. 4000-49495, Mi-So 10-18 Uhr). Das Forstamt der Stadt Wien bietet Führungen und Exkursionen an (Tel. 02249/23 53), das Nationalparkboot fährt täglich um 9 Uhr vom Donaukanal in die Lobau (Anlegestelle: 2., Salztorbrücke; Anmeldung: Tel. 4000-49480).

Erschienen im Falter 29/08

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtleben, Wien

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